Ein Gemälde aus dem Jahr 1782 zeigt den Thunfischfang vor der sizilianischen Küste
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„Aguafuerte“ von Jean Pierre Houël: Das Gemälde aus dem Jahr 1782 zeigt den Thunfischfang vor der sizilianischen Küste

Fischerei in Spanien

Thunfisch-Fang in Spanien: Die Tradition der Almadraba an der Costa Blanca

  • VonMathias Pillasch
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Der Thunfisch-Fang an der Costa Blanca hat eine lange Tradition. Ihre Spuren führen zurück bis zu den Phöniziern.

Der Thunfisch-Fang ist eng verwoben mit der Kultur und der mediterranen Küche, in der Fisch eine der Hauptrollen spielt an der Costa Blanca. Vom sogenannten „Schwein der Meere“ wurde traditionell alles verwertet – vom Rückgrat bis zur Haut. Bis zu seiner drohenden Ausrottung an der Küste vor Spanien und damit verbundenen Fangverboten wurde der große Raubfisch unter Anwendung einer speziellen, im ganzen Mittelmeer verbreiteten Technik gefangen – der Almadraba.

Die Bedeutung des Fischfangs zeigt sich gut am Beispiel der Insel Tabarca. Hier kann man Parallelen zwischen der Einwohnerzahl und der Menge an gefangenem Fisch erkennen. Mit dem Verschwinden der Almadraba dort ging auch ein starker demographischer Wandel einher. Heutzutage leben auf der Insel vor der Costa Blanca nur noch ein paar Seelen. Tabarca ist kein strategischer Ort für den Fischfang mehr, sondern ein kurioses Ziel für einen touristischen Tagesausflug. Dabei führt die Geschichte des Fischfangs auf Tabarca bis in die Antike zurück.

„Almadraberos“ nannte man die Fischer von Tabarca.

Spuren der Phönizier im Spanien

Bereits Phönizier und Römer nutzten die Insel als Basis für den Thunfischfang. Die Römer stellten auf Tabarca garum her – eine Sauce aus fermentierten Fischresten, die von den höheren Schichten des alten Rom unter anderem als Aphrodisiakum genutzt wurde. Die Historiker nehmen an, dass die Phönizier spezielle Fangmethoden in der Region des Bosporus beobachtet hatten und diese dann im gesamten Mittelmeerraum verbreiteten.

Der Thunfischfang und die Technik des Einsalzens in Spanien gehen demnach bereits auf das zweite Jahrtausend vor Christus zurück. Der Begriff „Almadraba“ taucht hingegen erstmals Ende des 14. Jahrhunderts auf. Der etymologische Ursprung des Wortes liegt im hispanoarabischen „al-mah-draba“, was übersetzt so viel heißt wie „Ort, an dem man zuschlägt“. Die Bezeichnung „Almadraba“ bezieht sich einerseits auf die angewandte Technik, als auch auf den Ort, an dem sie ausgeübt wird. Ebenso werden die Einrichtungen an Land, wo Boote und Netze gewartet wurden, als Almadraba bezeichnet.

Ein Fischer freut sich über einen 500 Kg schweren Thunfisch. (1952)

Der Thunfisch ist ein Wanderfisch. Ähnlich den Wandervögeln, die zum Überwintern andere Gefilde aufsuchen und im Frühjahr wieder zurückkehren, unternehmen Thunfische weite Wanderungen durch die Ozeane. Dem Vater der spanischen Ozeanographie, Odón de Buen y del Cos (1863-1945), zufolge, erreicht der Thunfisch im Februar das Mittelmeer durch die Meerenge von Gibraltar. Zu dieser Jahreszeit kommt der Raubfisch schon gut gemästet aus dem Atlantik und verweilt etwa bis Juni in den seichteren Gewässern des Mittelmeerraumes. In diese Zeit fällt auch das Laichen, also das Ablegen seiner Eier. Wichtige Laichplätze der Thunfische finden sich zwischen Sardinien, Sizilien und Tunesien und ebenso zwischen den Balearen und dem spanischen Festland. Nach dem Laichen kehrt der Atún bis Ende November auf demselben Weg zurück in den Atlantik.

Der schwere Thunfisch ist leichte Beute

Die Schwärme schwimmen nahe der Oberfläche und in Küstennähe. Auf ihren Routen folgen die Thunfische den Meeresströmungen und behalten diese Routen zudem ein Leben lang bei. Diese Verhaltensweisen haben die Fische gewissermaßen zu einer berechenbaren Beute gemacht. Die Fischer kannten die Rhythmen und Bewegungen der Fische, passten ihre Techniken an und lauerten am richtigen Ort auf den richtigen Moment.

Armando Parodi Arróniz, Dozent an der Universität Alicante (UA) und Autor des Buches „Crónicas de Nueva Tabarca“, erklärt im Wissenschaftsmagazin „Canelobre“, warum der Thunfischfang so wichtig war. So belebte die Almadraba den Handel und die Wirtschaft der ganzen Region. „Im Fall von Tabarca kam das unbehandelte Espartogras für die Thunfischfallen aus Elda, Yecla, Jumilla, Calasparra, Almería und Nordafrika. Der Hanf kam aus Callosa del Segura“, erklärt Parodi. „Auf Tabarca selbst, in Benidorm und Villajoyosa wurden beide Ressourcen verarbeitet für den Fischereibetrieb. Die Kiefernrinde zum Färben und Anmalen der Boote stammte aus Tibi, Villajoyosa und Campello. Der Kork für die Bojen war aus Algerien. Und der „starke Faden“ für Seile und Netze, piola genannt, kam auch aus Villajoyosa, das zu dieser Zeit die besten Netzwerkstätten der Provinz hatte.“

Der Teil der Almadraba, der sich am Festland von Tabarca befand.

Vom Thunfisch findet alles Verwendung

Die wichtige Bedeutung des Thunfischs lässt sich zudem mit seiner vollständigen Verwertung erklären, welche ihm im Volksmund auch den Spitznamen cerdo marino, also „Schwein des Meeres“ eingebracht hat. Alle seine Bestandteile finden in irgendeiner Form eine Verwendung – einschließlich seiner Haut und seines Rückgrats. Hinzu kann ein ausgewachsener Thunfisch bis zu 700 Kilogramm wiegen, bringt so also mit einem einzigen Fang jede Menge Fleisch ein.

Im Jahr 1920 wurden vor Tabarca noch 25.000 Kilogramm Thunfisch mit der Almadraba gefangen und versorgten so die Bevölkerung. In Krisenzeiten wie dem Spanischen Bürgerkrieg oder auch später während des Zweiten Weltkriegs wurden die Fangstationen vom Militär instrumentalisiert und waren wichtig für die Truppenversorgung. Bis heute verweisen viele Gerichte auf die historische Rolle des Atún in der hiesigen Küche.

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Das Thunfischfleisch wurde damals in fünfzehn Teile unterteilt: Mormo, Morrillo, Tarantelo, Faseras, Descargado, Descargamento (aus den beiden letzteren erhält man die Mojama), Rumpf, Tonyna de Sorra, Schwanz, Espineta blanca, Innereien, Buche, Rogen, Garnituren und Sangatxo. Alle diese Teile des Fischs erfordern eine andere Behandlung beim Einsalzen.

„Leider ist das öffentliche Interesse an den Almadrabas nicht sehr groß, obwohl es spanienweit in dieser Region die höchste Konzentration von Almadrabas gab“, bedauert Armando Parodi Arróniz. „Man braucht nur die Küste zu erkunden, um zahlreiche Strände, Buchten und andere geografische Merkmale zu finden, deren Namen bereits auf diese Art des Fischfangs verweisen.“

Die Almadraba ist eine Fischfangtechnik, die das Zusammenspiel mehrerer Boote und vieler Netze sowie einer Unterwasser-Installation aus Hanf und Espartogras beinhaltet. Die Funktionsweise basiert auf dem Abfangen der Thunfische, ausgerichtet an deren jährlichen Wanderungen. Die Falle kann sowohl in der Zeit installiert werden, in der sich der Thunfisch aus dem Atlantik kommend im Mittelmeer einnistet (de paso) oder nach dem Laichen, wenn er sich wieder auf den Rückweg macht (de venida). Ergiebiger ist, ihn de paso zu fangen. Dann ist der Thunfisch groß und kräftig. De venida hingegen ist er um einiges magerer, da er mit Beginn der Laichzeit aufhört zu fressen. Bis zum Herbst verliert der Thunfisch so immerhin bis zu 35 Prozent seines Gewichts.

Das Fischerei-Lexikon „Diccionario de artes de pesca de España y sus posesiones“ (Benigno Rodríguez Santamaría, 1923) unterscheidet vier verschiedene Arten des Fallensystems: de tiro, de monteleva, de buche und de sedal – wobei letztere lediglich privaten Thunfischfang bezeichnet und mit den drei anderen Methoden nicht viel zu tun hat.

Die „Levantada“ ist der Moment, in dem die Fischernetze angehoben werden. (1949).

Verschiedene Almadraba-Arten im Mittelmeer

Die älteste, bis zum 18. Jahrhundert verwendete Almadraba-Methode, ist die tiro-Technik. Bei diesem System wurde ein Ausguck, der in historischen Quellen als thynnoscopos und in modernen Werken als Wachturm bezeichnet wird, an strategischen Stellen hoch oben an der Küste aufgestellt, um die Ankunft der Fische abzuwarten. Sobald der Fischschwarm gesichtet wurde, wurden die Boote mit den Netzen an der richtigen Stelle platziert. Nachdem die Fische gefangen waren, brachten zwei Boote die Netze an Land, wo die Thunfische mit Hilfe von Zugtieren ans Ufer gezogen und dann erschlagen wurden. Höchstwahrscheinlich kommt von diesem Vorgang auch der etymologische Ursprung des Begriffs.

Der zweite Typ Almadraba ist die monteleva, bei der das Fanggerät im Gegensatz zum vorherigen Typ mit Ankern und Mascaranas (einer besonderen Art von Anker) am Meeresboden und an Land befestigt wurde. Dieses Almadraba-System wurde temporär fest installiert und von sieben Booten unterstützt. In der Regel wurde die monteleva zu Beginn der Saison auf- und an deren Ende wieder abgebaut. Die Fallen dieses Typs, die Mitte des 20. Jahrhunderts an der Küste von Alicante eingesetzt wurden, wurden jedoch täglich auf- und abgebaut und waren etwas kleiner.

Streit unter Fischern

Die dritte und komplexeste, aber im Laufe der Zeit auch gebräuchlichste Fallenart ist die Almadraba de buche. Diese Art fand sich unter anderem vor Benidorm, Villajoyosa, Calpe, Tabarca und Alicante. Sie besteht aus einem festen Teil, dem Rahmen, und beweglichen Netzen, mit denen die Thunfische in die Falle getrieben werden. Sie wird an Land mit der rabera de tierra befestigt, einem Netz, dessen Länge je nach der Entfernung, in der die Falle aufgestellt wird, variiert. Im Fall von Tabarca konnte dieses Netz über einen Kilometer lang sein. Weiter draußen auf dem Meer wurde ein weiteres Netz, die rabera de fuera, ausgelegt, mit dem die Fische in die Öffnung einer Anlage mit mehreren Kammern und damit in die Falle getrieben wurden. Diese parallel zur Küste verlaufende Anlage ist der zentrale Teil der Almadraba-Falle und besteht aus drei bis vier aufeinanderfolgenden Kammern. Sobald sich genug Thunfische angesammelt haben, werden die Netze eingezogen und die Fische aus dem Wasser gehoben (levantada). Dann gab der arráez (Kapitän) das Signal und von den umliegenden Booten aus attackierten die Fischer, die sogenannten almadraberos, die Thunfische und machten ihnen den Garaus.

Allerdings sorgte diese Methode regelmäßig für Konflikte mit anderen Fischern, da im Umkreis von zwei Meilen (mehr als dreieinhalb Kilometer) keine anderen Fische gefangen werden durften. Unter anderem deswegen, weil – wie im Fall von Tabarca – die Netze der Almadraba über einen Kilometer lang sein konnten.

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Ein weißer Hai ging in die Fischer-Netze. Er war 1790 Kg schwer. (1942)

Almadrabas im Mittelmeer heutzutage

Heutzutage findet man kaum mehr Almadrabas. Nachdem der Thunfisch in Spanien zwischenzeitlich vom Aussterben bedroht war, kann man ihn hier nur mit einer speziellen Lizenz fangen. „In Ländern wie Marokko und Italien, insbesondere auf Sardinien gibt es noch Almadrabas. In Spanien gibt es sie meines Wissens nur noch an der Küste von Cádiz, die bekannteste ist die in Barbate. In Tabarca wird eine viel kleinere Variante der Falle noch sporadisch aufgestellt: die moruna grossa an der Bol del Islote de La Cantera, und eine weitere vor der Islote de La Nao“, sagt Experte Armando Parodi Arróniz von der Universität Alicante und empfiehlt allen, die sich für die Geschichte der Almadraba interessieren, einen Besuch auf Tabarca im Museo Nueva Tabarca oder auch im Vilamuseu in Villajoyosa, wo das einzige existierende Modell der Almadraba von Tabarca ausgestellt ist.

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