Viele Menschen demonstrieren vor einer Reihe von Polizisten in Madrid
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Proteste im Stadtteil Vallecas vor der Vertretung der Regionalregierung von Madrid gegen die erneute Quarantäne.

Covid-19 in Spanien

Corona-Chaos in Madrid: „Quarantäne für Arme“ teilt Spaniens Hauptstadt - Erste Proteste

  • vonStephan Kippes
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  • Marco Schicker
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Die medizinische Erstversorgung vor dem Kollaps, Intensivstationen wieder gefüllt: Madrid zieht wegen der zweiten Coronavirus-Welle die Notbremse. Die „Quarantäne für Arme“ breitet ein Orwellsches Panorama über die Hauptstadt Spaniens. Ein Stimmungsbild und was die Ausgangssperre konkret bedeutet.

  • Seit 21. September müssen 37 Gesundheitsbezirke der spanischen Hauptstadt und der Region Madrid wieder in eine teilweise Quarantäne.
  • Schwere Vorwürfe gegen PP-geführtes Madrid: Quarantäne wäre soziale Diskriminierung, Reiche würden verschont. Regierung Sánchez bereit zum Dialog.
  • Wie konnte es in Madrid so weit kommen: Zahlen, Daten und Orte - Wen trifft die Quarantäne, was bedeutet sie genau?

Update, 25. September: Coronavirus in Madrid außer Kontrolle: „Jedes Szenario ist möglich“, Armee rückt an, weitere Viertel werden in Quarantäne geschickt.

Zu den weiteren Coronavirus-Entwicklungen in Madrid und Spanien

Update, Donnerstag, 24. September: Madrids Regionalregierung will eine weitere oder gar komplette Quarantäne der Hauptstadt-Region unbedingt vermeiden, obwohl die Situation sich in den öffentlichen Krankenhäusern täglich verschärft. und teilweise bereits wieder improvisiert werden muss.

Am Mittwoch hat Landesministerpräsidentin Díaz Ayuso erstmals vom Hilfsangebot der Zentralregierung Gebrauch gemacht und zusätzliche Einheiten der Guardia Civil und des Militärs angefordert. Sie sollen sowohl beim Aufbau von mobilen Installationen für PCR-Tests mithelfen, die wiederum den regulären Betrieb in den Hospitälern entlasten sollen, als auch die komplizierte Teilquarantäne in Madrid kontrollieren helfen.

Der Verband der Intensivmediziner Spaniens hat davor gewarnt, das die UCIs der Corona-Hot-spots in de Ballungszentren des Landes "in zwei Wochen schon wieder überfüllt sein" könnten.

Erstmeldung 20. September: Madrid - Der Präsident der Nachbarschaftsvereinigung von San Fermín, einem der von der neuen Coronavirus-Quarantäne betroffenen Bezirke im Süden von Madrid ist in Rage: "Uns steht es bis hier, dass sie uns sagen, dass wir `böse Buben` waren und nun zu Hause bleiben müssen". Er erklärt gegenüber "El País": "Hier schränken sie uns in der Bewegungsfreiheit ein, aber gleichzeitig müssen wir doch zur Arbeit, da dürfen wir aber schon im vollgestopften öffentlichen Verkehr quer durch die Stadt fahren, da tun sie nämlich nichts, was glaubt diese Ayuso eigentlich?" Er beschuldigt Madrids Landesministerpräsidentin Isabel Díaz Ayuso direkt, die Bezirke, wo ihre Wähler, die Besserverdiener, leben, verschont zu haben.

MadridHauptstadt von Spanien
Bevölkerung3,2 Millionen (Stand 2019)
Fläche604,3 km²
Höhe667 m
BürgermeisterJosé Luis Martínez-Almeida

Quarantäne für Arme in Madrid: "Die Politiker erklären uns zu Abschaum"

"Die Politiker erklären uns zu Abschaum", sagt erbost Julia María, 51 Jahre, zum Reporter von "El País". Sie hat ein noch größeres Problem, das sie mit vielen Madrilenen teilt: Sie arbeitet in einem Privathaushalt als Altenpflegerin, aber ohne Vertrag - was leider die Norm ist. Sie kann daher auch keinen "Passierschein" beantragen, also eine Arbeitsbestätigung und bewegt sich daher ab Montag illegal von ihrem Wohnort zur Arbeit. Sie hofft, dass die Familie ihr hilft, schiebt dann aber nach: "So ein Papier ist bestimmt nicht gültig, das könnte ja jeder schreiben", sinniert sie traurig.

Am Wochenende demonstrierten bereits über 500 hundert Menschen der betroffenen Viertel in Madrid bei verschiedenen Protestaktionen gegen die aus ihrer Sicht diskriminierende Einteilung in "freie Viertel" und in Quarantäne-Bezirke. Diesmal sind es nicht die topfschlagenden Besserverdiener wie im Mai, die für ihre "Freiheit" auf die Straßen gingen. Sondern einfache Leute, die Angst um ihre Existenz haben und wütend über die Entwürdigung sind. Eine Teilnehmerin erzählte: "Ich brauche nun eine Genehmigung und einen PCR-Test, um zu meiner Arbeit zu kommen, um die Leute im Restaurant zu bedienen, dann darf ich nach Hause fahren und muss mich dort einsperren, während die Reichen feiern dürfen", sagt sie in die TV-Kamera von TVE.

Proteste gegen neuen Lockdown in Madrid: Jetzt greift Polizei härter durch

„Das ist keine Quarantäne, das ist Segregation“, „Madrids Süden ist keine Jauchegrube“, „Wir wollen keine Pizza, wir wollen Gesundheitsversorgung“, heißt es auf den Demos in Anspielung auf einen der vielen Lapsi von Ayuso während der Coronavirus-Pandemie in Spanien im März und April. „Anstatt in dieser Situation die öffentlichen Einrichtungen zu verstärken, schicken sie uns die Polizei, um uns einzuschließen, aber wenn die Leute weiter zur Arbeit gehen, hat das alles sowieso keinen Sinn. Und das ist ein Wegschließen der Armen“, ergänzt José gegenüber „El País“ seine Eindrücke.

Isabel Díaz Ayuso, Ministerpräsidentin der Region Madrid, steht im Zentrum der Ermittlungen wegen der Todesfälle in Altersheimen.

Die Proteste in den Vierteln, vor dem Madrider Regierungssitz, aber auch im Zentrum - was ja für die Betroffenen bald verboten ist - sind zum Teil spontane Aktionen, aber auch die linken Parteien, in der Region Madrid in der Opposition, satteln auf. Doch die Wut ist objektiv: Die Armut in Madrid uferte während Coronavirus aus, auch wegen des schlechten Handlings der Regionalregierung. Vor der Puerta del Sol wird offen der Rücktritt von Ayuso gefordert. Und: Im Unterschied zur auffallenden Zurückhaltung der Polizei bei den Protesten der Besserverdiener, griff die Staatsmacht am Wochenende teils mit Gewalt gegen "Unruhestifter" durch. Eine Polizei, die die Armen unter Waffengewalt in ihren Viertel hält und nur zum Arbeiten in die feinen Viertel lässt - das ist ein Panorama, das von George Orwell stammen könnte. Aber es ist eine Realität, die das Coronavirus lediglich sichtbar macht.

Madrid macht dicht: Ausgangssperre in Spaniens Hauptstadt ab 21. September - in den Arbeitervierteln

Ab Montag, 21. September, treten in sechs Bezirken der Hauptstadt Madrid und in einigen Städten der Region Ausgehbeschränkungen in Kraft. Insgesamt trifft es 37 Gesundheitsbezirke mit einer Infektions-Inzidenz von über 1.000 postiven Fällen auf 100.000 PCR-getestete Bürger in einem Zeitraum von 14 Tagen. Werte, die sonst keine Region in Spanien beim Coronavirus erreicht. Die UCIs, also Intensivstationen in der Region sind offiziell zu über der Hälfte schon wieder mit Covid-19-Patienten belegt, heißt es offiziell, am Freitag lag der Wert sogar bei 64 Prozent. Doch Ärzte meinen auf Twitter, dass die "Intensivstationen der öffentlichen Krankenhäuser praktisch schon wieder voll" seien.

„Wenn wir jetzt keine Maßnahmen ergreifen, dann riskieren wir, dass das Virus sich in ganz Madrid ausbreitet. Wir haben noch Zeit, das zu verhindern. Wir konzentrieren uns darauf, Infizierte zu entdecken und sie und ihre Umgebung zu schützen“, sagte Isabel Díaz Ayuso, Landesministerpräsidentin von Madrid.

Zu spät, zu wenig und falsch: Hart Kritik an Madrids Regionalregierung

Doch davor warnen und darauf drängen Politiker und Experten seit Wochen und werfen Ayuso Zögerlichkeit aus politischem Kalkül vor. Das was man jetzt sehe, passiert, wenn man die Wirtschaft vor die Gesundheit stellt, sagte Ángel Gabilondo, PSOE-Chef der Region Madrid. Es sei nicht das Virus, das der Wirtschaft und den Menschen schade, sondern der falsche und zu späte Kampf dagegen. Ayuso habe es versäumt, die gesundheitliche Erstversorgung und deren Testkapazität aufzustocken, stattdessen aber Seelsorger angestellt und zudem alle Verantwortung auf die Zentralregierung geschoben, der sie wegen des ersten Notstandes zentralisierte Willkür vorwarf. Gabilondo hatte sogar versucht, den politischen Erzfeind, die rechte Vox davon zu überzeugen, Ayuso in einem Misstrauensantrag zu stürzen. Doch seine eigene Parteizentrale rief ihn zurück.

Ausgangssperre in Madrid: Nach Wochen der Konfrontation nähern sich Regional- und Zentralregierung an

Die Regionalregierung hat nach Wochen der Konfrontation mit der Zentralregierung einen Kurswechsel eingeschlagen und sucht nun die Unterstützung von Ministerpräsident Pedro Sánchez, um „von sterilen Anschuldigungen“ zu einem „Kampf um einen gemeinsamen Feind, und der heißt Covid“ überzugehen. Auch auf diese Erkenntnis hätten beide Lager früher kommen können. Immerhin soll es am Montag zu einem ersten bilateralen Treffen zwischen Ministerpräsident Pedro Sánchez und Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso kommen. Auch Sánchez hatte in einem Interview am Freitag auf LaSexta die Hand gereicht: Er komme nicht, um zu belehren, sondern, um zu helfen, sagte der spanische Regierungschef.

Auch auf der prominenten Puerta del Sol in Madrids demonstrierten aufgebrachte Bewohner der Südbezirke gegen die neue Quarantäne.

Das Gespräch zwischen Ayuso und Sánchez dürfte eher symbolischen Wert haben und eine Annäherung signalisieren. Daneben wird es technische Absprachen beim Monitoring und der Zuteilung von Virus-Verfolgern und anderen medizinischen Kapazitäten geben. Denkbar wäre auch die Ausrufung eines regional begrenzten Notstandes, bzw. Alarmzustandes nur für die Region Madrid. Doch den müsste Ayuso selbst bei der Zentralregierung einreichen und das käme aus ihrer Sich einem politischen Gang nach Canossa gleich. Doch Sánchez erklärte bereits, dass er diesen Schritt erwarte, die Zentralregierung werde das nicht tun.

Was bedeutet die Ausgangssperre für Teile Madrids? Wen trifft es?

877.000 Bürger in den betroffenen Gesundheitsbezirken dürfen weiterhin ihrer Arbeit oder Ausbildung nachgehen. In Teilen der Vierteln der Hauptstadt Puerta Bonita, Vista Alegre, Guayaba, Carabanchel, Usera, Villaverde, Vallecas sowie in den Gebieten der sieben betroffenen Kommunen können die Bewohner ihre Kinder zur Schule bringen, Arztbesuche machen und Verwaltungsangelegenheiten sowie Einkäufe erledigen. Ansonsten soll 13 Prozent der Bevölkerung der Region Madrid zu Hause - also in ihren Vierteln oder denen der Vorstädte Sebastian de los Reyes, Ciudad Líneal, Puente de Vallecas, Usera, Villaverde, Getafe, Fuenlabrada oder Parla - bleiben. Es herrscht also eine Ausgehsperre. Am Wochenende wurde bekannt, dass 200 Polizisten an 60 Kontrollpunkten diese überwachen sollen.

Madrid: Erst die lange Leine, jetzt harte Bandagen gegen Coronavirus

Wer dort nicht wohnt, darf die isolierten Gebiete zwar durchqueren, soll sich aber nicht in ihnen aufhalten. In den betroffenen Gebieten, in denen angeblich 24 Prozent der Coronavirusinfizierten der Region leben, muss das Gastgewerbe bereits um 22 Uhr schließen und darf Kunden nicht mehr an der Bar bedienen. Parks und öffentliche Gartenanlagen werden geschlossen. Restaurants, Bars, Geschäfte, Gebetsstätten und Freizeitstätten dürfen weiterhin öffnen, müssen allerdings die bisher zugelassene Besucherzahl halbieren. Ferner will die Regionalregierung die Zahl der PCR-Tests erhöhen, die Nachverfolgung verbessern und die Quarantänen effizienter kontrollieren. Treffen mit Familienangehörigen in privaten wie in öffentlichen Räumen werden in der ganzen Region Madrid auf sechs Personen beschränkt.

Armut macht krank: Coronavirus in Madrid legt soziale Strukturprobleme offen

Die sehr spät kommende Maßnahme ist mit sehr vielen Problemen verbunden und muss auch noch vom Verwaltungsgericht abgesegnet werden. Madrid ist ein Ballungsgebiet, Ein- und Ausfahrten lassen sich schwer abriegeln. Zudem handelt es sich vorwiegend um Gebiete in Madrids Süden - also Arbeiterviertel, in denen sehr viele Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln auf engstem Raum zusammenleben, die obendrein oft in anderen Gebieten arbeiten und dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Arbeiter konnten nicht einfach ins Home-Office wechseln wie Investmentbanker oder Immobilienagenten. Das Virus traf und trifft daher die ärmeren stärker. Oder genauer gesagt: Armut macht krank. Das galt nicht erst seit Corona.

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