Ein altes Röhrenradio, im Hintergrund das Meer und die spanische Küste.
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Radio in Spanien: Der Hörfunk blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Pioniere, Zensur und Geheimsender

Spanien und das Radio: Wie der Hörfunk Geschichte schrieb

  • Anne Götzinger
    VonAnne Götzinger
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Mit EAJ-1 Radio Barcelona begann 1924 der Siegeszug des Hörfunks in Spanien. Im Spanischen Bürgerkrieg sollte das Radio zum ersten Mal in seiner jungen Geschichte zu Propagandainstrument und Kriegswaffe werden. Es folgten Zensur, Geheimsender wie La Pirenaica und ein mutiges Bekenntnis zur Demokratie. 

Noch immer weiß das Radio nicht mit völliger Gewissheit, wer sein leiblicher Vater ist. War es der Italiener Guglielmo Marconi, der 1897 das erste Patent für die Übertragung elektrischer Impulse anmeldete und – das als Kuriosum nebenbei – 1912 eine kostenlose Passage für die Titanic angeboten bekam, die er ablehnte? Oder etwa der Russe Alexander Popov, dem eine Übertragung bereits vor Marconi geglückt sein soll, der es aber versäumte, seine Erfindung als Patent anzumelden? Oder war es doch der Serbe Nikola Tesla, auf dessen technischen Grundlagen der drahtlosen Energie- und Nachrichtenübertragung das Radio überhaupt erst möglich wurde? In Spanien, oder zumindest in der Region Valencia, weiß man es besser.

Der Vater des Radios ist demnach der aus Segorbe (Castellón) stammende Ingenieur, Physiker, Freimaurer und Militärkommandant Julio Cervera Baviera (1854-1927), der 1899 zu Marconis Forschungsteam gehörte. Er soll es schon 1902, und damit elf Jahre vor dem Italiener geschafft haben, eine menschliche Stimme über Radiowellen zu übertragen, und nicht, wie Marconi bis 1913, nur Funksignale.

Spanien und das Radio: Erste drahtlose Übertragung zwischen Costa Blanca und Ibiza

Diese erste drahtlose Übertragung einer menschlichen Stimme ereignete sich im Dezember 1902 in Spanien, genauer gesagt zwischen dem Cabo de la Nao in Jávea an der Costa Blanca und dem 85 Kilometer entfernten Puig Pelat auf Ibiza. Zeugnis davon gibt unter anderem ein in der Zeitung „Las Provincias“ veröffentlichter Leserbrief vom 30. Dezember 1902, in dem der Schreiber von dem geglückten Übertragungsversuch berichtet.

Dass Julio Cervera Baviera der eigentliche Vater des Radios – also im Sinne einer drahtlosen Übertragung von Stimmen und Musik – ist, diese These vertrat der Universitätsprofessor und Kommunikationswissenschaftler Ángel Faus Belau (1937-2020), bereits seit Jahrzehnten. Bei seinen Nachforschungen, die er in dem Buch „La radio en España (1896-1977)“ niedergeschrieben hat, stützt sich Faus unter anderem auf Patente, die Cervera unter anderem 1900 in Spanien, Berlin und London hatte eintragen lassen.

Radio: Spaniens Pionier und die ersten Rundfunk-Stationen

„Julio Cervera Baviera erhielt nicht die Unterstützung der Presse wie seinerzeit Marconi“, erklärte Ángel Faus Belau in einem TV-Interview mit dem valencianischen Sender RTVV, warum die Entdeckung damals nicht für Furore sorgte und der Pionier selbst in Spanien in Vergessenheit geriet. Zumal Cervera selbst die Technik nicht weiter verfolgte, vermutlich wegen mangelnden Interesses und Investitionen, und weil er sich stattdessen anderen Projekten widmete.

Tatsächlich sollte sich das Radio in Spanien erst 1924 etablieren, mit der Einrichtung der ersten Radio-Station EAJ-1 Radio Barcelona, der ältesten mit einem durchgängigen Programm. Das E im Namen steht für España, AJ für drahtlose Telegraphie, und die 1 bezieht sich – logischerweise – auf die Eigenschaft als erste Radiostation. EAJ-1 war eine der ersten zehn Rundfunk-Stationen in Europa, die erste ging 1922 in Paris auf Sendung, unter dem Namen Tour Eiffel.

Rundfunk in Spanien: Erstes Radio-Programm aus Barcelona

Am 14. November 1924 um 18.30 Uhr erklang also zum ersten Mal die Stimme der EAJ-1-Radio-Moderatorin María Sabater, die eigentlich Telefonistin war, über den Äther. Das Programm umfasste verschiedene Reden der Autoritäten sowie ein Konzert mit Klavier- und Geigenmusik. Obwohl aus Barcelona gesendet wurde, war das Programm nicht etwa auf Katalanisch, sondern auf Castellano. Nach dem Militärputsch von General Miguel Primo de Rivera am 14. September 1923 war die Regionalsprache im öffentlichen Leben Spaniens verboten.

Radio in Spanien: Vertikale Skala eines alten Röhrenradios.

Der spanische Diktator erkannte wie viele andere nach ihm, das Potenzial des neuen Mediums als Propaganda-Kanal. Denn gegenüber den Printmedien verfügt(e) das Radio über einen entscheidenden Vorteil: Es erreicht die analphabetische Bevölkerung. Kein Wunder also, dass die Politik gleichzeitig als Geburtshelfer, Erzieher und Förderer des Rundfunks auftrat. So beteiligten sich an der Ausarbeitung eines neuen spanischen Gesetzes zur Regulierung des neuen Massenmediums nicht nur die Ministerien für öffentliche Bildung, Inneres und Arbeit, sondern auch die für Krieg und Marine.

Doch es gab noch eine andere große Gruppe, die ein gesteigertes Interesse daran hatte, das Radio populär zu machen: Die Unternehmen, die in den 1920er Jahren mit radioelektrischen Geräten arbeiteten. Je besser und schneller sich das Radio entwickeln würde, umso mehr Apparate würden verkauft. Dies ging so weit, dass die wichtigsten Unternehmen der Branche eine eigene Rundfunk-Station gründeten: EAJ-7 Unión Radio, die am 17. Juni 1925 erstmals auf Sendung ging. Sie entwickelte sich zum ersten Radiokanal Spaniens, der in der Cadena Ser bis heute Bestand hat.

Radio in Spanien: Für mehr Zuhörer wurden Sport und Stierkampf ins Programm genommen

In der Folge schossen Radiostationen im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden – in Andalusien, Kastilien, im Baskenland, – wenn auch mit einem sehr reduzierten Programm aus Nachrichten, Kultur und Musik. Schließlich begann Unión Radio, in Kette mit anderen Stationen zu senden, um das Programm quantitativ und qualitativ zu verbessern. Neue Inhalte sollten in Spanien mehr Hörer für das Radio gewinnen. Also wurden Sport und Stierkampf ins Programm aufgenommen. Seinerzeit waren die corridas in den Stierkampfarenen des Landes noch ein gesellschaftliches Event.

1930 – nach dem Rücktritt Primo de Riveras – wurde EAJ-15 Radio Asociación de Cataluña ins Leben gerufen, das auch auf Katalanisch sendete. Damit entbrannte ein erbitterter Konkurrenzkampf mit EAJ-1 Radio Barcelona, das daraufhin ebenfalls sein Programm auf die Regionalsprache umstellte.

Im Spanischen Bürgerkrieg wurde das Radio erstmals zur Kriegswaffe

In der Zweiten Republik (1930-1936) nahm die Zahl der Menschen, die einen Radioempfänger besaßen, stetig zu, die Hörerschaft wuchs von Tag zu Tag. Immer neue, auch lokale Stationen gingen auf Sendung. Das Radio war zum Medium der Massen geworden – und mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 zum ersten Mal in seiner Geschichte zur Kriegswaffe. „In diesem Krieg sollte das Radio zur psychologischen Waffe werden, was wenig später im Zweiten Weltkrieg noch einmal gesteigert werden sollte“, sagt der Autor Daniel Arasa, der die Rolle des Rundfunks als Informations- und Propagandainstrument während des Spanischen Bürgerkriegs in dem Buch „La Batalla de las Ondas en la Guerra Civil Española“ beleuchtet hat.

„Das Radio verwandelte sich in Spanien in das Hauptinstrument der Propaganda, mehr noch als die Presse, weil es Zivilisten und Militärs der gegnerischen Seite erreichen und von den eigenen Leuten auf feindlichem Gebiet gehört werden konnte, es konnte Losungen verbreiten, die eigenen Truppen aufrichten und versuchen, die feindlichen zu zermürben, es konnte den Befehlshabern der gegnerischen Seite widersprechen“, erklärt Arasa in einem Interview mit dem Literaturmagazin „Cazarabet“. Und das Radio habe nicht unter dem Problem der Papierknappheit oder der Verteilung gelitten, wie seinerzeit die Printmedien.

„Der Krieg ist vorbei“: Die Menschen in Spanien erfuhren im Radio von Francos Sieg

Nichtsdestotrotz sei im Radio kaum Doppelspiel betrieben worden. „Die Propaganda war im Spanischen Bürgerkrieg noch sehr simpel, sie war auf beiden Seiten sehr direkt“, erzählt der Autor. „Es gab kaum ,Schwarze Propaganda‘, bei der sich die eine Seite als die gegnerische ausgibt und Botschaften aussendet, die die Meinung oder den Mut zermürben.“ Anders etwa als während des Zweiten Weltkriegs, als sowohl die Deutschen als auch die Alliierten Geheimsender nutzten, um mit Falschmeldungen unter feindlichen Soldaten und Zivilisten Verwirrung zu stiften.

Die Geschichte des Radios in Spanien erzählt von Pionieren, Zensur und Geheimsendern.

Mit den legendären Worten „Mit der Roten Arme gefangen und entwaffnet, haben die nationalen Truppen ihr letztes militärisches Ziel erreicht. Der Krieg ist vorbei!“ verbreitete Radiosprecher Fernando Fernández aus Córdoba die Nachricht vom Sieg der Truppen Francos und von der verzweifelten Flucht ins Exil von abertausenden Republikanern im Hafen von Alicante. Für die Anhänger der Zweiten Republik bedeuteten die folgenden Jahrzehnte Verfolgung, Mord und Unterdrückung, für das Massenmedium Radio politische Kontrolle und Zensur. Bereits vor Ende des Bürgerkriegs war die staatliche Rundfunkanstalt Radio Nacional de España (RNE) gegründet worden, die der öffentlichen Information in Spanien unter Franco eine Monopolstellung einräumte.

Ab den 1950er Jahren beginnt außerdem der Siegeszug eines neuen Genres im Rundfunk: die Radionovela. In den Folgejahren erleben diese inszenierten Hörspiele einen regelrechten Boom in Spanien, vor allem RNE und Cadena Ser springen auf den Zug auf.

Geheimsender der Kommunisten: Radio La Pirenaica sendet aus Moskau

Doch kampflos überließ die Opposition der Diktatur nicht die Kommunikationslandschaft. Die Kommunistische Partei Spaniens (PCE) gründete 1941 im Exil in Moskau den Geheimsender Radio España Independiente (REI), eine Idee der charismatischen Kommunistin und Revolutionärin Dolores Ibárruri, „La Pasionaria“, um den Spaniern im Ausland eine Stimme und den Spaniern im „inneren Exil“ Hoffnung zu geben. Die Kommunisten gaben dem Sender den Namen La Pirenaica (Die Pyrenäische), oder einfach nur La Pire, um den Hörern ein Gefühl von Nähe zu vermitteln.

Wer dem Geheimsender lauschen wollte, musste sich meist mit anderen Schwarzhörern zusammentun – ein eigenes Radiogerät besaßen in der Nachkriegszeit fast nur noch wohlhabende Familien der Siegerseite. Nach Beendigung des Programms von La Pirenaica musste der Zeiger auf der Frequenzskala wieder verstellt werden. Wer den Exilsender in Spanien hörte oder gar als Korrespondent arbeitete, riskierte Gefängnis und Schlimmeres, und Denunzianten gab es viele. Am 14. Juli 1977 sendete La Pire zum letzten Mal, diesmal aus einem demokratischen Spanien, und übertrug die erste Sitzung des Parlaments aus Madrid, das sich an die Ausarbeitung der Verfassung von 1978 machte.

An derselben Stelle sollte das Radio vier Jahre später noch einmal eine entscheidende Rolle spielen: Als am 23. Februar 1981 Oberstleutnant Antonio Tejero das Parlament stürmte, um einen Putsch anzuzetteln, informierten mehrere Sender entgegen der Anweisungen der Putschisten die Außenwelt weiter über die Vorgänge im Parlament und den 23-F – als einziges Medium. Das Radio in Spanien war erwachsen geworden, es hatte sich aus den Zwängen der Zensur befreit und war nicht gewillt, seine Freiheit jemals wieder aufzugeben.

Rundfunk heute in Spanien: Information, Unterhaltung, Sport und Kultur

Die Rundfunk-Landschaft in Spanien zeichnet sich heute durch reine Musiksender und sogenannte Radios generalistas aus, deren Programm sich aus Nachrichten, Magazinen, Hintergrundreportagen, politischen Talkrunden, Kultur und Sport zusammensetzt. Im Folgenden die wichtigsten Nachrichtensender:

  • Cadena Ser: Der meistgehörte Sender mit täglich rund vier Millionen Hörern. Cadena Ser gehört der Mediengruppe Prisa an, die auch die Tageszeitung „El País“ herausgibt. Vormittags bringt das Radioprogramm „Hoy por Hoy“ politische Gesprächsrunden, Nachrichten und Interviews, nachmittags gibt es in „La Ventana“ leichtere Kost. Das älteste Magazin ist „Hora 25“ am Abend. Danach folgt Sport mit „El Larguero“.
  • Cope: Auf dem zweiten Platz liegt der Sender Cope, der zur Gruppe Vocento gehört, die vor allem konservative Medien wie etwa die Zeitung „ABC“ unter ihrem Dach hat. Rund drei Millionen Menschen hören Cope täglich. Zur selben Gruppe gehören die Musiksender Rock FM, MegaStar FM und Cadena 100.
  • Onda Cero: Der Sender der Gruppe Atresmedia steht mit rund 1,8 Millionen Hörern an dritter Stelle der meistgehörten Radiosender in Spanien. Zur selben Mediengruppe gehören die TV-Sender La Sexta und Antena 3. Das Programm der Onda Cero setzt sich aus Nachrichten, Talkrunden, Interviews, Magazinen und Sport zusammen. Die Musiksender von Atresmedia sind Europa FM und Melodía FM.
  • RNE: Die staatliche Rundfunkanstalt Radio Nacional de España verfügt über sechs Sender mit unterschiedlicher Programmausrichtung: Radio Nacional (generalista), Radio Clásica mit klassischer Musik, Radio 3 mit alternativem Kultur-, Gesellschafts- und Musikprogramm, Ràdio 4 als katalanischer Regionalsender und dem Nachrichtenkanal Radio 5.

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