Blick auf die Bucht von San Sebastian.
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Blick in die Bahía de la Concha, die Muschelbucht von San Sebastián, vom Castillo aus. In der Mitte das Inselchen Santa Clara.

Spaniens Norden

Herbstlaub in Donostia: Reise nach San Sebastián und zum Jakobsweg im Baskenland

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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So weit die Füße tragen: Spaziergänge, Skizzen und Mutmaßungen aus Donostia / San Sebastián und dem Baskenland - Ein Reisetipp der etwas anderen Art und ein Stückchen Jakobsweg.

Donostia/San Sebastián - Spazieren ist die bevorzugte Beschäftigung der Donostiarras und der vielen Besucher und sie tun es mit einem Ernst und einer Disziplin, als folgten sie einer polizeilichen Vorschrift. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier was zu sehen! Immer entlang der Muschel, der Bahía de la Concha, von Früh bis Spät. Das macht man eben in einer Kurstadt mit dem schönsten Stadtstrand Europas – mindestens. Zumal die Wassertemperatur des Atlantiks nur für wenige Wochen im Jahr wirklich badetauglich ist, erst Recht für Spanier. Und bezüglich der Temperaturempfindlichkeit sind die Basken doch sehr spanisch. Ein paar Mutige trauen sich trotzdem in die 15 Grad, – weil sie Briten sind.

Donostia: Woher stammt der baskische Name von San Sebastián?

Die Peine del viento, Windkämme, Eduardo Chillida an der Playa de Ondarreta, wurden fast zum Wappen Donostias.

Donostia heißt die Stadt auf Baskisch, Donosti nennen sie alle. Die wahrscheinlichste Erklärung des Namens ist lateinisch, denn San Sebastián, der römische Legionär, der sein Christentum nicht widerrufen wollte und so zum Märtyrer gemordet wurde, war ein Herr aus der wichtigsten Hafenstand Roms, ein Don aus Ostia. Der König von Navarra gründete die Stadt im 11. Jahrhundert zu dessen Ehren. Sie blieb bis ins 19. Jahrhundert von nur mäßiger Bedeutung, eher ein Fort und Fischerhafen mit wechselnden Herren. Mit den Navarresern schlugen sich die Basken und verbündeten sich im steten Wechsel, in Navarra wird in vielen Teilen heute auch Baskisch gesprochen. Bilbao gewann das Rennen um die wichtigste Metropole, weil Donostia zu dicht an Frankreich liegt. Und Frankreich, das bedeutete hier immer Ärger.

Donostia solle eigentlich auf einen heidnischen Gott der Basken (Ortzi) zurückgehen, erklärt mir ein Baske in einer Bar. Natürlich. Sie haben für alles viele Erklärungen, die Basken. Vor allem in den Bars. Sie erdolchen eine spanische Tapa mit einem Zahnstocher, nennen es Pintxo und behaupten, er sei baskisch. Sie taufen asturischen Sidra in Sagardo um und bezichtigen Asturien des Plagiats! Das Geheimnis ihrer Herkunft und – das ist das eigentliche Wunder – ihrer Selbstbehauptung und Eigenständigkeit, für sich zu behalten, fällt den Basken nicht so schwer, denn sie haben selbst nicht den leisesten Schimmer, woher ihr Stamm stammt und vor allem, warum er und ihre fuchsteufelshafte Sprache, scheinbar unverwandt mit allen anderen, immer noch da ist.

Immer der Muschel entlang: Von der Bahía de la Concha zum Castillo von San Sebastián

Den Herbst zu finden, den richtigen Herbst, mit bunten Blättern, modrigem Duft, feuchter Kälte und dazu die Weite des Atlantiks zu atmen. Danach guten Rioja-Wein von nebenan zu wilden Spießchen in den Bars genießen, dazu kam ich nach San Sebastián. Ich wurde nicht enttäuscht vom „anderen Ende der spanischen Wurst“, wie Alfred Kerr, der deutsche Kulturpapst bei seiner Spanien-Reise vor 100 Jahren bemerkte. In fünf Tagen den Mythos Baskenland zu entschlüsseln, dieses eigenartige Völkchen zu verstehen, wäre wohl zu viel des Guten. Daran scheitern richtige Gelehrte seit hunderten Jahren, daran scheitern die Basken selbst. Die Römer, Goten, Mauren, sie schauten alle mal vorbei und zogen weiter. So will auch ich es halten. Zumal in San Sebastián, der unbaskischsten Stadt der Basken, denen die Ländlichkeit so wesenseigen blieb. Ein paar Hinweise, ein paar Denkanstöße nahm ich mit.

Rund drei Kilometer misst der Stadtstrand mit seiner mondänen Promenade an Donostias Muschelbucht.

Früher flanierten sie, heute, da der Pöbel auch überall hin darf und sogar Zeit für den Müßiggang hat, ist es ein profanes Gehen, Laufen, Joggen geworden, für das man sich nicht mehr fein macht, sondern mit Funktionskleidung einhüllt und einen wichtigen Blick aufsetzt. Alle wissen, dass sie eigentlich nur Zerstreuung begehen, ihre Zeit verplämpern, geben der Langeweile aber einen gepflegten Ausdruck höchstmöglicher Würde. Das macht die Szenerie an der ballustradierten Concha nur noch lächerlicher, aber auch zeitlos. Ich reihe mich ein. Ich schaue sowieso immer ernst drein, auch ohne Funktionskleidung. Auch Fahrrad fahren ist hier sehr en vogue und es gibt echte Fahrradwege und Regeln, an die sich beide Seiten halten, un-spanischer geht es gar nicht.

Immer der Muschel entlang am plattgewalzten Stadtstrand, als könnte man so die Sanduhr des Lebens zurückstellen, denn so wirkt diese Bucht mit ihren Nebenbuchten auf mich. Man startet im Fischerhafen voller Walfängerlegenden und skandalös guter Fischlokale, geht vorbei am Rathaus im Zuckerbäckerstil und sucht sich seine Spur entlang des gusseisernen Geländers von drei Kilometern Länge. Immer dabei im Blick: Das Inselchen Santa Clara, um das sich mehrere, aber langweilige Legenden ranken. Eine Fähre bringt Besucher hierher, die einmal im Kreis gehen und Instagram befüllen.

Am Ende der unendlichen Flaniermeile, jetzt schon an der Playa de Ondarreta, stoßen die Spaziergeher auf die Windkämme, die Peine del Viento, die berühmten verrosteten Skulpturen des Eduardo Chillida, die hier seit 1976 ihre Metaphern mit dem Meer und den Betrachtern auskämpfen.

Aufschwung dank Inzest: Wie San Sebastián zum königlichen Kurort wurde

Wendepunkt: Auf der anderen Seite der Bucht, über dem Hafen, thront das Castillo auf dem Monte Urgull und noch darüber San Sebastián als Schutzpatron. Im Zickzack wandert, nein, spaziert man auch hier hinauf, hier gibt es die besten Panorama-Blicke über Bucht und Stadt und hinaus auf See, die enttäuschend ruhig liegt, wenn man weiß, wozu der Atlantik sonst so fähig ist. In einer der alten Artillerie-Anlagen aus dem 18. Jahrhundert hat sich ein Café eingenistet, das so malerisch gelegen ist, dass das Weitergehen schwerfällt. Zum Thema: Die Spanier und ihre Siesta.

Verwunschen liegt die „Damen-Batterie“ des Castillo von San Sebastián auf dem Monte Urgull. Oben gibt es ein Café mit traumhaften Ausblicken.

San Sebastián verdankt seinen Aufstieg zur königlichen Kurstadt und – in eifriger Nachahmung – zur mondänen Bürgerstadt im Grunde dem Inzest der europäischen Monarchien. Seit Königin Isabel II., quasi Spaniens Viktoria, Mitte des 19. Jahrhunderts hierher vor dem heißen Madrider Sommer floh, baute sich die Stadt rund um die realen Bedürfnisse. Isabels Sohn, Alfonso XII., mehr aber noch dessen Sohn, Alfonso XIII., schwächelten in ihrer Kindheit und Jugend derart, dass deren königliche Mütter dem Rat der Ärzte folgten und sie, so oft es ging, in den Kurort mit der „guten Luft“ verschafften.

Alfonso XIII. Mutter, María Cristina, war eine Habsburg-Lothringen, sein Vater, der XII., ein Borbone, die beide über Kreuz und der Sohn daher sozusagen mit sich selbst verwandt war. Darwins Geduld loteten sie damit bis zum Bersten aus. Des XIII. Gattin, Victoria Eugenia, eine Battenberg (die dann über die Mountbatten verbritischt zu den Windsors wurden) brachte den Empire-Stil ins Baskenland, als der in England schon lange aus der Mode war. Mama María Cristina brachte hingegen ein bisschen Habsburger-Kitsch mit, der sich geradezu erschreckend an den vergüldeten Baldachinen auf der Brücke über den Stadtfluss Urumea bewundern lässt, an dem man übrigens auch ganz formidabel spazieren gehen kann. Nach Victoria Eugenia ist das prächtige Stadttheater benannt, nach María Cristina, gleich daneben, das feinste Hotel am Platze.

Francos Hochsicherheits-Spa: 40 Jahre machte Spaniens Diktator in San Sebastián Urlaub

Dem Stil dieser Häuser passt sich die Architektur der Stadt mit zunächst soliden Jugendstil- und Art Deco-Straßenzügen in absteigendem Aufwand an, bis sie ein paar Kilometer flußeinwärts mit profanen Arbeiterschließfächern aus den 60er Jahren einfach aufgibt. Passenderweise erinnern diese Bauten sehr an den Wiener Gemeindebau.

Mondäner Kitsch: Habsburger-Verehrung, hier für Königin María Cristina, am Urumea-Fluss von Donostia.

Zwei zentrale Orte repräsentieren die alte Kurstadt San Sebastián, zwei andere Gebäude das moderne Donostia: „La Perla“, das Balneario, die Bade- und Kuranlage mit Kaffeehaus und Salons, die Perle also, die sich treffenderweise in der Mitte der Muschel-Bucht findet, wurde 1887 eröffnet, zwei Jahre nach dem Tod Alfonso XII. Auch heute können die Besucher für 6,50 Euro ein wenig mit Meerblick planschen und im Kaffee Hüte zur Schau stellen.

Das andere Gebäude ist der Palacio de Miramar, 1893, im englischen Landhausstil, unten Ziegel, oben Fachwerk gehalten, am Ende der Bucht. 40 Jahre belegte Diktator Franco diesen Ort fast jeden Sommer, machte ihn, erst recht nach einem gescheiterten Attentatsversuch 1962, zu einem Hochsicherheits-Spa, verbot den Basken Sprache und Traditionen, ließ Tausende umbringen und verschwinden und schürte so den Hass weiter, den deutsche Bomber einst in Guernika entzündeten, das keine 80 Kilometer von hier entfernt gelegen ist.

Neuer Kursaal, alte Tabakfabrik: Das moderne Donostia ist voller Leben

Das moderne Donostia wurde Ende der 1970er Jahre errichtet, auf der Ruine des „Gran Kursaal“. Der deutsche Name war Absicht, in den 20ern waren Kursäle überall groß in Mode. Das edle, private Casino im Kursaal, das auch für allerlei kulturelle Spektakel herhielt, ging Pleite und verfiel gegen Ende der Franco-Agonie. Auf der vom Menschen dem Meer an der Flussmündung am Zurriola-Strand abgerungenen Landzunge wurde ein für damalige Verhältnisse hochmodernes Kongress- und Veranstaltungszentrum gleichen Namens hochgezogen und vor allem wegen des berühmten Filmfestivals von San Sebastián zur Ikone der Stadt.

Das zweite Gebäude, das das Gestern und das Heute noch lebendiger verbindet, findet sich nur wenige Meter flussaufwärts. Es ist die alte königliche Tabakfabrik, die Tabakalera, die auch einen Glaskasten aufs Dach bekam und heute als Bibliothek, Ausstellungszentrum, Hotel, Kulturforum, Bildungsstätte vor allem die junge Generation anzieht und fast eine Stadt in der Stadt geworden ist. Ganz oben gibt es ein ambitioniertes Restaurant mit schönen Ausblicken, vor allem auf Spaziergänger natürlich. Ein interessantes Konzept, das auch der noch schlummernden Tabakfabrik von Alicante als Vorbild dienen könnte.

Das Kloster San Telmo ist heute Teil des Stadtmuseums von Donostia.

Die Museen in San Sebastián waren eine Enttäuschung. Der alte Klosterhof von San Telmo, nebst Kirche und modernem Anbau schön, aber als Stadtmuseum nicht ergiebig. Stellwände über die erste Erdumsegegelung vor 500 Jahren, die schon in jeder zweiten Stadtsparkasse Spaniens herumstanden, befüllen das Meeresmuseum am Hafen. Im Dachgeschoss gibt es ein paar Zeitungsartikel vom riesigen Wal zu sehen, der 2012 in der Concha-Bucht verendete und dann ein Ehrengrab erhielt. Das Museum sakraler Kunst zog mich nicht mehr an, diese Museen gibt es in Spanien prachtvollst an jeder Ecke, sie heißen für gewöhnlich Kathedralen.

Kampf um und mit Pintxos: Baskische Tapas

Blick in die Altstadt von San Sebastián mit ihren vielen Pintxo-Bars.

Wer seine tägliche Concha-Pflichtrunde bereits absolviert hat, geht in die Altstadt, die hier parte vieja, also der alte Teil heißt und ein paar nette Straßenzüge und Gassen umfasst, die aber einen Kenner spanischer Altstädte kaum vom Hocker werfen. Darin eine Art Plaza Mayor, die natürlich so nicht heißen darf, weil das zu spanisch klänge, man nennt sie Platz der Verfassung, obwohl die auch spanisch ist.

Zu den Stoßzeiten setzt in den Pintxo-Bars ein wildes Hauen und Stechen ein, das Recht des Dreisteren bestimmt, wer dem Wirt seine Bestellung zuhecheln darf. Es gibt keine erkennbaren Schlangen, keine Ordnung mehr, es herrschen fast spanische Verhältnisse! Und es gibt unglaublich viele Franzosen, die Grenze ist ja nur einen Pintxo-Wurf entfernt, für die Franzosen ist Spaniens drittteuerste Stadt noch immer ein Schnäppchen. Ich war in einem Dutzend solcher Bars, die gastronomische Ernte war durchwachsen.

Oft sind es wirklich nur überteuerte Allerwelts-Tapas mit Spieß, Brot verhindert das zersuppen der „Kreationen“. In manchen Lokalen überrascht die Kreativität dann doch, in der „Casa Vergara“, gegründet 1948, zum Beispiel, wohl dem einzigen Lokal in Donostia, das ohne ein X im Namen auskommt. Die Preise in bester Lage waren erstaunlich moderat, aber der Kampf um das „Buffett“ ist wirklich nicht Jedermanns Sache. San Sebastián vereint die meisten Michelin-Sterne Spaniens, doch die kulinarische Erlösung liegt, wie in ganz Spanien, auch hier in Nebenstraßen und Vorstädten. Mehr zur Küche des Baskenlandes und zur eng verwandten Küche von Navarra.

Ausflüge von San Sebastián: Auf den Jakobsweg in den Fjord der Meeresfrüchte

Nur wenige hundert Meter vom quirligen Zentrum San Sebastiáns entfernt, gelangt der Wanderer auf den Camino de la Costa, Teil des Jakobswegs.

In nur wenigen Schritten entlässt Donostia den Wanderer aus der edlen Stadt in wilde Natur, kurz hinter dem Kursaal geht es an einer Tankstelle steil nach links oben und schon befindet man sich auf dem Jakobsweg, dem Camino de la Costa und, da wollten wir ja hin, mitten im Herbst bunt sich entlaubender Wälder, satt grüner Lichtungen.

Der gut ausgeschilderte Jakobsweg rund um San Sebastian lädt zu Tagestouren ein.

Für eine Tageswanderung empfehlen sich San Pedro und San Juan, kleine idyllische Fischerorte, die sich im „Fjord“, der Ría de Pasaia gegenüberliegen. Nach rund 6,5 mittleschweren Kilometern immer an der Steilküste entlang, entgegen dem Pilgersinn auf dem Camino de Santiago. Unterwegs kommen wir an einer historisierenden Werft vorbei, wo eine monströse Replik eines Walfangschiffs aus dem 16. Jahrhundert nachgebaut wird. „Nur mit originalen Werkzeugen und Methoden“, lese ich auf dem Schild, während aus dem Inneren das Fauchen einer elektrischen Kreissäge tönt.

Der vierte Musketier: Ein Baske!

Gingen wir einen Tagesmarsch weiter, kämen wir nach Irún, das Grenzstädtchen und noch einen Tag sodann ins Surferparadies Biarritz und das Städtchen Bayonne, schon ganz Frankreich. Drüben in Frankreich geht das Baskenland weiter, bis hinein ins historische Aquitanien, das so viele Mythen kennt wie die spanischen Basken und hinauf in die Gascogne, die natürlich auch zum Baskenland gehört (Vasconia). Der vierte, der freche Musketier Ihrer Majestät, D’Artagnan, stammt von hier, ein Meister des Pintxos, der in Frankreich Degen heißt, war er und musste sich den Spott seiner Freunde über seinen Akzent und seine bäuerlichen Bräuche gefallen lassen.

Lohn des Wanderers: Fangfrische chipirones, kleine, raffiniert marinierte Tintenfische in einer Bar in San Pedro am Jakobsweg bei San Sebastian.

Doch so weit komme ich nicht, die Füße tragen mich in eine der vielen Schenken, wo es die Meeresfrüchte und Fische direkt vom Kutter gibt. Malerisch in San Juan, etwas prosaischer in San Pedro, aber überall lecker. Wäre ich ein Pilger, der sich das Ziel Santiago de Compostela tatsächlich auferlegte, ich käme wohl bis zum Lebensende nicht dort an und Schuld hätte nur die nordspanische Gastronomie!

Ausflüge bieten sich auch ins Inland an, Veranstalter gondeln einen über die Dörfer und sogar bis ins Rioja. Das Inland der Provinz Gipuzkoa, das sind dunkel bewaldete Bergrücken mit Gehöften und Bauernhäusern, deren original baskischer Stil mal an die Steiermark mal an Südtirol erinnert. Ihre grasenden Kühe auch. Auf den Wanderungen hilft der Durchblick auf das Meer, den Atlantik, der hier Golf von Bizkaya heißt. Dieser Durchblick sorgt auch für Weitblick, zumindest etwas. Denn reine Bergvölker neigen mitunter zur Horizontverengung. Stur sind die Basken dennoch, die stursten Spanier überhaupt. Und beschweren würden sie sich nicht über das Adjektiv, sondern die Einverleibung als Spanier.

Woher die Basken stammen: Thesen, Antithesen, Ratlosigkeit

Nun wird auch klar, warum die Museen in San Sebastián versagen. Dort gehört nur hinein, was gewiss, was abgeschlossen ist. Die Basken aber blieben ein leise brodelnder Topf mit ungeklärten Zutaten. Hinsichtlich Herkunft und Sprache ist die Forschung zwar redselig, aber im Grunde ratlos. Für jede These gibt es eine Antithese, für nichts einen empirischen Beweis. Das Spektrum reicht von den Resten eiszeitlicher Ureinwohner, über Abkömmlinge der Berber, ein abgesprengtes vor-indogermanisches Volk, ein Keltenzweig, ein Iberer-Ableger, einen der verlorenen Stämme Israels, bis hin zu einer Sippe Armenier, die sich nach einer durchzechten Nacht verlaufen hat.

Doch das eigentliche Rätsel ist nicht die Herkunft von Volk und Sprache, sondern der Umstand, dass sich das Baskische so lange, so gründlich, so insulanisch halten konnte, wenn man bedenkt, welchen Assimilisationsdruck permanente Völkerwanderungen, Fremdherrschaften, Religionswechsel, Handelsaustausch, Nation Buildung, Popmusik oder auch schiere Unterdrückung auf Kulturen ausgeübt haben. Fast alle gingen in der jeweils nächsten auf, Baskisch hielt stand. Jeder Baske hat dafür eine Erklärung, seine. Schlüssig ist keine, vielleicht ist das ja das Geheimnis. Belassen wir es bei der Bewunderung für ein ungelöstes Rätsel und ein besonders originelles Steinchen in Europas Kultur-Mosaik.

Die „Revolution“ spaziert: Was die Basken lernten, die Katalanen aber nicht

Apropos brodelnder Topf: Kurz nach meiner Abreise demonstrierten aus Anlass des 10-jährigen offiziellen Endes der ETA 2011 tausende Menschen für Hafterleichterungen der noch immer hunderten ETA-Häftlinge. Darunter solche, die noch nicht realisiert haben, dass das landesweite in die Luft sprengen von Zivilisten und kleinen Systemlingen vielleicht nicht die beste Werbung für die Sache einer gerechteren Gesellschaft gewesen war. Auch wenn es ohne Franco, ohne Guernika und den deutschen Faschismus die ETA wohl nie gegeben hätte. Auch katalanische Separatistenführer – einige gerade vom „Besatzerstaat“ begnadigt – kamen als Demotouristen dazu. Während sich die Basken ihren aufrührerischen Schneid heute regelmäßig in barer Münze abkaufen lassen und ihre Stimmen im Parlament an den Meistbietenden verscherbeln, sind die katalanischen Hardliner von legitimer Selbstbehauptung zu alles vergiftender Selbstzerstörung übergangen.

An der Concha-Bucht von Donostia sieht man sich nicht satt. Der Golf von Bizkaya liegt heute ungewöhnlich ruhig.

Die Basken, das Volk der Überlebenskünstler, haben langsam verstanden, dass eine staatliche Unabhängigkeit innerhalb eines ihre Grundrechte schützenden Europas kein Kriterium mehr für eine bessere Gesellschaft ist. Sie haben - und andere für sie - längst gewonnen, den Rest des Weges müssen sie selbst gehen, ohne neue Grenzen.

Der katalanische Separatismus aber kann das nicht eingestehen, denn seine Existenz, seine vorgekaukelte Legitimität hängt an der historischen Opferpose. Die Basken haben dabei wenigstens eine wirklich eigene Identität, eine eigene Sprache, die sonst kein Mensch versteht. Katalanisch aber, seien wir doch ehrlich, das scheint zur einen Hälfte zusammengereimtes Latein, Spanisch, Französisch und Italienisch und zur anderen schlechte Aussprache und die Trotzköpfigkeit eines uneinsichtigen Kindes.

Die eigentliche Pointe der Demo war, dass der Protestzug sich brav entlang der mondänen Concha-Bucht schlängelte, König Alfonsos und Francos bevorzugter Flaniermeile und der abertausender Touristen und braver Bürgern. In San Sebastián geht selbst die „Revolution“ nur mehr spazieren, Krawall macht nur das Rascheln des Herbstlaubs in Donostia. Was ja ein beruhigender Gedanke ist. Und auch wieder nicht.

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