In einem Wettkampf bei den paralympischen Spielen gewinnt die Frau in Rot.
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Gold für Spanien in Tokio: Adiaratou Iglesias schüttelte alle Verfolger ab.

Sommerspiele 2021

Die hellhäutige Afrikanerin und das Gold in Tokio - Ein paralympisches Märchen aus Spanien

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Vor 22 Jahren wurde Adiaratou Iglesias in Mali geboren. Wegen ihrer Albino-Haut hätte sie getötet und in Stücke geschnitten werden können. Vielleicht wäre sie aber auch bloß als Kind verheiratet worden. Stattdessen wurde sie in Spanien zur Leichtathletin - und krönte sich in Tokio zur paralympischen Königin.

Tokio - Schon bei den Olympischen Spielen in Tokio sorgte Spanien für magische Momente. Man denke an das Märchen für die kleine Olympia. Doch auch die paralympischen Spiele 2021 schreiben packende Geschichten rund um Spaniens Athletinnen und Athleten. Fast zur Nebensache geraten da die vielen Medaillen aus Gold bis Bronze. Wie ein modernes Märchen liest sich das Leben des paralympischen Shootingstars Adiaratou Iglesias. Vor 22 Jahren erblickte sie in Mali das Licht der Welt, wenn auch vernebelt, wegen ihrer enormen Sehschwäche. Zudem war sie ganz anders als alle anderen Kinder. Die kleine Afrikanerin war hellhäutig.

Spanien Land
Hauptstadt: Madrid
Bevölkerung: 46,94 Millionen (2019) Eurostat

Hellhäutige Afrikanerin für Spanien in Tokio: Wie ein Stück Gold

Zur Erinnerung: Ein absoluter Krisenstaat ist Mali im Westen Afrikas. Erst vor drei Wochen töteten radikale Banden bei blutigen Attacken auf Dorfbewohner mindestens 44 Menschen. Im Juni wurden Bundeswehrsoldaten aus Deutschland bei einem Selbstmordattentat verletzt. In diesem zerrütteten Land der Armut und Angst, in einem Dorf im Hauptstadt-Distrikt Bamako, kam am 6. Februar 1999 ein besonderes Kind zur Welt. Adiaratou. Einen in Mali typischen Namen erhielt die kleine Afrikanerin, die jedoch, anders als alle, schneeweiß war. Und zudem ausgesprochen schlecht sehen konnte.

Albinismus - diese seltene Hautstörung, die zur völligen Erblindung führen kann, gilt in Adriaratous Heimatland einerseits als Fluch. Hellhäutigen Menschen, die dunkelhäutige Eltern haben, geht man - so der verbreitete Volksglaube - lieber aus dem Weg. Andererseits gelten „Albinos“ paradoxerweise als Glücksbringer, aber nur wenn es sich um Körperteile toter Menschen handelt. Um daher nicht umgebracht und in Stücke geschnitten zu werden, wurde das Mädchen mit den besonderen Merkmalen durch ihre Familie möglichst vor der Umgebung versteckt. Wie ein Stück Gold, das ja keiner stehlen durfte.

Dorf in Mali: In diesem Land kam Adiaratou Iglesias zur Welt

Es erschien kein Märchenprinz, aber eine Lehrerin aus Galicien

Als Adriaratou elf wurde, schickte die Familie sie nach Spanien. In Logroño würde sie bei Verwandten unterkommen, und zudem endlich so aussehen wie alle Menschen um sie herum. Doch leider wurde dieser Schritt für die Afrikanerin zum Desaster. Aus nicht näher bekannten Gründen landete sie alsbald im Jugendheim. Zwei Jahre harrte Adriaratou dort aus. Aber: Die Jugendliche mit den schwachen Augen hatte es durch ihre besondere Lebenssituation gelernt, besonders gut hinzuhören. Und so lernte sie auch die spanische Sprache, das Castellano, so schnell, dass die heutige Sportlerin selbst darüber staunt.

Eine Begegnung brachte die Geschichte der hellhäutigen Afrikanerin aus Mali dann zu einem fast märchenhaften Happy End. Es erschien jedoch kein Traumprinz. Sondern eine Lehrerin aus Lugo. María Lina Iglesias besuchte das Jugendheim. Sie war berührt von der Geschichte und Persönlichkeit des cleveren Mädchens mit den hellen Tönen. Iglesias fasste einen Entschluss: Sie würde die sehschwache Migrantin adoptieren. Adriaratou war einverstanden, und zog unter ihrem neuen spanischen Nachnamen nach Galicien. „Mein Leben wäre in Mali ein ganz anderes“, sagt die paralympische Sportlerin heute in spanischen Medien.

Die Schnellste im ganzen Land

Getötet und in Stücke geschnitten worden - das wäre sie vielleicht nicht. „Aber ich wäre wohl mit spätestens 14 Jahren verheiratet worden und wäre jetzt Hausfrau in einer Lehmhütte meines Dorfes“, glaubt Adiaratou Iglesias. Stattdessen machte die junge Afrikanerin Abitur - in ihrer Schule lernte sie dafür die Anzahl aller Stufen auswendig, um nicht zu stolpern. Und die gebürtige Afrikanerin kam mit dem Sport in Kontakt. Schon bei ersten Proben wurden die Trainer auf sie aufmerksam: Auf ihren drahtigen, kräftigen Körperbau. Aber vor allem ihren besonders hartnäckigen und zugleich anpassungsfähigen Spirit.

In Mali verfolgt, in Spanien adoptiert, in Tokio mit Gold gekrönt: Adiaratou Iglesias, neue paralympische Königin.

Erst war Spanien zur neuen Heimat für die hellhäutige Afrikanerin geworden. Dann wurde es auch die paralympische Leichtathletik. Wie ein Fisch, der endlich im Wasser war, flitzte Adriaratou Iglesias über die Bahnen. 2019 wurde sie WM-Zweite und brach mit 11,99 Sekunden Spaniens Rekord im 100-Meter-Lauf (Klasse T12), den sie selbst aufgestellt hatte. Als sie drauf und dran schien, die Weltspitze zu erklimmen, kam ihr das Coronavirus dazwischen. Doch aufhalten konnte auch diese Bedrohung die Neu-Spanierin nicht. 2021 wurde sie in Polen doppelte Europameisterin. In Tokio konnte „Adi“ im 100-Meter-Lauf (T13) keiner mehr halten. Gold!

Adiaratou Iglesias startet bei den Paralympics in Tokio auch im Lauf über 400 Meter (T13). Vorlauf am Donnerstag, 2. September, um 14:37 Uhr.

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