Sommerspiele 2021

Spaniens Paralympics: Debütantin mit Gold, Silber und Bronze - Lichter und Schatten in Tokio

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Ein Feuerwerk brannte Spanien bei den Paralympischen Spielen in Tokio ab - dank vieler frischer Gesichter, allem voran von Frauen. Warum jedoch nicht alles Gold war, was fröhlich die Flagge schwang, und welche große Sportler-Gruppe fast nur durch Abwesenheit glänzte.

Tokio - Das kann man mal so machen. Mit 27 Jahren bei den Paralympischen Spielen zu debütieren und prompt das volle Medaillen-Set absahnen: Mit Gold, Silber und Bronze fliegt die Schwimmerin Marta Fernández nach Spanien heim. Unter vielen Glanzlichtern in Tokio war ihre Leistung die vielleicht schillerndste. Kein Wunder, dass sie bei der Abschlussfeier die spanische Nationalflagge trug. Mit 36 Medaillen und 131 Diplomen freut sich das spanische Paralympics-Aufgebot über durchaus glänzende Sommerspiele, die auch dank der Debütanten und vor allem Debütantinnen einen spanischen Abwärtstrend stoppten.

Spanien Land
Hauptstadt: Madrid
Bevölkerung: 46,94 Millionen (2019)

Spaniens Paralympics-Debütantin fliegt mit Gold, Silber und Bronze heim

Denn: Seit den sagenhaften 107 Medaillen bei den Paralympischen Spielen in Barcelona - auch Spaniens Olympia-Sportler erlebten 1992 einen Medaillen-Rausch - ging es stetig bergab. „Nur“ noch 31 mal Gold, Silber oder Bronze erzielte Spanien bei den Paralympics 2016 in Rio. Nun aber zeichnet sich die Wende ab. Von diesmal 36 Medaillen gewannen in Tokio die paralympischen Debütanten elf. Ein positiver Trend kommt zudem für die Gleichberechtigung hinzu: 15 Medaillen eroberten die spanischen Frauen. Also 41 Prozent - ein Top-Wert, bei nur 33 Prozent weiblicher Sportler im Aufgebot.

Wie erwartet wurde bei den Paralympics 2021 der Wassersport zu Spaniens größtem Medaillen-Lieferanten. 14 Medaillen fischten die Spanier in Tokio aus den Schwimmbecken. Die Paralympics-Debütantin Marta Fernández fliegt gleich mit drei heim. Je zwei holten Toni Ponce, Nuria Marqués und Sarai Gascón. Teresa Perales (Silber) eroberte mit 45 Jahren sogar ihre 27. Paralympische Medaille. Doch auch in der Leichtathletik erlebte Spanien emotionale Höhepunkte wie das paralympische Märchen um die gebürtige Afrikanerin Adiaratou Iglesias. Ferner steigerte sich der Radsport gegenüber Rio 2016, wie auch Judo oder Tischtennis.

Nur eine Medaille für Sportlerin mit geistiger Behinderung

Am Ende der Paralympischen Spiele in Tokio stand Spanien auf Platz 15 des Medaillenspiegels. Vielleicht keine überragende Position auf den ersten Blick. Aber durchaus beeindruckend, wenn man bedenkt, dass das Ranking auch als Gradmesser der Förderung von Menschen mit Behinderungen und damit der Inklusion und Diversität im Land wahrgenommen wird. Andererseits: Gerade im Vergleich zum Gesamtsieger China, das 2021 überwältigende 207 Medaillen gewann (96 aus Gold), aber auch Großbritannien (124, 41 aus Gold) und den USA (104, 37) scheint der Zug der Top-Nationen in weiter Ferne zu sein.

Doch ein weiterer Umstand sollte nachdenklich machen. Mit Medaillen für sieben verschiedene Sportverbände fliegen Spaniens paralympische Sportlerinnen und Sportler aus Tokio heim. Davon ging jedoch nur eine Medaille - die aus Gold von Schwimmerin Michelle Alonso - an den Verband für geistige Behinderungen, FEDDI. Im Vorfeld kündigte Spaniens Paralympisches Komitee Alonso als erste Fahnenträgerin von FEDDI an. Es sollte - neben einer Auszeichnung für Alonsos großartige Paralympics-Laufbahn - ein Zeichen der Inklusion von Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen sein. Doch der Schein trügt.

Spaniens Paralympics-Newcomerin: Marta Fernández fliegt aus Tokio mit Gold, Silber und Bronze heim.

Kaum Sportler mit geistigen Behinderungen dabei - Spaniens dunkle Stunde

Denn Sportler mit geistigen Behinderungen glänzten auch bei den Paralympischen Spielen in Tokio 2021 fast ausschließlich durch Abwesenheit. International gesehen waren von 4.400 Athleten insgesamt nur 120 mit intellektueller Schwäche dabei. Also nur 0,3 Prozent! Spanien ist an diesem traurigen Wert übrigens nicht unbeteiligt. 2000, bei den Paralympics in Sydney, war es der Betrug des spanischen Basketball-Teams, in dem einige Spieler ihre Behinderung vortäuschten, der das Internationale Paralympische Komitee (IPC) dazu brachte, den Sport mit intellektueller Beeinträchtigungen zu streichen.

Erst 2012 in London traten wieder einige wenige Athleten mit geistigen Behinderungen in der Leichtathletik oder im Schwimmen an. Seitdem kündigt IPC immer wieder die stärkere Inklusion dieser Sportler-Gruppe an. In Tokio war davon aber nichts zu sehen. Eine spezielle Arbeitsgruppe sei zumindest gegründet. Doch große Zweifel bestehen daran, dass sich bis zu den Paralympics in Paris 2024, in nur drei Jahren, eine neue Tendenz einstellt. Ein Grund ist die sowieso immer unübersichtlicher werdende Wertung. Schon bei den körperlichen Einschränkungen können viele Sportler ihre eigenen Klassen nicht nachvollziehen.

Wer soll da mitkommen? Wettkampf-Wirrwarr öffnet Betrug die Tür

Selbst Spaniens Triple-Medaillen-Debütantin Marta Fernández trat bei den Paralympics in Tokio je nach Wettkampf in verschiedenen Klassen an. Einmal übertraf sie den Weltrekord ihrer Klasse (S4), wurde jedoch im Rennen nicht Erste. Wo schon Zuschauer kaum mit dem Verständnis nachkommen, ist zudem Tür und Tor für Betrügereien geöffnet. Zumal jedes Land seine ganz eigenen Definitionen von Behinderung hat. Und bei den geistigen Behinderungen unterscheiden sich die Klassifizierungen nochmals stark: Ob Down-Syndrom, Lernschwächen oder Konzentrationsschwierigkeiten wie bei Gold-Siegerin Michelle Alonso.

Gymnastinnen und Gymnast mit Behinderungen von der Costa Blanca: Preisverleihung bei Meisterschaft 2021.

Um Sportler mit geistiger Behinderung jedoch in die Paralympischen Spiele stärker einzugliedern, muss das IPC neue Startklassen schaffen. Müssen dann aber Athleten mit körperlichen Behinderungen auf Startplätze verzichten? Dieses Bedenken ist unter den Athleten durchaus verbreitet. Zudem sind für diese Inklusion neue Förderprogramme vonnöten. In Spanien haben laut Nationalem Statistik-Institut (INE) etwa 700.000 Menschen eine intellektuelle Behinderung. Aber nur ein kleiner Bruchteil davon macht überhaupt Sport. Allein ums mediale Dabeisein kämpfen etwa die Gymnastinnen mit Down-Syndrom von der Costa Blanca.

Paralympics-Gigant China: Land der Inklusion oder brutaler Selektion?

Doch noch eine Kritik an den Paralympics stellt sich ein. Hier geht der Blick zunächst auf China, den aktuellen Paralympics-Giganten. Zur Jahrtausendwende 2000 entdeckte das politisch von der Kommunistischen Partei autoritär regierte Land die Paralympics als Schaufenster, um sich international wie national als Land des Fortschritts zu profilieren. Millionenschwere Auswahlprojekte fördert seitdem die Regierung, um in unterschiedlichsten Einrichtungen - ob Schulen, Krankenhäusern oder Hilfswerken - zehntausende Kandidaten für paralympische Medaillen zu finden.

Von einem „brutalen Selektionsprozess“ sprechen Paralympics-Experten wie der Deutsche Karl Quade. Der Erfolg scheint China zwar recht zu geben. Aber spiegelt er die tatsächliche Wertschätzung von Menschen mit Behinderungen im Land wieder? Dem sei nicht so, meint der Brite Stephen Hallett, der mit einer Sehbehinderung mehrere Jahre in China lebte, in einem BBC-Dokumentarfilm. Zwar würden auch in chinesischen Städten immer mehr Bereiche barrierefrei. Andererseits jedoch würden Menschen mit Behinderungen in der Bildung und im Arbeitsmarkt zusehends benachteiligt.

Paralympics-Abschlussfeier in Tokio: Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris, hält die Paralympische Flagge.

Im Schatten der Glanzlichter - Diskriminiert durch Paralympics-Mentalität?

Der Grund dafür soll ausgerechnet die chinesische Paralympics-Mentalität sein - und das entsprechende System mit der erbarmungslosen Auslese der Erfolgsgaranten. Nur die Menschen, die auf dem internationalen Parkett Medaillen versprechen, zählten in China etwas. Der Rest, der sozusagen nicht über die eigene Behinderung hinauszuwachsen vermag, falle unter den Tisch und werde - wie gehabt - von der Gesellschaft diskriminiert.

Doch ist die Frage erlaubt, ob diese Mentalität nur in Asien zu finden ist. Auch hierzulande heißen beileibe nicht alle Marta Fernández. Die sympathische Paralympics-Debütantin hat es sich mit ihren drei Medaillen auf einen Streich, in nur einem Sommer in Tokio, redlich verdient, bei der Abschlussfeier Spaniens Flagge zu tragen. Was aber ist mit all denen, die ihr Leben lang kein Gold, kein Silber, kein Bronze gewinnen werden? Stellt sie auch die westliche Gesellschaft, die gern die Flagge der Inklusion und Diversität schwenkt, nicht allzu oft in den Schatten?

Rubriklistenbild: © Karl-Josef Hildenbrand / dpa

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