Mann geht durch leere Dorfstraße in Llíber in Spanien.
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Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Llíber in der Marina Alta profitiert von seiner abgelegenen Lage und wenigen Einwohnern.

Wo Covid keine Realität ist

Ohne Coronavirus: Hunderte spanische Gemeinden noch ohne oder mit sehr wenigen Fällen

  • vonAndrea Beckmann
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  • Stella Kirchner
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Das Coronavirus scheint überall aktiv zu sein. Doch noch immer gibt es hunderte Dörfer in ganz Spanien, die von Infektionen weitgehend verschont geblieben sind. Auch im Hinterland der Costa Blanca und Costa del Sol.

  • In mehreren Hundert Dörfern in Spanien sind noch keine oder sehr wenige Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet worden.
  • Spitzenreiter bei der Anzahl der Covid-freien Dörfer ist Extremadura, danach kommen Andalusien und Valencia.
  • In den Dörfern ohne Coronavirus-Infektionen herrscht ein Sicherheitsgefühl, wodurch einige Infektionsschutzmaßnahmen wie Maskenpflicht infrage gestellt werden.

Marina Alta - Muntere Plaudereien auf der Straße, volle Terrassen, man könnte fast meinen, es wäre ein Sommertag wie jeder andere in den Dörfern der Marina Alta in Spanien. Doch eins stört das vertraute Bild: die Masken. Die einen tragen eine modische Version aus bunten Stoffen, die anderen bevorzugen das schlichte Einwegmodell und wieder andere gehen auf Nummer sicher und tragen einen Filter-Mundschutz.

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Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Llíber in der Marina Alta ohne einen Infizierten

Kurz: Corona hat die Dörfer der Marina Alta erreicht, ohne sie wirklich zu erreichen. In einzelnen Gemeinden wie Llíber hat sich sogar noch keine einzige Person infiziert. (Stand der letzten Datenerhebung vom 3. September, auf Valenciano). „Ich glaube, auf dem Dorf sind wir einfach vernünftiger. Wenn es heißt, wir müssen Maske tragen und Aktivitäten in großen Gruppen unterlassen, bis es eine zuverlässige Impfung gegen das Coronavirus gibt, dann tun wir das auch“, sagt Anwohner Josep Ordines Oliver mit einer Spur von Stolz, dass sein Ort so viel besser als die meisten anderen Gemeinden in Spanien dasteht. „Man darf aber auch nicht vergessen, dass in Dörfern viel weniger Menschen leben, die Grundstücke sind größer, es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, da sind Infektionen weniger wahrscheinlich“, relativiert er.

„Wir hatten einfach Glück mehr mit dem Coronavirus als andere Orte in Spanien“, meint hingegen Anwohner Juan Martínez, der im Rathaus von Llíber arbeitet. „Wenn ich schon sehe, wie die Leute in den Dorf-Bars in großen Gruppen sitzen und keiner eine Maske trägt, da bekomme ich wirklich Angst.“ Seine Verwaltung teilt wohl die Meinung des Angestellten, denn jeder, der das Ayuntamiento betritt, muss sich zuerst die Hände desinfizieren, dann wird die Körpertemperatur gemessen und nach dem Besuch notiert ein Mitarbeiter Namen und Telefonnummer. „Nur wenn wir jetzt wachsam sind, können wir dafür sorgen, dass wir weiter so gut durchkommen und nicht enden wie zum Beispiel Dénia, was zu Beginn gut dastand und jetzt kaum noch Kontrolle über das Virus hat“, ist sich Martínez sicher.

Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Hunderte Orte in ganz Spanien ohne Erkrankte

Eine einsame Ausnahme in Spanien ist das Dorf Llíber aber nicht. Während Krankenhäuser in großen Städten wie Madrid und Barcelona wochenlang kaum hinterherkamen, um die Menschen mit Lungenerkrankungen auf ihren Intensivstationen zu versorgen, kam das Hinterland glimpflich davon. In mehreren hundert spanischen Gemeinden ist bisher noch kein einziger Mensch an Covid-19 erkrankt. Spitzenreiter in puncto Corona-freie Orte ist die Region Extremadura. 30 Prozent aller Gemeinden haben hier bis jetzt noch keinen einzigen Fall des Sars-CoV-2 erlebt. Direkt danach folgen Andalusien und Valencia. Das krasse Gegenteil dazu bilden das Baskenland und Kastilien Léon, wo bereits fast jeder Bezirk Coronavirus-Infektionen registriert hat.

Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Abgelegene Gebiete verzeichnen nur wenige Covid-19-Fälle.

Doch kann das wirklich sein und woran liegt das? Experten des spanischen Gesundheitswesens wie Jesús Molina, Sprecher der Spanischen Vereinigung der Präventionsmediziner (SEMPSPH) werfen die Frage auf, ob „die Dörfer wirklich frei von Covid sind oder die Erkrankung einfach nicht festgestellt worden ist“. Eine Antwort gibt er in seiner Stellungnahme nicht. Ildefonso Hernández, der für die spanische Gesundheitsadministration spricht, sieht das Erfolgsrezept der Orte ohne Infizierte eher im Durchgreifen einiger Kommunalpolitiker, die Systeme wie in Llíbers Rathaus entwickelt haben.

Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Abgelegenheit und wenige Einwohner helfen

Allerdings ist auch die Geografie ein wichtiger Faktor. Wenn ganze Landstriche ohne eine einzige Erkrankung bleiben, ist es ungleich unwahrscheinlicher, dass Menschen sich neu mit dem Coronavirus infizieren. Besonders deutlich ist das in Andalusien zu sehen, genauer gesagt in der Provinz Málaga: Dort konzentrieren sich die infektionsfreien Dörfer zu großen Teilen auf die Landstriche Axarquía und Valle del Genal. Noch mehr als die Geografie kommt den Orten aber wohl die Demografie zugute. In den kaum betroffenen Gemeinden leben meistens nur wenige Tausend Menschen, wenn überhaupt. Llíber mit seinen knapp 1.000 Einwohnern und das benachbarte Jalón mit 2.600 Einwohnern, das seit März auch nur sehr wenige Menschen positiv auf das Coronavirus getestet hat, vereinigen ebenfalls relativ wenig Menschen auf weitläufigem und von der Landwirtschaft geprägten Raum. Allerdings kann sich das auch schnell ändern: Benigànim in Valencia hat mittlerweile eine der höchsten Infektionsraten an der Costa Blanca und verzeichnete zuvor noch kaum Covid-19-Fälle.

Insgesamt ist das Land in Spanien der Stadt gegenüber deutlich im Vorteil. Das schafft auch ein Sicherheitsgefühl unter den Bewohnern. „Ich weiß gar nicht, was ich von allem halten soll. Es ist so, als würden wir von außen auf die Corona-Lage blicken. Durch Medien und Statistiken wissen wir zwar, dass das Virus existiert, aber hier gehört es einfach nicht zur Realität“, fasst Alex Pulido, der in Jalón als Immobilienmakler arbeitet, die Wahrnehmung vieler Dorfbewohner zusammen. „Ich nehme aber schon eine starke Unsicherheit wahr, vor allem bezogen auf die wirtschaftliche Lage. Wer kauft schon ein Haus, wenn er nicht weiß, ob er nächste Woche noch Arbeit hat?“

Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Schlägt Covid-19 auf dem Land wirklich weniger zu?

Auch in Jalón bleibt die Coronavirus-Pandemie trotz guter Zahlen dann doch nicht ganz ohne Wirkung. Ein Rathausangestellter wurde dort positiv auf das Coronavirus getestet, woraufhin das Dorf nicht nur ihr Rathaus schloss, sondern als Vorsichtsmaßnahme sogar den in Spanien sehr populären Flohmarkt absagte.

Auch die Gesundheit beunruhige viele Menschen, meint Pepa Buigues, die ein Lebensmittelgeschäft in Llíber betreibt. Nur zwei Personen dürfen ihren Dorf-Laden gleichzeitig betreten, Desinfektionsgel und Handschuhe sind Pflicht. „Hier wohnen viele ältere Menschen. Einige sind sehr besorgt, weil sie unter Vorerkrankungen leiden. Andere wieder finden meine Regeln übertrieben, aber im Leben gibt es eben nun einmal immer mehrere Seiten“, zuckt Buigues mit den Achseln.

Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Maskenpflicht übertrieben?

Die goldene Null zu halten, ist nicht ganz einfach. Das zeigt das Beispiel Els Poblets nahe Dénia an der Costa Blanca, wo mittlerweile auch ein paar Covid-19-Fälle aufgetreten sind. Das Dorf zeigt aber auch, dass ein positiv Getesteter keine Hiobsbotschaft sein muss, denn von einem Ausbruch ist das vor allem bei Deutschen beliebte Küstenstädtchen bei Dénia bisher weit entfernt. „Es ist so surreal, wir müssen all diese Sicherheitsmaßnahmen befolgen und hier gibt es kaum bis gar keine Fälle. Ich kenne niemanden, der infiziert ist, deswegen glaube ich auch nicht daran“, zieht Residentin Bärbel Schirm Konsequenz aus ihren Eindrücken vor Ort. „Meine Tochter ist Krankenschwester und sie sagt, dass es wie bei einer Grippe schwere und weniger schwere Fälle gibt“, fügt sie hinzu. Trotzdem hält die Deutsche sich aber an Maskenpflicht in Spanien, Sicherheitsabstand und Co. „Wenn das jetzt so sein soll, dann mache ich das. Ob ich persönlich das für richtig halte oder nicht“, fährt sie gelassen mit ihrem Einkauf im deutschen Supermarkt Carlo’s Delicatessen fort.

Inhaber Carlos Rayo schätzt die Lage nicht so locker ein wie seine Kundin Schirm. „Die Coronavirus-Stimmung ist in letzter Zeit ein wenig umgeschlagen. Am Anfang der Pandemie waren viele Menschen im Dorf sehr besorgt und jetzt gibt es immer mehr Leute, die gegen die Sicherheitsmaßnahmen sind“, beobachtet der Spanier, der fließend Deutsch spricht. „Sehr viele Kunden sind aber komplett zu Hause geblieben. Deswegen schließe ich meinen Laden jetzt nachmittags, es lohnt sich einfach nicht mehr“, berichtet er. „Im März habe ich Lebensmittel in den Ort geliefert, ohne die Fahrt zu berechnen, und jetzt tue ich alles, damit meine Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit müssen“, gibt er sich kämpferisch. „In einigen Monaten sieht es hier und in ganz Spanien hoffentlich schon anders aus“, so Rayo optimistisch.

Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Die Angestellten des deutschen Supermarkts in Els Poblets bei Dénia verlieren ihre gute Laune auch durch Corona nicht.

Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: Infektionslagen können sich schnell ändern, müssen sie aber nicht

Ladennachbarin Vanesa Busos, die den internationalen Presse- und Strandshop führt, blickt mit gemischten Gefühlen auf die Entwicklung der Covid-19-Fälle in der Gegend. „Ich komme selbst aus Dénia. Da gab es auch über einen langen Zeitraum hinweg nur wenige Fälle und plötzlich ist die Stadt ein Infektionsherd“, sorgt sie sich. Es sei schlicht unmöglich, Prognosen über das Coronavirus anzustellen. So sieht es auch Vicente Server, der die Bäckerei Strudel Cafe betreibt. „Wir machen einfach das Beste aus der Situation. Immerhin kommen in unser Café ohnehin vor allem Residenten und kaum Touristen. Glücklicherweise sind trotz der Situation viele Deutsche hier, einige sind schon seit Winter hier, andere sind am Ende des Notstandes gekommen“, sieht er die positive Seite. Diese positive Einstellung machen sich viele Gemeinden Spaniens zu eigen, egal, ob sie keinen, einen oder hundert Covid-Fälle verzeichnen.

Ändern können sich diese Zahlen schnell. Das hat sich zum Beispiel in Gata de Gorgos gezeigt, wo bis Mitte August offiziell noch niemand positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Nun ist Sars-CoV-2 auch in diesem beschaulichen Dorf, das wegen seiner Korbwarenläden entlang der Hauptstraße das ganze Jahr über viele Tagesbesucher empfängt, präsent.

Toni Mulet von der Bar La Placeta ermahnt seine Gäste immer, wenn diese meinen, für sie gelte die Maskenpflicht nicht. „Ich sage ihnen dann, wir stünden nur deshalb so gut da, weil wir uns an die Regeln halten“, sagt der Kellner. Im Großen und Ganzen würden sich die Leute an die Vorschriften in Spanien halten und eine Maske tragen. Doch seien es vor allem ältere Bewohner, die man immer wieder an die Maskenpflicht erinnern müsse. „Die Leute, die damit nachlässig umgehen, argumentierten bislang immer, es gebe doch keinen Corona-Fall in Gata“, sagt Mulet etwas genervt, während er einen Tisch desinfiziert, den gerade zwei Gäste verlassen haben.

Dörfer in Spanien ohne Coronavirus: „Infektionsschutz ist wichtig“

Genervt wirkt auch die Betreiberin des Korbwarenladens in Gata de Gorgos, die einen großen Mundschutz trägt, der bis an die Augen heranreicht. Ihren Namen will die junge Frau, die den Eindruck vermittelt, sich sehr unwohl zu fühlen, nicht nennen. „Unser Geschäft war drei Monate lang geschlossen“, sagt sie. „In dieser Zeit hatten wir keinerlei Einnahmen. Uns blieb deshalb gar keine andere Wahl, als wieder zu öffnen. Nachdem uns das Oster-Geschäft wie wahrscheinlich bei allen Läden in Spanien völlig eingebrochen ist, müssen wir wenigstens die Sommersaison retten.“ Aber ja, ihr sei unwohl dabei, im Laden zu stehen. Sie habe Angst, dass unter den vielen Leuten, die Tag für Tag ihr Geschäft aufsuchen, vielleicht auch Personen dabei seien, die mit dem Coronavirus infiziert sind. „Viele Leute respektieren die Vorschriften nicht“, klagt die Geschäftsfrau. „Sie betreten den Laden, ohne sich die Hände zu desinfizieren, obwohl an der Tür Desinfektionsmittel steht, und fassen alle Sachen an.“ Doch zum Glück kämen überhaupt wieder Kunden, was für den Fortbestand des Ladens ungemein wichtig sei. „Deshalb versuche ich, Bedenken einfach zur Seite zu schieben“, sagt die Geschäftsfrau.

Auch im Laden nebenan herrscht Hochbetrieb. Kundinnen interessieren sich für Taschen und Shopper aus Weidenflechterei, während ihre Männer mehr an Hüten interessiert sind. Dazwischen Verkäuferin María Mulet, die sagt: „Natürlich ist der Gedanke an Corona immer präsent, wenn ich hier im Laden stehe.“ Doch im Gegensatz zu ihrer Laden-Nachbarin ist die Spanierin voll des Lobes, was das Einhalten der Vorsichtsmaßnahmen betrifft. „Die Leute gehen alle respektvoll mit der Situation um und bisher hat noch kein Kunde versucht, den Laden ohne Mundschutz zu betreten.“ Dass Gata im Vergleich zu anderen Orten so gut dasteht, was Covid-19-Fälle angeht, erkläre sie sich damit, „dass wir in einem Dorf leben und es hier nicht solche Massenansammlungen gibt wie anderswo.“ Jetzt muss das Leben eben weitergehen, mit Maske, Desinfektion und hoffentlich weiterhin wenigen Ausbrüchen.

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