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Spanien und die Psyche: Mehr Verständnis und Hilfe bei psychischen Problemen

  • Anne Götzinger
    VonAnne Götzinger
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Menschen mit psychischen Störungen erhielten in Spanien lange Zeit kaum die notwendige Unterstützung. Mit der Corona-Pandemie und der Zunahme mentaler Probleme hat ein Umdenken stattgefunden.

Alicante ‒ Nicht ganz dicht. Schraube locker. Heulsuse, Psycho. Bescheuert, hirnverbrannt, meschugge, durchgeknallt. Die Gesellschaft hat sich einen reichhaltigen und äußerst kreativen Wortschatz zurechtgelegt, um jemandem zu bescheinigen, dass er mit seiner geistigen Verfassung aus dem Bereich des „Normalen“ fällt, also mental nicht gesund ist. Damit ist er abgestempelt und oft auch abgeschrieben.

Auf Verständnis oder Hilfe konnten Betroffene in Spanien lange Zeit kaum hoffen. Zwar gehört die Irrenanstalt mit Zwangsjacke und anderen abstrusen bis unmenschlichen Therapien weitestgehend der Vergangenheit an. Doch eine adäquate Betreuung psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen, Schizophrenie, bipolaren Störungen und Ähnlichem erfolgt noch immer zu selten oder unzureichend. Laut dem Strategieplan für psychische Gesundheit des spanischen Gesundheitssystems erhalten über die Hälfte der Personen mit psychischer Störung keine oder nur eine unzureichende Behandlung.

Psychische Probleme in Spanien: 2021 war das Jahr mit den meisten Selbstmorden

Dabei sind die Zahlen erschütternd. Neun Prozent der spanischen Bevölkerung hatten bereits vor der Pandemie psychische Probleme, laut Weltgesundheitsbehörde wird jeder Vierte im Lauf seines Lebens darunter leiden. Vor allem unter Kindern und Jugendlichen haben Angstzustände und Depressionen in den vergangenen zwei Corona-Jahren zugenommen. „Die Kids schreien lautlos um Hilfe, sie wollen Aufmerksamkeit, es gibt ein riesiges Problem mit der psychischen Gesundheit, und wir haben nicht die notwendigen Mittel, um zu helfen“, sagt etwa Juan Francisco Otálora, Schulleiter des IES Juan de la Cierva y Codorníu in Totana in der Region Murcia. Seine Schule hatte Mitte Februar ein traumatisches Erlebnis: Eine 17-jährige Schülerin wurde von ihrem 19-jährigen Exfreund und Mitschüler getötet.

Auch in Spanien leider immer mehr Menschen unter psychischen Problemen.

Psychologen warnen auch vor einer zunehmenden Zahl von Jugendlichen, die sich selbst Verletzungen zufügen. Manchmal bis zum Äußersten. Jeden Tag nehmen sich in Spanien im Schnitt zehn Menschen das Leben. Es ist die häufigste nicht natürliche Todesursache. Auch diese traurige Statistik hat sich im Zuge der Coronavirus-Pandemie verschärft. Im Jahr 2020 begingen 3.941 Personen Selbstmord. Es war das Jahr mit den meisten Suiziden seit deren Erfassung im Jahr 1906. An der Costa Blanca bieten unter anderem Organisationen wie Darkness into Light und die Stiftung Adiem suizidgefährdeten Menschen Hilfe an.

Spanien und psychisch Kranke: Más País bringt Thema im Parlament zur Sprache

Als der Kongressabgeordnete Íñigo Errejón von der links-ökologischen Partei Más País im März 2021 das Thema psychische Gesundheit im spanischen Parlament zur Sprache brachte und eine Überarbeitung der staatlichen Strategie sowie mehr Mittel und Fachkräfte forderte, erntete er zum Teil Hohn und Gelächter aus dem rechten Spektrum des Saales, ein PP-Abgeordneter rief ihm ein spöttisches „Geh’ doch zum Arzt!“ zu. Doch Errejón erntete auch zustimmenden Beifall. Er hatte den politischen Fokus auf ein gravierendes Problem gerichtet, auf das Psychologen, Verbände und Betroffene schon seit Langem aufmerksam gemacht hatten.

„Wenn ich von Diazepam, Valium, Lorazepam, Trankimazin oder Lexatin rede, wieso wissen dann alle, wovon ich spreche?“ fragte Errejón. „Wenn ich von einem Medikament für die Niere oder die Leber sprechen würde, wüsste es keiner. Wann haben wir angefangen, es als normal zu erachten, dass wir permanent Medikamente einnehmen müssen, damit unsere Gesellschaft funktioniert?“ Der Politiker forderte Ministerpräsident Pedro Sánchez auf, das Problem, das „vielleicht nicht von höchster Aktualität, aber höchster Wichtigkeit“ sei, anzugehen.

Psychische Gesundheit in Spanien: 0,55 Psychologen für 1.000 Einwohner

„Die Betreuung in Spanien ist schlicht und einfach unzureichend“, sagt auch die Psychologin Estrella Segura, die bei der Vereinigung zur Integration von psychisch Kranken in der Provinz Alicante (AIEM) tätig ist. Derzeit kämen laut dem Nationalen Statistikinstitut (INE) 0,55 Psychologen auf 1.000 Einwohner in Spanien. „Die Realität im öffentlichen Gesundheitswesen ist entmutigend, es gibt sehr wenige Plätze für die große Anzahl von Personen mit einem Abschluss in Psychologie, die eine Stelle in einem staatlichen Zentrum suchen.“

Von psychischen Problemen sind in Spanien auch viele Kinder und Jugendliche betroffen.

In Spanien gebe es zwar viele Fachkräfte, die sich in irgendeiner Form der psychischen Gesundheit widmen: Psychologen, Psychiater, Sozialarbeiter, Logopäden, etc. „Doch ich finde, es mangelt an wirklicher Information, es fehlen Protokolle für die Bürger und das Wissen, dass es Mittel und Fachkräfte gibt, die sich mit psychischen Störungen beschäftigen“, sagt Segura. Und aufgrund langer Wartezeiten im öffentlichen Gesundheitswesen bleibt Betroffenen, sofern sie es sich leisten könnten, oft nur der Weg in die private Psychotherapie.

Spanien hebt die psychische Gesundheit auf die politische Agenda

Eine Situation, die sich jetzt ändern soll, nachdem die psychische Gesundheit auf die politische Agenda gerutscht ist. So hat die Regierungskoalition unter der Federführung von Unidas Podemos im September einen neuen Gesetzentwurf zur Salud Mental vorgelegt. Dieser beinhaltet unter anderem folgende Änderungen hinsichtlich des Vorgängergesetzes:

  • Mindestquote für Fachkräfte im staatlichen Gesundheitssystem: Auf 100.000 Einwohner sollen künftig 18 Psychiater, 18 Klinische Psychologen und 23 auf psychische Gesundheit spezialisierte Pflegekräfte kommen. Spanien liegt bisher mit sechs Psychologen pro 100.000 Einwohnern im europäischen Vergleich weit hinten.
  • Suizidprävention: Das Gesetz sieht einen umfassenden Plan zur Selbstmordprävention vor, unter anderem mit Schulungen für medizinisches Personal, Polizei, Journalisten, Lehrkräfte und andere Berufsgruppen. Die Identifikation von vulnerablen Gruppen und Risikofaktoren, eine Begleitung von gefährdeten Personen, die Betreuung nach einem Selbstmordversuch und die Einrichtung einer Hotline zählen ebenfalls dazu.
  • Mitbestimmungsrecht für Patienten: Das neue Gesetz räumt Patienten eine aktive Rolle bei Entscheidungen zu ihrer Behandlung ein. Dieser Punkt zählt zu den umstrittensten des Gesetzesentwurfs.
  • Keine Zwangsmaßnahmen: Die mechanische Fixierung oder pharmakologische Ruhigstellung von Personen soll abgeschafft werden. Gegen diesen Punkt hat sich unter anderem die spanische Gesellschaft für Psychiatrie ausgesprochen, die den Einsatz dieser Mittel bei besonders schweren Fällen verteidigt.
  • Soziale Ursachen ergründen: Das Gesetz will weg von einer „unzureichenden, auf der Biologie basierenden Betreuung, die sich auf die Reduzierung der Symptomatologie konzentriert“, und stattdessen die psychosozialen Ursachen angehen. Auch hiergegen wendet sich die Gesellschaft für Psychiatrie: Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass jede psychische Störung biopsychosoziale Komponenten aufweise.
  • Weitere Aspekte des Gesetzes betreffen etwa den Schutz von Arbeitnehmern mit psychischen Problemen, spezielle Maßnahmen für betroffene Frauen sowie für Kinder und Jugendliche, mehr Investitionen in die Forschung sowie Kampagnen gegen die Stigmatisierung von Betroffenen.

Doch auch im öffentlichen Bewusstsein sind psychische Probleme „dank“ der Pandemie kein Tabuthema mehr.„Die Gesellschaft hat ihre Wahrnehmung gegenüber der psychischen Gesundheit geändert, vielleicht weil sie endlich zugibt, dass irgendetwas nicht stimmt, wenn wir mit unserer Familie zusammenleben, mit dem Kopf aber ganz woanders sind, wenn wir einen angenehmen Moment erleben und dann plötzlich wieder diesen Kloß im Hals spüren, der kommt und geht“, meint Estrella Segura. „Wir machten ein Tabu aus vielen Themen, die jetzt sichtbar werden.“ Die Pandemie habe dabei „unsere Meinung zur Gesundheit im Allgemeinen, und ganz besonders die Wahrnehmung der psychischen Gesundheit revolutioniert“, hat die Psychologin beobachtet. „Und das erleben wir sowohl in der ersten Person als auch auf globaler Ebene.“ Dabei gehörten die Menschen, die bereits vorher unter psychischen Störungen gelitten hatten, sowie auch ihre Betreuerpersonen ohne Zweifel zu denjenigen, die am meisten unter den Folgen der Pandemie zu leiden hätten, ist Estrella Segura überzeugt.

Die häufigsten psychischen Probleme in Spanien sind Depressionen und Angstzustände

Laut ihrer Erfahrung sind die heute am weitesten verbreiteten psychischen Probleme Angst- und Stresszustände sowie Depressionen. „Wir haben allgemein ein sehr hektisches Leben, wir ruhen uns nicht angemessen aus, und wenn wir es tun, dann nicht bewusst“, sagt die 27-jährige Psychologin. „Wir beziehen unser geistiges Wohlbefinden nicht in unsere tägliche Routine mit ein, wir ignorieren die Zeichen unseres Körpers und Geistes, die uns auf eine emotionale Erschöpfung aufmerksam machen, die wir mit uns herumschleppen, bis sie sich eines Tages in einen absolut lähmenden Stress verwandelt.“

Oft sei es ein langer Prozess, bis Betroffene ihr Probleme selbst erkennen würden. „Und es ist sehr hart und langwierig für diejenigen, die ihn durchleben“, weiß die Psychologin. Jemand, der letztlich Hilfe suchen würde, habe vermutlich lange darauf gewartet, „dass es vorbeigeht“. Und ebenso schmerzhaft sei dieser Prozess für nahestehende Freunde und Verwandte. „Aber für die betroffene Person da zu sein, sie zu begleiten, das ist schon sehr viel“, meint die Psychologin.

Sie selbst habe ihren Beruf nach einer sehr schweren familiären Erfahrung gewählt. „Ich wollte wissen, wie ich anderen helfen kann, die leiden“, erzählt sie. „Wenn ich heute die Erleichterung einer Person spüre, die sich mir gegenüber öffnet, dann fühle ich die heilende Kraft des menschlichen Wesens“, sagt Estrella Segura. Für sie heißt „psychisch gesund“ sein, Träume und Wünsche zu haben, aber gleichzeitig mit Frustration und schmerzhaften Erfahrungen umgehen zu können. „Für mich ist das Anzeichen eines gesunden Geistes die Fähigkeit, es als normal anzuerkennen, dass nicht alles immer gut laufen kann, und das bedeutet auch, dass wir nicht immer glücklich sein können.“

Rubriklistenbild: © David Revenga

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