Mehrere Gräber mit Steinplatten auf einem spanischen Friedhof.
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Der achtjährige Jaime Vaquero García war das erste Todesopfer des Rapsöl-Skandals in Spanien.

Lebensmittelskandal in Spanien

Sie leben noch: 40 Jahre nach dem Rapsöl-Skandal kämpfen die Opfer noch immer

  • Judith Finsterbusch
    VonJudith Finsterbusch
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1981 wurden tausende Spanier mit gepanschtem Rapsöl vergiftet. Wer nicht daran starb, kämpft bis heute: gegen das Gift im Körper, aber auch für Anerkennung und Respekt.

Madrid - Carmen Cortés war 15 Jahre alt, als sie ins Krankenhaus kam. Binnen vier Monaten hatte sie 20 Kilogramm abgenommen, konnte nicht mehr laufen und nicht mehr essen. Das Mädchen war auf einen Rollstuhl angewiesen, bekam unendlich viele Medikamente, Vitamine, Proteine. Zehn Monate sollte die Jugendliche in der Klinik bleiben, das Krankenbett wurde zu ihrem Zuhause. „Ich erinnere mich an viele Tränen und brutale Schmerzen während der Reha“, sagt Cortés 40 Jahre später. Sie ist eine von 20.643 Menschen, die 1981 in Spanien mit gepanschtem Rapsöl vergiftet wurden. Über 3.800 Menschen starben an den Folgen des größten Lebensmittelskandals in der spanischen Geschichte.

Rapsöl-Skandal in Spanien: Parallelen zur ersten Zeit der Corona-Pandemie

Das erste Todesopfer des Rapsöl-Skandals in Spanien ist der damals achtjährige Jaime Vaquero García. Der Junge stirbt am 1. Mai 1981 in Torrejón de Ardoz bei Madrid, als Todesursache nennen die Ärzte eine atypische Lungenentzündung. Eine Woche später sind sechs Menschen tot, weitere 150 erkranken allein in der Region Madrid. In den Folgemonaten gibt es 600 weitere Todesfälle in mehreren spanischen Provinzen, vor allem in Zentral- und Nordspanien. Die Krankenhäuser sind überfüllt, die Ärzte ratlos. Menschen mit Symptomen werden isoliert. Dass vergiftetes Rapsöl Schuld ist an den seltsamen Erkrankungen, weiß man erst Monate später.

„Als die Corona-Pandemie ausbrach und die Bilder von leeren Straßen und Patienten auf den Krankenhausfluren durch die Medien gingen, wurden viele von uns an damals erinnert und erlebten das Trauma des Rapsöl-Skandals noch einmal“, sagt Carmen Cortés. Die heute 55-Jährige kämpft noch immer jeden Tag gegen das Gift, das ihren Körper zerstörte. Sie hat täglich Kopfschmerzen, ihr Körper juckt, der Mund ist trocken und sie ist chronisch erschöpft.

40 Jahre nach dem Rapsöl-Skandal in Spanien: Opfer kämpfen um Anerkennung

Und Carmen Cortés kämpft um Anerkennung. Die Spanierin ist Sprecherin des Opferverbands mit dem bezeichnenden Namen Seguimos Viviendo (Wir leben noch). Im Oktober 2021 positionierte sie sich gemeinsam mit fünf Leidensgenossen vor Vázquez’ Medina-Gemälde im Prado-Museum. Gleichzeitig veröffentlichte der Opferverband eine Stellungnahme auf Twitter: Die sechs Rapsöl-Opfer drohten damit, in dem Museumssaal Pillen einzunehmen und sich damit umzubringen. Ihre Forderung: Ein Gespräch mit Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez – vergeblich. Wenig später brachten Polizisten die sechs Menschen aus dem Museum, Fall erledigt.

Immerhin eins hat der Opferverband des Rapsöl-Skandals erreicht, die Aktion ging durch die Medien. „Wir haben Aufmerksamkeit bekommen, auch außerhalb von Spanien. Allerdings war das nicht unser vorrangiges Ziel. Es geht uns vielmehr darum, dass die Politik uns endlich anerkennt und als das behandelt, was wir sind: Opfer“, sagt Cortés. Schon von Anfang an seien die Betroffenen stigmatisiert worden, bis heute gab es keine offizielle Gedenkfeier, keine Hommage zum 10., 20., 30. oder 40. Jahrestag. Lediglich eine Stele in Madrid erinnert an die Rapsöl-Opfer in Spanien, zur Eröffnung kam immerhin die damalige Bürgermeisterin Manuela Carmena.

Opfer des Rapsöl-Skandals stoßen in Spanien weiter auf taube Ohren

„Gerade von der jetzigen Regierung, die sich so sehr für Opfer und Benachteiligte jeder Art einsetzt, hätten wir ein offenes Ohr erwartet. Doch wir stoßen nur auf geschlossene Türen. Wir haben nichts getan, um so behandelt zu werden“, sagt Cortés und erinnert sich an einen hohen spanischen Staatsvertreter, der beim Gerichtsprozess seinerzeit sagte, die Opfer seien selbst schuld, weil sie eben billiges Öl gekauft hätten.

Der Staat, so der Opferverband des Rapsöl-Skandals, meint, mit den Entschädigungszahlungen seine Schuldigkeit getan zu haben. Dabei hatten die gut 3,2 Millionen Euro, die die Opfer insgesamt bekamen, einen doppelten Boden. „Uns wurden davon die Kosten abgezogen, die der Staat bis dahin übernommen hatte. Für die Beerdigung unserer Angehörigen, die an der Vergiftung gestorben waren. Für Babymilch für die Mütter, die nicht stillen durften. Transportkosten für medizinische Behandlungen, Prothesen, Physiotherapie“, zählt Cortés auf.

Ein Leben lang vergiftet: Viele Opfer des Rapsöl-Skandals sind schwer krank

Viele der Rapsöl-Opfer sind ein Leben lang beeinträchtigt, etliche schwer krank und pflegebedürftig, sie leiden unter Fibromyalgie, Tumoren, Lungenhochdruck oder Beeinträchtigungen im Nervensystem. Wie es mit ihnen weitergeht und welche Schäden ihnen das Gift noch zufügt, ist vollkommen ungewiss. Bei vielen Opfern hat die Krankheit zwischenzeitlich quasi eine Pause eingelegt und ein fast normales Leben ermöglicht. Cortés etwa konnte ihre Ausbildung als Pflegehelferin abschließen, arbeiten – wenn auch unter täglicher Einnahme von Schmerzmitteln –, ein Kind bekommen. Doch jetzt wird es bei vielen Opfern wieder schlimmer, Cortés kennt Leidensgenossen, bei denen der Lungenhochdruck erst nach Jahren zurückkehrte.

Die Eltern des ersten Todesopfers des Rapsöl-Skandals in Spanien bewahrten noch jahrelang eine Flasche mit dem giftigen Öl auf.

Hilfen bekommen Spaniens Rapsöl-Opfer kaum noch, etliche Forschungsprojekte, die über die Jahre aufgenommen wurden, sind ergebnislos eingestellt. Auch die Anlaufstellen für die Betroffenen des „Síndrome de Aceite Tóxico“, wie die Krankheit offiziell getauft wurde, schlossen nach und nach. Heute ist nur noch eine Ärztin im Krankenhaus 12 de Octubre in Madrid eher symbolisch für die Tausenden Opfer in ganz Spanien zuständig. „Es bleibt das Gefühl, dass der Staat uns verstecken will. So wie damals“, sagt Cortés und berichtet, wie Kinder aus betroffenen Familien in der Schule von gesunden Mitschülern getrennt wurden oder ganze Familien aus ihrem Dorf gejagt wurden, als man noch davon ausging, dass es sich um eine ansteckende Krankheit handelt. Schwangere Erkrankte wurden nach England oder Holland zum Abtreiben geschickt, ohne Begleitung, ohne Beistand. „Etliche Frauen, viele von ihnen streng katholisch, haben die Abtreibung ein Leben lang verheimlicht, selbst vor ihrer Familie“, sagt Cortés und nennt damit nur eines der Traumata, unter denen die Betroffenen litten und leiden.

Spanien geprägt: Bis heute kaum Rapsöl in Supermärkten

In der spanischen Gesellschaft hat sich der Rapsöl-Skandal tief eingeprägt, bis heute steht in keinem normalen Supermarkt-Regal Rapsöl. Nur dass Tausende Opfer noch leben, wissen viele nicht. Das hat sich mit der Prado-Aktion geändert. „Einige Betroffene haben sich daraufhin bei uns gemeldet und sich dem Verband angeschlossen. Wir selbst wissen gar nicht, wo die ganzen Opfer sind, und viele verstecken sich noch immer“, sagt Cortés. 21 Forderungen an die Politik hat der Verband zusammengestellt, angefangen bei einem offiziellen Gedenkakt bis hin zu Geldern für Forschung und medizinische Betreuung.

Bis heute ist der Rapsöl-Skandal in den Köpfen der Spanier: In kaum einem Supermarkt-Regal steht Rapsöl.

Bis sie diese Liste endlich persönlich jemandem übergeben können, bleiben dem Verband nur Protestaktionen. Im Sommer etwa ließen sich mehrere Opfer nackt von dem bekannten Kino-Fotografen Quim Vives ablichten, um „auf künstlerische Art zu zeigen, was das Gift mit unseren Körpern gemacht hat“. Nur einen Ausstellungssaal finden sie in Spanien nicht, bislang will keine Behörde Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.

Doch Carmen Cortés und ihre Mitstreiter kämpfen weiter, aktuell bereiten sie eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vor – trotz der chronischen Müdigkeit. „Normalerweise kämpfen in den Vereinen für seltene Krankheiten gesunde Eltern für kranke Kinder. Bei uns müssen das die Kranken selbst tun“, sagt Cortés. Ein Kampf für Anerkennung, Respekt und etwas mehr Lebensqualität: „Wir haben den Eindruck, dass die Politik einfach abwarten will, bis wir alle sterben“. Aber wie der Name des Opferverbands schon sagt: Sie leben noch.

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