Fünf Menschen formen in einer Body-Painting-Aktion den Schriftzug „No Confusion“.
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In Dénia warb die Künstlerin Flor Olivera mit dieser Bodypaiting-Aktion für sexuelle Freiheit.

Spanien und das Ley Trans

Freie Wahl des Geschlechts: Spanien führt modernes LGBT-Gesetz ein

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Regenbogenfarben gegen homophobe Hasstiraden - so sah der Orgullo Gay vielerorts aus. Nicht so in der spanischen Politik: Die ging einen Schritt weiter in Richtung Gleichberechtigung.

Madrid – Während der Woche hat das Kollektiv LGBT für seine Rechte, Gleichbehandlung und Toleranz in ganz Spanien mit verschiedenen Veranstaltungen unter dem Banner des Regenbogens geworben. Rückenwind für Selbstbestimungsrechte erhielten Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle durch das sogenannte Ley Trans, dessen Entwurf das Kabinett nun verabschiedet hat.

Dieses Gesetz verankert das Recht, dass jede Person sein Geschlecht selbst bestimmen kann. Transsexuelle Personen können gebenenfalls Namen und Geschlecht in ihrem Ausweis ändern.

Dafür reicht ab 16 Jahren eine Willenserklärung, es ist kein medizinisches Gutachten oder gar eine Hormonbehandlung notwendig. 14- bis 16-Jährige benötigen das Einverständnis ihrer Erziehungsberechtigten und Zwölf- bis 14-Jährige eine richterliche Erlaubnis, die laut Justizminister Juan Carlos Campo von der „Reife“ und „Stabilität“ des Betroffenen abhängig sein soll.

Spanien und das Ley Trans: In Sachen Gleichberechtigung an der Sitze Europas

Mit diesem Gesetz rückt Spanien nach Ansicht des Justizministers auf Augenhöhe mit den nordeuropäischen Ländern, die in dem Bemühen um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung an der Spitze Europas stehen, wie Irland, Luxemburg oder Norwegen. Ganz im Gegensatz zu vielen früheren Ländern des Ostblocks wie Ungarn oder Tschechien, in denen führende Politiker bisweilen eine sehr intolerante Haltung gegenüber Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen an den Tag legen.

Zeitgleich fanden in ganz Spanien und auch in den Küstenstädten Aktionen anläßlich des Orgullo Gay statt, wie hierzulande der Christopher Street Day heißt. Die üblichen Paraden, Ansprachen und Regenbogenfarben. Möchte man meinen. In Calpe aber gab es politischen Zoff zwischen LGBT-Aktivisten und linken Politikern und dem konservativ-liberalen Stadtregierung, die weder einen entsprechenden Antrag zugunsten des Kollektivs noch LGTB-Abteilung in der Stadtbücherei einrichten wollte.

Erst als es Kritik aus dem Regenbogen hagelte, ruderte Calpes Bürgermeisterin Ana Sala mit einer institutionellen Erklärung zurück und erkannte einen Sinn des Aufruhrs: Man müsse Regenbogenfarben sichtbar machen, um die nicht tolerierbaren Anfeindungen und Ausschreitungen gegen Angehörige des LGBT-Kollektivs zurückzudrängen. Es zeigt eben auch, wie schwer es manchen Teilen der Gesellschaft und Politik fällt, mit der sexuellen Freiheit anderer umzugehen.

Weit aus fortschrittlicher und im Geist des Ley Trans mutet die Bodypainting-Aktion der Künstlerin Flor Olivera an, die mit ihrem bunten Statement gegen jede Art der Konditionierung in Dénia für Aufsehen sorgt. Die junge Tätowierkünstlerin hat einfach fünf einander völlig verschiedene Personen mit den LGBT-Farben bemacht, die in ihrer Umarmung dem Schriftzug „No Confusion“ Gestalt verleihen und so dafür plädieren, die sexuelle Identität nicht von Gott bestimmen, sondern jedem Menschen selbst zu überlassen.

Die treibende Kraft hinter dem Gesetz Ley Trans, Gleichheitsministerin Irene Montero (Unidas Podemos), wollte nicht nur die Rechte der Transsexuellen oder des Kollektivs LGBT stärken, sondern auch die Feministinnen zurück ins Boot holen, mit dem man in Richtung sozialen Fortschritt rudern möchte. Diese Gruppe reagierte keineswegs geschlossen mit Begeisterung auf das Ley Trans. Schließlich fügt es dem Ringen um eine Gleichbehandlung der Geschlechter mit der Selbstbestimmung der sexuellen Identität eine ganz neue Dimension hinzu. „Entweder erreichen wir alle oder niemanden“, meinte Montero an alle Kollektive gewandt, die sich für mehr Toleranz und Gleichheit in der Gesellschaft aussprechen.

Da gibt es nichts zu heilen: Spanien übergibt die sexuelle Identität dem Individuum

Das Gesetz verbietet kategorisch alle „Therapien“, die auf eine Änderung der sexuellen Identität abzielen – selbst falls Erziehungsberechtigte es wollen, stellt es unter Strafe, einer Person seine sexuelle Identität „austreiben“ zu wollen. Ministerin Montero zementiert den Grundsatz, dass „jeder so sein kann, wie er sein möchte, und seine sexuelle beziehungsweise geschlechtliche Orientierung, Identität, Ausdruck und Eigenheiten leben darf.“ Damit öffnet die Regierung auch wieder allen Personen den Zugang zur assistierten Reproduktion innerhalb des öffentlichen Gesundheitswesens, die ein Kind zur Welt bringen können und möchten. Das Ley Trans räumt auch die Schwierigkeiten für Paare des Kollektivs LGBT aus dem Weg, die als Eltern anerkannt werden wollen, insbesondere was die Registrierung der traditionellen Vaterfigur beziehungsweise des Erzeugers betrifft. So kann beispielsweise bei einem lesbischen Paar schon bei der Geburt des Kindes sich der Partner, der nicht das Kind austrug, als Erziehungsberechtigter eintragen lassen und muss nicht wie bisher ein komplizieres Adoptionsverfahren durchlaufen.

Des Weiteren soll im Bildungswesen die Gleichberechtigung und die Akzeptanz des Kollektivs LGBt weiter gestärkt werden, ferner sieht das Gesetz spezielle Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen etwa für Transsexuelle vor und droht Strafen bei Vergehen an, die Würde, Gleichberechtigung und Rechte des Kollektivs angreifen.

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