Vor spanischen Wörterbüchern hält eine Hand ein Smartphone.
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Spanisch: Weltsprache und Wandel-Sprache Castellano - 2021 kam „trollen“ dazu.

Zum Tag der Muttersprache

Spanisch alias Castellano: Aus Weltsprache wird Wandel-Sprache, Twitter statt Quijote

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Spanisch wird von 570 Millionen Menschen in 26 Ländern gesprochen. In Spanien ist das Castellano allerdings in der Diskussion. Ein Beitrag zum internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar.

„Español“. Ein kleiner Button mit der Aufschrift zeigt, wie trendy die spanische Sprache in diesen Zeiten ist. Zu finden rechts oben auf wh.gov, übersetzt er die Webseite des Weißen Hauses prompt ins Castellano. Als eine der ersten Amtshandlungen führte der neue US-Präsident Joe Biden die vom Vorgänger vernachlässigte Option wieder ein. Ein Signal auch für Spanien: Mit Spanisch, und vor allem den Menschen, die es sprechen, rechnet der „mächtigste Mann der Welt“.

Spanisch, Español, CastellanoSprache
Gesprochen inSpanien, Hispanoamerika, in Teilen der USA, Westsahara und Äquatorialguinea
Sprecher570 Millionen, davon 480 Millionen Muttersprachler.

Spanisch: Weltsprache Castellano im Wandel - Aus Spanien nach Amerika

Doch wie steht es ums „Español“ in España? Así así. So lala. Heiß diskutiert Spanien seine Nationalsprache Nummer eins. Die Schulreform von Ministerin Isabel Celaá setzte Spanisch als „lengua vehicular“, Leitsprache an Schulen, ab. Die Regionen entscheiden nun selbst, wie viele Fächer sie auf Castellano lehren, oder ob überhaupt. Kann also sein, dass Schüler nur im Fach „Castellano“ etwas Spanisch hören. Den Rest würden sie im Alltag schon lernen, quasi nebenbei, signalisierte Celaá. Konservative Kritiker sehen das als Hohn und einen Schlag gegen die eigene Sprache, die doch Weltsprache ist. Dass viele dieser Ankläger am liebsten alle Fächer ihrer Kinder auf Englisch unterrichtet hätten, lassen sie unerwähnt.

Am 21. Februar, dem internationalen Tag der Muttersprache, konnten rund 480 Millionen Menschen in 26 Staaten auf vier Kontinenten Spanisch als Sprache feiern, die sie in die Wiege gelegt bekamen. Gar 570 Millionen sprechen „Español“ perfekt. Obgleich die große Mehrheit der knapp 47 Millionen Menschen in Spanien Castellano als Muttersprache haben, sind sie damit weltweit nur eine kleine Gruppe. Wer hätte das 1492 gedacht, als Kolumbus sich aufmachte, Asien zu erreichen und Amerika fand?

In jenen Zeiten der „Reyes Católicos“ spielte die Sprache eine starke machtpolitische Rolle. Als Merkmal der vereinigten Königreiche Aragón und Kastilien stabilisierte sie die Union, die nicht zuletzt der Maurenherrschaft ein Ende setzte. In der „neuen Welt“ verbreiteten die Eroberer aus Spanien ihre Sprache oftmals mit Gewalt und dem festen Ziel, ein Weltreich zu schaffen. Heute kann man sagen: Was politisch letztendlich misslang, ist linguistisch Realität. Spanisch alias Castellano ist eine Sprache, die die Welt spricht. Oder ist an Weihnachten „Feliz Navidad“ nicht der zweitbekannteste Gruß nach „Merry Christmas“?

Castellano, die Weltsprache: Latein im Alltag - Spanischstes Wort ist arabisch

Español oder Castellano: Wie sollen wir die Sprache der meisten Spanier eigentlich nennen? Das ist nicht so einfach. Menschen einiger Zonen finden es beleidigend, Castellano pauschal als „Spanisch“ zu bezeichnen. Allein die Frage, welche Variante auf der Iberischen Halbinsel eine Sprache und welche ein Dialekt ist, führt in Diskussionen fast zu einer neuen „guerra civil“ (Bürgerkrieg).

Eindeutig eine eigene Sprache haben die Basken, die vom Ursprung her aber so weit weg ist, dass wir sie gesondert betrachten sollten. Noch in der Maurenzeit begannen sich in den christlich gebliebenen Zonen Galicisch, Kastilisch und Katalanisch auszubilden – jede in ihre Richtung, doch alle aus derselben Wurzel: Latein. Ob Spanier „vino“ trinken oder „fruta“ essen, die Sprache der alten Römer ist fast in jedem Moment des Alltags präsent. Aber durchsetzt ist sie auch von Andenken an andere Völker, nehmen wir besagte „guerra“ (Krieg), ein Erbe von den Goten. Über tausend – vielleicht mehrere Tausend – Wörter kommen von den Arabern, kein Wunder bei 800 Jahren Maurenherrschaft.

An Spanisch ist vieles arabisch - Mauren und Christen-Show bei einer Fiesta.

Nehmen wir die „aceituna“ (Olive). Aber auch die „tarea“ (Übung) im Spanischunterricht ist ein arabisches Wort, genauso wie „hasta“ (bis, bekannt aus „hasta luego“, bis bald) und sogar das allerspanischste aller Wörter„¡Olé!“. Aus dem muslimischen Ausdruck „In schā‘ Allāh“ („So Gott will“) kommt das faszinierende, schwer übersetzbare „ojalá“, eine Art von Hoffnung erfülltes Vielleicht.

Spanisch im Wandel: 2.500 Aktualisierungen - Das geschlechtsneutrale Flittchen

Doch als hätte Spanisch nicht genug Zutaten alter Zeiten, kommt die immer rasantere Gegenwart mit ihren Begriffen der Zukunft. Sie drängen in die Sprache, die doch nicht nur Abbild der Realität ist, sondern selbst Realitäten schafft. Oder RAElitäten: Denn die Real Academia Española (RAE), Königliche Spanische Akademie, hat die schwere Bürde, den Spagat zu schaffen zwischen dem korrekten Bewahren des Alten und dem Aktualisieren des Castellano ins Heute.

2.500 Aktualisierungen an der spanischen Sprache nahm RAE allein 2020 vor. Viele neue Wörter nutzte der Volksmund längst – „trolear“ (trollen) oder „provida“ (Abtreibungsgegner) – aber natürlich war auch jede Menge Coronavirus-Pandemievokabular dabei wie „Covid“ oder das etwas abenteuerliche „cuarantenear“ (Verbform von „Quarantäne“. Haben Sie einen Übersetzungsvorschlag?). Es ist immer ein Drahtseilakt („malabarismo“, übrigens ein indisches Wort), egal was RAE ändert.

Beispiel: 2018 sollte im Spanischen der Sexismus aus dem Wort „mujer fácil“ (Flittchen) weichen. RAE machte „persona fácil“ daraus. Problem: So einen geschlechtsneutralen Begriff verwendet – die Gesellschaft ist halt, wie sie ist – kein Mensch. Einige Castellano-Experten waren empört.

„todas“, „tod@s“ oder „todes“? Spanisch sucht seinen Genderstern

Nicht so vorschnell war die Akademie des Castellano mit „alcaldesa“. Heute bedeutet das Wort für alle Spanisch-Sprecher eindeutig „Bürgermeisterin“, war aber 1992 noch im RAE-Lexikon in erster Linie als „Ehefrau des Bürgermeisters“ definiert. Dabei gab es in den 1930ern bereits erste weibliche „alcaldes“ (dieses im Übrigen ein arabisches Wort). Bei allen guten Absichten für Spaniens Frauen, haben gerade Feministinnen RAE auf dem Kieker.

Spanisch, die Wandel-Sprache: Frauen-Demo noch ohne Gendersternchen.

Denn grammatikalisch, meinen Aktivistinnen, komme die Königliche Akademie der Sprache nicht mit dem Gesellschaftswandel hinterher. Noch immer müssen sie das umständliche „todos y todas“ (jeder und jede) sagen, „ministros y ministras“, „niños y niñas“ und so weiter, um inklusiv zu sprechen. Eine Form, die beide, oder sogar mehr, Geschlechter vereine, gibt es nicht. Im Alltag hört man manchmal ein inklusives „e“: „todes“.

Nur auf sozialen Netzwerken (weil man es nicht aussprechen kann) gibt es noch das inklusive „x“ oder „@“ – „todxs“, „tod@s“. Letzteres, weil es an eine Mischung aus „o“ und „a“ erinnert. Doch bei RAE findet man die Formen nicht.

Solche Schöpfungen nähmen der Sprache Reichtum und Schönheit, meldete RAE noch Ende 2020. Und wenn bald die meisten Spanier „todes“ sagen? Oder sie das Gendersternchen aus dem Deutschen ins Spanische importieren? Ganz schnell dreht sich die Welt von heute. Vorsichtshalber rüstete RAE das digitale Angebot auf. Denn gedruckte Bücher kommen mit dem Wandel der Sprache fast nicht mit. Selbst Verlage von Wörterbüchern überlegen, ob in Corona-Zeiten Fragen nach dem Handtuch im Hotel weiterhelfen, oder nicht eher: „¿Dónde puedo comprar una mascarilla?“ (Wo kann ich eine Maske kaufen?)

Spanisch, die Wandel-Sprache: Lieber Twitter als Quijote

Ultraschnell (da kommt kein Duden mit) lädt bereits das neue RAE-Wörterbuch. Auf Facebook dagegen postet die Akademie unermüdlich spanische Begriffe für Dinge der heutigen Welt: So sei im Castellano lieber „en línea“ zu sagen als „online“, lieber „entrega a domicilio“ (Lieferung nach Hause) als „delivery“. Doch die Jugend sträubt sich, gewohnt an die rasanten Zeiten von Twitter. Dessen 160 Zeichen werden immer eher zur Referenz in der Rechtschreibung als die 1.500 Seiten von Cervantes’ „Don Qujote“. Zum Lehrer-Entsetzen schwinden in Handy-Mitteilungen massenhaft Buchstaben und Zeichen. „Kien a leido el kijote?“ statt „¿Quién ha leído el Quijote?“ wird immer normaler.

Doch noch weitere Gruppen drängen RAE dazu, die Sprache in ihrem Sinne zu ändern. Etwa das Kollektiv der Menschen mit Behinderungen. Ihnen kam die Akademie kürzlich entgegen, indem sie „discapacidad“ umdeutete: Weniger sei sie der Zustand des Begrenztseins, als vielmehr die erschwerte Lage durch Hindernisse, die die Gesellschaft ihnen bietet.

Spanisch im Wandel: Behinderungen in der Sprache im neuen Licht.

Ein motivierender Ansatz. Einen solchen wünschen sich auch Menschen der Gruppe LGTBIQ+. Vor allem im Bereich der Trans- oder Intersexualität geben Vereine Glossare heraus, um Begriffe wie „cisgénero“ (Cisgender) zu verbreiten. Gemeint sind damit Menschen, deren gefühltes Geschlecht mit ihrem Körper übereinstimmt.

Spanisch im Wandel: Die Schmiede der Sprache - und die Top-Wörter 2020

Vergeblich sucht man das Wort im Spanisch laut RAE, und auch im Wortschatz der meisten Cisgender-Menschen – sogar im Jahr 2021, das mit dem neuen „Trans-Gesetz“ Spaniens Geschlechtervielfalt voranbringen soll. Doch das LGTBIQ+ Kollektiv arbeitet daran, die Sprache im Sinne neuer Zeiten zu wandeln. Taten das nicht alle, die das einstige Latein ins heutige Castellano schmiedeten?

Ob Frauen, die „alcaldesa“ wurden. Könige, die ein Weltreich anstrebten. Mauren, Goten, Römer. Spanische Bildungsminister und -ministerinnen. Und auch der „mächtigste Mann der Welt“, der wieder auf die (nach Englisch, Chinesisch und Hindi) viertmeist gesprochene Sprache der Welt setzt.

Von „asintomático“ bis „virtual“ - Corona prägt Spanisch

Die folgenden Castellano-Wörter des Jahres 2020 stellte RAE mit der globalen Spanisch-Akademie Asale auf. Corona gibt den Takt vor: 1. asintomático (symptomfrei), 2. confinamiento (Lockdown), 3. contagio (Ansteckung), 4. coronavirus, 5. Covid-19, 6. cuarentena (Quarantäne) 7. distanciamiento (Distanzierung), 8. incertidumbre (Unsicherheit), 9. mascarilla (Maske) , 10. pandemia, 11. teletrabajo (Homeoffice). 12. virtual. Fügen wir auf Platz 13 den etwas vergessenen Satz aus der ersten Corona-Welle hinzu: „Todo va a salir bien.“ (Alles wird gut)

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