Eine Gruppe von Personen legt mit Hacken einen Kanal in den Bergen frei.
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Studenten von MEMOlab und Freiwillige an der Acequía de la Cabañuela.

Klimawandel in Spanien

Spaniens Wassergräben von Al-Ándalus: Renaissance einer Kulturlandschaft im Klimawandel

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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In den Bergen Andalusiens liegen, verschüttet von Mensch und Zeit, tausende Kilometer Bewässerungsgräben aus der Epoche der Mauren brach. Das Projekt MEMOLab der Uni Granada und ein Professor mit Spaten bringen das Wasser in die Dörfer zurück ‒ und die Menschen zusammen.

Granada - José María Civantos ist Professor für Archäologie und Geschichte an der Universität von Granada. Regelmäßig rückt er mit seinen Studenten und anderen Freiwilligen in die Natur aus, rund um die Berge der Sierra Nevada, mit Spitzhacke und Spaten, Vermessungsgeräten. Doch sie suchen keine historischen Artefakte, sondern reinigen unscheinbare, manchmal kaum kenntliche Gräben von Geröll, Erde und auch viel Müll. Ihr Ziel ist die Reaktivierung der alten Acequías, eines kleinteiligen, aber gigantischen Netzes von Bewässerungsgräben aus der Maurenzeit.

1.000 Jahre altes Bewässerungssystem in Spanien: Uni Granada reaktiviert maurisches Erbe in der Landwirtschaft

Heute sind sie an der Acequía de Aynadamar, „wir haben Dokumente von einem Jahrtausend, seit dem 11. Jahrhundert, von hier wurde das Albaicín-Viertel von Granada bewässert, die Künstler, die im 13. und 14. Jahrhundert die Alhambra errichteten, aber auch die Truppen der Katholischen Könige, die 1492 Granada einnahmen, bedienten sich aus diesen Kanälen“, erläutert Professor Civantos. Sieben Kilometer lang ist das System, das wie Äderchen das Wasser einsammelt und zu dicker werdenden Kanälen leitet, einzig durch die Schwerkraft angetrieben. Ein Kanal durchquert den Barranco de Víznar, ein altes Flussbett und Ort der Exekution des Dichters Federico García Lorca 1936. Geschichtsdurchflutete Hauptquelle ist die Fuente Grande de Alfacar in einem Berg am Fuße der Sierra Nevada.

Die Initiative der Uni Granada und immer wechselnder Gruppen Interessierter in den jeweiligen Orten läuft unter dem Namen MEMOLab, einer Werkstatt für experimentelle Archäologie, wo alte Handwerkstechniken nachgestellt, Materialien erforscht, Technologien nachgebaut werden. Doch nicht nur aus historischem Interesse, sondern mit einem praktischen Hintergrund. Durch die Gräben und Kanäle wird das Wasser, das sich in den Bergen sammelt, wieder in Dörfer und auf Felder fließen, wie vor hunderten Jahren. Wasser, das sonst versickert oder verdunstet oder dort entlangfließt, wo es so steil ist, dass die Menschen es nicht nutzen können.

MEMOLab-Projekt in Spanien bringt Wasser in die Dörfer und Menschen zusammen

Seit 2014 „haben wir 14 Wassergräben wieder funktionsfähig gemacht, die meisten von ihnen wurden ab Mitte des 20. Jahrhunderts aufgegeben“, erklärt der Professor, als moderne Pumpsysteme die Bewässerung veränderten und vereinfachten und der Straßenbau explodierte und die Landschaft zerschnitt. Doch nun, mit den jährlich stärker spürbaren Effekten des Klimawandels, den unregelmäßiger werdenden Niederschlägen, die mal sturzbachartig kommen, mal Monate ausbleiben, der höheren Verdunstung durch die Erderwärmung, wird das Kanalsystem vor allem für das sogenannte „leere Spanien“ interessant und zu einer Rettung für kleine Bauern, private Gärten oder öffentliche Parks, die sonst keinen oder nur unleistbar teuren Zugang zu Wasser bekämen.

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Den Wegzug junger Leute aufzuhalten, vielleicht sogar Familien zurück auf die Dörfer zu locken, ist ein Ziel. Insgesamt „1.500 Personen haben an unseren Projekten mitgewirkt, 80 Kilometer Gräben konnten wir so freilegen und haben damit so manchen Betrieb der traditionellen Landwirtschaft gerettet“, so Civantos. Um die alten Netzwerke zu reaktivieren, nutzen sie die modernen Sozialen Netzwerke, das MEMOLab hat so eine regelrechte Graswurzelbewegung in Gang gesetzt. „Doch trotz unserer Anstrengung bleibt die Herausforderung gigantisch, rund um die Sierra Nevada allein gibt es über 3.000 Kilometer dieser Bewässerungsgräben, in den Provinzen Granada und Almería dürften es um die 24.000 Kilometer sein“.

Von der Sierra Nevada auf den Uni-Campus von Granada: Alte Wassergräben

Mittlerweile interessieren sich auch Behörden und Wasserversorger für das Projekt MEMOLab, die Stiftung Agua Granada, die Firma Emasagra und andere sind eingestiegen und wollen die Acequia de Aydanamar, an der Civantos und sein kleines Heer arbeiten, bis Mitte 2022 gebrauchsfähig machen. Das Wasser soll dann „bis auf den Campus der Uni Granada fließen und die dortigen Gärten bewässern“, auch als anschauliches Modellprojekt für andere Regionen, freut sich Civantos.

Natürlich werden die Acequias der Mauren den Klimawandel, der Spanien besonders treffen wird, nicht aufhalten, sind keine Universallösung. Zumal in den 700 Jahren maurischer Herrschaft und auch danach noch viel weniger Menschen zu versorgen waren. Die Mauren bauten ihr System zum Teil auf jenem der Römer auf, die sich mit ihren Aquädukten jedoch mehr auf Städte, Häfen, Produktionsstätten und Militärstützpunkte konzentrierten, während die Mauren die Landwirtschaft mit ihren ausgeklügelten Anbau- und Bewässerungssystemen Wasser in jedes Dorf, auf jeden Hof brachten und die „Bewässerung ins Zentrum stellten“, mit Kanälen, aber auch Drainage-Terrassen, Speichern und Umleitungen. Je mehr der Bauer anbauen konnte, umso höher fielen schließlich die Abgaben aus, die Bevölkerungszahl nahm zu, Ware konnte exportiert werden.

Der Professor mit dem Spaten: Lektionen an der frischen Luft der Sierra Nevada

Dieses Erbe einfach verfallen zu lassen, wäre nicht klug. „Die Mauren lösten auf der Iberischen Halbinsel eine ökonomische Revolution aus, Al-Ándalus, sei es vom Kalifat der Omayaden (9. Jh.) bis zum Emirat der Nasriden (bis 1492) wäre ohne diese Technologie und auch das Bewässerungssystem gar nicht denkbar gewesen“, ist Civantos überzeugt. Der Anbau von Zitrusfrüchten, Reis, Zuckerrohr, Baumwolle, Artischocken, Spinat und anderen Gemüsen und Früchten, die die Araber vorfanden oder mitbrachten, wurde so überhaupt erst möglich und wirtschaftlich sinnvoll.

Zum Thema: Zu Tisch beim Kalifen - Das gastronomische Erbe von Al-Ándalus

Der Professor erinnert konkret unter anderem an die Einführung der Seidenraupe durch die Mauren. Während die Männer die Feldfrüchte bestellten, widmeten sich die Frauen den Raupen und dann der Herstellung wertvoller Stoffe und Textilien, trugen so zu einer hohen Wertschöpfung bei. „Seide aus Almería und Granada wurde zu seiner Zeit nach ganz Europa verkauft“, bis das Wissen und die Menschen im 17. Jahrhundert endgültig vertrieben wurden.

Archäologie mit Mehrwert. Studenten vom MEMOLab im Feldeinsatz bei den alten Mauren-Gräben.

Der Professor erinnert sich noch an sein erstes Graben-Projekt, 2014 in Cañar in der Alpujarra war es. Die Studenten der Uni brachten Dokumente mit, die Bauern stellten Gerätschaften zur Verfügung und schon bald ackerten 200 Menschen über einen Monat, um die alten „Leitungen“ zu reinigen. „Als dann nach 30 Jahren wieder das Wasser ins Dorf floss, gab es eine große Fiesta. Das Wasserfest wiederholen wir seitdem jedes Jahr“, freut sich Cayetano Álvarez, Kleinbauer mit gerade zwei Hektar Land und Chef der Bewässerungsgemeinschaft Cañar. Er baut Knoblauch und Habas-Bohnen an und sorgt nun auch dafür, dass die Kanäle sauber bleiben. „Wir organisieren uns unter Nachbarn und Kollegen, um die Gräben sauber zu halten“, dabei machen auch tiefer gelegene Nachbarorte wie Órgiva mit, die von dem wiedergewonnenen Wasser profitieren.

Civantos würde gern viel mehr und schneller machen, doch er schätzt auch das Erreichte: „Es geht ja nicht nur um das Wasser, sondern um die soziale Anerkennung für das ländliche Leben, die Kulturlandschaft, die Kenntnis über die lokalen Umweltprobleme und traditionelle Landwirtschaft. Das alles zusammen ist ein ungeheures Kapital, der Schlüssel für unsere Zukunft als Spezies“, philosophiert der Professor mit dem Spaten.

Weitere Infos zum Projekt MEMOLab der Universität Granada unter: regadiohistorico.es

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