Ein Kind sitzt auf einer Bank, ein Polizist läuft vorbei.
+
Spanien lockert den Notstand. Seit 26. April dürfen Kinder ins Freie, ab 2. Mai sind Sport und Spaziergänge möglich.

Heute Kinder, ab Mai Sportler und Spaziergänger

Raus aus dem Loch: Spanien lässt Corona-Krise Schritt für Schritt hinter sich

  • vonStephan Kippes
    schließen

Spanien kriegt die Kurve und kommt Schritt für Schritt aus der Corona-Isolation. Die Kinder dürfen heute wieder auf die Straße, die Erwachsenen müssen noch eine Woche warten.

  • Spanien lockert Ausgangssperre heute für Kinder, am 2. Mai für alle.
  • Drei Tage in Folge weniger Angesteckte als Gesundgeschriebene.
  • Ab Mitte Mai weitere schrittweise Lockerung des Notstandsdekrets.

Madrid – Man hört wieder die Kinder lachen. Spanien kommt langsam aus dem Corona-Loch heraus. Erstmals seit Ausrufung des Notstands dürfen Kinder unter 14 Jahren wieder nach draußen – maximal drei Kinder aus einem Haushalt in Begleitung eines Erwachsenen – ob Eltern, Bruder oder Aufsichtsperson – eine Stunde lang und nicht weiter als einen Kilometer vom Haus entfernt. Am Samstag hat Ministerpräsident Pedro Sánchez versprochen, dass die Spanier ab 2. Mai wieder Individualsport treiben und mit Personen des Haushalts Spaziergänge unternehmen können. Abhängig macht er die Einhaltung dieses Versprechens von der Entwicklung der Pandemie.

Die jüngsten Zahlen scheinen dem Ministerpräsidenten Recht zu geben. Von Samstag auf Sonntag sinkt die Zahl der Toten unter 300 auf 288. Ferner stehen die 1.729 mit PCR-Tests als positiv erfassten Covid-19-Erkrankten nun 3.024 Gesundgeschriebenen gegenüber. Das sind gute Nachrichten, noch besser als gestern und vorgestern – insgesamt liegt die Zahl der Infizierten nach Angaben des Gesundheitsministeriums nun bei 207.634, die der Opfer 23.190 und die der Gesundgeschriebenen bei 98.732.

Lockerungen des Notstandsdekrets nicht überall gleich

Die Lockerung des Notstands ab 10. Mai wird sich nicht überall in Spanien gleich vollziehen. Die Regierung berücksichtigt in ihrem Plan de Desescalada die Gegebenheiten vor Ort, in jeder Region, jeder Provinz, ja sogar von Gemeinde zu Gemeinde können Unterschiede auftreten. Deshalb behält sich die Regierung auch vor, bestimmte Territorien für Lockerungsmaßnahmen abzustecken. Sehr gute Voraussetzungen bringen Murcia und die Kanaren mit, sowohl was die Eindämmung des Virus als auch die Kapazitäten der Krankenhäuser und Intensivstationen betrifft. Generell können die ländliche Gebiete wohl früher mit Lockerungen rechnen als große Städte. Eins stellte Ministerpräsident Pedro Sánchez kar: Den Prozess leitet die Regierung, nicht die Regionen, auch nicht Katalonien, wo Ministerpräsident Quim Torra einen „unabhängigen” Deeskalationsplan schmiedet.

Die Regierung hält sich mit konkreten Angaben sehr bedeckt, verständlich, bis Mitte Mai kann sich bezüglich der Entwicklung der Pandemie noch viel ändern. Mit der Wirtschaft am Boden liegend und dem Gesundheitswesen in den Seilen hängend, fürchtet Madrid nichts mehr als ein abermaliges Aufflammen der Pandemie wie in China, Japan oder Singapur. Deswegen reagieren Pedro Sánchez und sein Kabinett mehr wie die Feuerwehr in Alarmbereitschaft als wie die Busfahrer nach Fahrplan.

Corona-Ansteckungsrate als entscheidender Richtwert

Die Lockerung hängt davon ab, ob und wie sich die Pandemie in den Regionen entwickelt. Ein entscheidender Richtwert ist die Ansteckungsrate, also wie viele Personen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Der in Spanien als R angegebene Wert liegt derzeit landesweit bei eins, in Murcia laut dem Institut Carlos III in den vergangenen 14 Tagen bei 0,61, in der Extremadura bei 0,68 und in Asturien bei 0,73. Gesundheitsminister Salvador Illa gab auch als Limit weniger als einen oder zwei Angesteckten pro 100.000 Einwohner in einer Autonomen Region vor.

Da kommt einiges auf das Gesundheitswesen in den Regionen zu. Die Krankenhäuser müssen entsprechend mit Masken, Handschuhen und notwendigem Schutzmaterial sowie Beatmungsgeräten ausgestattet sein und die Kapazitäten auf den Intensivstationen wohl verdoppeln. Ferner müssen die Regionen in der Lage sein, die Seniorenresidenzen wöchentlich zu kontrollieren und Covid-19-Patienten binnen 24 Stunden isolieren zu können. Auch müssen Hotels und andere Wohnungen bereitgestellt werden, damit Coronavirus-Positive dort in die Quarantäne können, falls das zu Hause nicht möglich ist. Ihre Kontakte müssen nachvollziehbar sein. Jeder mit Covid-19-Symptomen muss einem PCR-Test unterzogen werden. Dann müssen Krankenhäuser wie Gesundheitszentren in der Lage sein. Covid-19-Patienten von anderen Patienten zu trennen. Was Gesundheitsminister Illa seinen Regionen aufs Auge drückt, entspricht das den sechs Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und den Vorgaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

Mai und Juni als Probezeit für Corona-Lockerungsmaßnahmen

Im Mai und Juni stellt die Regierung die Lockerungsmaßnahmen auf die Probe. In dieser Phase gilt es, die Wirtschaft anzukurbeln und über den Sommer hinweg das Land erneut für Covid-19 im Herbst und Winter zu rüsten. Das Gesundheitssystem und inbesondere die Intensivstationen müssen über Kapazitäten verfügen, um einer neuen Corona-Welle standhalten zu können. Die Kommunen müssen strikte epidemiologische Kontrollen einführen und in der Lage sein, Menschen mit Covid-19-Symptomen sofort zu testen, neue Fälle zu behandeln und die Gesellschaft vor Ansteckung zu schützen. Madrid liebäugelt insgeheim damit, wie in Südkorea die Bewegungen der Bürger über Handyortung zu verfolgen. Falls dieses System nicht kommt, müssen Spanier mit Kontrollen der Körpertemperatur rechnen.

Ministerpräsident Sánchez teilte vergangene Woche die Schlüsselrollen sowohl bei der schrittweisen Rückkehr in die Normalität als auch beim sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau den Kommunen zu. Nicht ein Bürgermeister in Spanien scheint aber zu wissen, wie dieser Film, in dem sie prominent mitwirken sollen, überhaupt aussehen soll. „Es gibt in dieser Krise keine Karte, keinen Kompass, um sich orientieren zu können. Man wird ein unheimliches hohes Reaktionsvermögen brauchen”, sagte der Präsident des spanischen Gemeinde- und Städtebundes, Abel Caballero, gleichzeitig Bürgermeister von Vigo.

Corona-Abstandspflicht stellt große Städte vor ein Verkehrsproblem

Allein schon der Verkehr dürfte viele Städte bald vor Probleme stellen. Die Madrider U- und S-Bahn könnte gerade mal zu 30 Prozent ausgelastet werden, wenn der Mindestabstand von zwei Metern gewahrt werden soll. Hinzu kommt eine psychologische Komponente, die Angst vor Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Fährt jeder weiterhin im eigenen Auto, dürfte das Chaos in den Großstädten bald perfekt sein. Man spricht von einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeiten, einer Ausdehnung des Homeoffice und sogar das Fahrrad – in Spanien als Transportmittel bislang ein No-Go - scheint dem ein oder anderen Politiker bereits in den Sinn gekommen zu sein.

Fluglinien sträuben sich gegen die Vorgaben wie den Mindestabstand von zwei Metern, da dies die Preise nach oben treiben dürfte. Stattdessen ist eine Maskenpflicht im Gespräch, ebenso wie eine Gruppierung von Menschen, die zusammen reisen. Die Kontrollen an den Flughäfen werden sicherlich verschärft, Schnelltests und Messungen der Körpertemperatur werden Passagiere in den Flughäfen über sich ergehen lassen müssen. Allerdings rechnet die Regierung ohnehin mit einer Abnahme des Reiseverkehrs in diesem Sommer im Vergleich zum Vorjahr.

Coronavirus schränkt Tourismus und Gastronomiebetrieb ein

An 83,7 Millionen ausländische Touristen wie im vergangenen Jahr mag niemand mehr denken, allerdings trägt die Tourismusindustrie zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und schafft 13 Prozent der Arbeitsplätze. Das ist eine Hausnummer. Diesen Sommer richtet der Sektor alle Hoffnungen auf spanische Urlauber. Noch ist aber nicht einmal klar, ob, ab wann und wie Touristen aus dem Norden quer durch das Land zu ihren Strandwohnungen und Häusern im Süden reisen können. Glasklar ist, Sommerfeste, große Konzerte oder Theatervorstellungen sowie Stiertreiben finden nicht statt und Sportevents höchstens unter Ausschluss des Publikums. Die Kinosäle könnten wohl öffnen, aber auch dort muss der Sicherheitsabstand gewahrt werden.

Ein Finale für das sich in der Gastronomie und im kleinen Einzelhandel abzeichnende Drama kennt die Regierung auch noch nicht. Der Handel kann sich an den Supermärkten orientieren, aber viele kleine Bars oder Restaurants können es sich nicht leisten, den Einlass um ein Drittel zu beschränken, geschweige denn die Investitionen in Raumtrenner und andere Sicherheitsvorkehrungen zu tätigen. Die Regierung zwinkert den Rathäusern zu, bei der Ausweisung der Terrassen und Außenbereiche den Gastronomen großzügig entgegen zu kommen, finanziell wie räumlich. Das Coronavirus verbreitet sich im Freien weniger stark als in Innenräumen. Dass der Sommer aber mit dem Virus ganz Schluss macht, entbehrt ebenso einer wissenschaftlichen Grundlage wie der Glaube, dass eine Immunität nach einer Covid-19-Erkrankung vor weiterer Ansteckung schützt.

Covid-19-freies Baden an den Stränden

Die Öffnung der Hotels liegt auch noch in der Schwebe. All-Inclusive-Angebote mit meterlangen Buffets dürften diesen Sommer wohl kaum möglich sein, ein Betrieb unter Berücksichtigung bestimmter Sicherheitsauflagen wohl. Hoteliers aus Madrid haben bereits ein Covid-Free-Zertifikat vorgeschlagen. Die Regierung arbeitet auch in dieser Richtung. Um dem Sektor auf die Sprünge zu helfen, hat Spanien den G-20-Staaten vorgeschlagen, mittels homogener Richtlinien sogenannte „sichere Reiseziele” auszuweisen. Davon profitieren kulturelle Ziele oder Reiseziele in der Natur mehr als Badeorte, die im Sommer normalerweise von Touristen geradezu überschwemmt werden. Dennoch, auch an den Stränden soll ein Covid-19-freies Baden möglich sein – mit der Wahrung des Mindestabstands, der durch Sonnenschirme abgesteckt werden könnte.

Wie auch immer die neue Realität aussieht, sie könnte die Menschen weiter auseinander bringen. Soziale Kontakte werden bis ein Impfstoff gefunden wird anders gepflegt und geknüpft werden, die Körpersprache wird sich auch ändern, die Küsschen hier und da sowie das Händedrücken in den mediterranen Ländern. Das Tragen von Atemschutzmasken wird möglicherweise nicht vorgeschrieben, aber zumindest empfohlen in öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten. Der Abstand von zwei Metern zueinander wird Teil des Alltags werden.

  • Stephan Kippes
    schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare