Regierungschef Mariano Rajoy und Kanzlerin Merkel.
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Spaniens PP-Regierungschef Mariano Rajoy konnte Kanzlerin Merkel einst gar nicht nah genug kommen.

Deutschland und Spanien

Bundestagswahl: Ein Adiós für Merkel - Spanien sorgt sich um Deutschland nach „ewiger Kanzlerin“

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Auch die spanischen Medien sind vor der Bundestagswahl in Deutschland am 26. September voller „Nachrufe“ auf die Ära Merkel, die vor Überhöhungen nur so triefen. Europa, ja, die freie Welt könnten führungslos werden, Angela Merkel war 16 Jahre Garant für Stabilität, der gelebte Konsens Europas, Sinnbild deutscher Verlässlichkeit und für Spanien Zuchtmeisterin und Freundin in einem. Wie geht es nach der Wahl weiter?

Madrid/Berlin - Die Frage des "Wie weiter in Deutschland nach Merkel?" scheint umso dringlicher, da die spanischen Kommentatoren ebenfalls bemerkt haben, dass die CDU über Jahre vom "Efecto Merkel" lebte, "würde sie sich heute wieder zur Wahl stellen, würde sie auch wieder gewinnen", ist sich Ana Carbajosa sicher, frühere Berlin-Korrespondentin der führenden spanischen Tageszeitung "El País", angesichts der desaströsen Umfragewerte der CDU. Sie widmet der "ersten deutschen Kanzlerin" sogar ein Buch zum Abschied: "Angela Merkel - Chronik einer Ära", das durchaus gemischte Gefühle beim Rückblick auf Merkel-Deutschland transportiert. Und beim Blick voraus: Kommt nun eine Dreier-Koalition, strauchelt das politische System, sind die Volksparteien am Ende, muss Merkel womöglich noch vier Jahre ranhängen?

Spanien hat großen Respekt vor Merkel, aber die Austeritätspolitik hat man hier nicht vergessen

"Spanien bräuchte eine Merkel" heißt es nicht selten in Kommentaren unter Deutschland-Artikeln in spanischen Medien. Deutschland zehrt in Spanien noch immer vom Klischée der bienenfleißigen, durchorganisierten, unschlagbar zuverlässigen und püntlichen, wenn auch etwas humorlosen Wirtschaftsmacht. Die Parteien sind im Grunde konsensorientiert, mit Neid schauen viele Spanier auf die "Große Koalition", nicht so sehr auf deren dünnen Ergebnisse und ihre Tendenz zur Blockade wichtiger Entscheidungen, wohl aber auf die schiere Machbarkeit einer Kooperation der beiden Blöcke, die in Spanien derart verfeindet sind, dass ein Bürgerkrieg wahrscheinlicher sein könnte als eine politische Zusammenarbeit. Deutschland gilt als das seriöse Gegenmodell zu den chaotischen südlichen Kumpanei-Demokratien und Merkel ist das Gesicht dafür. Ohne Zweifel eine Idealisierung.

Doch die Spanier haben nicht nur angenehme Erinnerungen an die Merkel-Ära: Die Austeritäts-Politik nach der Finanz- und Immobilienkrise hat man hier nicht vergessen, die "vor allem in Südeuropa mehr Opfer forderte als nötig gewesen wären", wie ein Kommentator in "El País" meint und wie die Zahlen zur Lage auf dem Arbeitsmarkt vor allem für junge Menschen in Spanien belegen sollen. Spätestens da bekam das Bild von der menschlichen Merkel, der stoischen Verhandlerin, die lieber nichts entscheidet als einen aus ihrer Sicht falschen Weg einzuschlagen, Risse. Deutschland wurde unter Merkel wieder zum alles bestimmenden, verschlingenden Monster. Doch immerhin wusste man mit Merkel immer, woran man war.

Spanische Journalistin: "Kein Politiker im 21. Jahrhundert hat Europa so geprägt wie Merkel"

Bis 2015. Der Mut, die Waghalsigkeit und das politische Risiko der Aufnahme von über einer Million vor allem syrischer Flüchtlinge, die Entscheidung für den Humanismus und gegen den Zeitgeist, ringt den Spaniern großen Respekt ab, auch wenn sich die Medien, je nach ihrem politischen Grundton, nicht ganz sicher sind, ob die Entscheidung richtig war. Denn das Aufkommen der AfD und anderer radikaler, den bürgerlichen Konsens angreifender Gruppen, war und ist ein hoher Preis, den Merkels Humanismus kostete. Doch die AfD ist nicht mit Merkels Flüchtlingspolitik allein erklärbar, denn Frankreich, Italien, Spanien mit Vox und viele andere EU-Staaten erleben ebenfalls einen Aufstieg rechtsextremer Populisten, die Unzufriedene um sich scharen und mit ihnen die Gesellschaft spalten.

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez und Bundeskanzlerin Angela Merkel verstehen sich gut, Pragmatik vor Ideologie.

Es gibt noch mehr, was spanische Medien an Merkel kritisieren: Sie sei zwar stabil, aber visionslos und teilweise unvorsichtig. So habe sie mit Orbán in Ungarn viel zu lange einen Quertreiber und Europafeind geduldet, nur um die christlich-demokratische Parteienfamilie und die deutsche Automobilindustrie zufrieden zu stellen. Sie habe nichts gegen das wachsende Heer prekär Beschäftigter getan, weder in Deutschland, noch in Europa - und viele sehen genau hier die Erde, auf dem der braune Spross gedeiht.

Ana Carbajosa von "El País" ist dennoch überzeugt, dass "kein europäischer Führer des 21. Jahrhunderts Europa so geprägt hat wie Merkel, mit ihren Errungenschaften wie mit ihren Fehlern, durch ihre Taten und ihre Unterlassungen." Fasziniert ist die Autorin vom Aufstieg der "ostdeutschen Pfarrerstochter" und stringenten Naturwissenschaftlerin, die auch in der Corona-Pandemie ihre Kompetenz gezeigt habe - wenngleich der Effekt am umständlichen deutschen Föderalismus weitgehend verpufft sei. Allerdings rechnen die Spanier ihr hoch an, dass sie in der Frage der EU-Hilfsmilliarden die spanischen Forderungen gegen die Einsprüche von Holländern und Österreichern verteidigte, obwohl Regierungschef Sánchez ein "Linker" ist. Eine kleine Wiedergutmachung der Schulden- und Sparpolitik der Finanzkrise.

Staatskunst und Pragmatismus: Merkel war mutig, ohne große Risiken einzugehen

Was so fasziniert, sei der "unendliche Pragmatismus", den man sowohl als Stärke als auch als Schwäche beschreiben könne: Eine Christdemokratin und Marktliberale, die den Atomausstieg forciert und die gleichgeschlechtliche Ehe zulässt und sich dabei gleichzeitig innerparteilich unangreifbar machte. Das sei hohe Staatskunst. Dass sich Merkel auch noch wie selbstverständlich als "Feministin" definiert, (was jeder sein sollte, bedeutet der Begriff ja nichts weiter als für die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern zu sein), sei mutig, ohne ein Risiko einzugehen. Typisch Merkel eben.

Spanien schaut also etwas nostalgisch auf Merkels Abgang, vor allem wegen der kommenden Unsicherheiten. Zwar betonen spanische Medien, dass es in Deutschland einen Konsens gebe, nicht mit der AfD zu koalieren und dass die rechtsradikale Parteienkraft in Deutschland weitaus geringer sei als in anderen europäischen Ländern. Sie sehen aber auch das Ende der Volksparteien in Deutschland nahen und fürchten, dass eine Drei-Parteien-Koalition - die nach der Bundestagswahl so oder so sehr wahrscheinlich sein wird - Deutschland als Fels in der europäischen Brandung schwächen könnten, was wiederum Europa in seinem Standing in der Weltpolitik schwächt.

Spanien nimmt Abschied von einer Ära: "Wer Merkel am meisten ähnelt, wird die Wahl gewinnen"

Die bedingungslose Verteidigung der demokratischen Prinzipien und Institutionen rechnet die Deutschland-Kennerin Ana Carbajosa in ihrem Buch Merkel als größte Leistung an, der Reformstau von ökologischem Umbau bis Digitalisierung und das "Aussitzen" als größtes Manko. Aber es wird kaum besseres nachkommen, sind sich die Medien in Spanien links wie rechts weitgehend einig: Armin Laschet war sich als "natürlicher Nachfolger" von Merkel seiner Sache zu sicher und hat nicht einmal die CDU hinter sich bekommen und Olaf Scholz von der SPD, der derzeitige Finanzminister der Großen Koalition, versuche sich darin, als Ersatz-Merkel deren Kontinuität weiterzuleben. Doch sein Aufschwung in den Umfragen resultiert nur aus der Schwäche der Konkurrenz, nicht aus eigener Leistung. Und die Kandidatin der Grünen versuche soweit in die Mitte der Gesellschaft zu kommen, dass sie die grünen Ideale fast ausblendet und habe zudem taktische Fehler begangen, die ihr in Zeiten der "Social Media Gerichte" den Sieg kosten würden.

"Wer am meisten Merkel ähnelt, wird gewinnen", glaubt Carbajosa und erklärt damit, dass Deutschland Zeit brauchen wird, um sich vom System Merkel zu befreien. Die rechte Zeitung "ABC" schreibt, die Deutschen wie die Europäer müssten Merkel hinter sich lassen, ohne ihr Erbe zu schänden, das vor allem darin liege, die Funktionsfähigkeit von Gesellschaften angesichts sich schnell ändernder globaler Herausforderungen zu garantieren. Eine Sicht, die die linke "El País" unterschreiben könnte. Die Meinungen über die "Ära Merkel", die nach 16 Jahren zu Ende geht, gehen unabhängig vom politischen Spektrum in Spanien weit auseinander, finden aber auch zum Konsens, - so wie Merkel in ihrer Politik. Und das gilt an Stammtischen genauso wie in Zeitungsredaktionen, die sich - nicht nur in Spanien - oft nur durch ihre Öffnungszeiten voneinander unterscheiden lassen.

Zum Thema: Wie Auslandsdeutsche an der Bundestagswahl teilnehmen können.

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