Sonnenblumen stehen in der Abendsonne vor einer Burg.
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Die Landschaft rund um die Burg wird als Anbaufläche genutzt. Die Schweinefarm könnte die Idylle erheblich stören.

Protest in Spanien

Schweinefarm trifft auf historische Burg - Angst vor Jauche, Gestank und zerstörter Landschaft

  • Judith Finsterbusch
    VonJudith Finsterbusch
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In Spanien regt sich Protest gegen eine geplante Schweinefarm mit insgesamt über 4.000 Tieren: Der Betrieb soll ausgerechnet neben eine historische Burg gebaut werden.

Gormaz – Sie hat über die Jahrhunderte Machtkämpfe und –wechsel, unzählige Schlachten sowie das Kommen und Gehen hunderter Touristen miterlebt – und jetzt sieht sich die Burg von Gormaz im Norden von Spanien ausgerechnet von Schweinen bedroht. In unmittelbarer Nähe des Castillo de Gormaz in der Provinz Soria soll eine Schweinefarm mit Massentierhaltung gebaut werden. Die Pläne haben in Spanien für breiten Protest gesorgt, nicht nur Anwohner, sondern auch Umweltschützer, Architekten, Historiker und Politiker wehren sich gegen die Pläne für den Schweinebetrieb.

Schweinefarm neben Festung: Burg spielte wichtige Rolle in Spaniens Geschichte

Errichtet wurde die Burg von Gormaz, neben der die Schweinefarm mit Massentierhaltung gebaut werden soll, ab dem 9. Jahrhundert als strategisch wichtige Festung von den Mauren. Hier, am Duero-Fluss, war eine Zeitlang Schluss für die christlichen Truppen bei ihrer Rückeroberung Spaniens von Norden aus - und die Burg sollte dazu beitragen, dass das so blieb. Im 10. Jahrhundert ließ der Kalif Al-Hakam II. die Festung denn auch erweitern und verstärken, um die Christen auf ihrem Vormarsch Richtung Süden zu stoppen. Das gelang nicht ganz: Im Laufe der Jahrzehnte wechselte die Burg zwar immer wieder ihren Besitzer, fiel von maurischer in christliche Hand und andersherum. Nach jahrelangen Kämpfen gelang es Fernando I. von León aber schließlich im Jahr 1060, die Burg endgültig einzunehmen. Jetzt ging die Reconquista in Spanien Richtung Süden voran, und die Festung wurde als solche nicht mehr gebraucht. Während der Herrschaft der Reyes Católicos, der Katholischen Könige, wurde die riesige Anlage denn auch als Gefängnis genutzt.

Das Castillo de Gormaz mit einem Umfang von einem Kilometer und 28 Türmen war einst die größte Festung in Europa, der Standort der Burg war für ihre Aufgabe als militärische Festung perfekt. Auf einem Hügel gelegen, bietet die Anlage einen perfekten Rundumblick über das kilometerweit platte Land mit der für Kastilien und León so typischen braun-rot-grünen Färbung. Bis heute ist die Burg umgeben von Ackerland, seit dem Mittelalter dürfte sich die Landschaft nicht großartig verändert haben. Was einst militärischen Strategien diente, genießen heute Touristen auf der Burg.

90 Einwohner und 4.200 Schweine: Farm würde Panoramablick zerstören

Die nächsten Dörfer sind Recuerda mit 70 Einwohnern und Gormaz mit 20 Seelen. Neu hinzukommen sollen jetzt 4.200 Schweine in Massentierhaltung auf der geplanten Farm. Ende Juni hatte der Landesanzeiger von Kastilien und León die Pläne veröffentlicht, seitdem häufen sich die Proteste gegen die Schweinefarm an der Burg, das Vorhaben wurde in Spanien zum Thema in den Abendnachrichten. Zumal die Nachricht passend in die Diskussion um Billigfleisch und Massentierhaltung fällt. Davon abgesehen: Auch wenn das Unternehmen etwa zwei Kilometer von der Burg entfernt wäre, würde der industrielle Betrieb einen erheblichen visuellen Eingriff in die Landschaft bedeuten. Sichtbar wäre die Farm etwa von dem Kalifen-Tor aus, einem der beliebtesten Aussichtspunkte auf der Burg – kein Tourist kommt um ein Foto aus dem Tor heraus auf die darunter liegende Natur herum. Auch den Panoramablick von der Kapelle San Miguel am Fuße der Festung würde die Schweinefarm erheblich verschandeln.

Vom Kalifen-Tor der Burg aus würden Touristen künftig auf die Schweinefarm blicken.

„Es geht nicht nur um den immensen visuellen Eingriff, sondern auch um Umweltaspekte. Die Jauche könnte unser Grundwasser verschmutzen, von den Gerüchen einmal ganz abgesehen“, zitiert die spanische Zeitung „El País“ etwa Consuelo Barrio, Bürgermeisterin des Dorfs Recuerda, das einen Kilometer von der geplanten Schweinefarm entfernt liegt. Bedenken, die auch Umweltschützer teilen – zumal neben Jauche auch Reste von Antibiotika, Bakterien, Desinfektionsmitteln oder chemischen Produkten durch die Massentierhaltung ins Grundwasser und den Duero gelangen könnten. „Laut Daten der spanischen Wetteragentur Aemet dominiert in dem Bereich Westwind. Damit wäre Recuerda einen Großteil des Jahres von ungesunden Gerüchen betroffen. Überraschenderweise heißt es in dem Projekt zu der geplanten Schweinefarm, dass der Wind aus Nordosten kommt“, schreibt der Umweltschutzverein Ecologistas en Acción in einer Stellungnahme.

Billigfleisch gegen Landflucht: Schweinefarm neben Burg verteidigt

Wenig Verständnis für den Gegenwind bringt unterdessen das Unternehmen auf, das die Schweinefarm mit Massentierhaltung bei der Burg plant. „In dem Gebiet gibt es mindestens drei Viehbetriebe. Wenn unserer stinkt, stinken die alle”, äußerte sich ein Vertreter der Gesellschaft Agro Peñaranda Esteban gegenüber „El País“ und fügte hinzu, dass sich der Mastbetrieb strikt ans Gesetz halten werde. „Es ist sehr leicht, von der Landflucht in Spanien zu reden, aber wenn man die Wirtschaft ankurbeln will, gibt es Proteste, weil dein Betrieb in zwei Kilometern Entfernung von einer Burg aus zu sehen ist“, so der Unternehmer, der offenbar nicht namentlich genannt werden wollte. Ein etwas schiefes Argument: In dem vorgelegten Projekt für die industrielle Schweinefarm ist nicht etwa von 200 Arbeitsplätzen die Rede, sondern von maximal drei Stellen.  

Ein paar Schafe ja - 4.000 Schweine nein. Gegen die geplante Farm bei der Burg regt sich Protest.

Unterdessen führen die Umweltschützer der Ecologistas en Acción ein weiteres mögliches Problem an: In Soria erinnert man sich noch gut an die Überschwemmung im August 1980, als bei Recuerda Äcker zerstört wurden, Vieh ertrank und Häuser evakuiert werden mussten. Gormaz‘ Bürgermeister Rodolfo Cabanas Viana betonte gegenüber der Presse, dass niemand grundsätzlich gegen das Projekt oder die Unternehmer selbst sei. Es ginge einzig und allein um den Ort, an dem der Betrieb geplant ist. Nicht zuletzt gebe es dort Unternehmen, die das (saubere) Wasser brauchen, darunter ein Getränke-Abfüller, eine Fischzucht und ein Anbieter für Aktivtourismus. Die Schweinemast verhindern, so glauben die Gegner des Betriebs, könnten schlussendlich die betroffenen Rathäuser, indem sie den Grund im Flächennutzungsplan unter Schutz stellen.

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