Ein steinernes Kreuz über einer Stadt in Spanien.
+
Spanien vor Ostern: Kreuz der Gefallenen in Monforte.

Semana Santa 2021

In Spanien am Kreuz der Gefallenen: Eine Reise am Karfreitag

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
    schließen

Warum darf an der Costa Blanca ein Symbol für Kreuzigungen herumstehen? Historische Erinnerung einmal anders: Wenn Christus heute in Spanien am Pranger stünde. Ein Gedankenspiel zur Semana Santa.

Alicante - Wir reisen am Karfreitag durch das Hinterland der Costa Blanca: Beeindruckend, wie es hier über der Stadt Monforte thront - das steinerne Kreuz. Ein Denkmal für Opfer des Bürgerkriegs. „Gloria a los Caídos“ ist am Sockel eingraviert. Ehre den Gefallenen. Ganz unparteiisch. Dabei ist klar, dass es sich um ein sogenanntes Cruz de los Caídos handelt – ein Kreuz der Gefallenen, wie sie in der Diktatur in Spanien aufgestellt wurden. Um die Toten nur des eigenen Lagers, natürlich mit einem kirchlichen Symbol, zu betrauern und glorifizieren. 150 Meter misst das bekannteste Gefallenen-Kreuz Spaniens - im „Valle de los Caídos“ bei Madrid.

KarfreitagFreitag vor Ostern
Datum: Freitag, 2. April 2021

In Spanien am Kreuz der Gefallenen: Eine Reise am Karfreitag - von 2.000 Jahren

Doch zurück an die Costa Blanca. Erstaunlich, dass es - im Gegensatz zum genannten „Tal der Gefallenen“ - hier in Monforte so ruhig um das Kreuz ist, selbst unter der linken Bürgermeisterin María Dolores Berenguer (Izquierda Unida). Ihr Lager macht in Spanien normalerweise Druck, das Gesetz zur historischen Erinnerung (Memoria Histórica) anzuwenden, und solche Denkmäler, auch wenn keine faschistischen Symbole aus Franco-Zeiten mehr darauf sind, abzusägen. Berenguer aber, als Frau des Dialogs bekannt, lässt es (vorerst) stehen.

Still steht es am Karfreitag da, das Kreuz. Ein Symbol, beladen mit 2.000 Jahren Reise durch die Geschichte. Ein gefallener Messias machte es weltberühmt. Zu seinen Lebzeiten war das Kreuz ein im Römischen Reich allseits präsentes Todesinstrument. Mit hängenden Leichen daran warnte es etwa in der römischen Provinz von Jerusalem das Volk davor, die politische Stabilität zu gefährden. Nicht viel weniger Skrupel hatte fast zwei Jahrtausende später Spaniens rechtskatholische Diktatur, die das Kreuz so liebte.

Warum darf das Kreuz hier an der Costa Blanca noch herumstehen?, kommt der Gedanke. Exekutionen, Kreuzigungen, Diktaturen sind vorbei. Im heutigen Spanien würde Christus nicht am Kreuz enden. Vielleicht aber doch?, denken wir weiter.

Machen wir zur Abwechslung - viel lässt die Corona-geprägte Semana Santa nicht zu - ein Gedankenspiel. Lassen wir den Messias eine Reise machen: aus Jerusalem ins heutige Spanien. Gäbe es nicht auch jetzt noch Teile der Gesellschaft, die ihn am liebsten am Kreuz hängen sähen? Wer wären diese Spanier?

Spanien am Karfreitag: Am Kreuz der Gefallenen - „Aussätzige“ von heute

Die einfachste Antwort lautet: Es wären die, die noch heute in Spanien alles bekämpfen, was sich auf Christus beruft. Gegner des christlichen Glaubens, der katholischen Kirche in Spanien. Die nicht nur Kreuze verbannen wollen, sondern es gar befürworten, dass im Bürgerkrieg Kapellen, Kunstwerke, Bücher brannten, und Geistliche getötet wurden. „Arderéis como en el ´36“ - „Ihr werdet brennen, wie 1936“ - ist ein populärer Schlachtruf junger Empörter gegen Spaniens Kirche. Aber reicht diese Antwort?

Die biblische Erinnerung sagt nein. Im Prozess gegen Christus am ursprünglichen Karfreitag waren nicht gerade die Gegner der etablierten Religion die treibenden Kräfte. Sondern ausgerechnet ihre strengsten Vertreter.

Schriftgelehrte, die sich empörten, weil der Nazarener am Sabbat heilte, lauter heilige Regeln brach. Der Sprung zu Spaniens Erzkonservativen ist da nicht weit. Auch diese rechtgläubige Elite wäre sicher ähnlich erbost über den Prediger und seine unfeinen Begleiter. Ehebrecherinnen, Prostituierte, all die „Aussätzigen“ unserer Zeiten, Drogenabhängige, Okupas, Menschen ohne Papiere, ohne Identität, als Ware Missbrauchte. Vielleicht würde er 2021 mit einem „Gleichnis vom barmherzigen Transsexuellen“ (alternativ zum Samariter, der in jenen Zeiten ähnlich verpönt war) provozieren.

Wenn Christus dann noch dazu aufriefe, die Kathedrale in Madrid zu zerstören (er würde sie „in drei Tagen wiederaufbauen“), hätten Francos geistige Erben schließlich auch juristisch etwas gegen ihn in der Hand. Dass sie da nicht zimperlich sind, demonstrieren sie in Spanien gern, etwa wenn das Gesetz zur historischen Erinnerung in Kraft tritt und ein Kreuz der Gefallenen aus der Franco-Zeit gefällt werden soll.

Spanien vor Ostern: Karfreitag am Kreuz der Gefallenen - Am Tisch mit Korrupten

Doch noch weiter geht die Reise der Gedanken am Karfreitag: Der Nazarener, der am Kreuz zum Gefallenen wurde, würde es sich in Spanien 2021 auch mit Pharisäern von heute verscherzen. Pharisäern in der Religion, die streng ist bei Verboten in Sachen Sexualität, aber eigene Missbräuche lieber bedeckt hält. Oder auch Pharisäern in der Politik, die hohe Moral – in Sachen Umwelt oder Bürgernähe etwa – predigen, „aber nur reden und nicht tun, was sie sagen“.

Diese Moralapostel, die sich gern „links“ geben, wären zusätzlich erbost, weil der selbsternannte Gottessohn mit Spaniens skrupellosen Finanzleuten essen würde, ganz ähnlich wie einst Zachäus oder Matthäus, der sein Jünger wurde. Von korrupten Gestalten dieser Art hat Spanien heute genug. Bilder der Treffen des Predigers mit ihnen würden auf Twitter viral gehen und das Land empören.

Doch auch Kapitalisten, die heute Religion mit Geldmacherei vermischen, würde der Nazarener verstören, indem er ihre Tische umwerfen oder Server crashen würde. Doch andererseits wäre auch die Sparte derer, die das System einreißen wollen - ob in Katalonien, gegen die Monarchie oder gar die Corona-Politik - von diesem Messias wohl schwer enttäuscht. Wie schon Judas, der Apostel, der Christus deshalb verriet, weil der, anders als erhofft, keinen Umsturz im politischen Sinne brachte.

Die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél hat in mehreren Städten Spaniens teils gewaltsame Proteste und Randale ausgelöst.

Im Volk waren damals viele genauso enttäuscht, als sie forderten, den Nazarener zu kreuzigen und dafür Barabbas, den Aufrührer gegen das Establishment, freizulassen. Wer wäre ein solcher Barabbas, ein verhafteter Systemfeind, heute? Rapper Hasél vielleicht, für viele Spanier die gekreuzigte Meinungsfreiheit in Person. Dass Kreuzigungen in Spanien zumindest in den Köpfen nicht vorbei sind, sollte nun klar sein. Ist das Kreuz vielleicht doch aktueller als gedacht?

Spanien am Karfreitag: Römisches Kreuz gesucht - Gefallen bis zum dritten Tag

Aber noch eine Gruppe fehlt uns auf der gedanklichen Reise: Die, die sich wie Pilatus am Karfreitag die Hände von Schuld reinwaschen und die Exekution am Zimmermann aus Nazareth durchführen würden. Doch von einer römischen Fremdherrschaft ist Spanien 2021 ja nicht bestimmt und hat seit 1978 auch zum Glück keine Todesstrafe.

Wie wäre es denn mit den Herren der heutigen Welt: Facebook, Google? Vielleicht hätte der allgemeine Shitstorm aus Spanien sie dazu gebracht, den unbequemen Prediger endgültig zu sperren, aus der digitalen Erinnerung zu eliminieren. Das X-Symbol zum Löschen seiner Accounts wäre in heutiger Zeit sein Ende. Sein Kreuz des Gefallenen. Zumindest - so besagt es die christliche Erinnerung - bis zum dritten Tag.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare