Ein Grabstein mit dem Schriftzug „Familia Vaquero-García“ auf einem spanischen Friedhof.
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Jaime Vaquero García war am 1. Mai 1981 das erste Todesopfer des Rapsöl-Skandals in Spanien.

Rapsöl-Skandal in Spanien

Vergiftet mit gepanschtem Rapsöl: Chronik zu Spaniens größtem Lebensmittelskandal

  • Judith Finsterbusch
    VonJudith Finsterbusch
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Es ist Spaniens größter Lebensmittelskandal: In den 80er Jahren bringen Unternehmer gepanschtes Rapsöl für den Industriegebrauch als billiges „Olivenöl“ auf den Markt. Tausende Menschen sterben.

Madrid - Als im Frühjahr 1981 immer mehr Menschen in Spanien an einer atypischen Lungenentzündung erkranken, sind die Ärzte zunächst ratlos. Die Krankenhäuser sind bald überfüllt, Betroffene werden aus Angst, es könnte sich um eine ansteckende Krankheit handeln, isoliert. Erstes Todesopfer des Rapsöl-Skandals ist am 1. Mai 1981 der achtjährige Jaime Vaquero García. Zu dem Zeitpunkt weiß aber noch niemand, dass er mit gepanschtem Rapsöl vergiftet wurde. Als immer mehr Fälle auftreten, gibt es Gerüchte über einen Atomunfall, Versuche mit bakteriologischen Waffen oder Vergiftungsfälle durch Pestizide. Erst der Kinderarzt Juan Manuel Tabuenca bringt den Verzehr von Speiseöl mit den Kranken und Toten in Verbindung.

Spaniens Rapsöl-Skandal: Billiges Öl für die Armen

Die Mutter eines seiner Patienten erzählt ihm, sie mische immer etwas Olivenöl in den Brei ihres erkrankten Babys. Tabuenca lässt das Öl untersuchen und findet darin hochgiftiges Anilin. Die Ermittlungen führen zu einem Netz von spanischen Unternehmern, die Rapsöl aus Frankreich importiert hatten. Das mit Anilin vergällte Öl war für den industriellen Gebrauch bestimmt, wurde jedoch von den spanischen Unternehmern mit Olivenöl vermischt und auf den Markt gebracht. Verkauft wurde es als Olivenöl zu einem wesentlich geringeren Preis und vor allem auf Straßenmärkten: Billiges Öl für die Armen.

Sechs Jahre später beginnt in Spanien der Mammutprozess zum Rapsöl-Skandal. Auf der Anklagebank sitzen 38 Unternehmer, mehr als zwei Jahre später werden 13 von ihnen verurteilt, die meisten zu Haftstrafen auf Bewährung. Nur zwei der Händler müssen danach ins Gefängnis, der Rest hat die Strafe schon während der Untersuchungshaft abgesessen oder wird freigesprochen. Im Gerichtssaal bricht nach der Urteilsverkündung ein Tumult aus, viele Betroffene haben den Prozess vor Ort verfolgt – in Rollstühlen und auf Krücken. Der Bus, mit dem die Angeklagten abtransportiert werden, wird von 200 wütenden Bürgern angegriffen, sie zerschlagen die Fensterscheiben und schreien „Mörder“ und „Betrug“.

Zweiter Prozess zum Rapsöl-Skandal in Spanien: Staat muss Entschädigungen zahlen

1997 landet der Rapsöl-Skandal schließlich beim Obersten Gerichtshof. Die Unternehmer werden zu Entschädigungszahlungen verurteilt, erklären sich jedoch insolvent. Die Anwälte sehen den Staat in der Verantwortung, wegen Nachlässigkeiten zweier Beamte, durch die das vergiftete Rapsöl als Speiseöl auf den Markt kam. Mit Erfolg: Der Staat muss die Opfer des Rapsöl-Skandals mit insgesamt 540 Milliarden Pesetas, gut 3,25 Millionen Euro, entschädigen. Zwischen 1999 und 2016 wurden die Entschädigungen überwiesen.

Offiziellen Zahlen zufolge sind über 3.800 Menschen an den Folgen des Rapsöl-Skandals in Spanien gestorben, die Behörden gehen von 20.643 Betroffenen aus. Mit den Entschädigungszahlungen ist der Kampf der Opfer des spanischen Rapsöl-Skandals noch längst nicht vorbei. Bis heute fordern sie Anerkennung, Respekt und Hilfen - und kämpfen „nebenbei“ gegen die Spätfolgen der Vergiftung.

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