Pressestimmen zur Bundestagswahl 2021 aus Spanien.
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Deutschland wählt - und die ganze Welt schaut zu. Auch in Spanien macht man sich so seine Gedanken. Die Pressestimmen.

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Bundestagswahl: Pressestimmen aus Spanien zum Wahlergebnis in Deutschland

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Merkel geht. Und nun? Die große Leere? Medien in Spanien sind sich sicher, dass die „Konsens-Deutschen“ bald nach der Bundestagswahl eine stabile Regierung finden werden. Aber was wird aus der Führungsrolle in Europa? Pressestimmen aus Spanien.

Madrid - Ein "technisches Unentschieden" konstatieren die spanischen Medien am Sonntagabend aus den Wahlergebnissen zur Bundestagswahl in Deutschland. Wie berichtet, wird auch in Spanien das Ende der Ära Merkel mit großer Aufmerksamkeit und einiger Sorge verfolgt. Die beiden Kanzlerkandidaten Scholz und Laschet sind in Spanien weitgehend unbeschriebene Blätter, vor allem wenn es um die aus Sicht der Medien vakante Führungsrolle in Europa geht. Erstaunt steht Spanien vor dem Phänomen der Koalitions-Republik Deutschland.

Presseschau Spanien: Merkel verursachte in Deutschland einen Reformstau

El País schreibt: "Merkel geht. Sie verabschiedet sich nach 16 Jahren von der Macht und sie macht das wie gewohnt ohne großen Wirbel, in diesem einzigartigen politischen Stil, der eine Ära markierte. In Berlin wie in Brüssel, wo Deutschland seine Hegemonie praktisch während vier aufeinanderfolgenden Legislativen ausübte. (...) Doch bei allen Leistungen, ist die ewige Kanzlerin Deutschland eine Transformation schuldig geblieben, einem Deutschland das einen Reformstau angehäuft hat und sie hinterließ Europa festgezurrt in einem nicht zukunftsfähigen Status Quo. (...) Die Deutschen fühlten sich bei ihr in guten Händen, aber Merkel wird nun nicht mehr an ihrer Seite sein. Dieser beruhigende, fast betäubende Effekt, der auch die Politik einschlafen ließ, löst sich nun in Rauch auf. Das Erwachen verspricht abrupt zu werden."

Stimmen zur Bundestagswahl: Merkel lässt Europa als Waisen zurück

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez und Bundeskanzlerin Angela Merkel verstehen sich gut, Pragmatik vor Ideologie.

El Mundo schreibt: „Und nun: Die große Leere. Der Abgang von Angela Merkel lässt Europa als Waisen zurück, führungslos. Das Erbe der Kanzlerin - ihre pragmatische und vorsichtige Pro-Europa-Politik - kennzeichnete sich nicht durch das, was sie tat, sondern durch das, was sie half zu verhindern. (...) Die Deutschen haben die Wahlen als großes Fest der Demokratie gefeiert. Und wie: Sie haben niemanden ausgeschlossen, nicht einmal das Coronavirus. Nichts von Masken oder Abständen, nicht bei den Wahlen, nicht bei den Feiern oder beim Berlin-Marathon.“

Spanische Zeitung: Scholz hat viel von Merkel gelernt

ABC schreibt: „Das praktische Patt zwischen SPD und CDU wird schwierige Verhandlungen bringen. Olaf Scholz empfiehlt sich als Kanzler der Moderation, der aber auch die Hand zur radikalen Linken ausgestreckt hat. Dabei gehörte Scholz erst zu jener Art Kandidaten, mit denen man eigentlich Wahlen verliert, zumal der SPD klar war, dass sie für ihre Rolle als Juniorpartner einen hohen Preis an den Wahlurnen wird zahlen müssen. Doch Scholz, der vier Jahre als Minister an der Seite von Merkel arbeitete, hat viel von ihr gelernt. Unter anderem das Ertragen, die Stoik, das Abwarten.“

„Lernt von Merkel“ mahnen Spanier ihre Regierung.

La Vanguardia schreibt: „Die letzten Abendstunden zeigen einen leichten Vorteil für die SPD, nach einem Wahltag des Patts. Das Ergebnis brachte es mit sich, dass beide Kandidaten der großen Parteien, Olaf Scholz und Armin Laschet, ihr Anrecht auf die Verhandlungsführung beim Versuch einer künftigen Regierungsbildung betonen. Diese Regierung wird höchstwahrscheinlich eine Drei-Parteien-Koalition sein, die Grünen wären mit ihrem Ergebnis der legitime dritte Partner. Die ultrarechte Alternative für Deutschland, mit der keine andere Partei paktieren will, verlor Stimmen.“

„Deutschland ist die Wiege des Konsens“

20 Minutos schreibt: „Deutschland ist ein Beispiel dafür, wie ein Land mit Koalition lebt, überlebt und vorwärts kommt. Nach 1953, als Adenauer eine absolute Mehrheit holte, hat dort keine Partei mehr alleine regiert und wiederholte sich vor allem die Große Koalition oft. Deutschland ist die Wiege des Konsens in Europa. Das Szenario wird sich nicht nur wiederholen, sondern noch komplexer werden, weil SPD und CDU zusammen wohl nicht mehr auf 50 Prozent der Mandate kommen. Ein dritter Partner muss her: Grüne oder FDP sind am wahrscheinlichsten. Wieso funktionieren Koalitionen in Deutschland? Wahrscheinlich, weil die Deutschen eine Koalition für eine Frage der Verantwortlichkeit betrachten. Zwar gibt es Parteien an den politischen Rändern, doch der wirkliche politische Wettbewerb findet in Deutschland in der Mitte und um die Stimmen der Mitte statt.“

Presse in Spanien nach Bundestagswahl: „Was wird jetzt aus unseren Schulden?“

El Español schreibt: „Was wird aus Spaniens Schulden nach der Ära Merkel? Die Europäische Union sucht einen neuen Führer nach 16 Jahren Merkel-Herrschaft. Die Kanzlerin war eine zurückhaltende Chefin, ein Anker der Stabilität in allen Krisen, die die Europäische Union durchlebt hat. Was nun? Kommt es zu mehr Investitionen oder zu einer Rückkehr zur Sparpolitik? Alle europäischen Regierungschef fragen sich das, angesichts der großen Leere, die jetzt möglicherweise an der EU-Spitze droht. Merkel hat in ihrer Amtszeit vier französische Präsidenten, drei spanische Regierungschefs und acht italienische Ministerpräsidenten erlebt.“

Diario Información schreibt: „Die Sozialdemokraten überholen die Konservativen, aber es bleibt unklar, wer regieren wird. Die CDU erreicht ihr historisch schlechtestes Ergebnis. Dennoch ist der Vorsprung der SPD nur hauchdünn. Während für Scholz klar ist, wer demnächst Deutschland führen wird, stellte das sein Rivale Laschet in der TV-Debatte nach der Wahl in Frage. Man müsse sehen, wer am Ende die Mehrheit im Parlament erhalte.“

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