Touristen vor dem Vulkan auf La Palma.
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Selfie vor Vulkan: Der Vulkanausbruch auf La Palma als Event für Touristen. Das löst gemischte Gefühle aus.

Vulkan auf den Kanaren

Vulkan auf La Palma: Besucher überrennen Insel - Doch Asche wird zum Hauptproblem

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Während tausende Menschen beim Vulkanausbruch auf La Palma all ihr Hab und Gut verloren haben, strömen immer mehr Schaulustige auf die Kanarische Insel und verursachen damit Staus. Für einige Inselbewohner sind das willkommene Umsätze, für andere störender Katastrophentourismus, von dem vor allem jene nichts haben, die ohnehin schon alles verloren. Der Vulkan bleibt hoch aktiv, die Asche ist mittlerweile zum Hauptproblem auf der ganzen Insel geworden.

Santa Cruz de La Palma - Mittlerweile aus zehn Schloten strömt die Lava aus dem Vulkan auf der Gipfelkette des Cumbre Vieja auf La Palma. Mal bricht einer der Kegel ein, die Lava sucht sich dann neue Wege und richtet neue Verwüstungen an. Mal enstehen neue Ausgänge aus dem Inneren der Erde als würden die Schleusen zur Hölle geöffnet. "Es sieht auch nicht so aus, dass sich die Aktivität des Vulkans nach sechs Wochen beruhigen würde, im Gegenteil, wir registrieren mehr Lava, mehr Asche und stärkere Erdbeben als am Anfang", erklärt eine Expertin vom Forscherteam Involcán über Twitter. Was die Wissenschaftler fasziniert: Die bisher ausgetretene Menge an Magma überschreitet bereits die Gesamtmenge, die man in der Magmakammer unter der Cumbre Vieja vermutet und berechnet hatte. Der "Hot Spot", der La Palma geologisch ist, macht seinem Namen alle Ehre.

Vulkanausbruch La Palma: Asche und starke Erdbeben halten Touristen nicht ab, im Gegenteil

Am Samstag des Halloween-Allerheiligen-Wochenendes rüttelten zwei Erdbeben der Stärke 5 auf der Richterskala nicht nur die Bewohner La Palmas, sondern sogar jene der Nachbarinseln wach, gefolgt von einem beständigen fauchend-grollenden Rumoren des Vulkans, der neben der Magma auch immer wieder explosionsartig Asche und andere Partikel freisetzt. Es waren die stärksten Beben seit Beginn des Vulkanausbruchs.

Hunderte Helfer sind täglich im Einsatz, um die Asche des Vulkans auf La Palma im Zaum zu halten.

"Die Asche ist mittlerweile auf der ganzen Insel zum Hauptproblem geworden und mit ihr die schlechte Luft. Zwar wollen und sollen die Bewohner ihr Hab und Gut von Asche befreien, doch gleichzeitig so wenig wie möglich Zeit draußen verbringen, trotz mindestens FFP-2-Maske", erklärt ein Katastrophenhelfer im staatlichen spanischen Fernsehen. In manchen Teilen liegt die Asche meterdick, deckt Autos und Häuser zu, auch die Friedhöfe. Viele Palmeros nutzten daher das Allerheiligen-Wochenende, um die letzte Ruhestätte ihrer Angehörigen wieder sichtbar zu machen, die sozusagen ein zweites Mal eingeäschert wurden.

Asche wird zum Hauptproblem auf La Palma: Vulkan zerstörte über 2.000 Häuser

Da immer wieder auf Regen fällt, "besteht die Gefahr, dass die Asche sich zu einer Beton-harten Masse verfestigt, die dann bis zu viermal so schwer ist und auch Häuser zum Einsturz bringen kann, die gar nicht in der unmittelbaren Gefahrenzone liegen", warnt der Zivilschutz. Neben den Profis sind zahllose Freiwillige täglich im Einsatz, um Nachbarn zu helfen, die Dächer von Asche zu räumen, Straßen freizuhalten.

Seit der Vulkan auf La Palma am 19. September ausgebrochen ist, hat er nun bereits über 2.000 Gebäude zerstört, über 1.200 Hektar der Insel sind von der Lava bedeckt, die sich an manchen Punkten auf bis zu 40 Meter, so hoch wie ein 12-stöckiges Haus, auftürmt. Knapp 7.000 Menschen mussten gänzlich ihr Zuhause verlassen und wurden evakuiert. Hunderte weitere Menschen werden, je nach Luftqualität, zeitweise unter Quarantäne gestellt. Während viele bei Verwandten, Freunden oder in Zweitwohnsitzen unterkamen, harren hunderte Menschen noch immer in provisorischen Unterkünften aus. Neben dem Verlust des Heimes, verloren viele auch ihre Existenzgrundlage: das kleine Café, ein paar Zimmer zur Vermietung sowie etliche kleine Agrarbetriebe. Vor allem die Bananenbauern von La Palma, die ein Drittel des Inseleinkommens erwirtschafteten, verloren nicht nur die aktuelle Ernte der berühmten Bananen, der plátanos de canarias, sondern häufig die gesamte Plantage.

10.000 Touristen auf La Palma: Vulkanausbruch als Spektakel

Die Lage auf La Palma im Würgegriff des Vulkans scheint alles andere als einladend zu sein, doch seit Wochen und besonders jetzt am Brückenwochenende strömen Touristen auf die Kanaren-Insel, um das Naturspektakel Vulkanausbruch aus der Nähe zu betrachten. Vor allem die Aussichtsplattform Mirador an der Kirche von Tajuya in El Paso wurde zum "Hot Spot" der Schaulustigen. Im Halb-Stunden-Takt fahren Busse vom Flughafen La Palma Buenavista bei Santa Cruz auf die andere Inselseite, umfahren dabei die Aschewolken, so gut es geht.

Dennoch entstehen Staus auf den kleinen Straßen, hunderte Menschen drängeln um die besten Aussichtspunkte, schießen Fotos, staunen. Hotelzimmer gibt es kaum, denn die sind von Helfern und Vulkanopfern belegt. Einige private Vermieter machen derzeit das Geschäft ihres Lebens, doch die meisten Touristen bleiben nicht über Nacht, sondern fliegen ein paar Stunden nach dem "Vulkangucken" wieder zurück. Wenn die Asche es zulässt. Die Airlines, die kurz nach dem Vulkanausbruch zunächst alle Flüge nach La Palma abgesagt hatten, müssen die Flugbedingungen stündlich überprüfen, um die Sicherheit von Fluggerät und Besatzung sowie natürlich den Passagieren zu gewährleisten. Nur wenn tatsächlich "Sichtflugbedingungen" herrschen, heben sie auch ab.

Vulkan-Tourismus auf La Palma: Inselregierung versucht zu steuern, nicht alle finden die Massen gut

Die Inselverwaltung von La Palma ist froh über den Tourismus, "Wir freuen uns über so viele Touristen, wir haben ja schließlich hart dafür gearbeitet, dass die Insel sicher ist. Und der Tourismus löst zumindest einen Teil der Probleme der Insel", meinte am Samstag Miguel Ángel Morcuende, der technische Direktor des Notfallteams der Inselregierung, Plan de Emergencias Volcánicas de Canarias (Pevolca). Doch auch er staunt, "so voll habe ich den Aussichtspunkt an der Kirche noch nie gesehen", auf 10.000 Touristen schätzt er das Aufkommen am Allerheiligen-Wochenende bis einschließlich Montag.

Dass die Touristen Geld bringen, ist schön. Für die, die es kassieren. Jene, die alles verloren haben, gehören nicht dazu. Sie beklagen, dass durch die Touristen die Preise für alles anziehen würden, was jenen, die es ohnehin schon schwer haben, das Leben noch unerträglicher macht. Und das trotz der Millionenhilfen, die der spanische Staat den Vulkanopfern zukommen lässt.

An Schule oder sonst eine Routine ist auf La Palma im Umfeld des Vulkans nicht zu denken. Dafür strömen die Touristen.

Die Inselverwaltung Cabildo de La Palma versucht das Chaos zu steuern. Sie organisiert selbst die Airport-Busse, die Hotels in der Nähe des Vulkans müssen 85 Prozent der Kapazitäten für Helfer und Vulkanopfer reservieren, nur 15 Prozent gehen an Touristen. Auch die Hotels auf der anderen Inselseite seien fast alle ausgebucht, "jetzt schon Wochen im voraus", wie ein Mitarbeiter glaubt, zu wissen.

Der zwei Seiten des "Spektakels" sind sich nicht alle Besucher bewusst, ein Reporter von "El País" interviewte mehrere Vulkan-Touristen, die nur für das Schauspiel der Natur schwärmten. Doch manche werden nachdenklich. "Es ist eine Reise der Kontraste, man sieht sehr traurige Menschen, hoffnungslos durch das beständige Beben", sagt Encarna Vera aus Murcia. Sie sind früh um 8 in Murcia gestartet, über Alicante und Teneriffa Nord nach La Palma gekommen, eine zwölfstündige Reise "für wirklich tolle Fotos", sagt sie, während sie sich Asche aus dem Haar kämmt.

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