Coronavirus in Spanien

Sommer wird zur Zitterpartie: Corona-Zahlen in Spanien steigen weiter

  • Judith Finsterbusch
    VonJudith Finsterbusch
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In Spanien steigt die Corona-Inzidenz weiter an, daran ist aber nicht (nur) Delta Schuld. Viele Urlauber sind verunsichert, der Sommer steht auf der Kippe.

Update, 16. Juli, 13.15 Uhr: Spanien bleibt einfaches Risikogebiet und wird trotz der hohen Corona-Zahlen nicht vom Robert Koch Institut zum Hochinzidenzgebiet erklärt. Urlauber müssen somit auch weiterhin nach der Rückkehr von Spanien nach Deutschland nicht in Quarantäne.

Erstmeldung, 16. Juli, 10.30 Uhr: Madrid – Über 81.000 Covid-Todesopfer führt die spanische Statistik offiziell. Am Donnerstag nahm Spanien bei einer bewegenden Trauerfeier Abschied von den Corona-Toten – zu einem Zeitpunkt, an dem die Werte wieder extrem hoch sind.  Schuld an der aktuellen Situation ist nicht die Delta-Variante, Schuld an der hohen Inzidenz sind die – vor allem jungen – Menschen, die sich im großen Stil ohne Maske und Abstand treffen, als gäbe es kein Corona mehr. Das stellte am Montag Spaniens Chef-Virologe Fernando Simón bei seiner allwöchentlichen Pressekonferenz klar: „Wir können uns nicht mit der Delta-Variante herausreden. Wir tun gerade Dinge, die ein großes Risiko bergen.“

Aktuelle Corona-Lage in Spanien: Inzidenz steigt weiter - aber nicht mehr ganz so steil

Die Inzidenz steigt weiter an, allerdings nicht mehr ganz so steil wie noch in der Vorwoche. Aktuell liegt der 14-Tages-Wert in Spanien bei 500 Corona-Fällen pro 100.000 Einwohnern, in der Altersgruppe zwölf bis 19 Jahre sind es 1.312, bei den 20- bis 29-Jährigen 1.581. Die Lage ist zwar längst nicht so dramatisch wie in den vorherigen Wellen, da sich die Neuinfektionen weiterhin vor allem auf junge Leute konzentrieren. Aber die Masse könnte dann doch irgendwann zum Problem werden.

In der Altersgruppe 20 bis 25 Jahre, so Simón, wird im Schnitt einer von 100 Corona-Infizierten ins Krankenhaus eingewiesen, bei den 25- bis 29-Jährigen liegt die Quote bei 1,5, bei den 30- bis 40-Jährigen bei 2,5. „Der Anteil ist natürlich wesentlich geringer als bei der älteren Bevölkerung. Aber wenn wir extrem viele Infizierte haben, steigt letztendlich auch die Zahl derjenigen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen“, so Simón.

Spanien könnte wegen aktueller Corona-Zahlen Hochinzidenzgebiet werden

Das deutsche Robert Koch Institut hat Spanien am Freitag vergangener Woche zum einfachen Risikogebiet erklärt, für Urlauber bedeutet das aber erstmal nur, dass sie sich seit Sonntag auf für die Einreise nach Deutschland vorab online registrieren müssen. Einen Nachweis über Test, Impfung oder Genesung brauchten auch vorher schon alle, die aus dem Ausland nach Deutschland fliegen. Dass Spanien an diesem Freitag, 16. Juli, die nächsthöhere Stufe verpasst bekommt, ist wahrscheinlich. Eine der Grundvoraussetzungen für die Erklärung zum Hochinzidenzgebiet erfüllt Spanien bereits: Eine Sieben-Tages-Inzidenz über 200. Aktuell liegt diese bei 282.

Wird Spanien als Hochinzidenzgebiet ausgewiesen, müssen Reisende, die nicht geimpft oder genesen sind, nach der Rückkehr in Deutschland für zehn Tage in Quarantäne, die durch einen negativen Test frühestens nach fünf Tagen beendet werden kann. Für viele wird der Spanien-Urlaub diesen Sommer zur Zitterpartie, die mögliche Erklärung zum Hochinzidenzgebiet wirkt abschreckend und verunsichert. Erste Reiseveranstalter haben für den Fall bereits wieder kostenlose Umbuchung oder Stornierung angekündigt, viele Touristen dürften auf Reiseziele mit niedrigerer Corona-Inzidenz ausweichen, eine Katastrophe für Spaniens wichtigste Industrie.

Corona-Inzidenz allein gibt nicht mehr den Ausschlag - In Spanien infizieren sich aktuell junge Leute

Doch in der aktuellen Situation – viele sprechen von der fünften Welle – ist die Durchschnitts-Inzidenz nicht mehr der einzige Ausschlag gebende Indikator dafür, wie es um die Corona-Lage bestellt ist. Blättert man in den Geburtsjahrgängen weiter zurück, ist die 14-Tages-Inzidenz wesentlich niedriger: Bei den 70- bis 79-Jährigen kommen aktuell nur noch 71 Corona-Infektionen auf 100.000 Bürger, bei den über 80-Jährigen 87. Kein Vergleich zu den Zahlen bei den Jüngeren - aber auch hier steigen die Werte langsam an.

„Die Inzidenz ist unter den jungen Menschen so hoch, weil diese nicht geimpft sind und weil sie oft die Vorsichtsmaßnahmen nicht einhalten“, so Virologe Fernando Simón. Dass einige von ihnen trotzdem einen schweren Covid-Verlauf haben können, zeigte dieser Tage der 17-jährige Javier in den spanischen TV-Nachrichten. Im Krankenhaus-Nachthemd berichtet er, dass er die letzten Tage auf der Intensivstation verbracht hat, erzählt bleich, wie sehr ihn diese Tage geschockt haben, wie ihm durch den Kopf schoss, dass er sterben könnte. Seine Konsequenz: „Ich gehe erstmal nicht mehr in die Disko.“

Regionen beschließen wegen hoher Corona-Inzidenz wieder Einschränkungen

In der Region Valencia ist das sowieso nicht mehr möglich, das Nachtleben endet hier wie auch in Katalonien wieder um 0.30 Uhr und wird somit höchstens zum Abendleben. Auch hat die valencianische Landesregierung mit Genehmigung der Justiz als erste Region Spaniens Treffen wieder auf maximal zehn Personen beschränkt, in 32 Gemeinden mit besonders hohen Werten herrscht außerdem von 1 bis 6 Uhr Ausgangssperre, darunter die beliebten Badeorte Gandía und Benicàssim sowie die Landeshauptstadt Valencia selbst. Etliche weitere Orte sind derzeit potenzielle Kandidaten für die Ausgangssperre, sie könnten in den nächsten Tagen folgen.

Was wird aus dem Urlaub in Spanien? Viele Touristen sind wegen der aktuellen Corona-Zahlen verunsichert.

Andere Regionen in Spanien ziehen nach und beschließen genau dort Einschränkungen, wo die meisten Corona-Neuansteckungen stattfinden: auf großen Feiern. Barcelona ist jetzt nicht mehr die Partyhauptstadt Europas, die katalanische Landesregierung hat den Clubs bei einer 14-Tages-Inzidenz über 1.000 – in der Altersgruppe der Zwölf- bis 19-Jährigen aktuell 2.488, bei den 20- bis 29-Jährigen 3.375 – den Saft abgedreht. Katalonien war die erste Region, in der die Zahlen wieder deutlich anstiegen und weist momentan die höchsten Werte auf.

Zahl Covid-Patienten in Krankenhäusern steigt

Hier zeigt sich das auch schon in den Krankenhäusern: Der Anteil von Covid-Patienten liegt bei 6,8 Prozent im Vergleich zu den 3,9 Prozent im spanischen Schnitt. Auf katalanischen Intensivstationen liegen aktuell 296 Covid-Patienten, die 25 Prozent der verfügbaren Betten belegen – im spanischen Schnitt sind es 9,2. Die Zahl der eingewiesenen Covid-Patienten ist in ganz Spanien binnen einer Woche um 47 Prozent auf 4.700 gestiegen.

Von einem Kollaps sind die meisten Kliniken in Spanien dennoch weit entfernt, unter Überlastung leidet diesmal vielmehr die Erstversorgung, die nicht zuletzt die oftmals unmögliche Aufgabe meistern soll, die Kontakte der Infizierten aufzuspüren und in Quarantäne zu stecken. Denn wenn nicht Geimpfte viel Kontakt mit Geimpften haben, gibt es wieder eine gewisse Gefahr für die Risikogruppen. „Unter den Geimpften ist die Inzidenz zwar etwa 20 Mal niedriger als unter den nicht Geimpften. Aber es gibt nun mal einen kleinen Anteil Geimpfter, der keine Immunität entwickelt und sich weiterhin mit Corona infizieren kann“, so Simón.

Spanien setzt auf Impfung als Corona-Gegenmittel - aber freiwillig

Als Gegenmittel setzt die Politik auf die Impfung, und die Diskussion um eine mögliche Impfpflicht zumindest für bestimmte Berufsgruppen wird in Europa lauter. Zuletzt haben Frankreich und Griechenland angekündigt, die Impfung für Pflege- und medizinisches Personal verpflichtend zu machen. In Spanien ist die Debatte darüber hinfällig, das Volk geht freiwillig zum Impftermin. „85 Prozent der Covid-Toten ist über 70 Jahre alt. In dieser Altersgruppe liegt die Impfquote nahezu bei 100 Prozent“, sagte Spaniens Generalsekretär für Gesundheit, Alfredo González. Und auch bei den Jüngeren scheint die Impfbereitschaft groß. „Wir gehen davon aus, dass wir bei den 40- bis 59-Jährigen auf über 90 Prozent kommen werden“, so González. Immerhin eine Altersgruppe, die ein Viertel der Krankenhauseinweisungen stellt und 30 Prozent der Covid-Patienten auf den Intensivstationen.

Beim Impftempo gibt sich Spanien redlich Mühe, ganz vorne mitzuspielen. 3,8 Millionen Impfdosen wurden vergangene Woche gespritzt. „Wir verabreichen 25 Prozent mehr Impfungen pro Woche als Italien, 30 Prozent mehr als Frankreich und 35 Prozent mehr als Deutschland“, berichtet González. Damit rücken auch die Impftermine für die jetzt so wichtigen jüngeren Altersgruppen immer näher: Bis Mitte August, so González, sollen 90 Prozent der 20- bis 29-Jährigen zumindest eine Dosis bekommen haben.

Rubriklistenbild: © Clara Margais/dpa

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