Sommerspiele 2021 beendet

Ein Märchen für Olympia - Spaniens andere Tokio-Bilanz

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
    schließen

Mit 17 Medaillen kehrt Spanien aus Tokio heim. Statt eines Rafa Nadal feierten eher unbekannte Sportlerinnen und Sportler Erfolge - und setzten starke Zeichen für die Akzeptanz. Warum niemand abgeschrieben werden sollte: Kein dunkelhäutiger Migrant, keine Mutter mit Doppelbelastung und kein Kind aus zerrütteten Verhältnissen.

Tokio - Auch unter der Corona-Maske konnte Sandra Sánchez, Spaniens Goldmedaillen-Gewinnerin in Karate, ihr Strahlen nicht verbergen. Die 39-Jährige trug bei der rauschenden Abschlussfeier der Olympischen Spiele 2021 in Tokio am Sonntag die rot-gold-rote spanische Flagge. Auf bewegte und durchaus erfolgreiche Sommerspiele blickt Spanien zurück. Mit 17 Medaillen fällt die Bilanz der Spanier aus wie 2016 in Rio, wenn auch 2021 statt sieben „nur“ drei aus Gold dabei waren. Sicher wären es ohne die Ausfälle und Fitnessprobleme von Olympia-Größen wie Rafa Nadal oder Mireia Belmonte mehr gewesen. Dennoch schrieben Sandra Sánchez und Co. in Tokio olympische Geschichte und manches Märchen, so wie das von Turner Ray Zapata und seiner Tochter Olympia.

Spanien bei Olympischen Spielen in Tokio: Medaillen im Überblick

  • Gold: Fátima Gálvez/Alberto Fernández (Trap-Schießen), Sandra Sánchez (Karate-Kata), Alberto Ginés (Klettern).
  • Silber: Adriana Cerezo (Taekwondo –49 kg), Maialen Chourraut (Kanu-Slalom), Rayderley Zapata (Kunstturnen), María Teresa Portela (K1-Kanu 200 Meter), Damían Quintero (Karate-Kata), Saúl Craviotto/Marcus Walz/Carlos Arévalo/Rodrigo Germade (K4-Kanu: 500 Meter), Wasserballerinnen, Fußball-Herren
  • Bronze: David Valero (Mountainbike), Pablo Carreño (Tennis), Ana Peleteiro (Leichtathletik/Dreisprung), Joan Cardona (Finn-Segeln), Jordi Xammar/Nicolás Rodríguez (470-Segeln), Handball-Herren

Ein Märchen für Olympia: Vom Turner, der viel zu spät begann

Mit Fingern geformte Herzen. Große Flaggen, als Umhang getragen. Das sah man in Jubelmomenten bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 ja öfter. Aber ein Lätzchen mit der Aufschrift „Olympia“? Ein solches zog einer der spanischen Helden dieser Tage hervor, beim Feiern seiner Silbermedaille: Ray Zapata. Nach seinem kapitalen Auftritt im Bodenturnen am Sonntag, 1. August, war das bedruckte Lätzchen die Widmung für die gerade zwei Monate alt gewordene Tochter, der er und Ehefrau Susana Sanz den sportlichsten aller Namen gaben: Olympia.

Bei der Olympia-Abschlussfeier trug Karate-Goldgewinnerin Sandra Sánchez (39) Spaniens Flagge.

Ein einziges Märchen ist das Jahr 2021 für das Paar aus Spanien. Die Geburt eines gesunden ersten Kindes am 31. Mai, dann Rayderleys – so lautet Zapatas kompletter Vorname – Olympia-Auftritt in Tokio. Und dort, mit 28 Jahren die erste olympische Medaille, nur um ein Haar an Gold vorbei - punktgleich mit Sieger Artem Dolgopyat aus Israel. Fast unheimlich virtuos vereinte Zapata durch die Luft fliegend Ästhetik, Kraft und Präzision. Wie gut, dass im digitalen Zeitalter die Show so gut festgehalten ist, damit auch Tochter Olympia, wenn sie alt genug ist, auf ihre Kosten kommen kann.

Ein olympisches Wunder ist die Geschichte um ihren Papa sowieso. Mit neun Jahren zog Ray Zapata mit seiner Familie aus der Dominikanischen Republik nach Spanien um. Vom Turnen wusste er zunächst herzlich wenig. Doch ausgerechnet in diesem Sport fand der junge Migrant seinen Weg für die Integration. Dabei musste der Sportler jedoch gerade im eigenen Umfeld allerlei Hindernisse überwinden, besonders die vielen Vorurteile: Turnen? Das sei doch was für Mädchen.

Spanien bei Olympischen Spielen 2021: Von weiblichen Kräften getragen

Für eine internationale Karriere - geschweige denn für die Teilnahme an Olympischen Spielen - war Ray Zapata eigentlich viel zu spät gestartet. Die besten Turner debütieren bereits als Teenager bei internationalen Turnieren. Doch der Spätstarter zeigte es allen. Als er 2015 in Glasgow die WM-Bronzemedaille gewann, schien das für den spanischen Sportler die Krönung zu sein. Vor Olympia 2021 in Tokio hatte ihn auch in Spanien - wieder einmal - keiner auf der Rechnung. Doch dann flog er am 1. August durch die Luft, getragen wie von übernatürlicher Kraft.

Spanien bei Olympischen Spielen in Tokio: Ray Zapata gewann Silber und widmete es der Tochter.

Getragen wurde Ray Zapata in Tokio aber in besonderer Weise von weiblichen Kräften: Seiner Ehefrau Susana, seiner Tochter Olympia, aber auch von Raysa Serrano, der tapferen Mutter, die einst mit drei Kindern aus der Dominikanischen Republik quer über den Atlantik nach Europa zog. Finanzielle Nöte waren der Grund für die Migration. Doch auf Lanzarote, wo die Familie sich niederieß, wurde es zunächst kaum besser. Mit seinem bescheidenen Gehalt, den Ray Zapata durch den Sport erhielt, musste er seine Mutter sogar vor einer Wohnungs-Räumung retten.

Das olympische Silber in Tokio 2021 sollte Ray Zapata, der für den Deutschen TuS Vinnhorst turnt, nun endgültig die finanzielle Basis garantieren, um seine Familie aufrechtzuerhalten. Sein Gesicht, das ist sicher, hat sich in Spaniens Olympia-Historie verewigt. Gesetzt hat der spanische Turner aber auch starke Zeichen für die Akzeptanz: Wer seine Geschichte kennt, wird wohl weder eine dunkelhäutige Migranten-Familie noch einen Jungen in einem vermeintlichen Mädchensport so schnell abschreiben. Es sind Botschaften, die zu diesen Olympischen Spielen ganz gut passten.

Spanien bei Olympia in Tokio: „Oldies“ holen Kanu-Silber

Denn die Veranstalter der Olympischen Spiele in Tokio und das spanische Olympische Komitee hatten es sich 2021 auf die Fahnen geschrieben, Signale in Richtung Toleranz und Gleichberechtigung von Mann und Frau zu senden. So trugen auch für Spanien mit Mireia Belmonte und Saúl Craviotto erstmals eine Frau und ein Mann gemeinsam die Flagge bei der Olympia-Eröffnung. Aber bedenkt man, dass von 321 nach Tokio gereisten spanischen Sportlern, die Frauen mit 137 in der Unterzahl waren, sind auch ihre sieben Medaillen - von den 17 für Spanien insgesamt - Gold wert.

Spanien bei Olympia in Tokio: Kanutin María Teresa Portela sorgt für ein Olympia-Märchen.

Besondere Beachtung verdienen bei Olympia 2021 die Silbermedaillen der spanischen Kanu-Sportlerinnen María Teresa Portela und Malen Chourraut. 39 und 38 Jahre alt, beide Mütter junger Töchter: Portela brachte vor sieben Jahren Naira, Chourraut vor acht Ane zur Welt. Beide Sportlerinnen flogen als „Oldies“ nach Tokio. María Teresa Portela würde höchstens durch ihre sechste Teilnahme an den Olympischen Spielen Aufsehen erregen, dachte man. Doch die Kanutin schaffte über 200 Meter viel mehr: ihre erste olympische Medaille. Malen Chourraut hatte im Kanu-Slalom bereits 2012 und 2016 Bronze und Gold gewonnen.

Als Mutter bei Olympischen Spielen - Bessere Zeiten für Naira, Ane und Olympia?

Eine weitere solche Olympia-Heldin ist Ona Carbonell. Hätten die Olympischen Spiele 2020 stattgefunden, hätte die Synchronschwimmerin nicht teilnehmen können: Im August kam ihr Sohn Kai zur Welt. Die Tokio-Teilnahme 2021 stellte Carbonell vor ein Dilemma: Die Organisatoren verboten es ihr das Kind mitzunehmen. Die Spanierin würde das Stillen unterbrechen und Kais ersten Geburtstag in der Ferne begehen müssen. Ein großer Schlag für die Mama. Schweren Herzens flog sie allein, und führte ihr junges Team als Kapitänin zwar nicht zur Medaille, doch zu einer starken Kür mit Botschaften für die Integration behinderter Menschen.

Kinder haben und Top-Sport betreiben? Unmöglich sei das, zumindest als Frau. So lautet immer noch ein Dogma der nationalen wie internationalen Sportbranche. Auch in Zeiten noch, in denen ein Elfjähriger aus der Dominikanischen Republik vom Turn-Beginner in Spanien zum Olympia-Star aufsteigen kann. Wird es anders sein, wenn sie selbst einmal um Medaillen kämpfen: Ob Naira, Ane, Kai oder Olympia?

Bei Olympia in Tokio setzte Ana Peleteiro aus Spanien sportliche und gesellschaftliche Akzente.

Das persönliche Märchen der zweimonatigen Olympia Zapata endete 2021 übrigens nicht mit Papas silbernem Erfolg im Turnen. Am selben Sonntag brach in Tokio eine gewisse Ana Peleteiro mit 14,87 Metern Spaniens Rekord im Dreisprung: Bronze! Auch sie, so ein spanisches Wunder bei den olympischen Spielen. 1995 in Galicien in zerrütteten Verhältnissen geboren, durch eine Familie adoptiert. Wer ihr biologischer Vater ist, von dem sie die Hautfarbe erbte, weiß sie nicht. „Farbig? Ich bin schwarz und Galicierin“, betont sie jedoch gern und bringt so das rechte Spanien in Rage. Und Ana Peleteiro ist noch mehr: Die Taufpatin von Olympia.

Rubriklistenbild: © RTVE

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare