Sommerspiele 2021

Glanzlichter in Tokio: 45-jährige Schwimmerin aus Spanien holt Paralympics-Silber - „Nicht in meinen besten Träumen“

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
    schließen

20 Medaillen hat Spanien in der ersten Halbzeit der Paralympischen Spiele 2021 erobert. Für Ausrufezeichen sorgen Legenden wie Teresa Perales, aber auch einige Neulinge mit unbändiger Moral.

Update, 31. August: Am Dienstagmorgen wacht Spanien bereits mit sieben Goldmedaillen bei den Paralympischen Spielen in Tokio auf. Sergio Garrote lässt im Straßen-Zeitfahren (H2-Klasse) die Konkurrenz hinter sich und erringt als Paralympics-Debütant die Medaille für den ersten Platz. „Nicht in meinen besten Träumen“ hätte der 41-Jährige einen solchen Erfolg erwartet. Garrote widme ihn seiner Frau Miriam, der gemeinsamen Tochter und der ganzen Familie, die ihn „ausgehalten und unterstützt“ habe. Vor 20 Jahren stürzte der einstige Bauarbeiter folgenschwer und kann seitdem nicht laufen. Heute ist der Spanier Gold-Gewinner.

  • Paralympische Spiele in Tokio 2021 - Spaniens Medaillen (Stand 31. August).
  • 7 mal Gold: Alfonso Cabello (Bahnrad-Zeitfahren), Gerard Descarrega (Leichtathletik, 400 Meter, T11), Yassine Ouhdadi (5.000 Meter Lauf, T13), Kim López (Kugelstoßen, F12), Michelle Alonso (100 Meter Brustschwimmen, SB13), Susana Rodríguez (Triathlon, PTVI), Sergio Garrote (Straßen-Zeitfahren, H2).
  • 11 mal Silber: Miguel Luque (50 Meter Brustschwimmen, S3), Toni Ponce (200 Meter Freistil sowie 100 Meter Brustschwimmen, S5), Sara Martínez (Weitsprung, T12), Marta Fernández (50 Meter Schmetterling, S5), Nuria Marqués (100 Meter Rückenschwimmen, S9), Óscar Salguero (100 Meter Brustschwimmen, SB8), Iñigo Llopis (100 Meter Rückenschwimmen, S8), Héctor Catalá (Triathlon PTVI), Sergio Ibáñez (Judo -66 Kilo), Teresa Perales (50 Meter Rückenschwimmen, S5).
  • 4 mal Bronze: Alfonso Cabello, Pablo Jaramillo, Ricardo Ten (Bahnrad, C1-5), Eva María Moral (Triathlon PTWC), Alejandro Sänchez (Triathlon PTS4), Christian Venge Balboa (Straßen-Zeitfahren, B).

Tokio - Die erste Halbzeit in Tokio ist vorbei. Für Spanien sind es bei 20 Medaillen bisher glänzende Paralympische Spiele. Dafür sorgten nicht zuletzt die spanischen Fahnenträger 2021: Michelle Alonso, die mit Ricardo Ten bei der Eröffnung die spanische Flagge trug, holte am Sonntag über 100 Meter Brustschwimmen ihr drittes Olympia-Gold. Ten hatte zuvor im Bahnrad-Teamsprint Bronze gewonnen. Am Montag sicherte Teresa Perales Spaniens 20. Medaille. Die 45-jährige Schwimmerin wurde über 50 Meter Rücken nur von der Chinesin Lu Dong überholt. Das Silber war Perales‘ 27. Medaille in ihren sechsten Paralympics - Wahnsinn!

Spanien bei Paralympics in Tokio: 45-jährige Schwimmerin trotzt Verletzung

Auch wenn Teresa Perales schon vor Tokio Spaniens erfolgreichste paralympische Medaillen-Sammlerin war, hatten ihr 2021 nicht viele einen solchen Erfolg zugetraut. Noch im Mai wurde die Schwimmerin bei der Europameisterschaft in Madeira von einer Schulterverletzung jäh gestoppt. Wochenlang trainierte die Spanierin, die in der Startklasse S5 schwimmt, nur mit einem Arm. Würde es überhaupt fürs Finale reichen? Selbst das zog die 45-jährige Mutter des elfjährigen Mariano vor dem Start in Tokio in Zweifel. Nun kann sie sogar in der 4x100 Meter-Staffel bei den Paralympics 2021 eine weitere Medaille holen.

Spanien bei Paralympics in Tokio: Gerard Descarrega (rechts) gelingt Gold, wie in Rio 2016. Der Katalane wurde vor 27 Jahren gesund geboren und erblindete als Kind.

Mit 19 Jahren hatte die Schwimmerin, die Spanien bei den Paralympischen Spielen in Tokio die 20. Medaille bescherte, wegen einer Nervenkrankheit die Kontrolle über ihre Beine verloren. Seitdem bewegt sich Teresa Perales außerhalb des Beckens im Rollstuhl. Bereits seit seiner Geburt ist dagegen Miguel Luque auf den Rollstuhl angewiesen. Der 44-jährige Schwimmer, auch so eine spanische Paralympics-Legende, holte am 25. August mit Silber über 50 Meter Brust (SB3) in Tokio Spaniens erste Medaille 2021. In der zweiten Halbzeit der Paralympics, am 3. September, kann er über 50 Meter Rückenschwimmen sogar nochmals auftrumpfen.

Ohne Unterarm zu Gold in Tokio: Radsportler lässt Spanien jubeln

Spaniens Stärke im paralympischen Schwimmen untermauerte in Tokio gleich mit einem doppelten Silber-Erfolg Antoni „Toni“ Ponce. Zunächst wurde der 34-jährige S5-Schwimmer über 200 Meter Freistil im Finale zweiter, dann auch über 100 Meter Brust. Spaniens erste Goldmedaille bei den Paralympics in Tokio 2021 holte dagegen Alfonso Cabello im 1.000 Meter Bahnrad-Zeitfahren. Das Kunststück war dem Sportler, der ohne linken Unterarm geboren wurde, bereits 2012 in London gelungen. Ein vielumjubeltes Debüt gelang in Tokio dagegen einer Dame auf der Erfolgswelle: Schwimmerin Marta Fernández.

Vor 27 Jahren wurde Marta Fernández in Burgos mit Zerebralparese geboren. Ihre Familie setzte bei ihrer Rehabilitation auf den Sport. Und den mochte die kleine Marta keineswegs gern. Sie könne sich noch an ihre Wasser-Phobie erinnern, lacht die Spanierin heute. „Im Sommercamp ging ich nie in den Pool“, sagt Fernández. „Nun will ich gar nicht heraus.“ In den vergangenen Monaten setzte die Schwimmerin bereits nationale Ausrufezeichen. In Tokio trat sie über 50 Meter Schmetteriling in einer höheren Klasse (S5) an als die ihre (S4). Sprich: Die Rivalinnen wiesen einen niedrigeren Grad an Behinderungen auf.

„Time“-Cover und Paralympics-Gold: Susana Rodríguez, blinde Albino-Frau und engagierte Ärztin.

Der blinde Judoka, der gegen Rivalen ohne Behinderungen antritt

Doch Marta Fernández wurde hinter Lu Dong dennoch zweite - und knackte mit einer Zeit von 40,22 den Weltrekord in ihrer Klasse, den sie selbst aufgestellt hatte. Denkbar knapp an Gold vorbei schrammte bei den Paralympics in Tokio dagegen ein Debütant im Judo, Sergio Ibáñez. In Spanien ist der 22-Jährige ein keineswegs unbeschriebenes Blatt. 2018 gewann der gänzlich blinde Sportler Silber in der nationalen Meisterschaft - gegen Gegner ohne jede Behinderungen. In Tokio unterlag Ibáñez erst im Finale der unter 66 Kilo-Klasse gegen den Usbeken Uchkun Kuranbaev. 0:1 - nach einer umstittenen Schiedsrichter-Entscheidung.

Die erste paralympische Medaille, und gleich eine aus Gold, gewann in Tokio Susana Rodríguez. Die Triathletin wurde vor 33 Jahren mit Albinismus und enormer Sehschwäche (fünf und acht Prozent Sehkraft) geboren. 2021 landete sie nicht nur wegen des Sports in den Schlagzeilen. Sondern auch als Ärztin, zu der die Galicierin 2015 wurde. 2021 nahm das US-Magazin „Time“ die blinde Spanierin mit der hellen Haut auf die Titelseite - wegen ihres medizinischen Engagements in der Coronavirus-Pandemie. Auch die spanische Organisation für blinde Menschen ONCE widmete Rodríguez 2021 einen Lottoschein.

Nicht nur Medaillen zählen - Erster Basketballerinnen-Jubel seit 1992

Susana Rodríguez ist auch Spaniens erste Sportlerin, die bei Paralympischen Spielen in zwei Sportarten aufläuft. Nach ihrem Triathlon-Triumph lief sie als Leichtathletin über 1.500-Meter (T11) auf Platz fünf ein. Nun ist sie eine Kandidatin für den Sportler-Ausschuss im Internationalen Paralympischen Komitee. Eine unbändige Moral zeichnet Spaniens Paralympics-Sportler aus. Eine Triathletin trägt sie sogar im Namen - Eva Moral. Die 39-Jährige erlitt 2013 beim Mountainbiken einen Unfall, der ihr eine Querschnittslähmung zufügte. Neun Jahre später bejubelte die Juristin in Tokio ihre erste paralympische Medaille aus Bronze.

Bronze in Tokio: Eva Moral aus Spanien bejubelt ihre erste paralympische Medaille. 2013 wurde sie durch einen Mountainbike-Unfall querschnittsgelähmt.

Mit 20 Medaillen nach der ersten Halbzeit ist Spanien auf dem besten Weg, die Paralympischen Spiele 2016 in Rio zu toppen. Damals landeten die spanischen Sportler mit 31 Medaillen auf Platz elf des Gesamtrankings. Doch es sind nicht nur die Medaillen, die zählen. Auch ein vermeintlich einfacher Sieg kann in Tokio 2021 für große Emotionen sorgen: Mit einem deutlichen 80:8 schlugen die Spanierinnen im Rollstuhl-Basketball Algerien. Und bejubelten damit 29 Jahre nach den Sommerspielen 1992 in Barcelona, als ihr Nationalteam debütierte, ihren ersten Sieg in einem Paralympics-Match überhaupt.

Rubriklistenbild: © Efe / Mikael Helsing / Cpe

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare