Ein Fischkutter irgendwo auf dem Mittelmeer.
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Die EU will die Arbeitszeit der Fischer reduzieren, um die Meere zu schonen.

Fischerei in Spanien

Sorge um die Zukunft: Spaniens Fischer fürchten EU-Plan zum Schutz der Meere

  • Andrea Beckmann
    VonAndrea Beckmann
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Spaniens Fischer blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Um die Nachhaltigkeit zu fördern, will die EU mit einem Fünfjahresplan die Fischfänge bis zu 40 Prozent drosseln.

Der Appetit auf Fisch ist groß. Ganz besonders auch in Spanien mit seinen vielen verschiedenen Speisefischen. Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zufolge ist etwa ein Drittel der weltweiten Fischbestände überfischt. Und das ist möglicherweise noch untertrieben, da die Zahlen auf den Anlandungen basieren, die von den Fischern gemeldet werden. Längst ist der Fischfang nicht mehr nachhaltig. Insgesamt werden mehr Fische getötet als heranwachsen können. Für 800 Millionen Menschen in Küstenregionen ist Fisch das wichtigste Nahrungsmittel. Im vergangenen Jahr wurden weltweit offiziellen Angaben zufolge 154 Millionen Tonnen Fisch verzehrt, pro Kopf der Weltbevölkerung rund 20 Kilogramm. Tendenz steigend. Der Ruf nach nachhaltigem Fischkonsum wird immer lauter, während der Bedarf an tierischen Proteinen mit der ansteigenden Erdbevölkerung wächst. Auf den Ozeanen herrscht ein erbitterter Kampf um Fisch. Längst weicht man auf Fischzuchtbetriebe aus, die etwa in Calpe nicht nur Befürworter haben.

Spanien: Europäische Kommission will den gebeutelten Fischbeständen mit einem Fünfjahresplan Erholung verschaffen

Will man die ausufernde Meeresplünderung stoppen, muss dringend etwas geschehen. Bereits seit Jahren fordern Wissenschaftler und Umweltschützer mehr Schutzgebiete, in denen die Schleppnetzfischerei im großen Stil verboten ist, und die Europäische Kommission will den gebeutelten Fischbeständen durch einen stufenweisen Fünf-Jahresplan, der für das kommende Jahr eine Reduzierung der Fangtage im Mittelmeerraum um 15 Prozent vorsieht, Erholung verschaffen. Doch vor allem Spanien lehnt sich gegen die EU-Pläne auf. Landesweit protestierte der Fischereisektor am 4. Juli, an den Aktionen beteiligten sich auch Fischer der Regionen Valencia, Murcia sowie Andalusien.

Der Vorsitzende von Dénias Fischereigenossenschaft, Juan Antonio Sepulcre, erklärt den Grund: „Die Pläne der Europäischen Kommission sind sehr aggressiv“, sagt der Garnelenfischer gegenüber den CN. „Die neuen EU-Richtlinien, die im vergangenen Jahr in Kraft getreten sind, sehen vor, die Fischfänge europaweit bis 2025 um bis zu 40 Prozent zu senken. Um dieses Ziel zu erreichen, sind verschiedene Maßnahmen vorgesehen, wie etwa die Reduzierung der Fangtage, die Ausweitung von Schutzgebieten sowie strengere Vorgaben bei der Anwendung von Fischernetzen.“ Inakzeptabel sei die neue Arbeitszeitregelung, erklärt der Vorsitzende und führt folgendes Beispiel an: „Theoretisch kann ein Fischereibetrieb unter Einhaltung der fangfreien Wochenenden, Feiertagsregelungen und Schonzeiten 220 bis 240 Tage im Jahr zum Fischfang aufs Meer hinaus fahren. Die neue EU-Regelung hat aber zur Folge, dass es Fischereiunternehmen gibt, denen seit diesem Jahr von der EU nur noch 150 Arbeitstage genehmigt werden. Das ist ein brutaler Einschnitt, der für viele Fischer hohe finanzielle Einbußen, wenn nicht das Aus ihrer beruflichen Karriere bedeutet.“

Noch ist der Beruf der Fischer rentabel. Doch wie lange noch?

Spaniens Fischer sind besorgt: EU will Arbeitszeit bis 2025 kontinuierlich reduzieren

Wie aber kommt diese Reduzierung zustande? „Ganz einfach“, sagt Sepulcre. „Die EU hat als Grundlage für die neue Regelung die Tage zugrundegelegt, die die Fischereibetriebe in den Jahren 2016, 2017 und 2018 aufs Meer hinausgefahren sind. Daraus wurde ein Durchschnitt errechnet und ein bestimmter Prozentsatz abgezogen.“ Eine Milchmädchenrechnung, meint der Fischer aus Spanien, denn: „Dabei wurde nicht berücksichtigt, ob in dem Dreijahreszeitraum möglicherweise größere Reparaturen am Schiff anstanden, die eine Ausfahrt aufs Meer über einen längeren Zeitraum unmöglich machten, oder ob sich die Arbeitstage vielleicht durch krankheitsbedingte Ausfälle reduziert hatten.“

Sepulcre, der in Spanien einen Familienbetrieb leitet und sich seit 40 Jahren der Garnelenfischerei widmet, darf laut der neuen EU-Regelung in diesem Jahr an 180 Tagen zum Garnelenfang auslaufen. „Kommendes Jahr werden mir nach der neuen EU-Verordnung noch 165 Tage bewilligt, das Jahr drauf noch 150 und 2025 bleiben mir gerade mal noch 120 Tage im Jahr, die ich offiziell arbeiten darf“, rechnet der Fischer vor. Der Fünfjahresplan der EU-Kommission sehe pro Jahr eine Reduzierung der Arbeitszeiten um sieben bis zehn Prozent vor. „Vielen Fischern wird damit langsam aber sicher die Lebensgrundlage genommen“, sagt Sepulcre sichtlich verärgert.

Spanischer Fischereisektor: EU zieht strengere Kontrollen in Erwägung

Dass sich die Fischer auch in Spanien an die EU-Vorgaben halten, wird streng kontrolliert. „Jedes Schiff hat eine Art Blackbox, die genau aufzeichnet, wie lange man wo auf Fischfang war“, erklärt Sepulcre. „Außerdem muss ich jeden Tag die zuständige Behörde informieren, wann ich auslaufe, wo ich meine Netze auswerfe und wann ich wieder in den Hafen einlaufe. Aber das scheint den Kontrollbehörden noch nicht genug.“ Es stünden Überlegungen an, alle Fischerboote mit Kameraüberwachung auszustatten.

„Die vorgesehenen EU-Maßnahmen sind vollkommen übertrieben“, meint Sepulcre. „Das sage nicht nur ich. Auch Meeresbiologen des katalanischen Instituts für Meeresforschung und andere Experten auf dem Gebiet der Fischerei vertreten die Meinung, dass diese Hauruck-Maßnahme der EU, die bis 2025 drastische Reduzierungen erzielen will, nicht der richtige Weg ist.“ Einmal mehr werde allein der Fischereisektor zum Sündenbock gemacht. „Wir Fischer sind uns dessen bewusst, dass wir von den Meeren abhängig sind“, bekräftigt der Denianer. „Schon deshalb sind wir an ihrem Schutz interessiert.“

Spanien: Längerfristig wird es darauf hinauslaufen, dass kleinere Fischereibetriebe zur Aufgabe gezwungen werden

Noch sei die Fischerei im Mittelmeerraum rentabel, meint Sepulcre. Aber es habe den Anschein, dass es das Ziel von Brüssel sei, die konventionellen Fischer zu schwächen. „Längerfristig wird es darauf hinauslaufen, dass sich die kleinen Fischereibetriebe in Europa zur Aufgabe gezwungen sehen und drei, vier multinationale Firmen den Markt bestimmen werden“, glaubt der Kleinunternehmer, der in Spanien vier Fischer auf seinem Boot beschäftigt.

Diese Sorge teilt der sozialistische Abgeordnete der Alicantiner Provinzverwaltung und Dénianer Stadtrat Òscar Mengual mit dem Vorsitzenden der Fischereigenossenschaft. „Der Fischereisektor hat in Spanien schon durch die Coronavirus-Pandemie sehr gelitten, weil zeitweise viele Lokale, die Großabnehmer von Fisch sind, geschlossen waren“, sagte Mengual in einem Gespräch mit der CN. „Wenn sich dieser harte Kurs, den die EU-Kommission im Bereich der Fischerei fährt, durchsetzt, müssen wir damit rechnen, dass dieser ohnehin geschwächte Sektor, der in unserer Region auf eine lange Tradition zurückblickt, keine Zukunft hat.“ Auch Valencias Landesregierung steht hinter dem Fischereisektor. Sie fordert vom Landwirtschaftsministerium Maßnahmen, um die Zukunft von Spaniens Fischern zu garantieren. Unterstützt wird diese Forderung von Kataloniens Regierung, die sich ebenfalls für das Gremium einsetzt.

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