Paralympics 2021

Spanien bei den Paralympischen Spielen in Tokio: Fahnenträger und Favoriten 2021

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Am 24. August steigt die Eröffnung der Paralympics in Tokio. Spaniens Flagge tragen zwei schillernde Figuren des Sports von Menschen mit Behinderungen. Ihre Geschichten, Erfolge und Neustarts.

Tokio – Noch lange ist das Feuer der Fackel nicht verloschen. Nur wird aus der olympischen Flamme in Tokio eine paralympische. Am 24. August werden in Japan die Sommerspiele für Sportler mit Behinderungen eröffnet. Dann tragen erstmals, wie bei den Olympischen Spielen 2021, als Zeichen der Gleichberechtigung weiblich-männliche Paare die Landesflaggen. Spaniens Fahnenträger sind zwei schillernde Figuren der Paralympischen Spiele: Schwimmerin Michelle Alonso und Radfahrer Ricardo Ten. 139 Athleten treten für Spanien an, 28 mehr als in Rio 2016, wo die Spanier 31 Medaillen holten, neun aus Gold, 14 aus Silber, acht aus Bronze.

Sommer-Paralympics 2020 Paralympische Spiele
Datum: Di., 24. Aug. 2021 – So., 5. Sept. 2021
Ort: Präfektur Tokio
Stadion: Nationalstadion

Spanien bei Paralympischen Spielen: Fahnenträger in Tokio ohne Corona-Stress

Vor allem im Schwimmen, Leichtathletik und Radfahren rechnet sich Spanien bei den Paralympischen Spielen in Tokio Medaillen-Chancen aus. Besonders viele spanische Favoriten sind 2021 in diesen Sportarten vertreten. Die Fahnenträger Michelle Alonso und Ricardo Ten gehören dazu. Nicht nur setzen sie als gemischtes Paar, das Spaniens rot-gold-rote Nationalflagge bei der Eröffnungsfeier der Paralympics tragen wird, ein Zeichen für die Gleichberechtigung. Sondern wächst 2021 der Anteil der Frauen im spanischen Aufgebot gegenüber Rio 2016 von 25 auf 33 Prozent - immerhin!

Einen Vorteil haben die Sportlerinnen und Sportler bei den Paralympischen Spielen in Tokio gegenüber den Olympia-Athleten vor einigen Wochen. Die Eröffnung der Paralympics ist keineswegs von derselben Unruhe wegen der Coronavirus-Lage begleitet. Japan hat ein positives Fazit zu den Olympischen Spielen gezogen, bei denen Spanien 17 Medaillen und manches Olympia-Märchen gelang. Die paralympischen Athleten können sich in einem viel ruhigeren Umfeld voll auf den Sport konzentrieren. Das kommt auch Spaniens beiden Fahnenträgern zugute, Michelle Alonso und Ricardo Ten.

Spaniens Michelle Alonso: Von Außenseiterin zur Gold-Schwimmerin

Weil die Schwimmerin und der Radfahrer die paralympischen Werte besonders gut verträten und durch großes Engagement für den Sport von Menschen mit Behinderungen glänzten. So begründete Spaniens Paralympisches Komitee die Wahl der Fahnenträger 2021. Doch sind Alonso und Ten auch als erfolgreiche Medaillen-Sammler bekannt. Michelle Alonso aus Teneriffa, Jahrgang 1994, blickt auf eine goldene Paralympics-Laufbahn zurück. In London 2012 und in Rio 2016 gewann die Sportlerin über 100 Meter Brustschwimmen in der Kategorie S14 erste Plätze. Mit 1‘12“61 hält die Spanierin die internationale Bestmarke.

Doch Gold wert ist auch Michelle Alonsos neueste Errungenschaft: Als erste Sportlerin mit einer geistigen Behinderung trägt sie in Tokio bei der Eröffnung der Paralympics die spanische Flagge . Zudem vertritt sie dabei einen Verband, der beim Fahnentragen noch nie vertreten war: den spanischen Verband für Menschen mit geistiger Behinderung, Feddi.

Als die kleine Michelle sich erstmals zum Schwimmen anmeldete, sollte der Sport eigentlich ihre elenden Rückenschmerzen lindern. Zu schwer wog die Schultasche auf ihrem Rücken, aber auch die Probleme mit ihrem Umfeld. Denn das Kind entwickelte sich nicht im Rhythmus ihrer Klassenkameraden. Erst mit sechs sprach sie richtig. Ein kindliches Gemüt blieb ihr bis heute erhalten. Auf eine Aufgabe konzentrieren, das fällt ihr schwer. Wenn sie den Eindruck hat, ausgelacht zu werden, bringt sie das rasch aus der Fassung.

Paralympische Spiele in Tokio: Michelle Alonso und Ricardo Ten tragen Spaniens Flagge bei der Eröffnung.

Es sind Erfahrungen, die Michelle Alonso lange zusetzten, ob in der Schule oder zunächst im Sportclub. Erst als die Eltern einsahen, dass Michelle eine Behinderung in sich trug, und diese mit 37 Prozent beziffert wurde, war es eine Erlösung und der Startschuss für eine große Sportlerinnen-Karriere. Auch bei den Paralympischen Spielen in Tokio 2021 ist mit Alonso zu rechnen. Nicht nur aus spanischer Sicht gehört die Kanarierin zu den Favoriten.

Spaniens Ricardo Ten, Meister der Neustarts

Ein kurioser Paralympics-Sportler ist dagegen Ricardo Ten. Eigentlich wollte sich der 1975 geborene Valencianer nach den Sommerspielen in Rio 2016 vom paralympischen Hochleistungssport verabschieden. Immer schwerer fielen dem Schwimmer, dem beide Arme und ein Bein fehlen, die Wettkämpfe, die Motivation ging nach und nach verloren. Den Rückzug hatte sich Ten redlich verdient, nach drei paralympischen Goldmedaillen, dazu einer aus Silber und dreien aus Bronze. Doch dann setzte sich die Paralympics-Ikone einfach mal aufs Rad. Und ging voll ab.

Seither beherrscht Ricardo Ten, ob auf dem Bahn- oder dem Straßenrad, die internationalen Wettbewerbe. Auch bei den Paralympischen Spielen 2021 in Tokio geht Ten, der bei der Eröffnung am 24. August dem Königlichen Radsportverband ebenfalls ein Debüt beim Fahnentragen beschert, als einer der Favoriten an den Start.

Sich völlig neu zu erfinden, das erlernte schon der achtjährige Ricardo Ten, als ihm ein fataler Unfall mit der Elektrik beide Arme und ein Bein vom Körper riss. Für die Sportskanone war die Zäsur die absolute Katastrophe. Bis er erkannte, dass er auch unter neuen Bedingungen große Leistungen bringen konnte – gerade im Sport. Noch viele weitere Sportler der Paralympics tragen solche Erlebnisse in ihrer Biographie. Schicksalsschläge, die sie völlig aus der Bahn warfen, aber dafür auf eine paralympische Laufbahn stellten. Man nehme etwa José Luis García, „Jota“ genannt. Eine Krankheit nahm ihm vor zehn Jahren das Augenlicht – mit 28.

Spanien bei den Paralympischen Spielen: „Jota“ García, ein Phänomen im Triathlon.

Paralympisches Desaster 2020 - Rekord-Spanierin 2021 wieder dabei

In der Blüte des Lebens musste der junge Mann aus Spanien plötzlich mit vielem ganz neu beginnen. „Es überlebt nicht der Stärkste, sondern der, der sich am besten anpasst“, orientierte sich „Jota“ an einer Lehre, so alt wie die Welt. Im paralympischen Triathlon fand José Luis García eine Heimat. Und ist ein Phänomen: Der einzige völlig blinde Sportler aus Spanien, der auf Weltniveau diesen körperlich so anspruchsvollen Sport betreibt.

Das Ziel schlechthin waren für den blinden Spanier die Paralympischen Spiele in Tokio 2020. Ein Desaster war für ihn daher der Ausfall im vergangenen Jahr. Völlig durcheinander brachte Corona „Jotas“ aufwändige Trainingsroutine, an der auch viele helfende Hände beteiligt sind. Doch auch hier passte sich der Spanier an, und will zu einer prägenden Figur in Tokio werden.

Mit 19 lähmte dagegen eine Krankheit die Beine von Teresa Perales. Mit 45 Jahren hat die Schwimmerin bisher 26 paralympische Medaillen gewonnen. So viele wie niemand aus Spanien. Bei den Paralympischen Spielen in Tokio 2021 sollen es mehr werden – sie tritt nämlich wieder an! Genauso wie insgesamt 139 spanische Sportler, mit der paralympischen Flamme vor Augen und unbändigem Feuer im Herzen.

Rubriklistenbild: © Javier Regueros

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