Hafen mit Fischerbooten in Murcia.
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Wer ist das schwarze Schaf? Zu wenige Kontrollen lassen die Raubfischerei in Spanien außer Kontrolle geraten. Hafen von Portmán, Murcia.

Freizeit am Mittelmeer

Freizeit-Fischerei in Spanien außer Kontrolle: Wenn Hobbyangler zu Raubfischern werden

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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„Die Freizeit-Fischerei im Mittelmeer ist außer Kontrolle geraten. Weder auf europäischer, noch auf Landesebene in Spanien gibt es wirksame Regeln und Kontrollen. Der private Fischfang übersteigt jene der kommerziellen Fischerei in Spanien um mehr als das Dreifache“, so der WWF.

Torrevieja/Alicante - Die Arten- und Umweltschutzeinheit der Guardia Civil Alicante, Seprona, publizierte Anfang November 2021 einen Fall, der ein Exempel am Missbrauch privater Fischereilizenzen statuieren soll: Ein "Hobby"-Fischer aus Torrevieja wurde im Sporthafen der Stadt mit 225 Fischen und Meeresfrüchten aus nur einer Tour angetroffen. Er reklamierte Eigenbedarf. Darunter fanden sich vier Exemplare des dentón, der Zahnbrasse, eines besonders großen Schwagers der Dorade. Jedes davon hätte locker eine vierköpfige Familie satt bekommen. In den Körben des vermeintlichen Freizeitanglers fanden sich ein Dutzend Makrelen, die derzeit in der Schonzeit sind, etliche Meer- bzw. Rotbarben sowie massenhaft weiße und rote Garnelen.

Fischen ohne Regeln in Spanien: Schaden für die Profis, Gefahr für Umwelt und die Hobbyangler selbst

Der Verstoß gegen das Gesetz Nummer 5/2017 der valencianischen Fischereiverordnung kann den Raubfischer aus Torrevieja bis zu 60.000 Euro Bußgeld sowie einen Eintrag ins Strafregister kosten, zumal er bereits bei vorherigen Kontrollen auffiel. Hinweise der Hafenmeisterei führten zu dem Übeltäter, der "fast täglich", so die Polizei, auf See hinausfuhr. Bei der Kontrolle fanden die Polizisten unter Wasser versteckte Fangnetze sowie etliche selbstgebastelte Köder. Keines der Zubehöre war zugelassen oder entsprach den Normen. Zur Krönung war auch noch die Zulassung des Bootes abgelaufen.

Penibel müssen die Profi-Fischer, hier im Hafen von Dénia, auf die Einhaltung der Normen achten.

Der illegale Fang in Torrevieja ist ein Extrem-, aber kein Einzelfall: Umweltorganisationen wie der WWF und Meeresbiologen sowie die Bruderschaften (cofradías) der professionellen Fischer schlagen Alarm, dass der "unkontrollierte Sektor", vor allem in den touristisch dominierten Küstenabschnitten Spaniens "irreparable Schäden in einem ohnehin kritischen Habitat" anrichte. Zum Einen durch Urlauber selbst, die, angelockt durch Skipper und etikettiert mit "traditioneller Fischerei", wahllos Tiere aus dem Meer ziehen, um damit auf Instagram zu prahlen und abends auf den Grill zu legen, vor allem aber durch Einheimische, die eine geschäftliche Nische entdeckt haben, den Bekannten- und Freundeskreis, aber auch Restaurants mit preiswerten Fischen und Meeresfrüchten zu beliefern. Kontrollen in den Sporthäfen gibt es nur schwerpunktartig, nicht aber flächendeckend, bemängelt der WWF, "keiner kontrolliert, was die Angler mit Freizeitlizenz täglich entladen".

Laut den Polizeiprotokollen handelt es sich bei den Fischen und Meeresfrüchten oft um zu kleine Exemplare, die zu jung sind, um sich bereits fortgepflanzt zu haben, um Arten, die gar nicht gefangen werden dürfen oder die gerade Schonzeit haben. Während die professionellen Fischer Spaniens, die ohnehin in Not sind, hochnotpeinlich auf alle diese Vorgaben sowie die EU-Fangquoten achten müssen, weil sie sonst durch Lizenzentzug ein Berufsverbot riskieren, müssen sie gleichzeitig zusehen, wie die Amateure ihre Ressourcen plündern. "Die Hobbyfischer bringen sich und andere damit auch selbst in Gefahr, denn lebensmittelhygienische Untersuchungen gibt es nur an den Lonjas der Fischereihäfen, nicht in den Jachthäfen der Club náuticos", so die Guardia Civil, deren Umwelteinheit Seprona höchstens Stichproben machen kann.

Fünf Kilo Fisch sind erlaubt: Jeder zehnte Spanier ist Hobby-Fischer, Angelscheine ohne Schulung

Die Seprona, die Umwelteinheit der Guardia Civil, kann nur sporadisch gegen illegalen Fischfang vorgehen.

Im Schnitt bringe jeder Freizeitangler pro Fahrt oder Angelsitzung an der Küste drei Kilo Fische und Meersfrüchte mit. "Das klingt zunächst wenig, doch bedenkt man die Menge der Boote, sieht es schon anders aus", erklärt José Luis Sánchez Lizaso, Dozent für Meeresbiologie an der Universität Alicante. Seine Forschungsgruppe hat ermittelt, dass allein an der spanischen Mittelmeerküste jährlich zwischen 20.000 und 36.000 Tonnen, also bis zu 36 Millionen Kilogramm Fische und Meeresfrüchte durch die "pesca recreativa" an Land gebracht werden, "eine vorsichtige Schätzung", ergänzt der Wissenschaftler. Die "pesca artesanal", also die kommerzielle Fischerei der kleinen Kutter und mit regulierten Fangmethoden und unter strenger gewerblicher Aufsicht, komme jährlich auf rund 7.000 Tonnen.

Zum Thema: Pesca artesanal, wie Murcia die alten Fangmethoden wiederbeleben will

Professor Sánchez Lizaso beklagt "das Fehlen einer genauen Regulierung über eine Ressource, die als frei verfügbar angesehen" würde. Dass immer mehr traditionelle Fischer aufgeben würden, hätte längst nicht nur mit mangelnder Rentabilität durch die EU-Fangquoten zu tun, "die Freizeitfischerei beschleunigt das Verschwinden vieler Arten", gegen diese "unkontrollierte Konkurrenz" würden die "traditionellen Fischer immer verlieren". "Die Freizeitfischer holen genau die Fische aus dem Meer, die den Fischern am meisten Geld bringen würden". Dieses Problem komme zu Artensterben durch Überfischung und Klimawandel, den großen Raubfischern in internationalen Gewässern, illegalen Fangmethoden im industriellen Maßstab, Plastikmüll im Meer und in den Fischen und anderer Kontamination wie im sterbenden Mar Menor noch obenauf.

Traditionelle Fischerei im Mittelmeer in der Dauerkrise:

Die Freizeitlizenzen würden freihändig vergeben, fast jeder zehnte Spanier habe einen Angelschein, so Sánchez Lizaso, "aber nicht die entsprechende Schulung" und viele auch nicht die Ethik eines Profis. Da bemängeln die Menschen immer die Überregulierung ihres Lebens durch Staat und Behörden, überlässt man ihnen aber die Verantwortung, sind Zerstörung und Schäden auf Kosten von Natur und jenen, die davon leben, die Folgen.

Keine Schulung, kein Gewissen: EU-weite Regeln und Kontrollen für Hobby-Fischerei gefordert

Auch Raúl García von WWF/Adena meint, "es ist Zeit, hier ein bisschen Ordnung zu schaffen". Mit einer Freizeitfischerlizenz vom Boot aus (gilt fünf Jahre, keine Ablauffrist für Personen über 60 Jahre) aus Valencia dürften die Hobby-Angler täglich fünf Kilo pro Lizenz fangen, in Gruppen mit mehr als fünf Lizenzen an Bord jedoch nie mehr als 25 Kilo. Bei der "pesca submarina", also tauchend oder schwimmend, muss die Lizenz alle zwei Jahre erneuert werden. "Doch niemand kontrolliert wie viel sie ausladen, noch, welche Fische es sind. Und an einem 'guten Angeltag' werde sich kaum jemand zurückhalten, das gesetzliche Limit zu überschreiten, da er ja keine Konsequenzen fürchten muss", so García. Eine Schulung gibt es nicht, der Lizenznehmer erklärt nur per Unterschrift, dass er sich an die Vorgaben halten werde.

Wegen des hohen Profits ist der Rote Thunfisch bei Raubfischern besonders begehrt.

García schlägt vor, auf EU-Ebene eine gesetzliche Fangdeklaration auch für die Hobbyfischerei im gesamten Mittelmeer einzuführen, "das muss nicht kompliziert sein, das ginge per Smartphone App" und funktioniere punktuell bereits, wie mit dem Wolfsbarsch (lubina) sowie dem Kabeljau an den Atlantikküsten. Die Behörden hätten so wenigstens eine Datengrundlage für bessere Kontrollen. Dennoch brauche es eine "gründliche Überarbeitung des Fischereigesetzes von 2001", in dem "die Freizeitfischer nur am Rande erwähnt" würden, alles andere habe man den Regionen überlassen, die sichtlich überfordert seien, so der WWF. Es ginge nicht darum, "den Freizeitfischern den Spaß zu verderben, wohl aber darum, verdeckte kommerzielle Tätigkeiten aufzudecken und zu verhindern".

Umweltschutz und Spaß beim Angeln: Invasive Arten in Spaniens Mittelmeer und Flüssen fischen

"Es kann nicht angehen, dass reiche Leute mit ihren Jachten auf See fahren, unkontrolliert Thunfische fangen und die dann noch ungestört an Restaurants verkaufen können", vor allem der stark gefährdete, weil besonders wertvolle Rote Thunfisch werde unter der Hand gehandelt wie Trüffel an Land. Das Problem sei, dass die Club náuticos sich weigern, Verantwortung für das Tun ihrer Mitglieder auf See zu übernehmen, auch wenn die mit ihrer illegalen Beute in den Clubhafen einlaufen. "Die wollen keine Regeln oder Beschränkungen", unterstellt Sánchez Lizaso, daher müsste hier der Gesetzgeber eingreifen, zum Beispiel auch durch die Ausweitung der küstennahen Meeresreservate in Spanien als Schutzzonen, "und die auch kontrollieren", ebenso wie die Restaurants in den Urlauberregionen.

Rotbarben, Sardinen und Makrelen auf dem „Schwert“. Tradition in Andalusien. Wie lange noch?

Der Forscher schließt: "Es gibt ja Beispiele von Freizeitfischern mit Gewissen, die Fische fangen, ein Foto schießen und sie dann wieder frei lassen". Und manche Hobby-Fischer haben sich sogar auf invasive Arten spezialisiert, wie den Forrellenbarsch (black-bass, perca atruchada oder americana) oder die Blaukrabbe, für die es keine Fanglimits gibt und die auch (privat) kulinarisch verwertbar sind. Diese Hobby-Angler würden sogar einen Dienst an der Umwelt leisten, sozusagen Teil des Ökosystems werden und trotzdem - oder gerade deswegen - ihren Spaß haben.

Zum Thema: Kalender für Fische und Meeresfrüchte - Wann hat was in Spanien Saison?

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