Die Wand einer Kirche
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Sie war Kirche und Burg: Jáveas Wehrkirche ist reich geschmückt doch auch sehr trutzig.

Verteidigung gegen Piraten

Geschichte der Wehrkirchen in Spanien: Burg und Gottesstätte

  • Susanne Eckert
    VonSusanne Eckert
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Im Lauf der Geschichte - im 13. und 14. Jahrhundert - baute man an Spaniens Küste Wehrkirchen. Sie waren Teil einer Strategie gegen Piraten-Angriffe. 

Trutzige Mauern, Schießscharten, Wehrgänge, Zinnen und Maschikulis – also balkonartige Vorsprünge über den Eingängen mit Löchern im Boden, durch die man Feinde, die die Tore einschlagen wollten, mit Steinen bewerfen konnte: Diese kriegerischen Elemente kennt man von Burgen, doch man findet sie auch gerade in kleinen Orten bei Kirchen, die der Landbevölkerung bei Angriffen als Zuflucht und Verteidigungsbasis dienten. „Das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit waren konfliktreiche Epochen der Geschichte, Gewalt war allgegenwärtig“, berichtet der Historiker und Museumsdirektor Ximo Bolufer. In seiner Heimatstadt Jávea in Spanien steht die Iglesia Fortaleza San Bartolomé, deren dicke Tuffsteinmauern vor Piraten-Angriffen schützen sollten und die schon seit 1931 als typisches Beispiel einer Wehrkirche unter Denkmalschutz steht.

Kirche und Burg - Wehrkirchen in Spanien: Piraten plündern und entführen

Wehrkirchen findet man in ganz Europa. Sie wurden oft in Ortschaften gebaut, die an einer lange umkämpften Verteidigungslinie standen – so findet man in Spanien besonders viele in Aragón. Die ständigen Kriege zwischen diesem Königreich und Kastilien führten dazu, dass man dort im 13. und 14. Jahrhundert zahlreiche solche Kirchen errichtete. Die befestigten Kirchen im Land Valencia dagegen befinden sich an der Küste und wurden zum Schutz gegen die Beutezüge der Piraten aus Nordafrika errichtet. Sie plünderten nicht nur kleine Städte und Dörfer, sondern entführten auch wohlhabende Bürger oder Würdenträger, um später Lösegeld zu verlangen. „Auf dem Turm der Kirche, sowie an verschiedenen Wachtürmen entlang der Küste hielten Soldaten ständig nach Piraten Ausschau“, berichtet Geschichts-Experte Bolufer. „Jávea hatte zur Verteidigung eine Stadtmauer, hinter der die Landbevölkerung bei einem Angriff zuerst Schutz suchte. Die Wehrkirche war nur ein letzter Zufluchtsort, im Falle, dass die Feinde diese Stadtmauer durchbrachen.“

Seit ihrer Restaurierung vor zwei Jahren ist Jáveas Stadtkirche schon von Weitem als Wehrkirche zu erkennen, denn der Architekt Salvador Vila hat wieder Zinnen auf dem Glockenturm angebracht. Zwei Wappen am Haupteingang belegen, wer den Bau in Spanien gegen 1513 in Auftrag gegeben hat: Der Herr von Jávea Bernardo de Gomez de Sandoval Rojas Mendoza und seine Frau Francisca Enriquez de Luna. Doch auch wichtige Familien in der Geschichte des Ortes wie die Sapena oder Vives beteiligten sich an der Finanzierung. „Der Bau war wahrscheinlich gegen 1554 beendet“, schreibt der Kunsthistoriker Victor Daniel López Lorente. „Denn damals wurde die Stadt aufgefordert, die Stadtmauer und die Kirche wegen möglicher Angriffe von Piraten-Schiffen aus Algier gut in Stand zu halten.“

Jáveas Wehrkirche: An Spaniens Küste waren Piraten-Angriffe gefürchtet.

Kirche und Burg - Wehrkirchen in Spanien: Jáveas Kirche ist die perfekte Verteidigungs-Basis

Den großen Seiteneingang der Kirche erreicht man über eine Treppe, an deren Fuß drei Kanonen von der wehrhaften Vergangenheit des Gebäudes in Spanien zeugen. Beide Tore sind reich mit schönen Tuffsteinornamenten verziert. Doch über ihnen befindet sich auch ein Willkommensgruß an ungebetene Besucher: Maschikulis – also balkonartige Vorsprünge mit Guss- oder Wurflöchern im Boden. Sie sind Teil des Wehrgangs, der hoch oben auf dem Flachdach die ganze Kirche umrundet. Auch die Mauern dort waren im Laufe der Geschichte von Zinnen gekrönt, die aber nicht wiederhergestellt worden sind. Tritt man in den ziemlich dunklen Kirchenraum und blickt nach oben, so sieht man zwei Buntglasfensterreihen. Und bei denen liegt auch der Grund für das wenige Licht im Gebäude. Diese Fenster liegen nämlich nicht nach außen hin, sondern verbergen zwei weitere Wehrgänge im oberen Drittel des Gebäudes. In Wahrheit gibt es nur je drei hohe, schmale Fenster in den Längswänden der Kirche, die diese Gänge und damit indirekt die Kirche erhellen. Auch das war Teil der Verteidigungsstrategie. Denn so konnten die wehrhaften Bürger die Kirche durch die Fenster nach außen verteidigen, die verletzlicheren Menschen im Innenraum aber blieben von den Piraten-Angriff geschützt. Die Ausstattung der Kirche ist überraschend schlicht. Den Hauptaltar krönt lediglich ein Kreuz, nur in den Seitenkapellen gibt es Altarbilder und -figuren, denn das Gotteshaus wurde im Krieg gegen Napoleon geplündert und während des Bürgerkriegs verwüstet.

Wehrkirchen: Kirche und Burg in Spanien - Hinter den Kulissen von Jáveas Stadtkirche

Ein Tor links im Altarraum führt in ein Nebenzimmer, in dem es nach altem Holz, Staub und  Weihrauch riecht. An der Wand lehnt ein riesiges, vergessenes Altarbild, auf einer Bank liegen vertrocknete Palmwedel vom letzten Osterfest, verbogene Kerzen und andere religiöse Utensilien. Den von außen so mächtigen Turm erreicht man durch zwei kleine, schmale Holztüren. Eine enge Wendeltreppe aus Tuffstein führt nach oben, ein Geländer gibt es nicht. Im Halbdunkeln sind die kleinen Stufen kaum zu erkennen. Nur ab  und zu fällt ein Lichtstreifen durch eine schlitzartige Schießscharte an der Außenwand und man erhascht einen kurzen, sehr begrenzten Blick nach draußen. Auf halber Höhe schwingt mit leisem Knarren das Holztor zu dem Wehrgang hinter einer Fenstergalerie auf. Dort scheint die spanische Sonne durch drei große Außenfenster, neben denen Steinbänke für die Wachen angebracht sind, die bei einem Piraten-Angriff Alarm geben sollen. Die Wand gegenüber besteht fast völlig aus dekorativen Buntglasfenstern, die biblische Szenen zeigen und das Licht in das Innere der Kirche weiterleiten. Ein Fensterflügel steht offen und man kann tief nach unten auf die Kirchenbänke sehen.

Es geht im Turm weiter nach oben am alten Uhrwerk vorbei auf das große Flachdach dieser Kirche in Spanien. Als erstes sieht man die Kuppeln, die wie sandfarbene Halbkugeln aus dem Boden ragen. Doch das Wichtige sind natürlich die Verteidigungs-Anlagen. Die Außenmauer, die im Laufe der Geschichte von Zinnen gekrönt war, ist so hoch, dass sie bei einem Piraten-Angriff vor Pfeilen oder Kugeln schützt. Will man nach unten schauen – oder schießen – muss man auf einen kleinen Vorsprung steigen, der an der Mauer entlang läuft. Sie ist nur an zwei Stellen unterbrochen, damit man auf einen balkonartigen Vorsprung mit Löchern im Boden heraustreten kann  – die Maschikulis. Von dort aus kann man die Menschen sehen, die sich dem Eingang der Kirche nähern – und sie beschießen oder mit großen Steinen bewerfen. Leise klingen Gesprächsfetzen durch die Löcher herauf, es ist ein seltsames Gefühl, diese Leute zu beobachten und zu hören. So nah und doch so fern. So oder so ähnlich müssen sich die Wächter damals gefühlt haben.

Die Dachterrasse des Turms der Wehrkirche ist mit Zinnen bewehrt.

Von dieser Dachterrasse aus hat man einen weiten Blick bis zum Berg Montgó - einem wahren Wanderparadies - und zum Meer. Doch es geht noch weiter hinauf. Denn auch der Glockenturm – el campanario – hat ein Flachdach, auf dem zudem noch ein paar Stufen zu einer besonders hohen Aussichtsstelle führen. Auf der Mauer, die das Turmdach umläuft, wurden bei der Sanierung der Kirche die Zinnen wieder hergestellt. Der Horizont ist weit und der Blick beeindruckend. Sogar die umstehenden Herrenhäuser aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Aussichtstürmen scheinen von hier aus klein zu sein.  Beim Abstieg erkunden wir eine Kammer, in der eine kleine und eine große Glocke hängen. Es ist 1 Uhr und die Schläge dröhnen laut durch den kleinen Raum und dann weiter bis zur Küste mit ihren Wachtürmen, die man auch von hier aus perfekt ausmachen kann. „Die Kirche in Jávea ist mit minimalen Veränderungen so erhalten, wie sie gebaut wurde“, schreibt der Kunsthistoriker und Geschichts-Experte Dr. Victor Daniel López, der die Originalpläne letztes Jahr analysiert hat. „Dieser Ort in Spanien hatte einen wichtigen Handelshafen und wuchs Anfang des 16. Jahrhunderts sehr.“ Deshalb war er für die Piraten ein besonderer Leckerbissen. Es wurden auch viele Piratenschiffe gesichtet. Doch die Verteidigungs-Anlagen führten dazu, dass sie bei Angriffen nie in den Ort eindringen und großen Schaden verursachen konnten.

Kirche und Burg - Wehrkirchen in Spanien: Strategie gegen Angriffe der Piraten

„Die Wehrkirchen waren nur Teil einer umfassenden Strategie gegen die Angriffe der Piraten aus Nordafrika auf die valencianische Küste im 15. und 16. Jahrhundert“, berichtet der auf mittelalterliche Bauten spezialisierte spanische Architekt Arturo Zaragozá. „Zwischen Vinaroz und Orihuela wurden in dieser Geschichts-Epoche Ortschaften ummauert, Wehrkirchen gebaut und Wachtürme errichtet.“ Der Statthalter des Königs (Virrey) in Valencia organisierte die Errichtung dieser Verteidigungsbauten – vor allem Vespasiano Gonzaga Colonna, Herzog von Sabbioneta, Statthalter von Felipe II. in Valencia. Zu diesem Zweck kamen Baumeister von weit her, so wurde die Kirche in Jávea von Domingo de Urteaga aus dem Baskenland entworfen und die Verteidigungs-Anlagen der Burg von Peñiscola von den italienischen Baumeistern Juan Bautista Antonelli und Bautista Antonelli.

Die runden Wachtürme an der Küste Spaniens waren so verteilt, dass man jeweils von einem Turm den nächsten sehen konnte. Sie waren mit drei Soldaten besetzt, die sich abwechselten. Tauchte ein Piratenschiff auf, so teilten sie das mit Rauch- oder Feuerzeichen den Anwohnern, aber auch den Wächtern auf dem nächsten Turm mit. Die Nachricht eilte also wie ein Lauffeuer die Küste entlang und bis zum Miguelete, dem Turm der Kathedrale in Valencia. Dort wurde der Statthalter des Königs informiert, der bei einem Angriff Truppen zur Verteidigung aussendete. Inzwischen waren die Einwohner der betroffenen Orte sowie alle örtlichen Turmwächter hinter die Stadtmauern oder in eine Burg oder Wehrkirche geflüchtet. Unter der Anleitung der Soldaten verteidigten sich die Landbevölkerungen, so gut sie konnten und harrten aus, bis die Truppen aus der geschichtsträchtigen Stadt Valencia eintrafen.

Kirche und Burg - Spaniens Wehrkirchen: Die Sprache der Glocken

„Der Turm einer Kirche war also damals weit mehr, als Dekoration für ein geistliches Gebäude“, sagt der Facharchitekt Arturo Zaragozá. „Er diente als Wach- und Meldeturm, denn er informierte zum Beispiel darüber, wie viel Uhr es war, wann der Gottesdienst begann, falls jemand starb, heiratete oder getauft wurde, wenn ein Feuer im Ort ausbrach und eben auch, ob der Ort angegriffen wurde.“

Von dieser Strategie gegen die Überfälle der Piraten aus Nordafrika auf die valencianische Küste im 15. und 16. Jahrhundert komme auch die spanische Redensart „(No) hay moros en la Costa“ (Es sind (keine) Mauren an der Küste). „Das will sagen, dass Gefahr oder eben keine besteht“, erklärt der Facharchitekt.

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