Ein Zug fährt in einen Bahnhof am Meer ein.
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Die Dieseszüge Typ 592 steuern die Costa Blanca seit vier Jahrzehnten zuverlässig an, wirken aber aus der Zeit gefallen.

Reisen in Spanien

Züge aus Murcia nach Alicante seit 1982 in Betrieb: Olle „Kamele“ feiern 40. Geburtstag

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Zur Fußball-WM in Spanien wurden die Dieselzüge Typ 592 für Reisen zwischen Alicante und Murcia auf die Schienen gesetzt. Damals der neueste Schrei in Sachen Komfort und Tempo, gelten die „Camellos“ bei aller Zuverlässigkeit heute als laut, alt und umweltbelastend.

Alicante – Mit 40 gehört man ja noch nicht zum alten Eisen. Es sei denn, man ist eine Eisenbahn. Wie die unbequemen und schmutzigen Züge mit lautem Dieselmotor – das ist zumindest ihr Ruf –, die zwischen Murcia und Alicante auf der Regionalstrecke Cercanías verkehren. Elf Stück sollen noch übrig sein. Logisch, der Fußball brachte sie schließlich her. 1982, für die WM in Spanien, kaufte die spanische Bahngesellschaft Renfe die „camellos“ (Kamele), wie der Typ 592 wegen seiner Klimaanlagen-Buckel auf dem Dach genannt wird. Damals das Zugfahren der Zukunft einläutend, wirkt das Modell heute wie ein Relikt. Seit Jahren wird sein Ende verkündet. Aber bis heute rollen und brummen die ollen 592er von der Costa Cálida an die Costa Blanca.

Costa Blanca: Züge mit lautem Dieselmotor - 40 Jahre in Betrieb

Kritik ernten die alten Züge an Spaniens Mittelmeerküste jedoch nicht etwa, weil sie nicht funktionierten. Im Gegenteil: Zuverlässig befördern sie Passagiere an die Bahnhöfe von Murcia, Orihuela oder Alicante, die heute mit dem spanischen Hochgeschwindigkeitszug AVE für Schlagzeilen sorgen. Eher ist es das Erscheinungsbild der ollen „Kamele“, was auf Reisen im 21. Jahrhundert negativ auffällt: Von weitem schon hört man die lauten Dieselmotoren. Unbequem ist der Einstieg vor allem für Menschen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen. Auch äußere Schäden oder Altersspuren sind leicht ausfindig zu machen, als mangele es dem alten Modell 592 nach 40 Jahren Zugfahren an Pflege und Instandhaltung.

In Betrieb gingen die „camellos“ 1982, im Jahr der Fußball-WM in Spanien, zunächst auf der Strecke Valencia-Gandia. Mittlerweile ist diese - anders als die 592er Strecke zwischen Costa Cálida und Costa Blanca - längst elektrifiziert. Nach und nach wurden die damals hochmodernen Züge mit dem Dieselmotor auch auf langen Strecken in ganz Spanien eingesetzt. An der Costa Blanca erreichten sie 1983 die geschichtsträchtige Hinterland-Stadt Alcoy, die sie bis heute noch von Valencia aus anfahren. 1984 befuhren die „Kamele“ kurzzeitig eine heute nicht mehr existierende Verbindung aus Valencia bis in die Alhambra-Stadt Granada.

In Sachen Komfort und Geschwindigkeit Avantgarde

Dass unsere „Kamele“ sich keineswegs verstecken müssen mit ihren 40 Jahren auf dem Klimaanlagen-Buckel, beweist ihr direktes Nachfolgemodell. Dieses, namens 593, hatte in den 80ern in Spanien keinen wirklichen Erfolg und wurde früh ausrangiert. Der Typ 592, der bis heute die Costa Blanca und Costa Cálida befährt, galt in seiner Zeit aus mehreren Gründen als avantgardistisch. Zum einen boten diese Züge vielleicht keinen frivolen Luxus im Stile des Tren Al-Ándalus, aber dennoch deutlich mehr Komfort als bisherige Modelle. Sie waren mit 140 Kilometern pro Stunde auch sehr schnell, und zudem erlaubten die leistungsstarken Dieselmotoren ein schnelles Anfahren nach Stopps an den Bahnhöfen.

„Es ist offensichtlich, dass ein Modell nach 40 Jahren Betrieb ein Muster für Zuverlässigkeit, gutes Design und Resistenz ist“

Aitor Escorza, Institut für Bahnhgeschichte in Alicante

Auch Steigungen - alle Aufs und Abs auf ihren Strecken - konnten die Züge aus dem WM-Jahr besser meistern als bisher verbreitete Typen. All das bleibt ihr Erfolgsgeheimnis bis heute, auch wenn beim Zugfahren im Jahr 2022 vor allem ihre lauten Dieselmotoren auffallen. Längere Strecken befahren die „camellos“ freilich nicht mehr. Aus Murcia nach Valencia etwa fährt das neuere Modell 599. Doch fällt es Renfe sichtlich schwer, sich von den fleißigen Kamelen von 1982 zu trennen. Für Fachleute ist das Modell 592 mit das Zuverlässigste, was Spaniens Bahngesellschaft bisher hervorgebracht hat. Kein Wunder: Für Altersbeschwerden sorgen weniger die „Kamele“ selbst als eher veraltete Infrastrukturen.

Umweltbelastend und am Flughafen vorbei

So können die Züge Typ 592 auf der Strecke bei Alcoy nur mit der Hälfte der möglichen Geschwindigkeit fahren, weil der Zustand der Schienen das nicht zulässt. Bei all ihren Vorzügen, kann es aber für die „camellos“ nur ein Ziel geben: ein in Rente gehen mit Würde. Das erklärt in der „Información“ Aitor Escorza vom Institut für Bahnhgeschichte in Alicante, Railia. „Es ist offensichtlich, dass ein Modell nach 40 Jahren Betrieb ein Muster für Zuverlässigkeit, gutes Design, Bau und Resistenz ist“, so der Experte für Zugfahren in Spanien. „Aber diese Züge haben sehr laute Motoren. Im Inneren vibriert es. Und es gibt Mängel in der Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen.“

Ferner seien die 592er Züge mit ihren umweltbelastenden Dieselmotoren auch nicht mehr richtig für Kurzstrecken im modernen Sinne geeignet. Im Vergleich zur elektrisch betriebenen Tram im Norden der Costa Blanca kostet es die Bahn aus den 80er Jahren viel Mühe, bei vielen Zwischenhalten immer wieder neu anzufahren. Und das erklärte Ziel im Süden der Provinz Alicante ist doch, eine moderne Tram anzubieten, die am Flughafen „Miguel Hernández“ stoppt und nicht daran vorbeifährt, wie unsere alten „Kamele“ aus dem WM-Jahr 1982. Allerdings steht das Modernisieren der Züge im Süden der Provinz nicht gerade auf Platz eins der Agenda von Renfe.

Die alten Züge der Costa Blanca fahren am Flughafen von Alicante bisher vorbei.

Halbherzige Hybridlösung: WM-Reise geht 2022 weiter

Vor drei Jahren gab es einmal die Ankündigung einer anstehenden Auswechslung auf den Schienen der Costa Blanca und Costa Cálida. Die Einführung von Hybridzügen war plötzlich im Gespräch. Alledings erntete der Vorschlag die Kritik, das Zugfahren an Spaniens Küste nur halbherzig zu modernisieren. Denn notwendig sei eine elektifizierte Bahnstrecke wie im Norden der Provinz, forderte etwa die Opposition in Elche, der Stadt, in der sich der Flughafen von Alicante befindet. Vorerst geht die Reise der alten lauten Züge also weiter. Sicher werden unsere buckeligen „Kamele“ auch während der WM 2022, die erst im Dezember in Katar stattfindet, noch zuverlässig Passagiere - ob Fußball-Fan oder nicht - zwischen Murcia und Alicante transportieren.

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