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Cádiz - bunte, wilde Schönheit: Eine Reise zu Spaniens Insel der Freiheit

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Von: Marco Schicker

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Panorama von Cádiz.
Cádiz wilde, farbenfrohe Schönheit erinnert so manchen an Havanna oder Santo Domingo in der Karibik. © Turismo de Cádiz

Salz auf den Lippen: Cádiz ist ein besonders munteres Fleckchen Spanien. Eine Reise nach Cádiz, zu seiner Bucht und Geschichte, seinen Menschen, zum Atlantik. Tipps für Ausflüge in die Umgebung. Ohne Auto, dafür mit viel Sherry.

Cádiz - „Salud y libertad!“ Nicht ein einziges Mal ließen sie das „und auf die Freiheit“ beim Zuprosten weg. Zunächst kam mir der Zusatz etwas melodramatisch vor, bis mir klar wurde, dass der Trinkspruch nicht nur eine Marotte war. Wir stießen häufig an in dieser schwülen Herbstnacht unweit der Plaza Mentidero im gleichnamigen Barrio ganz im Norden der Altstadt von Cádiz, wo spontane Verbrüderungen zwischen Touristen und Ureinwohnern durchaus noch normal sind, AirBnB mit seinen Säuberungen noch nicht fertig ist. Freiheit. Ein großes Wort in kleinen Gläsern.

Cádiz, das ist die Insel der Freiheit im spanischen Geschichtsmeer, einem durchaus sumpfigen Gelände. Den Geist der Freiheit schmeckt man in dem sehr munteren Städtchen als Salz auf den Lippen, das der Atlantik durch die morbiden Altstadtgassen weht, deren Häuser wie mit einem Salzfilm überzogen sind, wie auch die Besucher nach ein paar Tagen. Die Freiheit hört man aus dem sirenigen Lachen von Frauen mit eigentlich traurigen Augen, man erahnt sie im trotzigen Stolz tätowierter Habenichtse in ihren peñas, den mit der Ausrede eines Karnevalvereins etikettierten Schenken zum Selbstkostenpreis, in denen strenger Marihuana-Geruch sich mit dem Sherry in modrige Tresen beizt. Die Freiheit geht so weit in Cádiz, dass sich die Faschingsumzüge manchmal fast mit den Semana Santa-Prozessionen überschneiden. Und sich sehr ähnlich sehen, was nicht zwingend Zufall ist.

Hin und Her mit Kolumbus: Von Cádiz nach Havanna

Panoramablick Richtung Hafen Cádiz.
Blick von der Kathedrale in den Haupthafen von Cádiz, unten ein Stück vom Barrio Pópulo. © Marco Schicker

Es muss ein beeindruckendes Bild gewesen sein, als Kolumbus 1493 aus der Bucht von Cádiz zu seiner zweiten „Indien“-Reise aufbrach. Denn diesmal bestand die Flotte des mittlerweile zum Admiral und Vizekönig aufgestiegenen Entdeckers aus 80 Schiffen und fast 2.000 Mann. Zu viele, um sie erst ins 80 Kilometer flussaufwärts gelegene Sevilla zu schleppen, das eigentlich das Monopol im Übersee-Verkehr Spaniens innehatte. Im gleichen Hafen von Cádiz liegt heute ein Schiff, bei dem allein die Besatzung 2.000 Nasen zählt, damals wie heute sind es Kreuzfahrtschiffe. In den peñas und Bars der Stadt sehen noch heute nicht wenige Angespülte so zeitlos verwegen drein, als könnten sie morgen mit Kolumbus ablegen, manche sogar, als seien sie mit ihm noch unterwegs gewesen.

Diesmal hieß Kolumbus‘ Auftrag Inbesitznahme und Kolonialisierung. Erst bei der dritten Atlantiküberfahrt würde ihm am Orinoco-Delta das Licht aufgehen, einen neuen Kontinent entdeckt zu haben, nicht nur einige Asien vorgelagerte Inseln. Ab da wurde das „ida y vuelta“, das Hin und Her zwischen Cádiz und der Neuen Welt bald Routine, eine kulturelle Brücke, deren Köpfe Havanna und Cádiz hießen. Von seiner dritten Reise kehrte Kolumbus übrigens in Ketten zurück, unter dem Verdacht des Amtsmissbrauchs zum Nachteil der Krone. Kaum in Cádiz angekommen, nahm man sie ihm wieder ab.

3.500 Jahre Cádiz: Gadir der Phönizier, Gadés der Römer, Qadis der Mauren

Cádiz rühmt sich, mit über den Daumen 3.500 Jahre Geschichte eine der ältesten Städte Europas zu sein. Aus praktischen Gründen wurde es zur Drehscheibe für große Unternehmungen, zum Trittbrett der Weltenfahrer, seit den Phöniziern, die hier ihr Gadir errichteten, von dem aus sie mit Iberern im Landesinneren eine ökonomische Symbiose eingingen und die Keltiberer zur Gründung von Stadtstaaten und Reichen animierten. Dieses Tartessos, Spaniens Silberreich, lieferte so Erze, Öl und Tapas, die Phönizier schützten dafür die Küsten, solange sie eben konnten. Den Griechen galt Gadir noch als letzter Außenposten der Menschheit, Homer war es einer der Drehorte seiner Odyssee. Die Römer konnten es auch deshalb gar nicht schnell genug erobern, ihre Jupiter-Tempel auf jenen der Phönizier für Melkart errichten.

Blick vom Turm der Kathedrale Cádiz
Blick vom Turm der Kathedrale Cádiz in Richtung Norden. © Marco Schicker

Damals waren das hier noch zwei echte Inseln, erst die Ablagerungen des Guadalete-Flusses und menschlicher Ehrgeiz machten Cádiz nach und nach zu einer Halbinsel mit einer langgestreckten Landzunge und einer Lagune, die heute vor allem von Hotelbauten an endlosen Sandstränden zugepflastert ist. Diese Konzentration verhindert wohl auch die Entvölkerung der eigentlichen Altstadt durch AirBnB und Co. Man kann hier zwar viel mieten, aber die Touris stellen nicht die Mehrheit, treiben weder die Preise, noch drücken sie das gastronomische Niveau, wie sie das an so vielen spanischen Küsten vollbrachten.

Zum „Blauen Vogel“ und andere bunte Vögel in Cádiz

Die Mauern eines Phönizier-Hafens aus dem 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung sind zum Teil erhalten, wurden erst 2020 im Keller einer Flamenco-Bar in der Calle San Juan unweit der Kathedrale entdeckt, als die „Höhle zum Blauen Vogel“, die Cuvea del pájaro azul, renoviert wurde. Wein- und Öldepots, Verladerampen, Anlegeplätze, Hafenmauern wurden sichtbar, werden heute in Führungen erklärt, abends gibt es Flamenco dazu. Der Kommerz hat die Legende des Blauen Vogels zerstört. Im Keller eines Hotels in der Nähe fanden sie die Reste eines Marktes aus der Phönizier-Zeit, der preisgibt, was die Menschen hier vor 3.000 Jahren aßen. Die Speisekarte hat sich kaum geändert.

Trotz der langen Geschichte war Cádiz’ Glanzzeit nach den Phöniziern und Römern relativ kurz, währte nur in etwa von Kolumbus zweiter Reise 1493 bis 1755, bis zum großen Seebeben vor Lissabon, das in Cádiz mit einem Tsunami rund 2.000 Tote forderte und große Teile der Stadt zerstörte. Die rechtwinkligen Straßenraster, die heute die Altstadt prägen, folgen dem Wiederaufbauschema des in Portugal allgegenwärtigen Marqués Pombál. Bis dahin war der Norden der Insel eine wilde Mischung aus Feldern und verschachtelten Dörfchen.

Ungefähr 1780 liberalisierte König Carlos III. den Seehandel weitgehend, die Häfen konkurrierten nun direkt, das verheerte Cádiz fand den Anschluss zunächst nicht mehr. Denn die exponierte Lage, vorwitzig die Nase in den Atlantik streckend, war nicht immer ein Vorteil. Praktisch seit dem Abzug der Römer aus ihrem Gadés bis Kolumbus herrschte hier fast 1.000 Jahre ziemliche Ebbe.

Festungsmauer und Kanone in Cádiz
Der Atlantik-Rundweg in Cádiz ist voller Festungsanlagen, diese aus dem 17. Jahrhundert. © Marco Schicker

Die sonst so baufreudigen Mauren hielten in ihrem Qadis nur eine winzige Festung mit einer kleinen Medina, mussten Wikingern hilflos beim Plündern zusehen. Sie befestigten lieber die Gegend von Gibraltar, die Meerenge, als eine Art Zugbrücke fungierte sowie das Hinterland. Die vielen Orte, die hier auf „de la Frontera“ enden und die alle sehenswert andalusisch-weiß und sozial bunt sind, bezeugen die lange Nachbarschaft zwischen Christen- und Maurenreichen. Beeindruckende Burgen und liebliche Dörfer hinterließ diese Epoche, laden zu Überlandtouren in die Sierra de Cádiz ein oder zu Erkundungen in den Mauren-Bädern in Jerez.

Plündernde Briten: Überfall auf Cádiz, Grab der „Armada“

1587 sollte Cádiz, gerade in seinem Goldenen Zeitalter, ein bittere Lektion seiner Verletzlichkeit erhalten und musste die Konsequenzen des Größenwahns König Felipe II. ausbaden. Der plante seit langem, Britannien zu besetzen und so einen lästigen Konkurrenten bei der Plünderung der Neuen Welt auszuschalten. Mit dem Kampf gegen die abtrünnigen „Anglikaner“ rechtfertigte der fanatische Felipe seine Aufrüstung, doch die Briten kamen ihm zuvor. Sir Francis Drake, Freibeuter seiner Majestät, ein James Bond der Meere, führte einen Überraschungsangriff und zerstörte große Teile der „unzerstörbaren“ Armada in der Bucht von Cádiz. Außerdem plünderte er die spanische Küste und eine Flotte vor den Azoren.

Parque Genovés in Cádiz
Im Parque Genovés, am Nordwestrand der Altstadt von Cádiz © Marco Schicker

Das hatte sich gelohnt, daher wiederholte sich das Drama nochmals 1588 und, am gründlichsten, 1596. Briten und Holländer, die aufstrebenden Seemächte, wollten die Spanier aus dem besetzten Portugal vertreiben. Wieder kam Queen Elizabeth I. den Spaniern zuvor und ließ in Cádiz die Flotte zerstören, die in der Bucht wie in einer Falle festsaß. Weil die Queen zu geizig für Sold war, plünderten ihre Truppen die Stadt, zündeten Kirchen, auch die alte Kathedrale an. Als die Spanier kein Lösegeld zahlen wollten, nahmen die hochzivilisierten Engländer einige hundert Geiseln auf ihre Schiffe, begannen Hinrichtungen und Vergewaltigungen.

Zwei Wochen warteten die „Guiris“ vergeblich auf ihr Lösegeld, als das nicht kam, zündeten sie Cádiz an und machten sich mit den Gefangenen aus dem Staub. 1.303 Häuser, so die Chroniken, brannten nieder. Die Geiseln konnten erst 1603 zurückkehren, nachdem die Queen gestorben war und beide Länder einen noch wackeligen Frieden schlossen. Sieben lange Jahre mussten die Gefangenen die englische Küche erdulden. Die Briten planten sogar, Cádiz und die Bucht dauerhaft zu besetzen. Schon des schönen Wetters wegen. Bei der nächstbesten Gelegenheit, 1704, taten sie dies auch, in Gibraltar. Später folgten Benidorm, Rojales und Magaluf.

All das spielte sich im und um das Barrio Pópulo ab, das seinen römischen Namen nicht von ungefähr behielt. Dieses kleine Viertel am Südende des Inselkopfes beherbergt die gesamte ältere Geschichte, erhielt sich auch die mittelalterliche Straßenstruktur. Es liegt ein paar Meter höher als die sonst flunderplatte Insel, war daher sicherer vor Überschwemmungen, bot etwas bessere Aussicht.

In Cádiz Altstadt: Zwei Kathedralen, Barrio Pópulo

Auch hier dominiert die Cádizsche Melange, die sorglos alle in einen Topf wirft: Pópulo ist Kirchenbezirk, Touristenmeile, Altstadtzentrum, aber in den Nebenstraßen auch Gitano- und Flamencoviertel, alternative Spielwiese mit sichtbaren, künstlerischen Äußerungen urbaner Widerspenstigkeit. Die Tavernen sind umso günstiger, je dunkler sie sind. Touristenfallen stehen neben unscheinbaren Offenbarungen. In einer Bar können Sie am frittierten Fisch, dem pescaíto frito, ersticken, in der anderen möchten Sie ihn heiraten. Unbedingt sollten Sie den Mercado besuchen, den sie in ein altes Artillerie-Depot gebaut haben. Drinnen und ringsum zahllose Kneipen.

Atlantikküste in Cádiz
Die Landzunge südlich der Altstadt erlaubt kilometerlange Spaziergänge zwischen Atlantik und vielen Hotels. Im Hintergrund die Kathedrale. © Marco Schicker

Einen Platz weiter steht die große Kathedrale mit ihrer güldenen Kuppel und dem besteigbaren Turm, die sehr an die Kolonialbauten in Lateinamerika erinnert, wie die „Skyline“ von Cádiz so manchen an Havanna oder Santo Domingo erinnert. Für eine spanische Kathedrale ist sie fast ein Neubau, wurde erst 1722 begonnen, zum 200. Jahrestag der ersten Weltumseglung 1522 und auf den Fundamenten des römischen Theaters. Fertiggestellt wurde sie erst 1838, denn das Erdbeben 1755 wirkte Jahrzehnte nach. In der Krypta findet sich das Grab des Nationalkomponisten Manuel de Falla.

Ein paar Schritte dahinter aber in Richtung Meer ist die noch romanisch gestaltete Alte Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert zu besichtigen, auch auf phönizischen Fundamenten, daneben ein Museum mit sakraler Kunst und viel Wut auf die Engländer an den Wänden. Kathedrale, das Museum des Bistums und der Aufstieg auf den Glockenturm, von dem man die Dimensionen von Häfen, Bucht und Stadt wunderbar erfassen kann, gibt es mit einer Kombi-Eintrittskarte zu sehen, die Alte Kathedrale ist kostenlos zu besichtigen.

Spanischer Karnevalsverein in Cádiz
Cádiz ist unumstrittene Karnevals-Hauptstadt von Spanien. Die Vereine heißen chirigotas, ihre Lokale peñas. © Turismo de Cádiz

Anfang des 17. Jahrhunderts hatte Spanien von plündernden Briten vorerst genug, Felipe II. überlegte kurz, ob er Cádiz einfach verwildern lassen sollte. Doch sein Ehrgeiz siegte und so ließen er und seine Nachfahren die Häfen von San Fernando, Santa María und Puerto Real, also einmal rund um die Bucht, wehrhaft ausbauen. Dazu gehören die Festung San Sebastián samt eines Anbaus von Isabel II. im 19. Jahrhundert, der den Engländern eine ausgestreckte Landzunge zeigt.

Flamenco in Festungsmauer: Spaziergang am Atlantik in Cádiz

Auf dem Weg dahin durchquert der Besucher mit dem Burgtor ein Lokal, eine Peña de Flamenco, die sich sozusagen in die Festungsmauer hineingestampft hat und sehr gute Hausmannskost sowie exzellenten Sherry mit Meerblick serviert. Daneben liegt der von zwei Festungen eingerahmte und mit einem hölzernen Badehaus, balneario, bestückte Stadtstrand La Caleta. Die durch Reiseführer furchtbar strapazierten Worte idyllisch und mondän seien hier einmal angebracht. Daneben findet sich das Castillo Santa Catalina aus dem 16. Jahrhundert, das einer Filmkulisse ähnelt. Der heimelige Burghof mit niedlichen Renaissance-Gebäuden und märchenhaften Atlantik-Panorama-Ballustraden lässt fast vergessen, dass hier unter Franco hunderte Kriegsdienstverweigerer eingekerkert waren.

Wir stromern nun an die Nordspitze von Cádiz, nach wie vor im Ring um die Altstadt herum, der sich übrigens – eine Seltenheit in Spanien – gänzlich und fast ununterbrochen auch auf einem Radweg abfahren lässt, der diesen Namen verdient. Der weitläufige und doch verwinkelte Parque Genovés hat durch seine tropische Bestückung und die etwas abgeliebten Kachelbänke einen ganz eigenen Zauber. Er führt direkt an der befestigten und kanonierten Küstenpromenade entlang und spendiert großzügig grün umrankte Meerespanoramen, teils hat man die Bäume bildhauerisch bearbeitet, an anderer Stelle kontrollierten Wildwuchs zugelassen. Tatsächlich könnten wir jetzt in der Karibik sein.

Cádiz probt den Aufstand: Spaniens erste Verfassung 1812

Es kann kein Zufall sein, dass Cádiz der Ort wurde, von dem aus Spaniens König zunächst abgesetzt, später „demokratisiert“ wurde. Zu direkt litten die Gaditanos unter im Größenwahn getroffenen Fehlentscheidungen. Hier, an Spaniens Guckloch in die Neue Welt, sollte auch eine neue Welt, ein neues Spanien entstehen. Es war 1812, Napoleon verlor über immer mehr Landesteile die Kontrolle, als Spaniens erste Verfassung entstand, als Versuch, aus der sich abzeichnenden Niederlage der Franzosen etwas Neues zu gestalten. Eine bürgerliche Revolution brach los. Spanien sollte Nation, nicht mehr eines Königs Reich sein, alle Überseegebiete eingeschlossen.

Über den Dächern von Cádiz.
Palermo, Neapel, Marrakesh, Aleppo? Wilde Dachlandschaft von Cádiz. © Marco Schicker

Ein Drittel der Abgeordneten der ersten verfassungsgebenden Versammlung, die in einem Theater in Cádiz tagten und von denen die berühmtesten als Büsten im Parque Genovés geehrt werden, kamen aus den Amerikas, den Philippinen, aus Zentralafrika. Wer dort künftig geboren wurde, so die Idee, war automatisch Spanier. Das gelang indes nur, indem man den Zuckerbaronen und den anderen lokalen Oligarchen ihrer Zeit ihre Privilegien vor Ort beließ, sie aber auch mit einer Freihandelszone zu gemeinsamen Regeln lockte.

Schon 1821 würde allerdings Spaniens Weltreich völlig auseinanderbrechen, die meisten Verfassungen der neugegründeten Staaten in Lateinamerika nahmen sich jedoch die Verfassung von Cádiz als Gerüst. So brachte Spanien den Kolonien doch noch Fortschritt, dann, als sie aufhörten, Kolonien zu sein.

Die Verfassung, „La Constitución de 1812“, ist der Inbegriff von Freiheit in Spanien. Bürgerliche Grundrechte wurden in Verfassungsrang gehoben, zaghaft und noch lange nicht universell. Doch es war ein Fortschritt. Der König wurde als Souverän abge- und vom Volk sowie einer Stände-Vertretung ersetzt. Kein Wort war zu lesen von Frauenrechten. Und auch die Kirche mischte widerwillig mit, um den katholischen Glauben als einzig erlaubten zu verankern. Auch Unglauben blieb noch verboten, soweit ging die Freiheit dann doch noch nicht. Die Privilegien des Adels aber fielen, Eigentumsrechte erhielten Verfassungsrang, Geld ging vor Abstammung, auch wenn Geld meist aus Abstammung kam.

Ein Meer aus Blut: König Fernando und seine Mordbanden

Als die Franzosen 1814 vertrieben waren, wurde es kompliziert, Spanien versank im Chaos. In einigen Regionen regierte die neue Verfassung, in anderen die alte Garde, hier das Faustrecht und dort die wegelagernden bandoleros. In Madrid regierte der Zufall. Als der von den Reaktionären „ersehnte“, erzreaktionäre König Fernando die alte Ordnung mit harter Hand wiederherstellen wollte, zwang die spanische Freiheitsbewegung den Monarchen zum Schwur auf die neue Verfassung. Der weigerte sich und floh zunächst ins „restaurierte“ Frankreich, von wo er 1823 mit einer üblen Söldnertruppe zurückkehrte, die seine Lohnschreiber als „die 100.000 Söhne Spaniens“ glorifizierten, obwohl es sich in der Mehrheit um Franzosen und Söldner aus halb Europa handelte. Im Rahmen der Kämpfe wurden König Fernando VII. und die Königin, Maria Josepha von Sachsen, in Cádiz gefangengehalten. Das sollte der König rächen. In Cádiz wurden allein am Tag der Einnahme durch die revanchistische Armee 400 Freiheitskämpfer hingerichtet. Eine brutale Säuberungswelle gegen Konstitutionalisten und Karlisten (die eine andere Erblinie verfolgten) fegte über das Land, das sogenannte Trienio Liberal, drei Jahre Hoffnung, die in Cádiz ihren Anfang nahmen, endeten in einem Meer aus Blut.

Bucht in Cádiz.
Idyllisch schaukeln Boote im „Büchtchen“, La Caleta, links der Stran, rechts die Festung San Sebastián. © Marco Schicker

Und Spaniens Katholische Kirche, gefangen in ihrem ewigen Kreuzzug, ließ die Korken knallen. Als General Rafael del Riego, Gallionsfigur der spanischen Freiheitsbewegung und der Gaditanischen Ideenwelt, verhaftet wurde, ließ der Bischof von Jaén in der Kathedrale ein Te Deum anstimmen. In Madrid wurde anlässlich seiner Hinrichtung ein Auto da Fé, ein Glaubensbekenntnis aus finstersten Zeiten des inquisitorischen Mittelalters inszeniert. Alter Spuk sollte dem neuen Spuk ein Ende machen. Riego kam an den Galgen, hunderte weitere auch. Die Riego-Hymne ist bis heute das Lied der spanischen Republikaner. 150 blutige Jahre später wurde die 1978er Verfassung im Grunde die ihre, der König darin ist nur noch dekorativer Firlefanz. Ein langer Weg.

Cádiz mit karibischem und sizilianischem Touch

Der Menschenschlag in Cádiz ist das Ergebnis seiner in Meersalz marinierten Geschichte. Die Gaditanos sind Beleg, dass kein Geld allein nicht unglücklich macht. An manchen Alstadtplätzen fühlt man sich an Neapel, gar Sizilien erinnert. Kein Wunder, kamen doch Architekten aus diesen spanisch regierten Orten, auch Seefahrer und windiges Volk. Die Stadt wirbt ganz offen als „europäisches Havanna“. Ob Havanna sich als karibisches Cádiz sieht? Cádiz ist, obwohl seit 3.500 Jahren auf dem Markt, im internationalen Tourismus-Spektrum noch immer fast ein Geheimtipp. Vielleicht ist den Touris das Wasser hier zu kalt. Im Sommer versuchen Madrilenen und vor allem Sevillaner, die ihrem Hochofen entkommen wollen, die endlosen Strände zu überfüllen. Sie schaffen es nicht.

Sherry in einer Bar in Cádiz.
Ein Gläschen Sherry in Ehren... - Hier in einer Flamenco-Bar neben dem Stadtstrand La Caleta von Cádiz. © Marco Schicker

Cádiz ist großartig, ohne Allüren und dennoch „de escándalo“. Flamenco, Karneval, Sherry, Strände, Häfen, all das spiegelt Austausch und kulturelle Vielfalt, die aus Toleranz entstand, dem Zwillingsbruder der Freiheit. Viele Gitanos waren unter den Matrosen, brachten ihre Musik nach drüben und die dortige zurück, um sie neu abzumixen. Das „ida y vuelta“ das Hin und Her wurde zum fixen Begriff für mehrere Flamenco-Stile, die sich hier in den Tablaos und Kaschemmen täglich aufplustern. Jerez und Cádiz, überhaupt der Südwesten Andalusiens, das ist Flamenco-Kernland. Eine Empfehlung sei die Taberna La Cava, die auch richtige Küche führt und authentische Flamenco-Truppen aufbietet. Der Eintritt von 28 Euro (ein Getränk inklusive) klingt happig. Achja? Ein Ticket für die verlogenste, peinlichste aller musikalischen Kunstformen, das Musical, kostet mal locker das Dreifache. Also bitte!

Frittierter Fisch, Sherry und Drogen in und um Cádiz: Hauptsache Freiheit

Die Küche von Cádiz ist selbsterklärend. Sie bestellen einfach alle Tapas, die es gibt, Nationalgerichte sind die tortillitas de camarones (Teigfladen mit eingearbeiteten Mini-Garnelen) und der pescaíto frito, in Bierteig frittierte Fische aller Meere. Dazu trinken Sie Bier oder natürlich Sherry, trockenen fino, manzanilla oder amontillado, zum Käse auch mal oloroso, aber niemals, nein, niemals cream oder dulce, weil das ein Verbrechen ist. Die Sherry-Kultur ist der flüssige Beweis, dass die Gaditanos den Briten verziehen haben, ein Kind, das sie sozusagen gemeinsam aufziehen. Den spanischen Königen werden sie aber wohl nie verzeihen, sie höchstens dulden.

Vielleicht ist das, neben der oft himmelschreienden Armut, der Grund, warum bei an Stränden anlandenden Drogenschiffen und -paketen von Gibraltar bis Huelva kein Mensch die Polizei ruft und sie die Schmuggler in Cádiz lieber verstecken als sie auszuliefern. Nicht aus Sympathie, sondern aus Prinzip. Wenn wir verarmen und untergehen, dann als freie Menschen, mit Blick auf den Atlantik und bei einem guten Glas Sherry. Salud – y libertad!

Tipps für den Besuch in Cádiz und im Umland

Die Bucht von Cádiz hat, neben Altstadt, Geschichte und quirligem andalusischen Urban-Getümmel, jede Menge im Umland zu bieten. Autos sind unnötig und nutzlos. Dutzende Kilometer Atlantik-Sandstrände, Lagunen, Naturgebiete laden zum Wandern und Radfahren ein. Wer weiter hinaus will, fahre in die Dörfer der Sierra de Cádiz. Nur rund 35 Kilometer entfernt und mit der Cercanía in einer Stunde erreichbar, liegt Jerez, die Sherry-Hauptstadt, etwas weiter im Norden Sanlúcar de Barrameda mit Stränden, Manzanilla und Garnelen. Noch näher aber liegt Puerto de Santa María, der würdevoll vor sich hin gammelnde spanische Sherry-Hafen. Neben gekonnt gealterten Bodegas, einige davon in industriellen Maßstäben, andere liebevoll gepflegte Familienbetriebe, verfällt der Ort in morbidem Charme. Das dortige Castillo de San Marcos wiederum ist ein militärisch befestigter Weinkeller. Führungen täglich. Die gerade in Betrieb genommene Trambahía verbindet als Atlantik-Straßenbahn Cádiz Zentrum mit dem weißen Dorf Chiclana de la Frontera, über Puerto Real und San Fernando, mit den besten Flamenco-Kneipen und dem Grab von Legende Camarón de la Isla. Weitere Infos: www.cadizturismo.com

Zum Thema: Granadas Tore - Alhambras Pforten: Eine Reise durch Zeiten, Reiche und Legenden.

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