Spaniens Stürmer Morata feiert sein Tor gegen Italien.
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Spaniens Stürmer Álvaro Morata feiert sein Tor gegen Italien im Halbfinale der Euro 2020. Weniger Minuten später wurde er zum tragischen Helden.

Euro 2020 Halbfinale

Ausgerechnet Morata: Spaniens Aus im EM-Halbfinale gegen Italien, ein vollendetes Drama

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Sie wollten doch nur spielen und sie spielten doch so schön. Aber Spaniens Selección kam im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft gegen Erfahrung, Genie und Abgebrütheit Italiens nicht an. Álvaro Morata wurde binnen Minuten vom Helden zur tragischen Figur. Opfer der Sturheit des Teamchefs Luis Enrique?

London/Madrid - Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique hatte sich gegen Italien schon einmal eine blutige Nase geholt, buchstäblich, als Spieler bei der WM 1994. Beim Halbfinale am 6. Juli 2021 in Wembley holte er sich wieder eine, diesmal als Trainer eine sprichwörtliche. Was die spanische Sportpresse angesichts ihrer Elogen an die Selección, die schönspielende, die verdientere, die hoffnungtragende, zukunftsträchtige, nach der Niederlage gegen Italien im Elfmeterschießen beim Halbfinale der Fußball-EM nämlich nicht auszusprechen wagte, war doch offensichtlich: Der Trainer hat den Elfer verschossen, den Álvaro Morata in der linken Hand des italienischen Goalies sterben sah.

Stürmer Morata: Beim Halbfinale Spanien - Italien als persönlicher Joker des Teamchefs

Ausgerechnet Morata, das Nervenbündel, der Gescholtene, der Wiederauferstandene, der Retter, der tragische Held. Hohn und Spott musste er sich anfänglich von Presse und Sozialen Medien bieten lassen, als er das Ziel, das Tor, in allen nur erdenklichen Varianten verfehlte. „Morata und zehn weitere“, war die sture Reaktion Enriques auf die Frage, wen er nach den Fehlleistungen zum Turnierauftakt nun aufstellen würde. Elf weitere waren es aber gegen Italien. Morata, durch Dutzende Fouls und viele Kilometer angeschlagen, blieb zunächst auf der Bank als persönlicher Joker des Teamchefs. Er sollte sich nicht schon in der ersten Halbzeit an den italienischen Abwehrrecken totlaufen, zumal die ihren Juve-Stürmer aus dem FF kannten.

Und noch ein Coup ließ sich Luis Enrique einfallen: Er machte den Leipziger Dani Olmo vom Flügelflitzer zur „Falschen 9“, hängende Spitze nannten wir das früher. Der Plan: Die in diesem Turnier gegen ihre innersten Triebe äußerst offensiv aufspielenden Italiener bei Ballverlusten durch schnelles Umschalten empfindlich treffen.

Doch die Italiener hatten auch eine Überraschung parat, kehrten sie nämlich gegen Spanien zu einer Art Catenaccio 2.0 zurück und bauten eine Abwehrformation wie eine römische Legion vor dem Tor auf. Sie parkten wieder den Bus, doch diesmal wissend, dass sie vorne drei Ferraris mit laufenden Motoren stehen hatten. Die Italiener waren die schlaueren, die abgebrühteren, wieder einmal. Sie würden nicht in die gespitzten Hörner der lauffreudigen spanischen Jungstiere laufen.

Taktik der Italiener ging auf: Spanien spielen lassen und dann eiskalt kontern

Sie würden sie spielen lassen, bis sie müde werden, einen Fehler machten. Mit Insigne, Immobile und Chiesa hatten sie ein tödliches Triumpherat in Lauerstellung. Spanische Presse und enttäuschte Fans überboten sich nach dem Spiel: Die Italiener wollten gar nicht spielen, zerstörten das Spiel, Spanien sei das bessere Team gewesen. War es nicht. Italien zeigte eine taktische Meisterleistung, defensive Kabinettstückchen und strahlte bei jedem Konter eine tödliche Gefahr aus. Vor allem aber behielten die Italiener die Nerven. Bis zum Schluss. Der Segen des „Alters“. Die Spanier verwerteten ihre Chancen nicht, ihnen fehlte der „letzte Pass“ und Schritt, die Sicherheit. Kein Wunder, die Italiener verteidigten einfach zu gut.

Italiens Jorginho machte mit seinem cool verwandelten Elfer den Deckel auf den Halbfinalgsieg gegen Spanien drauf.

Einer dieser rasend schnellen Konter der Italiener brachte das 1:0. Als Immobile, der erfolgreich gegen seinen Namen anlief, schon von der spanischen Abwehr gestellt war, nutzte Chiesa das Chaos in der Abwehr und zog wunderschön und unhaltbar in den rechten oberen Winkel ab. Eine eiskalte Dusche für die Spanier. Die Italiener sollten Chiesa in Basilika umtaufen.

Spanien schlägt zurück: 1:1 mit den Waffen der Italiener

Interessanterweise schlug Spanien Italien zehn Minuten vor Toreschluss mit seinen eigenen Waffen. Denn es war ein schneller Konter nach Balleroberung, den Olmo und Morata mit einem blitzgescheiten Doppelpass durch sechs italienische Abwehrspieler zum Ausgleich verwandelten. Ausgerechnet Morata brachte Spanien ins Spiel und ins Turnier zurück und weckte Hoffnungen auf mehr. Doch weder machte Italien auch nur einen Moment den Eindruck, als würde es auf dem Feld zu schlagen sein, noch, dass Spanien wirklich ein weiteres Tor aus dem Spiel heraus schießen könne. Die Verlängerung zeigte starke Ermüdung auf beiden Seiten.

Elfmeterschießen: Ausgerechnet Olmo und Morata verschießen

Italien und Spanien, das waren und sind epische Fußballschlachten, wahre Dramen. Dass dieses hier nicht zu einer Schmierenkomödie verkam, verhinderte der deutsche Schiedsrichter Felix Brych. Er stellte gleich in Halbzeit eins klar, dass er weder sterbende italienische Schwäne, noch simulierende Flamenco-Ballerinen zulassen werde. Das spanische Kommentatorentrio auf Telecinco nahm ihm das mehrfach übel, denn in Spanien wie in Italien gilt das Vortäuschen eines Fouls als legitimer Spielzug. Stellen wir fest, dass der beste deutsche Beitrag bei dieser Euro darin bestand, anderen Teams ein ordentliches Fußballspiel zu ermöglichen. Das ist auch ein Drama.

Ausgelassene Freudentänze in Rom nach dem Sieg Italiens im Halbfinale gegen Spanien bei der Euro 2020.

Aber natürlich nicht vergleichbar mit dem Drama am Elferpunkt in Wembley. Ausgerechnet Aktivposten Olmo verschoss seinen Elfer und dann Morata, der erst Spanien rettete, den entscheidenden vierten. Das Drama wurde zur Tragödie, Morata zum spanischen Mbappé, Luis Enrique stürzte seinen Protegé aus Sturheit in den Abgrund und Spanien mit ihm. Er hätte es wissen müssen. Jorginho konnte dann für Italien nur noch den Deckel auf das spanische Turniergrab stülpen. Er tat das abgebrüht und mit eben jener Coolness, die Siegern eigen ist. Doch kein Grund für das junge spanische Team, die Köpfe hängen zu lassen. Schon im kommenden Jahr ist die WM in Katar, zu Weihnachten, aber bei spanischen Temperaturen.

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