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Das letzte Freizeichen: Spaniens Telefonzellen verschwinden 2022

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Von: Marco Schicker

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Telefonzellen an der Gran Vía in Madrid
Telefonzellen an der Gran Vía in Madrid, Anfang der 2000er Jahre. Relikte einer analogen Zeit. © EFE

Die Telefonzellen sind auch in Spanien durch die Mobilfunktechnologie längst zu Artefakten analoger Nostalgie geworden, kaum jemand schenkt ihnen noch Beachtung, niemand hat für sie Verwendung. 2022 sollen die meisten verschwinden.

Madrid - Nur noch 12 Prozent der aktuellen Bevölkerung Spaniens habe jemals im Leben eine Telefonzelle benutzt, rechnete Telefónica kürzlich aus. In der EU lägen nur Portugal (14) und Österreich (18) darüber, von den Millennials abwärts habe praktisch gar keiner je in einer Kabine telefoniert. Mit dem 1. Januar 2022 lief in Spanien die gesetzliche Regelung im Ley General de Telecomunicaciones (LGT) aus, mit der der einst staatlichen spanischen Telefongesellschaft auferlegt war, den Betrieb von Telefonzellen als Basisdienstleistung aufrecht zu erhalten.

Da ist es unvermeidlich, dass Telefónica, die als Aktiengesellschaft gezwungen ist, Kosten zu sparen, wo sie nur kann, die rund 15.000 verbliebenen cabinas telefónicas abbauen wird. Mit ihnen werden übrigens auch die Telefonbücher aus Papier verschwinden. Im zweiten Halbjahr werde man mit der Demontage der verbliebenen Telefonzellen in Spanien beginnen, so Telefónica.

Spaniens Telefonzellen: Von der königlichen Sensation zum Klotz am Bein der Telefónica

Angefangen hat in Spanien alles mit der ersten öffentlichen Telefonkabine im Frühjahr 1928, die König Alfonso XIII. im Parque del Buen Retiro in Madrid einweihte. Ein bisschen spät kam Spanien, Berlin hatte zum Beispiel bereits im Jahre 1881 seine erste Telefonzelle, damals noch Fernsprechkiosk geheißen und betreut von einem Mitarbeiter aus Fleisch und Blut.

Telefonsäule in Spanien
Typische Telefonsäule in Spanien. Hier Alicante, am Museum Marq. © Marco Schicker

Bisher verfolgte der Betreiber die Politik, alle Kabinen mit einem Umsatz von über 50 Euro pro Monat zu erhalten, doch im Schnitt wird eine Telefonzelle in Spanien heute heute nur noch 1,15 mal pro Tag benutzt, auch weil deren Wartung schon lange ausbleibt, aber vor allem, weil sie kein Mensch mehr braucht. Die Kosten der Wartung, die um lächerliche 5 Millionen Euro pro Jahr betragen haben sollen, mussten sich bisher übrigens alle Netzanbieter in Spanien teilen, also neben Telefónica/Movistar auch Vodafone und Orange.

Es gab zunächst Überlegungen seitens der spanischen Regierung, ein Netzwerk von Telefonzellen am Leben zu erhalten, für Notfälle, falls jemandem das Handy geklaut wurde, zum Beispiel. Doch man kam zu dem Schluss, dass ja heute jeder ein Handy hat, also auch immer eine helfende Hand verfügbar sei. Auch das Argument mit dem "gran apagón", dem herumgeisternden Schreckgespenst eines umfassenden Blackouts samt Stromausfall in ganz Europa, lässt Telefónica nicht gelten. Denn schließlich würden Festnetzanschlüsse in praktisch allen Wohnungen bestehen, die über eine eigene Stromversorgung des Telefonanbieters funktionieren, also auch, wenn das ganze Haus, die ganze Straße keinen Strom hat. Voraussetzung: Sie haben ein analoges Telefon mit Kabel zum Einstöpseln parat.

Und es gibt für den Staat noch einen guten Grund, die Telefonzellen abzuschaffen, denn einige von ihnen erfreuen sich nach wie vor einer erstaunlichen Beliebtheit und werden in "einschlägig bekannten" Stadtvierteln von Barcelona oder Madrid besonders stark frequentiert. Allerdings dienen sie der Kommunikation von Drogenhändlern und anderen Kriminellen, die sich so der "Netzverfolgung" entziehen können.

Telefonzellen auch in Spanien Museumsstücke: Kabine Typ A in Salvador Dalís Garten

Die Älteren unter uns mögen das Ende der Telefonzelle bedauern, wie wir vieles von dem mit einer Träne im Auge verabschieden, was uns an vermeintlich bessere, glücklichere Tage erinnert, als wir noch mit dem Fahrrad zum Kumpel vorbeifuhren, ohne uns vorher auf WhatsApp zu verabreden. Manch einer wird sogar noch das Schlangestehen vor einer Telefonzelle kennen, die auch als improvisierte Litfaßsäule und Schwarzes Brett fungierte. Wer hatte nicht ein handgeschriebenes Büchlein mit den Telefonnummern bei sich, von denen man die meisten aber auswendig kannte? Doch wer erinnert sich noch an den eigenartigen Geruch in den Kabinen, die schmierigen Überbleibsel einer artfremden Benutzung zuvor, den Stress fehlenden Kleingeldes, das Drängeln anderer Kunden?

Telefonzellen in Madrid Puerta del Sol
Als man an Telefonzellen noch Schlange stand: Puerta del Sol in Madrid in den 70er Jahren. © EFE/Archivo

Unvermeidlich war nach einer Reise in die Ferne die Telefonzelle am Bahnhof, um zu Hause sagen zu können, dass man gut angekommen ist. Heute ist das undenkbar, man schickt einfach ein Selfie mit einem Emoji und stellt es zeitgleich als Real-Time-Content auf seinem Instagram-Account ein. Das ist nicht romantisch, aber mal ehrlich, es ist verdammt praktisch und die Romantik liegt nur in unserem verklärenden Blick, die Flüche von früher, die wir ausstießen, weil die x-te Zelle nicht funktionierte, haben wir vergessen. Und mit dem Zug fährt ja auch kaum noch jemand.

Einige Analog-Nerds legen bereits Listen an, wo denn die wirklich originalen Telefon-Kabinen Spaniens - nicht die simplen Säulen - in Spanien noch zu finden sind und fordern, dass in größeren Städten je eine der alten Telefonzellen als eine Art Denkmal auf ein Podest gehoben werden sollte, zum Beispiel vor einem Postamt. Denn es handelt sich bei Telefonzellen nicht nur um eine einst avantgardistische Technologie, sondern auch um eine Demokratisierung der Kommunikation.

Eine knallrote Telefonzelle steht auf einem Betonsockel in Madrid, als Hommage an den Kultufilm "La cabina" des Filmemachers Antonio Mercero von 1972. Nur: In Spanien waren die Telefonkabinen niemals rot. Ein wirkliches Mahnmal gibt es in Port Lligat bei Cadaqués in Katalonien. Im Garten des musealen Wohnhauses der Gran Diva der Surrealisten, Salvador Dalí, steht eine Kabine vom Typ A, jene mit der typischen Falttür, die sich noch vollständig schließen ließ. Naja, meistens. Dem Maestro loco sei sie irgendwann "aufgefallen" und so habe er sie auf sein Grundstück bringen lassen, ist überliefert.

Und tatsächlich erscheinen uns heute Telefonzellen schon als surrealistische Überbleibsel einer vergangenen Zeit, die spanischen werden eher nicht - wie die britischen - als Design-Objekt auf Auktionen gehandelt werden. Dafür sind sie ein bisschen zu ordinär. Doch, so wie wir 2.000 Jahre alte Säulenstümpfe aus der Römerzeit bewundern, werden Archäologen der Zukunft vielleicht auf die eine oder andere Telefonkabine starren, deren Reste irgendwann aus dem Sandboden eines verwehten Ortes in der Mancha freigelegt werden. 2022 war ihr Schicksalsjahr, wird für die meisten das letzte Freizeichen erklingen.

Zum Thema: Posttarife in Spanien 2022.

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