Eine Frau zeigt im Vorbeigehen auf eine aus Metall erstellte Fahrrad-Sonnenuhr.
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Hinterland-Tourismus mit Sonnenuhren bei Gandía: Antoni Mirós Fahrrad-Uhr.

Ausflug ins spanische Hinterland

Dorf der Sonnenuhren: Originelle Tourismus-Idee im Hinterland von Gandía

  • Anne Thesing
    vonAnne Thesing
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In dem kleinen Dorf Otos im Hinterland von Gandía haben Künstler mit ihren Sonnenuhren ganz besondere Werke geschaffen und so auch den Tourismus angekurbelt.

Otos - Auch wenn das im Valle de Albaida (Region Valencia) gelegene Otos ein kleines, auf den ersten Blick unauffälliges und traditionelles Dörflein ist: Die Zeit ist hier nicht stehen geblieben. Im Gegenteil. In dem länglich angelegten, von wenigen Straßen dominierten Ort bewegen sich die Zeiger der Uhren ständig und überall. Seit die rund 460 Einwohner zählende Gemeinde im Hinterland von Gandía vor zehn Jahren die zündende Tourismus-Idee mit den Sonnenuhren hatte, sind diese nicht mehr von den Fassaden, aus den Parks und den Straßen wegzudenken.

GemeindeOtos
Fläche11,1 km²
Bevölkerung446 (2018)
Postleitzahl46844
ProvinzValencia
HotelsDurchschnittspreis 3-Sterne-Hotels: 64 €.

Sonnenuhren für Tourismus: EU-Subventionen unterstützen Hinterlandprojekt

„Otos ist ein sehr landwirtschaftlich geprägtes Dorf“, sagt der ehemalige Kulturstadtrat Tino Plá, der auch Führungen durch den kleinen Ort im Hinterland von Gandía organisiert hat. „Und die Landwirtschaft ist nicht nur vom Wetter, sondern auch von der Zeit abhängig. Seit jeher haben unsere Landwirte die Schatten beobachtet. Ob sie lang oder kurz sind, und was das für den Anbau bedeutet.“ Dieses Verhalten machte Otos sich zu eigen, nutzte EU-Subventionen für den in Spanien immer beliebter werdenden Hinterlandtourismus und gewann eine Reihe bekannter Künstler für das Sonnenuhr-Projekt.

Einer der bekanntesten, Antoni Miró, ist ein alter Freund der Gemeinde. Seine Uhr – der Nachbau eines historischen Hochrads – zeigt vor dem Kirchplatz die Zeit an. „Die Fahrraduhr fordert den Spaziergänger auf, anzuhalten und über die Zeit nachzudenken, über jene Zeiten, in denen die Dinge noch anders lagen. In denen die Fahrräder noch unproportional und poetisch waren. In denen die Sonne noch die Menschenleben mit ihren Schatten und ihrem Licht ordnete“, heißt es in der Tourismus-Broschüre über die Sonnenuhren in Otos, die im Internet abrufbar ist.

Zahl der Sonnenuhren in Gandías Hinterlanddorf wird immer größer

Schatten, Licht, Sonne – diese Elemente sind es, die einem hier im Hinterland von Gandía überall begegnen und immer wieder nach der angezeigten Stunde Ausschau halten lassen. Und danach, was der Künstler mit seiner Uhr vermitteln wollte. Manuel Boix zum Beispiel lässt in der Calle Sant Crist den Zeiger auf einem Auge wandern und spielt damit auf die Sage des Odysseus an, der dem Zyklopen Polyphem eine glühende Pfahlspitze ins Auge stach, um aus dessen Höhle fliehen zu können.

Acht Uhren waren es anfangs, die die Zeit in dem Ort anzeigten. Mittlerweile sind es über 25. Neue Künstler seien dazu gekommen, erzählt Plá, aber auch die Einwohner selbst seien im Laufe der Jahre zu Uhrmachern geworden. „Viele schmücken auf eigene Initiative ihre Fassade mit einer Sonnenuhr“, sagt Plá. Und lassen diese in einigen Fällen nicht nur die Uhrzeit, sondern auch familiäre Feste oder Geburtstage anzeigen. So haben die Uhren nicht nur eine Bedeutung für den Tourismus, sondern auch für die Einheimischen.

Auf dieser Sonnenuhr zeigen Paprikaschoten die Zeit an.

Tourismus-Führungen: Sonnenuhren und Palast im Hinterland von Gandía

Auch an geschichtliche Ereignisse erinnert manch ein Werk. So wie bei dem Sonnenkalender, der im Garten des Anfang des 18. Jahrhunderts gebauten dreistöckigen Palacio del Marqués de San José steht, in dem heute Rathaus und Bibliothek der Hinterlandgemeinde untergebracht sind. Neben einer Sonnenuhr im Innenhof lässt die Uhr im Garten jeweils am 25. April, dem Tag der Schlacht von Almansa (1707), den Schatten auf das Datum fallen.

Aber auch davon abgesehen, ist der im Jahr 2000 komplett restaurierte Palast einen Besuch wert und daher neben den Sonnenuhren Bestandteil der Tourismus-Führungen, die jeweils sonntags gegen 11 Uhr (vorher im Rathaus anmelden) durch den Hinterland-Ort veranstaltet werden. In Corona-Zeiten natürlich unter Einhaltung der vorgeschriebenen Sicherheitsregeln. Schmuckstücke des Palastes sind die Skulpturen, Bilder, Skizzen und Entwürfe des Künstlers Antoni Miró, die hier Wände und Gänge zieren. Sehenswert ist auch die ehemalige Bodega im Untergeschoss, in der traditionelle Geräte Einblick in die Arbeit der ländlichen Bevölkerung geben.

Das Land, das diese im Hinterland von Gandía beackert, ist mit seiner ungewöhnlich weißen Erde so ganz anders als die Landschaft weiter Richtung Küste und Costa Blanca. Vor allem Aprikosen- und die in Spanien so herrlich gedeihenden Olivenbäume sind es, die hier die Felder säumen. Ein Spaziergang durch die Gegend rund um das am nördlichen Ausläufer der Sierra Benicadell gelegene Otos lohnt sich also.

Das beschauliche Sonnenuhren-Dorf Otos liegt fernab des Tourismus im Hinterland von Gandía.

Tourismus im Hinterland von Gandía: Wachtturm mit herrlichen Aussichten

Eine empfohlene Wanderroute verläuft entlang des Weges SL CV-10 und kann bis zu dem auf 660 Meter Höhe gelegenen Castillo de Carbonera verlängert werden. Ein etwas weiter entferntes, aber leicht zu bewältigendes Wanderziel ist der auf einem Felsen errichtete Wachtturm des Castillo Carricola. Er ist von der gleichnamigen benachbarten Ortschaft zu erreichen und bietet herrliche Aussichten auf das im Hinterland von Gandía gelegene Vall d’Albaida.

Doch zurück zum Dorf Otos, das sich dem Tourismus geöffnet hat und dies offensichtlich gerne und mit viel Liebe tut. „Hier kam früher niemand her“, gibt die Betreiberin des familiären, in einem der schönsten Häuser untergebrachten Hotels Casa de les Senyoretes zu. Die Sonnenuhren haben dafür gesorgt, dass sich das ändert. Otos ist klein, aber es ist stolz darauf, die Gemeinde mit der größten Sonnenuhr-Dichte zu sein. Darunter eine Wassermelonenhälfte, eine Monduhr oder eine mit Paprikaschoten. „Was will man mehr als Sonne“, „Die Sonne scheint für alle“ oder „Ich bin, wenn die Sonne ist“, schwärmen einige in ihren Inschriften. Andere verbergen hinter Zifferblatt und Zeigern Geschichten und Hintergründe, die in der Broschüre nachgelesen werden können.

Gut für den Tourismus: Sonnenuhren aller Art zieren die Fassaden in dem Hinterlandort von Gandía.

Sonnenuhren haben ihren eigenen Rhythmus

Wer nun meint, dass in Otos niemand je zu spät kommt, hat sich allerdings geirrt – denn die von einer Sonnenuhr angezeigte Zeit stimmt nicht mit der mechanischer Uhren überein. „Die Abweichungen hängen vom Ort und von der Jahreszeit ab“, heißt es in der Tourismus-Infobroschüre. Für alle, die es genau wissen wollen, ist gleich daneben eine Grafik abgedruckt mit den jeweiligen Minuten, die in dem entsprechenden Monat hinzugefügt beziehungsweise abgezogen werden müssen.

Darüber hinaus müsse im Winter eine und im Sommer zwei Stunden weiter gerechnet werden. „Die Sonnenuhren sind nicht sehr genau, aber auf dem Land ist es auch nicht so wichtig, ob man zehn Minuten früher oder später kommt“, sagt Plá. Wer einen wichtigen Termin hat, sollte also doch besser seine Armbanduhr dabeihaben.

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