Olympischen Spiele in Tokio

Spanien bei Olympia 2021 - Fahnenträger und Favoriten, allein in Tokio

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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321 spanische Sportlerinnen und Sportler nehmen an den 32. Olympischen Spielen in Tokio teil, davon viele starke Persönlichkeiten und Medaillen-Favoriten. Doch Corona-Sorgen, leere Ränge und Sponsor-Rücktritte trübten die Vorfreude.

Tokio - Das hat Spanien bei Olympia noch nie gehabt. Ein Duo – eine Frau und ein Mann – führte am 23. Juli bei der Eröffnung der 32. Olympischen Spiele in Tokio die spanische Auswahl mit der rot-gold-roten spanischen Nationalflagge, an. Schwimmerin Mireia Belmonte und Kanute Saúl Craviotto – zwei spanische Asse nicht nur im Sport, sondern auch im gesellschaftlichen Engagement – übernahmen bei den auf 2021 verlegten Olympischen Spielen „2020“ die Aufgabe, mit der die Medaillen-Favoriten in Japan nicht zuletzt eine Botschaft der Gleichberechtigung aussandten.

Olympische Spiele Tokio 2020
Datum: Fr., 23. Juli 2021 – So., 8. Aug. 2021
Disziplinen: 51 (33 Sportarten)
Wettkämpfe: 339

Spanien bei Olympia in Tokio „2020“- Fahnenträger und Favoriten in Tokio

Einer Gleichberechtigung, die in Spaniens Olympia-Truppe durchaus real erscheint. Von 321 Nominierten sind bei den 137 Damen besonders große Medaillen-Hoffnungen dabei, mehr vielleicht als unter den 184 Herren. Eine starke Olympiade wäre ja Balsam, gerade auf der weiblichen Seele. Denn schließlich habe die Coronavirus-Krise besonders den (finanziell noch lange nicht ebenbürtigen) Frauensport getroffen, heißt es – nicht nur in Spanien.

Doch von dieser strukturellen Folge der Corona-Pandemie war kurz vor dem Start der Olympischen Spiele in Tokio nicht die Rede. Vielmehr ging unter den Sportlern - ob Favorit oder Geheimtipp - die Angst um, ob Olympia überhaupt stattfinde. Erstmals erwogen am Dienstag vor der Eröffnung die Veranstalter die kurzfristige Absage von „Olympia 2020“.

Die sich zuspitzende Corona-Lage in Tokio hatte Japans Regierung am 8. Juli zum Ausruf eines neuen Notstands geführt. Damit würden auch die Olympia-Ränge menschenleer bleiben. Nicht einmal Zuschauer aus Japan dürfen damit bei den Olympischen Spielen 2021 live vor Ort sein, weder bei der Eröffnung, noch bei den meisten Wettkämpfen der bis 8. August dauernden Sommerspiele. Dass aus dem Ausland – Spanien etwa – keine Fans anreisen würden, war bei der verlegten „Olympia 2020“ längst klar. Zu prekär waren die weltweiten Covid-19-Zahlen. Zu stark der Protest der Einheimischen in Tokio, die in Umfragen regelmäßig die erneute Absage der Olympischen Spiele „2020“ forderten.

Spanien bei olympischen Spielen 2021: Flug nach Tokio verzögert - Kalte Dusche Corona

Ausgerechnet ein großer Japaner versetzte den Ausrichtern kurz vor dem Start der Olympischen Spiele 2021 einen neuen Tiefschlag: Toyota – einer der Top-Sponsoren – erklärte am Montag den Ausstieg aus Olympia „2020“ in Tokio. Zu große Imageverluste bescheinigten Marketingberater dem Auto-Riesen – ob wegen der öden Stimmung, mit Wettkämpfen ganz ohne Fans, oder ob möglicher Corona-Ausbrüche.

Ja, solche sind nicht nur in Tokio Stadt, die derzeit mehr als 1.000 Corona-Neuansteckungen am Tag verzeichnet, möglich. Sondern auch in der strengstens abgeschotteten Sportler-Blase. Das wurde am Sonntag allen bewusst, als die Olympia-Organisation funkte: Im Olympischen Dorf hätten sich zwei Athleten infiziert – plus ein Offizieller. Allesamt aus demselben ausländischen Team. Zwei weitere Sportler, die nicht im Dorf beherbergt sind, wurden ebenfalls positiv getestet. Alle Beteiligten gingen in Quarantäne.

Spanien bei Olympischen Spielen in Tokio: Am Flughafen in Madrid war die Stimmung noch glänzend

Am Dienstag waren schon über 70 Corona-Fälle, die mit Olympia zusammenhängen, gelistet. Dennoch sei die Lage „im Griff“, meldete das Organisationskomitee in Tokio. „Einige Fälle sind unvermeidlich“, aber das Risiko sei weiter „minimal“, beschwichtigte auch Olympiadirektor Christophe Dubi. Von alldem ahnte der 221-köpfige spanische Tross nichts, der am Sonntag in Tokio landete und Spaniens Aufgebot für die Olympischen Spiele 2021 komplettierte. Die Sportler, Betreuer und Funktionäre hatten auch ihre eigenen Sorgen. Über sechs Stunden hatte sich ihre Abreise in Madrid verzögert.

Spanien bei Olympia „2020“ in Tokio - Bei 29 von 33 Sportarten dabei

Wegen Übergewichts im Kofferraum (27 Tonnen wogen die olympischen Gepäckstücke) und rekordverdächtiger Hitze in Madrid blieb der Flieger lange am Boden. Umso erleichterter blickten die müden Augen bei der Ankunft am Flughafen Narita drein. Glatter war am Freitag die erste Expedition geglückt, die 130 Personen aus Spanien zur Olympia gebracht hatte. Andere waren schon früher angereist, darunter das Kanu-Team um Saúl Craviotto, das schon seit Anfang Juli in Japan trainierte.

In einem grotesken Ambiente fiebert die Auswahl nun der Eröffnung der Spiele entgegen. Ob die 321 Athleten aus Spanien, oder die 11.000 aus aller Welt. Irgendwie sind sie alle allein, dort in Tokio.

Gegen die Tristesse wartet Olympia jedoch mit einem satten Programm auf. So viele Sportarten (33) und Entscheidungen (339) gab es noch nie wie in Tokio 2021. Bei 29 Sportarten ist Spanien dabei, Ausnahme nur Rugby, Baseball, Ringen, Surfen. Bei knapp 30 Entscheidungen sind laut Experten spanische Erfolge mehr als drin.

Spanien bei Olympia 2021 in Tokio: Silvia Mas und Patricia Cantero sind als Weltmeisterinnen dabei

Vor allem die Leichtathletik sorgt in Spanien für Medaillen-Träume. Kein Wunder, bei 55 spanischen Athleten. Solchen wie Ana Peleteiro, die 2021 im Dreisprung die silberne EM-Medaille gewann. Ein prägendes Olympia-Gesicht dürfte die afrikastämmige Galicierin werden, die auch für kecke Auftritte und ihren Einsatz gegen Rassismus bekannt ist. Große Hoffnungen, aus sportlicher und völkerverbindender Sicht ruhen auch auf dem vor 23 Jahren in Marokko geborenen, in Spanien aufgewachsenen Mohamed Katir. Drei Rekorde gelangen dem Langstreckenläufer zuletzt in 33 Tagen. Fast sicher eingeplant ist eine Medaille für Hürdenläufer Orlando Ortega, der in Rio 2016 Silber holte.

Ein Becken voller Medaillenpotenzial bieten Spaniens 45 Schwimmer. Allen voran Fahnenträgerin und 2016er Goldsiegerin Belmonte, die aber jüngst mit Verletzungen kämpfte. Bei den Herren ist der 22-jährige Hugo González, der im Mai EM-Gold holte, ein Top-Kandidat. Ona Carbonell dagegen führt Spaniens Synchronschwimmerinnen an.

Spanien bei Olympischen Spielen in Tokio: 51-jähriger Geher zum achten Mal bei Olympia

Mehr spanische Hoffnungen gefällig? Kein Weg führt da an Mario Mola vorbei, dem dreifachen Weltmeister im Triathlon. Oder an den Seglerinnen Silvia Mas und Patricia Cantero, die 2021 Weltmeisterinnen wurden. Auch nicht an Fátima Gálvez und Alberto Fernández im Schießen, an Adriana Cerezo im Teakwondo, und auch nicht vor dem nie alt werdenden Radfahrer Alejandro Valverde (41). Mit 51 (!) tritt Geher Jesús Ángel García gar zum achten Mal bei Olympia an.

Als absolute Garanten 2021 gelten Gewichtheberin Lydia Valentín und natürlich Spaniens Mann der Stunde, Golfer Jon Rahm, die Nummer eins der Welt. Bei so viel Klasse fallen die betrauerten Ausfälle von Rafa Nadal oder Carolina Marín fast nicht ins Gewicht. Im Mannschaftssport hoffen zudem neun spanische Teams auf Medaillen. Die Kanuten um Saúl Craviotto etwa. Die Fußballer, mit einigen jungen Kickern von der EM 2021 verstärkt. Oder die weiblichen und männlichen Basketball-Asse um die Super-Routiniers Laia Palau und Pau Gasol (beide 41). Im Handball sind sowohl Spaniens Herren als auch die „Guerreras“ (Kriegerinnen) medaillenerfahren. Im Wasserball sind beide Vizeweltmeister, die Damen gar Europameister.

Spanien bei Olympia 2021 in Tokio - Saúl Craviotto und Mireia Belmonte, Fahnenträger und Favoriten

Die 17 Medaillen aus Rio 2016 wolle Spanien übertreffen, heißt es im Vorfeld. Heimlich hoffen aber alle auf einen neuen Bestwert jenseits der 22 Medaillen von 1992. Damals, im von Olympia berauschten Barcelona, war es aber gerade für Spanien das genaue Gegenteil der abgeschotteten 2021er Corona-Sommerspiele, bei denen Anfeuerungsrufe vom Tonband kommen und Fans per Selfie-Videos eingeblendet werden sollen. In Tokio wird sich die rot-gelb-rote Auswahl allein zu Erfolgen motivieren müssen. Die dafür nötigen Fahnenträgerinnen und -träger - das steht trotz aller Sorgen im Vorfeld fest - sind aber da.

Rubriklistenbild: © COE / Diego Souto

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