Gemaelde von Peeter Huys aus dem Prado in Madrid
+
„Black Friday“ vor 500 Jahren. Peeter Huys Gemälde „Infierno“ (ein Ausschnitt aus der Hölle) hängt im Prado von Madrid.

Katastrophen-Szenarien

Blackout in Europa, leere Regale in Spanien: Geschäfte mit der Angst und der kollektiven Psychose - Lagebericht aus Spanien

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
    schließen

Eine morbide Lust an dystopischen Szenarien scheint die Welt erfasst zu haben, und auch die sonst so gelassenen Spanier werden teilweise schon unruhig. Was ist dran an einem drohendem Blackout, leeren Regalen zu Weihnachten und weiteren Katastrophen-Szenarien in Europa und Spanien? Viel weniger als viele fürchten und viel mehr als die meisten wahrhaben wollen. Eine vorgezogene Weihnachtsgeschichte.

Madrid - Nach der noch nicht, in Spanien aber fast bewältigten Coronavirus-Pandemie dräuen der Menschheit der große Blackout, die Wasserkrise, Inflation, die Klimakrise, daraus folgend womöglich neue Seuchen, Flüchtlingsströme und nun auch noch die gerissene Lieferkette, Warenmangel, leere Regale, ganz zu schweigen vom Vulkan auf La Palma. El gran apagón, escasez und desabastecimiento heißen die schrecklichen Schlagworte dazu auf Spanisch: Der große Blackout, Mangel und Versorgungsengpass. Bricht bald eine Hungersnot mitten in Europa aus? Keine roten Garnelen zu Weihnachten? Wer zu viel Netflix schaut oder die Sensationspresse bevorzugt, könnte zu diesem Schluss kommen. Und handelt vielleicht auch so. Ist was dran oder verlieren wir alle die Nerven?

Blackout in Europa und Spanien: Unwahrscheinlich, aber doch Grund für Panikkäufe

"Es ist eine regelrechte Psychose", erklärt José Manuel Buces, Generaldirektor des Großhändlers Super Ego. Er beliefert vom Baskenland aus Heimwerkermärkte, aber auch die kleinen "Ferreterías", die Eisenwarenhandlungen in den barrios von ganz Spanien. "Neulich hat ein China-Laden in Madrid bei uns 10.000 Gasflaschen geordert, was wir mit Rücksicht auf unsere Stammkunden ablehnen mussten", beschreibt er die Auswirkungen der wachsenden Panik in einem Teil der (s)panischen Bevölkerung und das florierende Geschäft mit der Angst. Der Baumarkt Leroy Merlin meldet "seit 25. Oktober" einen Anstieg von über 200 Prozent bei Laternen, Solar-Beleuchtung, stromfreien Heizkörpern - und natürlich Batterien.

Camping-Gaskocher, Laternen, Batterien, Ladegeräte mit Solarmodulen gehen weg wie warme Semmeln: "Wir haben sogar eine Warteliste für einige Produkte, erklärt der Eisenwarenhändler David Márquez aus Madrid einem Reporter von "El País". Francisco Grande von der Ferretería Venecia unweit der Gran Vía in Madrid fühlt sich "an das Fieber während des Filomena-Schneesturms und den Ansturm auf Masken während der Hochzeit der Pandemie" erinnert. "Normalerweise verkaufe ich ein oder zwei mobile Kochstationen pro Woche, im Moment sind es 40 am Tag. Was reinkommt, geht sofort weg", so Grande. Größter Renner: Überlebens-Pakete, wie sie im Internet angeboten werden. Sie kommen oft aus China, ausgerechnet auf dem Weg, der für Warenlieferungen derzeit so anfällig ist. So verstopfen die Panikmacher die Lieferwege noch mehr, selbsterfüllende Prophezeiung nennt man das.

"Spanien ist nicht Österreich": Experten mit schwachen Argumenten gegen einen Blackout

Und alle machen mit, auch die Politik und die Medien: Die Regierung Österreichs hat neulich auf einer offiziellen Pressekonferenz von der "Wahrscheinlichkeit" eines umfassenden Blackout in Europa gesprochen und legt eine Liste mit Notrationen vor, die sich die Leute anschaffen mögen. Die chinesische Regierung forderte ihre Bürger auf, sich mit dem Nötigsten einzudecken und das spanische Newsportal OKDiario behauptet, "die großen Stromkonzerne" hätten die spanische Regierung "über einen flächendeckenden Stromausfälle, einen Blackout in Spanien Ende Januar 2022" informiert.

El gran apagón, der große Blackout gilt für Spanien als nicht ausgeschlossen, aber sehr unwahrscheinlich.

Dazu sollte man vielleicht wissen, dass gegen den österreichischen Ex-Bundeskanzler und weitere Kader seiner Volkspartei gerade wegen Korruption und Amtsmissbrauch ermittelt wird, denen also jede Ablenkung vom Thema nur gelegen kommt. Und das OKDiario ruft auch schon mal den dritten Weltkrieg aus, wenn es Klicks bringt. Dessen Chefredakteur, Eduardo Inda, der gefühlt mehr gerichtliche Klagen als Zeitungsartikel liest und sich in wirklich jeder Talkshow ins Bild drängen muss, ruderte neulich zurück, er habe "keine konkreten Anzeichen für einen Blackout in Europa oder Spanien" und halte ihn für "sehr unwahrscheinlich". Aber egal, der Artikel steht online und wird geklickt wie wild. Geschäfte mit der Angst. Diese Artikel gäbe es aber nicht, wenn die Leute sie nicht klicken würden. Medienschelte allein erklärt die Panik auch nicht.

Blackout in Europa und Spanien: Nicht die Erneuerbaren sind dran Schuld, sondern Energiekonzerne und Konsumenten

"Spanien ist nicht Österreich", versucht Francisco Valverde zu beruhigen. Er ist Energieexperte bei Menta Energía. Österreich hänge bei der Gasversorgung fast exklusiv von Russland ab (obwohl die meiste Energie in Österreich per Wasserkraft erzeugt wird, Anm.), während Spanien notfalls neben Häfen für Flüssiggas sogar "eine direkte Leitung zum Gas von Algerien" habe. Dumm nur, dass die Algerier diese Leitung vorige Woche einseitig geschlossen haben. "Es gefällt offenbar einigen Medien Panik zu provozieren", resümiert er.

Der Generaldirektor für ökologischen Umbau bei der valencianischen Landesregierung, Pedro Fresco, nutzte die Sozialen Medien, um seine Message zu streuen, wonach "Spanien viel mehr Strom erzeugen kann als es braucht". Und selbst, wenn das einmal nicht der Fall sei, "würde man eher die Industrie abschalten als den Strom für die privaten Verbraucher", was auch nicht wirklich beruhigend klingt. Zudem habe Spanien Gasreserven für die Kraftwerke von mindestens drei Wochen. "Lassen wir uns nicht durch Verschwörungserzählungen beunruhigen, die das Unwissen der Menschen ausnutzen", bittet Fresco. Die exorbitanten hohen Strompreise in Spanien mochte er lieber nicht erklären.

Abgesehen von der medialen und politischen Kakophonie, ist diese unsicher scheinende Lage eigentlich doch ein Argument, die Erneuerbaren Energien massiv auszubauen. Dass "das Netz" darauf nicht vorbereitet wäre und gerade die Erneuerbaren durch ihre unstete Erzeugungsstabilität der entscheidende Risikofaktor in Richtung eines Blackouts seien, stimmt nur dann, wenn man glaubt, dass nur die Big Player die Energiewende schaffen könnten.

Doch Energiemix und Dezentralisierung sind - neben der umweltfreundlichen Nachhaltigkeit - die großen Pluspunkte der Erneuerbaren. Man muss sie nur ausspielen. Doch wenn es im Jahr 2021 in ganz Spanien bisher nur eine einzige Gemeinde gibt, die sich Dank Erneuerbarer Energien energetisch unabhängig gemacht und die Leitung zu Iberdrola gekappt hat, weil die Mehrheit der Spanier lieber im Netz über die hohen Strompreise schimpft, anstatt sich zu Alternativen zusammen zu tun, dann braucht man sich über die wachsende Panik nicht wundern.

Zerrissene Lieferkette: Engpässe nur bei einigen Produkten, kein globaler Mangel

Doch was ist mit der Lieferkette, einem drohenden Mangel an Waren des täglichen und nicht so alltäglichen Bedarfs? Es gibt doch unumstößliche Fakten einer globalen Produktions- und Verteilungskrise: Vor den Häfen von Los Angeles bis Rotterdam stauen sich die Container-Schiffe, Schiffscontainer für Warenlieferungen sind zum Teil 230 Prozent teurer als vor Corona. Ein einziger Quersteher wie im Suez-Kanal bringt die halbe Welt in Not. Es fehlen überall LkW-Fahrer, die Dieselpreise explodieren, in Großbritannien gehen die Truthähne, zum Teil das Bier aus, die Gemüseregale der Supermärkte sind immer öfter leer. Bauholz wird unerschwinglich teuer, IKEA kann manche Bestellungen nicht bedienen. In ganz Europa steigt die Wartezeit für Neuwagen auf bis zu neun Monate, es geht bald schneller, ein Kind auszutragen. Und nun, vor Black Friday und Weihnachtseinkäufen könnte die Überlastung durch die explodierende Nachfrage das ganze System zum Einsturz bringen?

Kein Toilettenpapier im Mercadona: Schreckensbild aus dem März 2020.

Verunsichert durch tatsächlich durchlebte Momente von Mangel und Unsicherheit während der Corona-Pandemie, eine gesellschaftliche Verletzlichkeit, wie sie seit dem Ende des Weltkrieges nicht mehr gelebt wurde, scheinen plötzlich alle Szenarien denkbar. Verständlich, wenn wir uns erinnern, dass wir mitten im Wohlstands-Europa sehen mussten, wie sich Ärzte aus Müllsäcken Schutzkleidung bastelten und es Monate dauerte, bis sich die Länder mit Masken eindecken konnten. Nudeln und Toilettenpapier wurden zu den Symbolen irrationaler Hamsterkäufe, wenn man bedenkt, wie unnütz beide Produkte sind, wenn es wirklich ums Überleben geht. In den USA kaufen sich die Leute erstmal einen Waffe, in Europa Klopapier.

Black Friday und Weihnachten in Gefahr? Was Mikrochips mit Büffeln zu tun haben

Nein, in Spanien wird weder das Bier ausgehen, noch werden Rote Gambas oder Turrón für das Weihnachtsmahl fehlen. Auch die Geschenke müssen Sie nicht im Voraus kaufen - auch wenn das die Verkäufer gerne so hätten. "Es wird zwar nicht überall immer jede Puppe geben, aber dann gibt es eben eine andere", beruhigt lakonisch der Verbandschef der spanischen Spielzeughersteller, José Antonio Pastor in einem Interview. "95 Prozent unserer Puppen werden in Spanien hergestellt, doch damit sie auch quietschen oder 'Mama' sagen, dafür brauchen wir einen Chip aus China", erklärt er das Dilemma. Und "ohne die können wir die Puppen nicht verkaufen". "Die Chips brauchen von der Bestellung bis zur Anlieferung normalerweise 40 Tage", doch im Moment "wissen wir nie, ob und wann welche kommen".

Der weltweite Mangel an Chips, Halbleitern und andere elektronischen Bauteilen ist es auch, der derzeit das große Stocken in der Weltwirtschaft hauptsächlich verursacht. Sie werden nicht nur für Autos gebraucht, sondern eben auch für Schaltkästen der Solarpanele, Waschmaschinen, Handys, Playstations, praktisch für Alles, was Elektronisch ist - und das ist ja fast alles heute. Dieses Problem ist hausgemacht. Wer nicht nur OkDiario liest, sondern mal bei Karl Marx nachschlägt, dem Charles Darwin der politischen Ökonomie, der weiß um die zyklischen Krisen des Kapitalismus, Überproduktion und die Scheu des Kapitals.

Ein Branchenkenner der Chipindustrie erklärt die Situation knapp und schlüssig: "Als in der Coronavirus-Krise die Nachfrage der Auto- und Elektronikindustrie nach Chips rapide sank, reagierten die Hersteller schnell, stellten die Produktion um, setzten Investitionen in neue Fabriken aus. Dann stieg der Bedarf wieder sprunghaft an, nun dauert es ein bisschen, bis die Industrie nachlegen kann. Das ist schon alles". Noch treffender bebildert Fernando Gil, Präsident der Elektrohändler Spaniens die Lage: "Die Herde geht nur so schnell wie ihr langsamster Büffel".

Aktuelles Worst Case Scenario: Die Playstation 5 kommt nicht - Die wahren Probleme kommen später

Das "schlimmste" Szenario wird wohl sein, dass die Playstation 5 auch diese Weihnachten wieder nicht unter dem Baum steht oder ein spezielles Handy-Modell zwei Wochen später kommt als gewünscht. Und auf den Kanarischen Inseln gab es diesen Sommer nicht genug Leihwagen für die Touristen! Erste-Welt-Probleme in Reinform, wenn wir bedenken, mit welchen ökonomischen, ökologischen und politischen Katastrophen die ärmsten Länder umgehen müssen. Jene Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen, denen wir als Wirtschaftsflüchtlinge das Recht auf ein Leben in Würde absprechen. Die sollen weiter Erden schürfen, damit unsere Akkus länger halten.

Natürlich ist die Lage am Ende komplexer als hier darstellbar: Dass sich die Weltwirtschaft und mit ihr die Menschen umstellen werden müssen und das dieser Wandel angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeiten, der Gier und dem aggressiven Potential auf dieser Welt nicht reibungslos ablaufen wird, ist angesichts der Herausforderungen völlig klar. Die große Party ist vorbei. Aber auf jede Sau aufzuspringen, die Geschäftemacher und Sensations-Medien durchs Dorf treiben, bleibt unnötig und ist kontraproduktiv.

Die mentale Speisekammer auffüllen: Es gibt keine Pflicht zum Black Friday

Das Problem ist am Ende immer der Konsument, der hat nämlich das Geld und nach unseren Wertvorstellungen damit alles in der Hand. Naja, solange die unweigerlich kommende Hyperinflation es nicht wertlos macht. Wir haben uns an die Hyper-Globalisierung gewöhnen lassen, alles sofort, immer verfügbar zu haben, weltweit. Raubbau in der Dritten Welt, Sklavenarbeit bei seltenen Erden, Umweltsünden? Ganz schlimm, aber „ich war‘s nicht“. Hauptsache das Auto fährt und das neueste Handy liegt im Handschuhfach und die Kiwi auf Neuseeland im Kühlschrank.

"Es gibt Mangel und Lieferverzögerungen bei einigen Produkten, doch leere Regale, gar Mangel an Lebensnotwendigem wird es in Europa und Spanien nicht geben", konstatiert eine Gruppe von Journalisten in der führenden Tageszeitung "El Pais", die sich in einer großen Recherche bei Herstellern, Lieferanten und Verkäufern in Spanien und Europa umgehört haben. "Allein schon wegen der hohen Konkurrenz gibt es viel Ware, die Ausfälle leicht ersetzen kann". Und die großen Ketten, analoge wie jene im Internet "bereiten sich seit Monaten auf Black Friday und Weihnachtsgeschäft vor". Die "Logistiker bekommen Kopfschmerzen und schieben Überstunden", die Konsumenten aber "können locker bleiben".

Und hier die vorgezogene Weihnachtsgeschichte:

Es gibt keine Pflicht, am Black Friday teilzunehmen und Ihr Auto und Handy machen es locker auch noch ein Jahr, das Fahrrad vielleicht sogar zwei. Man kann zu Weihnachten auch mal wieder ein paar Lieder singen und, anstatt morbider Nachrichtencocktails, den guten spanischen Wein genießen, der, das garantiert Ihnen der Autor persönlich, niemals ausgehen wird, selbst wenn die Lichter das einmal tun. Unser mentales Lager sollten wir auffüllen, nicht die Speisekammer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare