Bahnstreik in Spanien.
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Erster Streiktag der spanischen Eisenbahn Renfe am 30. September 2021: Vor allem die Pendler trifft der Bahnstreik hart. Hier der Nahverkehr in Madrid.

Spanische Eisenbahn Renfe

Bahnstreik in Spanien: Zugausfälle und Chaos bis Mitte Oktober - Proteste gegen Personalabbau bei Renfe

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Rund jeder dritte Zug in Spanien fällt an acht Tagen bis Mitte Oktober aus, weil die Eisenbahner der spanischen Staatsbahn Renfe in den Streik ziehen. Chaos ist vorprogrammiert und betrifft Urlauber, Ausflügler, vor allem aber Pendler. Während das Bahn-Management die Probleme herunterspielt, erklären die Bahnarbeiter: „Wir streiken auch für die Bahnkunden“.

Madrid/Málaga/Valencia - Nach ersten Warnstreiks im September machen die Eisenbahner der spanischen Staatsbahn Renfe im Oktober ernst: An acht Tagen, angefangen vom 30. September, sodann dem 1., 4. und 5. Oktober sowie nochmals am 7., 8., 11. und 12. Oktober werden zu den Stoßzeiten nur 75 Prozent, zu den normalen Zeiten höchstens 50 Prozent der Züge in Spanien fahren. Im Mittel müssen 65 Prozent der Verbindungen fahren. 24 Prozent sind es für Cargo-Züge. Die Aufrechterhaltung und Staffelung dieses Basidienstes ist durch ein Gericht gedeckt worden, das eine Klage von Renfe abwies, das für den gewinnbringenden AVE 100 Prozent forderte.

Bahnstreik in Spanien: Hunderte AVE-Züge fallen aus, Brückentag in Gefahr

Die spanische Eisenbahn Renfe muss daher allein für die ersten vier Streiktage den Ausfall von 892 Zügen auf Mittel- und Langstrecken bekanntgeben, 267 davon gehören zum Hochgeschwindigkeitsnetz AVE, fast alle mit Start- oder Zielbahnhof Madrid Atocha. Von diesen Ausfällen werden vor allem Urlauber und Ausflügler betroffen sein. Besonders übel könnte es dabei am Brückentag, Montag, 11., und Dienstag, 12. Oktober, zugehen, dem nationalen Feiertag "Día de la Hispanidad", den üblicherweise hunderttausende Spanier für Verwandtenbesuche oder Kurzurlaube nutzen.

Bahnstreik Spanien: In Andalusien und Valencia treffen Zugausfälle vor allem Pendler

Noch härter trifft es indes Pendler, die auf die Nahverkehrszüge der Cercanías angewiesen sind, um zur Arbeit und wieder zurück nach Hause zu kommen. Auf der Strecke Málaga-Fuengirola, die auch den Airport Málaga anfährt, fielen bereits im September hunderte Züge aus, Menschenmassen stauten sich auf den Bahnsteigen. Renfe begründete die Ausfälle mit technischen Problemen, während die Gewerkschaften von "selbst verschuldetem Personalmangel" sprechen. Das Chaos dürfte an den Streiktagen im Oktober nun noch größer werden.

Bereits am Donnerstag, 30. September, ging es auch im Einzugsgebiet von Valencia drunter und drüber, weil der Nahverkehr nicht regulär fuhr. Züge von Valencia nach Gandía oder Castellón fielen im Berufsverkehr aus. Die Streiks konzentrieren sich auf die Stunden von 5 bis 9 Uhr morgens, sowie von 14 bis 16 und 18 bis 22 Uhr. Renfe beklagte hier, dass der vorgeschriebene Mindestservice von den Streikenden nicht eingehalten wurde. In Alicante wirkt sich der Streik vor allem auf die Schnellzugverbindung des AVE nach Madrid und auf den Euromed zwischen Alicante und Valencia aus.

Regierungschef Sánchez, hier beim Einstieg in den AVE in Alicante, hat mehr Alternativen zum Bahnverkehr als die Pendler.

Vor allem Pendlern, aber auch Touristen, bleibt nicht viel mehr übrig, als auf Buslinien umzusteigen. Zwar ist das Busnetz für Überlandfahrten in Spanien traditionell sehr dicht und relativ gut getaktet, aber nicht alle Buslinien erhöhen auf den neuralgischen Strecken das Angebot, was zu Überfüllung und langen Schlangen an den Ticketschaltern führt. Einige Linien sind bereits für Tage im voraus über das Internet ausgebucht worden.

Bahnstreik in Spanien: Renfe informiert auf Webseite und über Twitter-Kanäle

Renfe informiert über Zugausfälle und Verspätungen nicht nur über die Webseite der spanischen Eisenbahn, sondern "zeitnah" auch über entsprechende Twitter-Kanäle für die jeweiligen Strecken. Zu finden sind sie unter @renfe, @inforenfe, @CercaniasMadrid (Hauptstadtregion), @CercaniasVLC (Valencia), @rodalies (Katalonien). Gebuchte Tickets für Langstrecken und AVE werden kostenlos umgetauscht oder der Fahrpreis zurückerstattet.

Gewerkschaften zum Bahnstreik: Spanien nutzte Coronavirus-Pandemie zum Stellenabbau

Federführend beim Bahnstreik in Spanien ist die Gewerkschaft Semaf, die vor allem Lokführer und technisches Personal vertritt, nach eigenen Angaben 85 Prozent aller Renfe-Mitarbeiter, die Züge in Bewegung setzen oder in Bewegung halten. Die Gewerkschaft wirft Renfe und dem Verkehrsministerium in Madrid vor, die Corona-Pandemie dafür genutzt zu haben, still und leise 700 Stellen abzubauen, in dem Abgänge nicht ersetzt wurden. Das beträfe alle Bereiche der Bahn, vor allem aber die Technik. Wichtigste Streikforderung ist daher die Neubesetzung dieser Stellen.

Außerdem wehrt sich die Gewerkschaft gegen Auslagerungen. Es könne nicht sein, dass Renfe hunderte Million Euro Investitionen für den Erwerb neuer Loks und Waggons für den Güterverkehr aufwende, gleichzeitig aber Unternehmen gründe, um deren Betrieb und Wartung auszulagern, so die Gewerkschafter. Die Vertrags- und Arbeitsbedingungen in diesen "Off-Renfe"-Unternehmen seien schlechter und würden zudem Jobs bei Renfe selbst gefährden. Das sei eine schleichende Privatisierung, die zudem ungesetzlich sei.

Bahnstreik gegen Auslagerungen nach Katalonien: "Wir streiken für die Bahnkunden"

Sogar der Katalonien-Konflikt spielt in den Bahnstreik hinein. Semaf sowie eine andere Gewerkschaft, Sindicato Ferroviario, werfen der Regierung vor, Teile von Renfe abspalten zu wollen, um sie in die Verwaltung der Region Katalonien zu übergeben, offenbar ein Zugeständnis der Regierung Sánchez im Rahmen des Dialogs mit den Separatisten. Die Gewerkschafter kämpften indes für die "Einheit der Renfe".

Der Streik, so betont Semaf, ginge nicht nur über interne Fragen oder Belange der Angestellten, sondern werde vor allem auch im Interesse der Bahnkunden geführt. Denn das Management interessiere sich immer mehr für die "Internationalisierung", Gewinne durch den AVE für Privilegierte sowie rentablen Güterverkehr. Doch die Bahnarbeiter stünden für die Integrität der Staatsbahn ein, zu der auch gehöre, Bahnstrecken in ländlichen Gebieten Spaniens anzubieten, zu erhalten und wieder auszubauen.

Info der spanischen Bahn Renfe zum Minimal-Service während des Bahnstreiks:

Die Präsidenten von Renfe und Adif, der Infrastruktur-Tochter Isaías Táboas und María Luisa Domínguez, spielten die Anliegen der spanischen Bahnarbeiter herunter. Es ginge nur um buchhalterische Fragen, nämlich, ob die Cercanías in Katalonien künftig von der Generalitat de Cataluña, also der katalanischen Landesregierung oder weiter direkt über das Verkehrsministerium geregelt würde. Zu den anderen Forderungen und Vorwürfen der Streikenden wollten die Bosse keine Stellung beziehen, das sei "Sache des Verhandlungstisches".

Sollte der Bahnstreik keine Einigung bringen, könnten die Eisenbahner weitere Brückentage und sogar den Weihnachtsverkehr ins Visier nehmen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

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