Ukraine-Konflikt - Flüchtlinge in Spanien
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Ukrainer heute: Vom Krieg schwer getroffene Menschen. Gut bedient noch die, die mit Koffer das sichere Spanien (hier Barcelona) erreichen.

Spanien und der Krieg

Wir aus der Ukraine: Ein spanischer Blick hinter die blau-gelbe Flagge

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Mit großem Einsatz stemmt sich auch die ukrainische Gemeinschaft in Spanien gegen den Krieg im Heimatland. Was steckt hinter diesem so leidenden, aber auch so tapferen Volk? Begegnungen führen uns bis zu den Ursprüngen des „Grenzlands“.

Seit einem Monat tobt der Krieg in der Ukraine. Unermesslich ist in diesen Tagen das Leid der Menschen aus dem von Putin-Russland überfallenen Land. Aber die Ukrainer leisten zugleich einen Widerstand, über den die Welt staunt. Einerseits im militärischen Kampf. Andererseits – in Spanien etwa –, in der Versorgung und Aufnahme der Flüchtlinge oder in Kundgebungen mit feurigen Appellen und bewegender Musik. Eine glühende Moral des Volkes, das erst 1918 (und zunächst nur für kurze Zeit) als freier Staat auf der Karte erschien, wird offenbar. Wer sind die Ukrainer eigentlich? Begegnungen mit Auswanderern in Spanien eröffnen uns einen bis zu den Ursprüngen der Ukraine reichenden Blick hinter die blau-gelbe Flagge.

Ukraine Land in Europa
Präsident: Wolodymyr Selenskyj
Hauptstadt: Kiew
Fläche: 603.548 km² (Vergleich Spanien: Fläche: 505.970 km²)

Wer sind die Ukrainer? Auswanderer in Spanien und Russlands Krieg

Da war einmal dieser Strauch, dem ein Kosake einen Platz in seinem Garten versprach. Doch dort kam das Pflänzlein nie an. Der slawische Krieger ließ es unterwegs liegen. Verlassen, allein, blieb der Strauch am Wegesrand. Aber er starb nicht. Sondern er schlug Wurzeln. Denn der Ort war ein Tal voller Leben. Mit singenden Vögeln und reichlich Wasser, an das der Strauch gelangte, wenn er sich streckte.

Kalyna nennen die Menschen der Ukraine diese Pflanze, deren runde weiße Blütenpracht ihr im Deutschen den Namen Schneeball bescherte. Überaus heilsam sind ihre roten Beeren, für Körper und auch – wie sich derzeit zeigt – für die ukrainische Seele. Sobald das Lied erklingt, das die Legende vom Strauch erzählt, verstummen die Zuhörer, und Tränen kullern. Auf der Bandura, einer ukraininischen Laute, zupft auf der Plaza de la Montañeta von Alicante eine junge Frau die Töne, während sie „При долині кущ калини“ vorsingt. Sie lacht herzlich, als es Applaus gibt. Olga floh vor dem Krieg, der seit einem Monat, wie ein entsetzlicher Sturm in einem zarten Garten, die Ukraine erdrückt.

Jeden Abend stehen derzeit auf dem Alicantiner Platz Menschen aus der Ukraine, sammeln Spenden, halten Reden, ermutigen einander und teilen ihr Leid. „Wer, wenn nicht wir?“ ist die brandaktuelle Frage. Sie ist auch der Name der Gruppe „Xто Як Не Ми?“, die die Kundgebungen veranstaltet.

Die Ukraine, ein Land am Rand

2014, als der Krieg in der Ukraine de facto begann, entstand in Alicante die Gruppe, die unter anderem verletzten ukrainischen Soldaten Kur-Aufenthalte in Murcia organisierte. Schon seit 20 Jahren weilt Mykola Palyukh von „Xто Як Не Ми?“ in Spanien. Drei Flüchtlinge wohnen derzeit in seiner Wohnung in Alicante. Er nahm sie auf, weil die Polizei sie zu ihm auf den Montañeta-Platz in Alicante brachte. „Sie wussten nicht, wohin mit ihnen. Aber als ich die Ukrainer beherbergte, kamen die Beamten am Tag danach wieder und sagten: Kannst du weitere sieben zu dir nehmen?“, erzählt der 46-Jährige. Mittlerweile habe die Stadt die Aufnahme besser koordiniert. Aber das Volk leide schwer. Und nein, es ist nicht das erste Mal in der ukrainischen Geschichte.

„Es gibt sehr viele russisch-ukrainische Familien und Ehen. Für diese stellt der Krieg ein besonders großes Leid dar“

Mykola Palyukh, ukrainischer Aktivist in Spanien.

Um die Existenz fürchten und kämpfen: Das scheint irgendwie zur DNA dieser Nation zu gehören. „Grenzland“ lautet die Übersetzung von Ukraine. Ein ambivalentes Wort: Bedeuten kann es ein Land an der Grenze, am Rand Europas etwa. Aber auch ein Land, das selbst nicht viel mehr ist als Grenze. Allzu oft und von allen möglichen Seiten wurde dem ukrainischen Volk eine eigene Identität abgesprochen. 14 verschiedene Staaten kontrollierten im Lauf der Geschichte das Gebiet der heutigen Ukraine. 1918 war es ein Durchbruch für die Nation, ihre Unabhängigkeit zu erklären. Aber die Freude dauerte nur Monate. Bald nutzten die Bolschewiki den russischen Bürgerkrieg, um Kiew zu erobern. (Zum Thema: Ort in Spanien in „Ukraine“ umbenannt)

„Russland hat es nie verkraften können, wenn die Ukraine einen Schritt in Richtung Freiheit und Selbstbestimmung tat“, bedauert Mykola Palyukh. „Ihr Krieg gegen uns dauert schon 300 Jahre.“ Längst sei der mächtige Nachbar „völlig abgerückt“ von seinen eigenen Wurzeln, die eigentlich zur Brüderlichkeit statt zu Krieg veranlassen sollten, siehe folgender Hintergrund:

Einwurf: Die Ukraine und ihre Symbole, eine lange und schmerzhafte Geschichte

Die Ukraine scheint sich derzeit über die westliche Welt zu erstrecken. Überall weht die blau-gelbe Flagge der Ukrainer, als Zeichen von Solidarität und Hoffnung auf Frieden. Wenigen Menschen ist bewusst, dass es sich mit um die ältesten Nationalsymbole Europas handelt, viel älter als Spaniens Flagge etwa. Das mag überraschen, da die Ukraine ja erst 1918 erstmals eine Unabhängigkeit erlangte. Jedoch stammt die Farbkombination, die man damals wählte, aus dem Mittelalter: Im 13. Jahrhundert trug sie das Fürstentum Galizien-Wohynien auf dem Wappen.

Nochmals tiefer in die Vergangenheit reicht der ukrainische Dreizack Тризуб. Dieses Symbol war tatsächlich schon im 9. Jahrhundert verbreitet, zu Zeiten der Kiewer Rus. Im Siegel trug es Wladimir der Große (960-1015), der Großfürst von Kiew, der das damalige Reich christianisierte. Was Abraham für die Juden, Muslime und Christen ist, ist die Kiewer Rus für Russland, Belarus und die Ukraine: Ein gemeinsamer, anerkannter Ursprung und zudem eine alte Bastion der Ostkirche. Doch statt Frieden schwellen dort seit Jahrhunderten Konflikte. Russland strebt nach Kontrolle über das „Grenzland“, das einst das Herz der Kiewer Rus war, als wolle es das mythische Reich mit Macht wiederherstellen.

Im 17. Jahrhundert geriet die Ukraine in die Herrschaft der Zaren, die zusehends alles Ukrainische unterdrückten. Umso stärker wurden die Repressalien, als im 19. Jahrhundert unter der Federführung des Exil-Dichters Taras Schewtschenko das ukrainische Nationalgefühl erblühte. Der Untergang des Zarenreichs war für die Ukraine ein vergeblicher Hoffnungsschimmer. Zwar entstand 1918 der eigene Staat, geriet aber prompt in sowjetische Kontrolle. Durfte in den 20ern unter Lenin noch die ukrainische Kultur gedeihen, richtete Stalin in den 1930ern ein Massaker an.

Zunächst verbot er den Ukrainern ihre Sprache und Symbole, beseitigte Andersdenkende und ließ dann absichtlich Millionen Ukrainer verhungern. Den „Holodomor“ überwand die Ukraine nie. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum die NS-Truppen 1941 in der Ukraine wie Befreier bejubelt wurden. Nicht zu entschuldigen ist dagegen die Teilhabe nationalistischer Ukrainer – bei weitem nicht die Mehrheit des Volkes – am deutschen Holocaust.

Bis heute hielten sich leider nationalsozialistische Tendenzen im Land mit der blaugelben Flagge. Auch im laufenden Krieg werden sie von rechten Kampftruppen propagiert und liefern ausgerechnet Putin Argumente für seine „Entnazifizierung“ der Ukraine. Nicht zu verwechseln mit solchen Auswüchsen sind jedoch die ukrainischen Symbole an sich. Zumal sie der russischen Idee widersprechen, wonach die ukrainische Nation eine Erfindung von 1918 sei.

Wieder Krieg und Hunger in der Ukraine: März 2022, ein Kind aus Mariupol sitzt im Zug nach Lemberg.

Auswanderer in Spanien: Vertrieben durch Korruption

Aber zurück zu den Ukrainern im Jahr 2022. Was ist es, das sie zu einem waschechten, ganz eigenen Volk macht? Wir baten Mykola Palyukh, uns zum Gespräch etwas Handfestes als Antwort mitzubringen. Der Spanien-Auswanderer hat einen Umschlag dabei und zieht ein Foto heraus. Menschen sitzen darauf um einen üppig gedeckten Tisch. Eindeutig, eine osteuropäische Familie vor slawischen Leckereien. Links entdecken wir, etwas jünger als heute, unseren Gesprächspartner, mit einem blonden Kind auf dem Schoß. „Das ist mein Sohn, der nun volljährig ist“, sagt der Ukrainer.

Seine Familie habe, als das Foto entstand, in der Heimatregion Chmelnyzkyj den 50. Hochzeitstag der Großeltern gefeiert. Mykola Palyukh selbst reiste damals bereits aus Spanien an. 2002 wanderte der Ukrainer im Alter von 25 Jahren aus. „Ich hatte zwar in der Ukraine Arbeit“, so der Wirtschaftsingenieur, „aber im Land herrschte viel Korruption. Das war sehr zermürbend. Meine Mutter wohnte bereits in Spanien, und meine Frau sehnte sich danach, im Westen zu leben“. Längst wäre Palyukh in die Ukraine zurückgekehrt, gesteht er, „wenn nicht die Kinder wären“.

Es sei eben doch etwas Anderes, seine Identität in der Ferne zu leben als, wie die Vorfahren, trotz allem Leid, im Land auszuharren. „Ich möchte über meine Oma erzählen“, sagt der Ukrainer und deutet auf dem Foto auf die farbenfroh gekleidete Dame mit Kopftuch. .„Sie war drei Jahre alt, als die Russen in ihr Haus drangen und alles, alles mitnahmen. Von Tellern und Besteck bis zu Lebensmitteln und Kühen. Die Familie war am Ende“, sagt Palyukh. „Meine Oma erinnerte sich genau, wie sie auf dem Bett saß, das oberhalb des Ofens angebracht war – das ist typisch für ukrainische Küchen. Ein Eindringling schubste sie weg und nahm ihr das letzte Kissen.“

„Für alle etwas da“: Ukrainer nicht gleich Ukrainer

Die Erlebnisse der 1930 geborenen und vor einigen Jahren verstorbenen Frau wurden zur kollektiven Erinnerung der ukrainischen Familie. „Als sie für die Sowjets als Melkerin arbeitete, gab es erst 1964 ein Gehalt. Davor schuftete sie nur für ein Stück Brot“, erzählt Mykola Palyukh. Bei aller Pein in diesen Geschichten sei die Erinnerung an die Großmutter aber nicht nur eine traurige. Eher im Gegenteil. Das stellen wir fest, als wir den Ukrainer danach fragen, was denn das gewisse Etwas sei, das man nur in der Ukraine erleben könne.

Schätze der „Kornkammer“: Produkte im ukrainischen Laden in Alicante.

„Wenn man als Familie zusammenkommt und die Tische sich wie von Wunderhand füllen“, antwortet der Auswanderer. „Bei meiner Oma, die arm war, war das so. Immer gab es Borschtsch, unsere Rote-Beete-Suppe, oder die Kohlrouladen Golbzi. Für alle reichte es, für alle Kinder war was da.“ Das sei also die Ukraine in Reinform. Aber ist das Land wirklich so homogen, wie es in der derzeitigen Kriegs-Situation erscheinen könnte? Oder ist die Volksseele nicht vielmehr tief mit der Kultur der Nachbarvölker durchtränkt? „Natürlich gibt es ganz viele Einstellungen. Wir sind ein demokratisches Land“, sagt Mykola Palyukh.

Russisch etwa werde in der Ukraine, je nach Region, auch in vielen Familien gesprochen, die sich durch und durch ukrainisch fühlen. Anders sehe es im Osten, im Donbass, aus. Dorthin zogen viele Russen in der Industrialisierung, schon in Sowjet-Zeiten. 1991 führte die Unabhängigkeit der Ukraine zu Konflikten mit diesen Menschen. Doch die ideologischen Fronten verlaufen nicht nur geografisch: „Es gibt sehr viele russisch-ukrainische Familien und Ehen. Für diese stellt der Krieg ein besonders großes Leid dar“, sagt Mykola Palyukh.

Poetischer Einwurf: „Der Traum“ (1856), Taras Schewtschenko (Übersetzung Deutsche Gedichtebibliothek)

Sie schnitt das Korn im Frone darbend.
Doch nicht zu ruhn, schlich sie davon:
Sie schleppt sich mühsam zu den Garben,
Zu nähren Iwan, ihren Sohn.
In Windeln wimmert’s dort im Schatten
Der Garben. Küssend band sie’s frei,
Reicht ihm die Brust, dann voll Ermatten
Hockt sie beim Kind: in Träumerei
Sinkt sie gemach. Und sieh — ihr träumte,
Ihr Iwan wär nicht mehr im Joch,
Wär schön und reich, auch nicht alleine,
Lebt mit ‘ner Gattin im Vereine,
Mit einer Freien, scheint’s, ist doch
Er kein Leibeigner mehr — ein Freier;
Auf eignem, frohem Feld zu zweien,
Den Weizen schneiden sie, derweil
Die Kindlein bringen ‘s Brot in Eil’ —
Hinwandelnd sammeln sie die Ähren;
Dem Schicksal gleich, dem heil’gen, hehren,
Sie wandeln gleich den Engelein.
Die Arme lächelte vor Wonnen.
Erwachte — alles war zerronnen!...
Aufs Kind sie schaute, nahm’s zur Hand,
Schlägt es besorgt ins Wickelband,
Dann ging sie, noch ‘ne Kope fronen,
Derweil man noch nicht hört den Wächter,
Wohl ‘s letzte Mal. Hilft Gott zumal,
So wird dein Traum zu Wahrheit werden.

„Ernte in der Ukraine“ (1896), Gemälde von Mykola Pymonenko: Blau-gelbe Heimat.

Demokratisches Verhängnis: Nicht nur die „Kornkammer“

Ausgerechnet die demokratische Ausrichtung sei der Ukraine zuletzt zum Verhängnis geworden, meint unser Gesprächspartner Mykola Palyukh. „Denn dadurch, dass viele Meinungen zugelassen wurden, konnte Russland seine Medienpropaganda starten und Verwirrung stiften.“ Mit modernsten Mitteln, nicht nur mit Bomben und Panzern, führe der übermächtige Nachbar nun seinen uralten Feldzug fort. Dabei, glaubt der Ukrainer, seien nicht nur überholte russische Besitzansprüche der Antrieb. Sondern auch, aus ganz und gar aktuellen Gründen, der ukrainische Boden.

„Auf der Welt werden die Lebensmittel knapp. Das weiß Russland. Und unsere Ackerböden haben herausragende Eigenschaften für die Getreideproduktion“, erklärt der Spanien-Auswanderer. Was sie an ihrer „Kornkammer“ haben - und auch an der starken uIndustrie im Osten -, das wissen die Ukrainer. Doch sei das nicht der eigentliche Grund dafür, dass sie diesen, für die westliche Welt so erstaunlichen, Widerstand gegen die Invasoren leisten. Es sei vielmehr die ur-ukrainische Art, sich nicht unterbuttern zu lassen, meint unser Gesprächspartner. Als Bild dieser Haltung nennt er ein Gemälde:

„Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“ (1891) von Ilia Repin zeigt, wie ukrainische Krieger im Jahr 1676 auf Drohungen des mächtigen Osmanen eine überaus freche Antwort verfassen. Fast meint man, in der schelmischen Szene das an Putin gerichtete „Komm her. Ich beiße nicht“ des ukrainischen Präsidenten Selenskyj zu erkennen. Aber führt dieser unerschrockene Widerstand im Krieg 2022 nicht auch zu weit, etwa wenn junge Ukrainer, fast Kinder, völlig unerfahren an die Front müssen? Ein Urteil dazu gibt Palyukh im Gespräch nicht ab. Er selbst, das bekennt er, sei jedoch „eher Musiker als Krieger“.

Mit Hoffnung am vollen Tisch

Deshalb kämpfe der Ukrainer auf seine Art, in Spanien, mit der Hilfsgruppe „Xто Як Не Ми?“ – und auch im Tonstudio, wo er mit seinem Sohn und der geflüchteten Olga Rap-Lieder mit ukrainischen und spanischen Appellen gegen den Krieg aufnimmt. „Es ist besser, in Freiheit zu sterben als in Sklaverei zu leben“, lautet eine Zeile. Der aktuelle Konflikt, warnt Palyukh, sei keine rein ukrainische Angelegenheit. „Die Welt muss erkennen, dass es um die Würde von Menschen überhaupt geht.“ Ein Kampf, der weit über die Grenzen des „Grenzlandes“ reicht. Ein nicht aussichtsloser Kampf, sagt der Ukrainer und beruft sich nochmals auf seine Großmutter. „Sie hieß Nadiya, und wissen Sie, was das Wort bedeutet? Hoffnung.“

Ukraine pur: Familienfeier für Großmutter Nadiya und Ehemann. Unser Gesprächspartner Mykola Palyukh ganz links, mit Kind.

Kommentar: Eine größere Freiheit

Nur mit einem Köfferchen in der Hand fliehen unzählige Ukrainer vor dem Krieg. Nichts ist ihnen mehr geblieben, als die nötigsten Dinge. Und ein Herz, beladen mit traumatischen Momenten, aber auch alten Sehnsüchten und Verletzungen in ihrer Volksseele. Wenn ich dann Bilder von viel zu jungen Menschen, die an die Front müssen, sehe, möchte ich den Ukrainern fast zurufen: Lasst es doch gut sein, mit diesem unbändigen Widerstand. Überleben ist wichtiger, als den Konflikt zu gewinnen. Aber das sind nur Gedanken eines (friedens-) verwöhnten Westlers. Die Ukrainer rufen uns zu: Es geht in dem Krieg ja gar nicht nur um die Ukraine. Sondern um demokratische Rechte überhaupt, um Menschenwürde, Freiheit! Aber welche Freiheit? Eine wie bei uns? Wie unfrei das schöne, bunte, aber auch bequeme und oberflächliche westliche Luftschloss geworden ist, hat uns Putins Krieg erbarmungslos vor Augen geführt. Hochgradig abhängig ist unser System – und Lebensstil – von menschenverachtenden Despoten. Und nicht nur: Auch von ausbeuterischen Großkonzernen, die vorwiegend in armen Ländern Menschen und ihre Umwelt knechten. Man kann nur hoffen, dass das große Opfer der Ukrainer, statt zu einem neuen Kalten Krieg, zu einem großen Wandel im Denken und Tun auch hier bei uns führt. Die Menschen mit dem Köfferchen bringen eine Mahnung mit: Hin zu einer größeren Freiheit, ohne fragwürdige Abhängigkeiten.

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