Eine Fußballerin mit Spanien-Trikot hält den Ball hoch, oben ist ein altes Bild einer jungen Frau.
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Spaniens Frauen: Nach Fußballspielen fragt kein Mann mehr „Könnt ihr auch kochen?“ Links Jenni Hermoso, rechts oben Victoria Hernández (1972).

Gleichberechtigung im Sport

Als Spaniens Frauen ein Fußball-Nationalteam gründeten - Männer 1971 schockiert

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Vor 50 Jahren erlebte Spanien das erste Fußball-Länderspiel der Frauen. Für die Spanierinnen folgte ein steiniger Weg. Zu Ende ist er noch lange nicht, sagt eine Spielerin von damals.

Madrid – „Kannst du auch kochen?“, sagt die Männerstimme zur jungen Frau im verschwitzten Trikot. „Ja“, bekundet sie. Welches Gericht ihr am besten gelinge, hakt er nach. „Tortilla de patatas“, lacht die keineswegs schockierte Sportlerin. Das Video in Schwarzweiß zeigt Spaniens Fußball-Nationalteam der Frauen 1972, das gerade ein Länderspiel gegen Italien mit 1:5 verloren hat. Die Moral stimmte trotz Pleite und männlicher Herabwürdigung: Denn allein, dass es ihre Auswahl gab, war ein großer Stolz für sie. Vor 50 Jahren fand das erste Fußball-Länderspiel der spanischen Frauen statt.

SpanienLand in Europa
Staats- und Regierungsform: parlamentarische Monarchie
Einwohnerzahl:47.100.396 (1. Juli 2019)
Fläche: 505.970 km²

Als Spaniens Frauen ein Fußball-Nationalteam gründeten - Hymne ja, Wappen nein

Am 21. Februar 1971 war es soweit gewesen. Spaniens Fußball-Frauen hatten ein Nationalteam gegründet und organisierten ihr erstes Länderspiel im Stadion La Condomina von Murcia gegen Portugal. 3.000 Zuschauer kamen, vor Anpfiff erklang die Hymne, aber eines fehlte den Fußballerinnen: Das spanische Wappen auf der Brust. Der Verband hatte es – getrieben von den Frauen der rechten Falange – dem neuen Nationalteam verboten.

Obgleich das Debüt der spanischen Fußballerinnen mit 3:3 beachtlich ausging, blieb es bei fast zehn Jahren der offiziellen Nichtbeachtung des Frauen-Nationalteams . Ein Glück war es für die Spielerinnen, dass einige Männer an sie glaubten, allen voran Sportpromoter Rafael Muga. Der heute 74-Jährige erzählte kürzlich im „El País“, wie die schockierten Vertreter des spanischen Fußballverbands noch am Stadion das Frauenländerspiel verhindern wollten. „Skurril, irreal“ sei die Erfahrung gewesen.

Spaniens Frauen bissen sich durch – allerdings mit viel Geduld. 1997 erst gelang es den Spanierinnen, mit der Europameisterschaft in Schweden ein internationales Turnier zu erreichen. Auf die erste WM warteten sie gar bis 2015. Mit einem Punkt war in Kanada in Runde eins Schluss. 2019 in Frankreich schafften Spaniens Frauen es dann bereits ins Achtelfinale. 2022 bei der EM in England soll der nächste Schritt folgen. Bis dahin soll auch Spaniens Liga endlich professionell sein.

Spaniens Fußball-Frauen: Gleichberechtigung in Ferne - Viele Ausfälle unter Corona

Nach den Kochkünsten fragt längst kein Reporter mehr. Immer mehr Spielerinnen wie Jenni Hermoso (siehe Titelbild) werden als Stars verehrt. Aber eine Gleichberechtigung von Mann und Frau im Fußball ist dennoch weit weg. Das zeigt nicht nur der zähe Weg in Richtung Profi-Liga. Sondern auch die Coronavirus-Krise: Waren die Lionel Messis und wie die Herren der Schöpfung alle heißen seit dem Neustart im Sommer 2020 in einer sicheren (finanziell aufwändigen) Blase durch Liga und Champions League geführt worden, leidet Spaniens Liga der Frauen an der Vielzahl an Ausfällen wegen Corona.

„Sie haben Sponsoren, Ärzteteams, Gehalt. Wir hatten nichts davon, zahlten sogar eine Menge Geld, um unserer Leidenschaft nachzugehen“

Victoria Hernández, spanische Fußball-Nationalspielerin in den 1970ern

Dass überhaupt einmal in Spanien Frauen mit Männern gleichberechtigt Fußball spielen werden, daran glaubt Victoria Hernández nicht – jene Ex-Kickerin, die 1972 dem Reporter mitteilte, dass sie am besten „Tortilla de patatas“ kochte. „Es interessiert im Fußball nicht, dass Frauen den Status der Herren erreichen“, meint die heutige Rentnerin in der sehenswerten Doku auf dem Youtube-Kanal „playz“. „Dazu muss man sehen, was sich im Männerfußball alles bewegt .“ Von heutigen Spielerinnen wünsche sie sich, „dass sie sehen, welche Vorarbeit wir ihnen geleistet haben.“

Spaniens Fußball-Frauen: Gestern in Córdoba - „Dass die heutigen Spielerinnen uns nicht kennen, tut weh“

„Sie haben Sponsoren, Ärzteteams, Gehalt. Wir hatten nichts davon, zahlten sogar eine Menge Geld, um unserer Leidenschaft nachzugehen“, sagt Victoria Hernández, Pionierin der spanischen Fußball-Frauen. „Dass die heutigen Spielerinnen uns nicht kennen, das tut schon weh.“

Weiter geht das schwarzweiße Video über das Fußball-Länderspiel der Frauen 1972. „Es war in Córdoba, gestern“, sagt die Reporterstimme, kurz nachdem alle Beine und Pos des in Reihe stehenden Teams in Nahaufnahme gezeigt worden sind. „Sechs Tore gab es: Fünf für die Italienerinnen. Und eines – die Ehre ist gerettet – auf der Habenseite der Spanierinnen.“

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