Spanische Hilfsaktion

Familien aus Valencia gründen NGO: Ärzte aus Spanien in der Ukraine

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Ukrainische Flüchtlinge gelangen sicher ins Land Valencia, Verletzte in der Ukraine werden ärztlich versorgt: Dank einer leidenschaftlichen Hilfsinitiative aus dem Raum Gandía.

Update, 29. März: Es gibt Menschen, die geben sich mit einer Hilfsaktion nicht zufrieden. So die Familie aus dem Land Valencia, die kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine mit dem Auto losfuhr, um ihr langjähriges ukrainisches Gastkind nach Spanien abzuholen (siehe unten). Mittlerweile sind die Valencianer Mitbegründer der NGO „Despierta Acoge“ (Wach auf, nimm auf). Menschen mit verschiedenen Berufen im Raum Gandía - Ärzte, Psychologen, Lehrer, Unternehmer - sorgen dafür, dass der Ukraine konstante Hilfe zuteil wird. Erste Transporte brachten Hilfsgüter nach Krakau, eine Koordination mit einer polnischen NGO entstand, und Ukrainer gelangten nach Spanien. Hier hilft ihnen „Despierta Acoge“ bei Integration, Sprachenlernen, Jobsuche und Formellem. Derzeit weilt ein von der im März gegründeten NGO ausgesandtes Team in der Ukraine: Ärzte und Sanitäter brachten Medikamente und versorgen Verletzte in Lwiw (Lemberg). Angehörige des genannten ukrainischen Gastkinds wirken als Dolmetscher. Der Einsatz sei „moralische Pflicht“, so die NGO (acogedespierta.org). 3,5 Millionen Ukrainer seien auf der Flucht.

Familien aus Valencia helfen der Ukraine: Erste Flüchtlinge sind dank „Despierta Acoge“ nach Spanien gelangt.

Flucht vor Ukraine-Krieg nach Spanien: Familie holt Studentin mit dem Auto ab

Valencia - Der Sommerurlaub in Kiew war bereits eine klare Sache. Es war wieder an der Zeit für diese spanisch-ukrainische Familien-Zusammenführung. Schon schauten Joana Rico und José Escrivá aus Gandía nach Flügen. Schon plante Anna Kryshtal den Aufenthalt der Spanier aus dem Land Valencia in ihrer ukrainischen Heimatstadt. Aber auf einen Schlag waren all die Pläne zunichte gemacht. In der Ukraine herrscht nach Russlands Angriff Krieg, Millionen sind auf der Flucht. Auch die ukrainische Studentin weilt längst nicht mehr in Kiew, sondern ist in Sicherheit in Spanien: Bei Joana Rico und José Escrivá in Gandía.

Land Valencia Spanische autonome Gemeinschaft
Fläche: 23.255 km²
Bevölkerung: 4,975 Millionen (2019)

Denn hierhin, an Spaniens Mittelmeerküste, haben die Valencianer die junge Studentin geholt. Nur eine Nacht hatten sie nach Russlands Angriff darüber geschlafen, setzten sich dann am 25. Februar ins Auto und rasten Richtung Polen los. Die 20-jährige Anna gehört schließlich ganz fest zu ihnen. Seit sie sechs Jahre alt ist, weilt sie regelmäßig in ihrem Haus in Gandía. Aus einem einstigen Förderprogramm für ukrainische Kinder ist längst eine familiäre Verbindung erwachsen, von der beide Seiten profitierten, wie die Spanier nach Annas Flucht zu ihnen im Gespräch mit uns betonen.

Flott unterhält die Studentin aus der Ukraine sich auf Spanisch - und im regionalen Valenciano. Blendend verstehen sich Joana Rico und José Escrivá, die mittlerweile eigene zwei Kinder haben, mit der ukrainischen Familie von Anna Kryshtal. Umso persönlicher traf sie der Krieg in deren Land. (Hintergrund: Wir aus der Ukraine) Ein genauso großer Stich ins Herz war Russlands Angriff auf die Ukraine für eine weitere befreundete Familie aus Valencia, die seit Jahren Annas ältere Schwester Lena in Valencia beherbergt. Auch sie entschied am Tag nach Ausbruch des Krieges, nach Polen zu fahren. Die Reise von über 5000 Kilometern begann.

„Wir sind uns alle dessen bewusst, dass selbst wenn der Krieg bald vorbei ginge, die Ukraine im Moment kein Land ist, in das sie zurückkehren kann.“

Joana Rico, Familienmutter aus Gandía

Zerstochene Reifen und Lagerfeuer: Odyssee zur Grenze

Indes dauerte es tatsächlich Tage, bis Anna und Lena Kryshtal Kiew verlassen konnten. Horrende Schlangen bildeten sich auf den Straßen der Stadtausfahrt. „Zunächst waren wir eine Gruppe, die in mehreren Autos unterwegs war“, erzählt die junge Studentin Anna Kryshtal. An der ersten Station hätten die Wege der Gruppe sich aber getrennt. Bis Lwiw blieb der Vater bei den Mädchen, die zudem gemeinsam mit ihrem Hund die Flucht vor dem Krieg antraten. Eine Odyssee voller banger Momente waren die 600 Kilometer in Richtung polnische Grenze.

„An einer Stelle der Strecke waren alle vier Räder unseres Autos und mehrerer weiterer zerstochen“, berichtet die Ukrainerin. „Wir glauben, dass es Sabotage des russischen Militärs war. Mein Vater musste los, eine Reparatur organisieren.“ In Lwiw gab es ein Wiedersehen mit den anderen Flüchtenden aus ihrem Umfeld. Die letzten 30 Kilometer musste das fünfköpfige Grüppchen allein bewältigen. „Wir fanden ein Taxi, das aber 20 Kilometer vor der Grenze in den Stau geriet“. Die einzige Möglichkeit: zu Fuß weiter. Um nicht zu erfrieren, wärmten sie sich an Feuerstellen, die andere Wartende entzündet hatten.

Treffpunkt Sosnowiec: Die Frauen aus Spanien trafen die jungen Ukrainerinnen in Polen.

GPS-Punkt bewegt sich: Land voller Hilfsbereitschaft

Ein Schock war auf der Flucht vor der Grenze zu Polen dann deren plötzliche Schließung. Eine Gruppe offenbar arabischer Männer hatte unter den Flüchtenden für Streit gesorgt. Die Beamten machten den Übergang zu. Irgendwann ging es aber wieder: Busse fuhren die Ukrainer herüber. „Wir mussten in der Nacht gut aufpassen, um den richtigen Bus zu nehmen. Eine von uns wachte, der Rest wärmte sich am Feuer“, berichtet die junge Studentin. Dann, endlich, sahen Joana Rico und José Escrivá hocherfreut, wie sich der GPS-Punkt, den die Mädchen ihnen per Handy zukommen ließen, über die Grenze bewegte.

Untergekommen war das Paar aus Gandía inzwischen in Breslau bei ihrer spanischen Bekannten Carmen Donet. Sie und ihr polnisches Umfeld hätten, „eine riesige Hilfsbereitschaft gezeigt, ob es um die Unterkunft oder den Transport“ ging. Ähnliches über die Polen sagt die Ukrainerin, die mit ihrer Schwester in Korczowa das Land betrat. Zwei freundliche Mitfahrgelegenheiten beförderten sie ins Landesinnere. Als Treffpunkt bot sich Sosnowiec an, wo die spanisch-ukrainische Familienbegegnung dann auch endlich – am Sonntagabend nach dem Ausbruch des Kriegs – gelang.

Ein Moment für die Ewigkeit, den aber jede Beteiligte anders erlebte. Joana Rico: „Bei uns flossen die Tränen, aber die Mädchen waren wie zu Eis erstarrt“. Aber was sie alles erlebt hatten. Die Kälte, die Gefahr, die Sabotagen. „Von den heulenden Sirenen träume ich noch“, sagt Anna Kryshtal, nun mit ihrer spanischen Familie im Land Valencia auf dem warmen Sofa sitzend.

Kein Krieg in der Ukraine? Hoffen statt Pläne

2.600 Kilometer blieben vom polnischen Sosonowiec noch nach Gandía. Die Reise nach Spanien klappte für beide Gastfamilien zum Glück aber ohne größere Hürden. Ein Halt in Deutschland blieb den Valencianern aber noch in besonderer Erinnerung. „Dort sprach uns eine Russin, die an der Tankstelle arbeitete, an. Sie fragte, ob die Mädchen aus der Ukraine kämen“, berichtet Joana Rico. „Als wir das bejahten, und sagten, dass sie auf der Flucht vor dem Krieg seien, konnten wir nicht glauben, was sie uns antwortete: Es stimme überhaupt nicht, dass in der Ukraine Krieg sei.“ (Zum Thema: Folgen des Ukraine-Krieges für Spanien)

Anna Kryshtal wäre natürlich heilfroh, wenn die Behauptung der Frau aus Russland stimmen würde. Doch viel eher kommt ein langer Aufenthalt in Spanien auf die junge Studentin zu. Die Ukrainerin hofft, ihr Anglistikstudium in Valencia anrechnen lassen zu können. Auch habe sie sich in einer Fahrschule angemeldet. „Wir sind uns alle dessen bewusst, dass selbst wenn der Krieg bald vorbei ginge, die Ukraine im Moment kein Land ist, in das sie zurückkehren kann“, sagt Joana Rico und lächelt „ihre“ Ukrainerin neben sich an. Erholt schaut diese drein, wie eine, die sich in Sicherheit fühlt.

Flucht vor Ukraine-Krieg: Flüchtende Menschen an Grenze Korczowa - Wärmen am Lagerfeuer.

Wie eine, die eine Familie um sich hat, und zudem ihre Schwester Lena und ihren Hund ganz in der Nähe. Aber: 3500 Kilometer entfernt weilt ihr Vater im zusehends bedrängten Kiew. In der Ukraine sind auch ihre Brüder, der ältere - weil er muss - an der Front gegen Russland kämpfend. Einen Urlaub mit ukraninisch-spanischer Zusammenführung planen kann die Familie jetzt nicht. Wohl aber, gemeinsam, auf ein glückliches Wiedersehen hoffen.

Rubriklistenbild: © Despierta Acoge

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