Eine Frau in Spanien wird geimpft.
+
Eine Lehrerin auf Mallorca wird geimpft. Mit AstraZeneca. Die Suspendierung wirft Spaniens Impfkampagne zurück.

Covid-Impfung in Spanien

Impfung mit AstraZeneca in Spanien: Zulassung nur noch zwischen 60 und 65 Jahren

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
    schließen
  • Stephan Kippes
    Stephan Kippes
    schließen

Auch Spanien hatte die Impfung gegen Covid-19 mit dem Impfstoff von AstraZeneca ausgesetzt. Wegen einiger verdächtiger Thrombosen. Mediziner schütteln den Kopf, denn jeder Tag Verzug bei der Impfung koste Menschenleben. Sind die Regierungen in Europa dem Virus der Desinformation zum Opfer gefallen? Impfstoff von Janssen zugelassen.

Update, 8. April: Das spanische Gesundheitsministerium hat am Mittwoch beschlossen, Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca in Spanien nur noch für Menschen ab 60 Jahren zu verabreichen. Damit folgt die Regierung halb den Empfehlungen der Europäischen Medikamentenaufsicht EMA und halb den medial hochgespielten Zweifeln. Die EMA erkannte einen Zusammenhang zwischen Thrombosefällen und der Impfgabe an, hält diese aber für extrem selten, nicht höher als bei vergleichbaren Impfstoffen und zudem behandelbar. Castilla y León hatte am Dienstag die Impfungen mit AstraZeneca ausgesetzt, die Regierung in Madrid wies jedoch daraufhin, dass das Impfregime eine Kompetenz des Zentralstaates sei und auch nach einer möglichen Beendigung des sanitären Notstandes in Spanien am 9. Mai bleibe.

Update, 31. März: Spanien will den umstrittenen Impfstoff AstraZeneca für Menschen über 65 Jahren erlauben. Gesundheitsministerin Carolina Darias will die Altersgrenze auf der Grundlage „neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse“ für bestimmte Gruppen wie etwa Gesundheitspersonal oder Lehrer anheben. Bisdato setzte Spanien das Vakzin für die Altersgruppe von 55 bis 65 Jahren ein. Derweil beschloss Deutschland, AstraZeneca nur noch an Menschen über 60 Jahren zu verimpfen. Jüngere Menschen in Deutschland können entscheiden, ob sie mit AstraZeneca geimpft werden wollen oder ob sie warten, bis ein anderer Impfstoff zur Verfügung steht. Spanien hatte die Nutzung des Impfstoffes im März zusammen mit weiteren EU-Staaten ausgesetzt, nachdem es Berichte über Fälle von Hirnvenen-Thrombosen im zeitlichen Zusammenhang zur Impfung gegeben hatte. Nachdem sowohl die Europäische Arzneimittelagentur als auch die Weltgesundheitsorganisation sich für den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffes ausgesprochen hatten, nahm Spanien die Impfungen damit teilweise wieder auf.

Update: Spanien nimmt Impfungen mit AstraZeneca Impfstoff wieder auf

Update, 24. März: Am vorigen Donnerstag hat die Europäische Medikamentenagentur EMA erklärt, dass der Impfstoff von AstraZeneca „wirksam und sicher“ sei. Die Schutzwirkung übersteige die Risiken bei Weiten, die festgestellten Thrombosefälle überstiegen nicht die erwartbare Zahl an solchen Vorfällen in der ungeimpften Bevölkerung. Damit folgt die EMA den Einschätzungen der vorliegenden Studien, wie in unserem Artikel unten dargestellt.

Das Gesundheitsministerium in Spanien hat, zusammen mit der Nationalen Medikamentenbehörde, daraufhin beschlossen, die Impfungen in Spanien ab 24. März wieder aufzunehmen. Zudem verabreicht man den Impfstoff von AstraZeneca ab sofort an Menschen bis 65 Jahre (zuvor bis 55 Jahre).

Erstmeldung, 17. März: Madrid – Seit Montag sind in Spanien, so wie in mittlerweile 14 weiteren EU-Staaten, die Impfungen mit dem Vakzin von AstraZeneca zunächst für zwei Wochen ausgesetzt. Die Nationale Agentur für Medikamentensicherheit gab als Begründung eine „Vorsichtsmaßnahme“ an. Untersucht würden EU-weit rund 30 Fälle von Thrombosen bei Geimpften, deren Auftreten bisher nicht mit anderen Ursachen oder der Krankengeschichte der betroffenen Personen erklärt werden könnten. Rätsel gäben speziell drei Fälle einer Gehrinvenentrombose. Auch der Tod einer 43-jährigen Lehrerin aus Marbella, die wenige Tage nach ihrer Impfung am 3. März nach diversen akuten Komplikationen verstarb, wird in diesem Zusammenhang untersucht.

14 Tage Stopp für AstraZeneca-Impfstoff: Impfkampagne in Spanien weiter aufgehalten

In Spanien wurde AstraZeneca schon bisher sehr restriktiv angewandt, ausschließlich für die Altersgruppe bis 55 Jahre, eine Einschränkung, die aber nicht wegen möglicher Komplikationen bei Älteren vorgenommen wurde, sondern weil es für diese Altersgruppen schlicht noch nicht genügend Daten gab. Der vorläufige Stopp bedeutet in der Praxis, dass die vorgesehenen Impfungen an Lehrkräften, Militär und Polizisten sich deutlich verzögern.

In Marbella ist eine Frau nach der Impfung mit AstraZeneca gestorben. Spanien untersucht den Fall.

Zwar hat Pfizer für den April einen enormen Anstieg seiner Lieferungen angekündigt, bis zu 200 Millionen Dosen für die gesamte EU, doch Spaniens Impfplan, der ohnehin den eigenen Zielsetzungen hinterherhinkt, verzögert sich nun weiter, denn eigentlich sollte - nach weiteren klinischen Tests - auch die Altersgruppe 55+ in die Impfung mit AstraZeneca einbezogen werden. Ob das am 11. März EU-weit zugelassene Präparat von Janssen (Johnson&Johnson) diese Lücke füllen kann, ist noch nicht klar.

Die Europäische Agentur für Medikamente, EMA, teilte mit, dass AstraZeneca nach Datenlage weiter als sicher gilt, will aber am 18. März dazu nochmals eine Erklärung abgeben. Die Untersuchung der Thrombose-Fälle gehöre zum normalen Prozedere, das quasi in Echtzeit aus der Reihe fallende Vorkommnisse analysiere, was wiederum ein Beleg für die enorm hohen Standards bei der europäischen Medikamentensicherheit sei. In Spanien gab es sechs solcher Vorkommnisse auf 1,7 Millionen Impfgaben. Die EMA gehe bei Impfstoffen, die ja bekanntlich an gesunde Menschen verabreicht werden, besonders restriktiv und sensibel vor, erklärte EMA-Direktorin Emmer Cooke.

Aussetzung von Impfung mit AstraZeneca "Lässt sich nicht rechtfertigen" - Tod durch öffentliche Meinung?

Regelrecht verärgert über den Astra-Impfstopp der Regierungen zeigen sich Mediziner und Experten der Materie. „In Spanien starben im Februar rund 7.600 Menschen an Covid-19, das sind 161 von je einer Millionen. Die bisherigen Daten von AstraZeneca zeigen, dass die Impfung damit neun von zehn schweren Verläufen verhindert und somit auch die Todesfälle, die sich daraus ergeben“ erklärt Carlos González, Arzt und Autor des Buches „Verteidigung der Impfung“.

Ein Lächeln und ein Händedruck, in der Residencia Elorduy im Baskenland nach der Anti-Covid-Impfung wieder möglich.

César Hernández von der nationalen Medikamentenagentur AEMPS ergänzt, dass er sicher ist, dass die Länder anders entschieden hätten, wenn die gleichen Nebenwirkungen nicht in der Gruppe der bis 55-jährigen aufgetaucht wäre, die nur rund fünf Prozent der Covid-Todesfälle in Spanien stellten, sondern in den Gruppen mit höherem Sterberisiko. „Sollte sich kein Zusammenhang zwischen den Thrombosen und dem Impfstoff herausstellen, wie will man das den Angehörigen derjenigen erklären, die in der Zwischenzeit an Covid verstorben sind, weil sie nicht geimpft werden konnten?“ legt González nach und geht noch weiter, „selbst wenn einer pro einer Million an der Impfung stirbt, man aber 160 damit rettet, wie rechtfertigt man dann den Stopp der Impfungen?“

Worauf die Experten anspielen, ist ein eigentlich ungeheuerlicher, fast mittelalterlich anmutender Vorgang. Sind die Regierungen vor der vermuteten öffentlichen Meinung, vor dem Getöse in den Sozialen Netzwerken eingeknickt? Die Irrationalität und das Unwissen haben sozusagen einen Teilsieg errungen. AstraZeneca hatte von Anfang an ein Image-Problem, das sich zur Pandemie der Desinformation hochschaukelte.

Antibaypille, Aspirin oder Ibuprofen gefährlicher und tödlicher als AstraZeneca-Impfstoff

Ein Beispiel: Bei einigen Antibabypillen treten bei über 1.000 von 1.000.000 Anwenderinnen Thrombosen auf, sogar bis zu einem Fall pro 3.000 Patienten, die nachweislich auf das Mittel zurückzuführen sind, sie sind Teil der Nebenwirkungen. Niemand hat jedoch die Wirkung der Pille je in Frage gestellt. „Denn im Gesundheitswesen wägen wir den erwarteten Effekt unserer Maßnahmen und Wirkstoffe ab mit dem Effekt, der bei der Unterlassung dieser Maßnahmen eintritt“, so César Hernández. Im Falle der Pille waren die Todesfälle und schweren Erkrankungen durch Schwangerschaften und deren Abbrüche um ein Vielfaches höher. Diese „Kosten-Nutzen-Rechnung“ zieht sich durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, bis hin zum Autoverkehr. Nur: Bei AstraZeneca ist der Schaden noch nicht einmal nachgewiesen.

Ein anderes Beispiel. Aspirin. Seit über 100 Jahren das „Volksmedikament“ gegen Schmerzen, fiebersenkend und entzündungshemmend. Doch es kann Geschwüre und Blutungen im Magen oder Darm hervorrufen, weil es die Schleimhäute im Verdauungstrakt angreift. Das Medikament kann zudem Asthmaanfälle und Nierenschäden auslösen. Professor Friedrich Hagenmüller, ein renommierter Hamburger Gastroenterologe, schätzte in einem Beitrag für den NDR, dass die Zahl der jährlichen Todesfälle in Deutschland, an denen Aspirin beteiligt ist, vierstellig ist: „Man muss annehmen, dass sich die Anzahl der Fälle zwischen 1.000 und 5.000 bewegt.“

Die Corona-Impfung erfolgt in Spanien nach einem staatlichen Zeitplan. Ein Online-Rechner verrät den ungefähren Zeitrahmen.

Vorsicht bei AstraZeneca belegt sensibles Überwachungssystem für Medikamente in EU - Regierungen sollten sich von Wissenschaft leiten lassen, nicht von Facebook

Man kann nur hoffen, dass die EMA in den kommenden zwei Wochen nicht nur die verschwindend geringen Vorfälle stichhaltig aufarbeitet, sondern den Regierungen auch ordentlich die Leviten liest, damit diese sich wieder von der Wissenschaft statt dem „Volkszorn“ und den selbsternannten Experten zuwenden. Bei Bundestrainern mag das ja noch lustig sein, in der Medizin kann es tödlich sein.

Zu Tode gefürchtet, ist auch gestorben.

Alte Volksweisheit

Denn selbst wenn man den Regierungen zu Gute hält, sie verhängten diesen Impfstopp, um die Impfbereitschaft der Bevölkerung nicht zu gefährden – bekanntlich gibt es in der EU keine Impfpflicht, was man den Impfgegnern immer wieder mal erklären muss – müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, wie sie Covid-Tote aufgrund verzögerter Impfgaben aus Public Relations-Überlegungen rechtfertigen wollen. Oder wie die Volkweisheit lautete, damals, als das Volk noch weise war: „Zu Tode gefürchtet, ist auch gestorben“.

Gelbe Karten aus Großbritannien: Nebenwirkungen von AstraZeneca und Pfizer

Einen Überblick über gemeldete Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe bietet der Gelbe-Karten-Report der britischen Gesundheitsbehörde. Im Vereinigten Königreich wird sowohl mit dem mRNA-Vakzin von Biontech/Pfizer als auch mit dem Vektorvakzin von AstraZeneca geimpft. Bis zum 28. Februar wurden 10,7 Millionen erste und 800.000 zweite Dosen von Biontech/Pfizer sowie 9,7 Millionen Dosen AstraZeneca verimpft. Als Gelbe Karten werden Meldungen von Krankheitssymptomen nach der Impfung bezeichnet. Sie müssen nicht durch die Impfung verursacht worden sein, sie können zufällig aufgetreten oder eine Wechselwirkung auf Vorerkrankungen sein.

Bis Ende Februar wurden in Großbritannien 33.207 Gelbe Karten für Biontech/Pfizer und 54.180 für AstraZeneca gemeldet. Relativierend ist zu ergänzen, dass die höhere Anzahl bei AstraZeneca damit zu erklären ist, dass Nebenwirkungen häufiger nach der ersten und bei den mRNA-Impfstoffen häufiger nach der zweiten Dosis auftreten. Für beide Vakzine wird eine Nebenwirkungsrate von drei bis sechs Gelben Karten pro tausend Dosen angegeben. Am häufigsten gemeldet wurden die bekannten Impfreaktionen wie Kopf- und Gliederschmerzen, die bei AstraZeneca teilweise sehr schwer ausfielen, Schüttelfrost, Fieber, Durchfall, Übelkeit, Schwindel und Abgeschlagenheit. Nicht ganz so selten wurden auch Herzrasen und Herzrhythmusstörungen gemeldet.

Auch schwerwiegende Ereignisse wurden gemeldet: Gesichtslähmungen (Biontech/Pfizer 193, Astrazeneca 88), Gesichtsschwellungen (Biontech 230), Thrombosen (Biontech 10), Thrombozytopenie (AstraZeneca 35, Biontech 13), Blutbbildstörungen (AstraZeneca 1.098), zerebravaskuläre (die Gefäße des Gehirns betreffende) Ereignisse (AstraZeneca 41), Hirnblutungen (AstraZeneca 7), Schlaganfälle (AstraZeneca 9), Erblindung (Biontech 15, AstraZeneca 28).

AstraZeneca gestoppt: Neuer Impfstoff von Janssen zugelassen

Am 11. März wurde – nach Pfizer, Moderna und AstraZeneca – ein weiterer Anti-Covid-Impfstoff EU-weit zugelassen, jener der Firma Janssen in Kooperation mit Johnson & Johnson. Auch dieser kommt – wie AstraZeneca – mit einem Shot aus und es handelt sich ebenfalls um einen klassischen Impfstoff: Ein inoffensiver Corona-ähnlicher Virus liefert dem Immunsystem die genetische Information und den Anreiz zur Produktion von Antikörpern. Die Wirksamkeit gegen einen Ausbruch der Erkrankung soll bei rund 90 Prozent liegen, wie lange die Immunität hält, ist naturgemäß bei keinem der Impfstoffe bisher verlässlich zu prognostizieren. Nun zu den möglichen Nebenwirkungen: Unwohlsein, Erbrechen, Herzanfälle, Gehirnschlag, Bronchospasma, Asthmaanfälle, Bluthochdruck, psychotische Reaktionen, Hepatitis. Das sind die Nebenwirkungen von – Ibuprofen.

Zum Thema: Was Ausländer in Spanien zur Covid-Impfung wissen müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare