Menschen protestieren gegen Massentierhaltung.
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Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Protesten, weil kleine Bauernbetriebe kaum Überlebenschancen haben.

Konsumminister fordert Fleischbremse

Steak vor Klimaschutz: Spaniens Streit über Billigfleisch und Massentierhaltung

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Mit der Kampagne „Weniger Fleisch, mehr Leben“ schafft sich Konsumminister Albert Garzón mächtige Feinde in Spanien. Die Wissenschaft aber gibt ihm recht.

Madrid – Konsum-Minister Albert Garzón weiß, wie man sich Feinde macht. Mit seiner Kampagne „Weniger Fleisch, mehr Leben“ hat er sich der Politik, Presse und Landwirtschaft regelrecht zum Fraß vorgeworfen. Aus allen Kanälen fielen sie über ihn her, Politiker schickten ihm Fotos von Steaks und Bratwürsten, die Kommentatoren der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt RTVE wünschten ihn aus der Regierung, Landwirtschaftsminister Luis Planas sprach von einer „falschen“ Werbeaktion, Agrarverbände schimpften ihn „Lügner“ und sogar Ministerpräsident Pedro Sánchez rutschte die Fantasie in den Magen, als er Journalisten sagte: „Für mich ist ein medium gebratenes Steak unschlagbar.“

Wissenschaft über Fleischdebatte in Spanien: In „Mad Max“ gibt es keine Steaks

Die Antwort aus der Fachwelt ließ nicht lange auf sich warten. Umweltschützer warnten den Ministerpräsidenten, dass es in Filmen wie „Mad Max“ und „Waterworld“ keine Steaks mehr gebe. Und auf dieses Szenario steuere der Klimawandel auch in Spanien zu. Daher unterzeichnete die Regierung etwa im Januar die „Erklärung des Klimanotfalls“ oder das Klimaschutzabkommen von Paris. „Diese Dekade ist entscheidend für den Kampf gegen den Klimawandel. Noch haben wir die Wahl, unseren Fleischkonsum zu senken. Wenn wir einmal diese Points of no return überschritten haben, wird alles schwerer“, sagte ein Sprecher des ökologischen Netzwerks Hope.

Spanien ist einer der größten landwirtschaftlichen Produzenten Westeuropas. Die Agrar- und Viehwirtschaft des Landes beschäftigt etwa 800.000 Menschen. Darüber legt Agrarminister Luis Planas seine schützende Hand. „Diese Kampagne ist genauso falsch wie die Aussage, dass Zucker tötet“, sagte er. Ungerecht behandle sein Kollege die hart arbeitenden Viehzüchter, die jährlich 7,6 Millionen Tonnen Fleisch produzieren – und dafür etwa 70 Millionen Nutztiere schlachten.

Von wegen Naturidylle und Bauernhofromantik: Die Massentierhaltung in Spanien

Die Agrarverbände zeichnen gerne das Bild vom naturverbundenen Landwirt, der sich um sein Kalb kümmert. Diese Naturverbundenheit gibt es in den enormen Viehfarmen aber nicht. Über 90 Prozent des spanischen Schweinefleischs und Geflügels stammt aus regelrechten Viehfabriken. Dort wird eingepferchten Nutztieren häufig Futter auf Basis von Soja vorgeworfen, für dessen Anpflanzung Regenwälder abgeholzt werden. Diese Massentierhaltung im großen Stil verdrängt seit Jahren Kleinbauern. Die extensive Landwirtschaft wird regelrecht demontiert, obwohl sie weniger umweltschädlich ist, der Landflucht entgegenwirkt und Menschen gesunde Produkte liefert. Diese Art von Landwirtschaft will Garzón wohl schützen, der Markt aber will immer billiger, immer mehr.

„Wir müssen zur MittelmeerDiät zurückkehren, den Konsum von Fleisch reduzieren. Das bedeutet nicht, dass man kein Fleisch mehr essen soll. Man muss es aber unter Beachtung gesundheitlicher Vorgaben tun“, meint Garzón. Ihm geht es um die Gesundheit der Menschen und des Planeten. Der durchschnittliche Fleischkonsum der Spanier liegt an der Spitze der EU und bei über 50 Kilo Fleisch pro Jahr doppelt so hoch wie die von den Vereinten Nationen empfohlenen 26 Kilo.

Weniger Fleisch, mehr Klimaschutz: Fleischkonsum der Spanier an Spitze der EU

Würden die Spanier den Fleischkonsum etwas im Zaum halten, könnte das Land seinen Ausstoß von Treibhausgasen um 50 Prozent senken. Und 20 Prozent aller Spanier würden noch länger leben, weil Ernährungsforscher den übermäßigen Fleischkonsum für ähnlich schädlich wie Alkohol, Tabak oder Drogen halten.

Garzóns nüchterne Analyse mit Hilfe von wissenschaftlichen und von der Regierung längst anerkannten Daten hat ein abruptes Ende der politischen Grillsessionen auf Twitter herbeigeführt. Die schlechte Posse verdeutlicht, dass Politiker Klimaschutzabkommen unterzeichnen, schöne Reden schwingen, aber die Tragweite des Problems weder erfassen noch Ursachen verinnerlichen und geschweige denn den Klimawandel ernsthaft bekämpfen.

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