Impfung eines Jungen gegen Covid in Spanien.
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Die meisten Regionen in Spanien impfen bereits Jugendliche ab 12 Jahren. Die Urlaubszeit hat den Impfrhythmus etwas abgebremst, die Bereitschaft ist aber nach wie vor hoch.

Covid-19 Lage in Spanien

Spanien aktuell: Coronavirus-Pandemie verliert an Schrecken und Kraft - Impfung bleibt Schlüssel

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Auch wenn Spanien sein Impfziel von 70 Prozent noch nicht ganz erreicht hat, verliert die Pandemie deutlich an Kraft und Schrecken. Inzidenzen purzeln, Coronavirus-Restriktionen so milde wie die meisten Krankheitsverläufe. Der Tourismus boomt und bringt - vorerst - Arbeit, die ersten EU-Milliarden sind überwiesen.

Update, 23. August: Die Costa Blanca ist für Deutschland kein Hochrisikogebiet mehr. Dafür Deutschland jetzt für Spanien. Mehr zum Chaos um die Reiseregeln Spanien-Deutschland.

Erstmeldung, 21. August: Madrid - Das Ziel wurde deutlich verfehlt und dennoch wurde ein Ziel erreicht: Das zerstörerische Potential des Coronavirus in Spanien zu minimieren. Zum 18. August, so versprach es Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez im Frühjahr, sollten 70 Prozent der gesamten spanischen Bevölkerung vollständig geimpft sein. „Wir sind nur noch 100 Tage davon entfernt“, sagte er noch am 10. Mai. Es werden ein paar Tage mehr, denn am 18. August meldete das Gesundheitsministerium, dass „nur“ 63,2 Prozent oder knapp 30 Millionen Menschen die volle Dröhnung erhalten haben. 33 Millionen der 47 Millionen in Spanien lebenden Menschen sollten es sein.

Die Impfung wirkt: Zahlen aus Spaniens Krankenhäusern belegen hohen Schutz vor schweren Verläufen und Tod

Damals, im Frühjahr, setzte man die 70 Prozent noch mit dem Erreichen einer Herdenimmunität gleich, mit der man die Pandemie aus eigener Kraft im Zaum halten könnte. Eine Hoffnung, die durch die besonders kreative und übersprungsfreudige Delta-Variante und dräuender weiterer Variationen heute zu relativieren ist. Die Impfkampagne in Spanien ist dennoch eine Erfolgsgeschichte, vor allem, wenn wir den Blick von der reinen Impf-Statistik auf die medizinische Wirkung der Vakzine von Pfizer, Moderna, Janssen und AstraZeneca richten.

Die Sterblichkeit durch Covid in Spanien sank in den Hospitälern um das Sechzigfache, im Schnitt sterben nur noch ein bis zwei von 1.000 Krankenhauspatienten wegen der Krankheit, zuvor waren es, je nach Welle, sechs bis zwölf. Für die größte Risikogruppe, die älteren Menschen, bedeutet ein positiver Test nun nur noch in Ausnahmefällen einen schweren Verlauf oder gar den Tod. Jene, die älter sind als 60 Jahre, sind zu 97 Prozent geimpft, die Ü40 zu 90 Prozent. Die Mehrheit der Covid-Patienten in den Krankenhäusern – 60 Prozent – ist mittlerweile unter 55, 85 Prozent der schweren Verläufe treffen Ungeimpfte. Das sind klare Ansagen.

Spanien impft auch schon ohne Termin: Wegen Urlaub weniger Andrang - Impfung ab 12 Jahre läuft auf Hochtouren

Dass Spanien die 70 Prozent nicht erreicht hat, hängt vor allem auch mit dem Sommer zusammen, keineswegs mit fehlender Impfbereitschaft, die in Spanien so hoch ist wie sonst fast nirgends im ohnehin relativ gut aufgeklärten Europa. Die Ferien haben dazu geführt, dass in den letzten Juli- und Augustwochen nur noch rund halb so viele Impfungen verabreicht wurden wie vor dem Sommer. Daher ziehen viele Regionen die Impfung ab zwölf Jahre bereits vor oder laden ohne Termin in die Impfzentren, ein Angebot, das sich speziell auch an Urlauber richtet, die dann unabhängig von ihrem Meldeort einfach mit der SIP-Karte die Impfung erhalten können.

Die beiden großen Impfzentren in Madrid, El Zendal und Wizink Center, haben sogar „After Hours“-Impfungen zur Nachtzeit angeboten. Die Impfung als Teil des Aufwärm-Programmes für Nachtschwärmer nahmen allein am letzten Wochenende 6.600 Personen wahr. Das fanden nicht alle gut, weil sich an den Eingängen zu den Impfzentren mitunter Trauben von naturgemäß Ungeimpften bildeten und es etwas dauerte, bis die Organisatoren wieder Ordnung herstellen konnten. Auch in Andalusien, auf den Balearen, in Murcia, den Kanaren und in Katalonien ist bereits das terminbefreite Impfen möglich.

Der Tourismus in Spanien - wie hier auf Mallorca - läuft im August 2021 auf vollen Touren.

Bereits 46 Prozent der 12- bis 19-Jährigen haben eine Impfgabe erhalten, 8,2 bereits beide. Das nährt die Hoffnung, dass ein Großteil der Schüler mit Schuljahresbeginn bereits immunisiert sein wird und diese so sowohl als Spreader weniger gefährlich als auch jene jungen Leute geschützter sind, bei denen Covid böse durchschlagen könnte, weil Vorerkrankungen vielleicht nicht bekannt sind.

Spanien erhöht Impfziel auf 80-85 Prozent: Delta-Variante nicht anders einzudämmen

„Über 80 Prozent, besser noch 85 Prozent“ müsse die Durchimpfung sein, um die Gruppenimmunität unter Delta-Bedingungen zu erreichen, erklärt das GCMSC, ein multidiziplinärer Expertenrat rund um das Instituto de Salud Global de Barcelona, das die Regierung berät. Dieser Wert sei „trotz der hohen Akzeptanz der Impfung in Spanien eine nie dagewesene Herausforderung“. Die Experten erinnern daran, dass die Impfung nicht die Übertragung des Virus verhindert, aber einbremst und die Auswirkungen der Krankheitssymptome minimiert.

Zudem: Je weniger sich das Virus austoben kann, desto weniger kann es erneut mutieren. Hinsichtlich einer dritten Imfpdosis vor allem für Gruppen mit schwachem Immunsystem, also chronisch Kranke und Ältere, empfiehlt der Rat – noch unverbindlich –, wieder an der bewährten Reihung nach Altersgruppen vorzugehen und damit in den Altersheimen zu beginnen.

Inzidenz interessiert kaum noch - Krankenhausbelegung sinkt, Todesfälle steigen wieder leicht

Die Corona-Inzidenz scheint in Spanien sowohl im täglichen Leben, als auch bei den Entscheidungen der Politik eine immer geringere Rolle zu spielen – ein Luxus, den man sich vor allem auch wegen des schützenden Effekts der Impfstoffe erlauben kann. Dennoch ist es gut, zu wissen, dass diese Woche die 14-Tages-Rate auf 100.000 Einwohner erstmals seit 12. Juli wieder unter 400 Positive sank, um fast 130 binnen einer Woche. Allerdings registrierte der sanitäre Krisenstab auch die höchste Zahl an Covid-bedingten Todesfällen an einem Dienstag seit dem 11. Mai. 144 waren es am 17. August, 102 am 10. August.

Das Maß aller Dinge bei der Bewertung der Coronavirus-Lage ist mittlerweile die Auslastung des Gesundheitswesens, sowohl der Bettenbelegung auf Stationen und Intensivabteilungen, als auch der „Run“ auf Gesundheitszentren. In dieser Woche mussten 900 Menschen weniger in Hospitälern wegen Covid behandelt werden als noch in der zweiten Augustwoche, 9.191 insgesamt, um 80 sank binnen sieben Tagen die Zahl der Intensivpatienten, von 1.987 auf 1.907. Während die regulären Stationen zu knapp acht Prozent mit Covid-Patienten belegt sind, ist es immer noch jedes fünfte Intensivbett in Spanien. Doch ist es für die Betroffenen letztlich besser, mit der Durchimpfung dafür zu sorgen, dass es weniger schwere Verläufe gibt, als mit mehr UCI-Betten das Volk in numerischer Sicherheit zu wiegen.

Spaniens Gesundheitsministerin Carolina Darias wies bei der Verkündung der aktuellen Lage am Dienstag dezidiert darauf hin, dass in Spanien derzeit die „geringsten Restriktionen während der gesamten Pandemie“ herrschen. Ein Umstand, den man im öffentlichen Leben spürt, der Tourismus, national wie international, läuft praktisch ungestört, das individuelle Sicherheits- und Wohlfühlbarometer sorgt für mehr Stornierungen als die tatsächlichen Einschränkungen vor Ort.

Wenig Covid-Restriktionen in Spanien: Nächtliche Ausgangssperren, Sperrstunden, Masken und Belegungslimits

Es sind nur noch die gröbsten Infektionsherde, die durch politische Entscheidungen in Schach gehalten werden müssen: Innenräume – mit Masken und Belegungslimits – und Massenpartys trinkfreudiger meist Jugendlicher – mit Sperrstunden für die Nachtgastronomie, Ausgangssperren, Strandsperrungen und notfalls mit der Polizei. So ist an der Verlängerung der Ausgangssperre in 68 Kommunen der Region Valencia durch Landeschef Ximo Puig bis 6. September klar abzulesen, dass er gedenkt, diese Disziplinierungsmaßnahme bis zum Schuljahresbeginn durchzuziehen. Noch enger an den aktuellen Entwicklungen hangeln sich die Verhängung oder Aufhebung der nächtlichen Ausgangssperren und sonstiger Restriktionen in der Region Andalusien. Wobei die Politiker jede Verschärfung von Richtern absegnen lassen müssen.

Diskriminierung von Ungeimpften? In Spanien weder erwünscht, noch nötig - Impfverweigerer machen sich Stress nur selbst

Richter haben auch das letzte Wort, wenn es um die Forderung einzelner Regionen geht, die Impfung für den Zutritt für Events oder Nachtbars verpflichtend zu machen. Es sieht bis dato nicht so aus, als müssten Impfverweigerer in Spanien tatsächliche Diskriminierung aushalten, es gibt selbst unter der großen Mehrheit der impfbereiten Spanier dafür keinen Konsens und schon gar nicht jene irrationale Hysterie, wie sie von Impfgegnern ausgestrahlt wird. Leben und leben lassen, aber die Siesta respektieren, so das bewährte Motto hierzulande. Natürlich, Ungeimpfte müssen sich künftig öfter testen lassen. Das ist Folge ihrer freien Entscheidung. Sie machen sich ihren Stress also höchstens selbst.

Sommer 2021 in Spanien: Mehr Jobs als 2019 und erste EU-Hilfsgelder sind da

Die Pandemie liegt in den vorletzten Zügen, das ist toll. Doch nun ist Zeit und noch mehr Notwendigkeit, sich umso mehr den Aufräumarbeiten zu widmen. Der August soll die Zahl der in Arbeit stehenden Menschen und jener, die in die Sozialversicherung einzahlen, in Spanien wieder auf Vor-Corona-Niveau heben, prognostiziert die Regierung. Doch da die angekündigte Arbeitsmarktreform gegen die Pandemie prekärer Verträge aufgrund massivster Widerstände der Vertreter eines Untertanenstaates, also vor allem konservative und rechte Parteien sowie Unternehmerverbände, in Verzug geraten ist, könnte das Bild im Herbst, wenn die Chiringuitos langsam abgebaut werden, wieder nüchterner aussehen.

Auch die ersten EU-Hilfsgelder für Spanien wurden diese Woche überwiesen. Neun Milliarden Euro und mithin 13 Prozent der für Spanien reservierten Mittel sind da. Mit den Geldern werden unter anderem Pandemie-Kosten beglichen, wie die ERTE-Programme zum Auffangen der Lohnkosten der Privatwirtschaft, aber auch Investitionen getätigt: Ins Gesundheitswesen, vor allem aber – und die EU legt hier strenge Vorgaben an, ob sie sie auch so streng kontrolliert, darf bezweifelt werden – in eine zukunftsfähige, technisierte und ökologisch nachhaltige Wirtschaft. Die möglichst immun sei gegen die notorischen Krisen der Markt- und Weltwirtschaft, den mit Geld gemachten Pandemien.

Entwicklung des Coronavirus in Spanien, Stand: 20. August 2021 - Inzidenzen, Auslastung der Krankenhäuser, Todesfälle, Stand der Impfung

  • Die Corona-Inzidenz je 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen beträgt in Spanien am Donnerstag, 19. August, 361 (10. August: 528, 3. August 654). In Andalusien 387 (559, 594), Balearen 467 (723, 916), Kanarische Inseln 106 (439, 500), Madrid 389 (601, 742), Murcia 362 (437, 473), Region Valencia 295 (453, 569).
  • Der europäische Vergleich 14-Tage-Inzidenz: Deutschland, Dienstag, 17. August, 64 (10. August 43, 3. August 33), Schweiz 206 (132, 113), Österreich 103 (78, 65), Großbritannien 590 (559, 644), Portugal 304 (325, 385).
  • Die Covid-Todesfälle beliefen sich in Spanien binnen sieben Tagen per 17. August auf 303, das sind 19 mehr als in der Vorwoche.
  • Am 17. August wurden in Spaniens Krankenhäusern 9.191 Covid-19-Patienten stationär behandelt, in der Woche davor waren es 900 mehr. Die Bettenauslastung liegt bei 7,8 Prozent. Von den stationär Betreuten liegen 1.907 und damit 80 weniger als in der Vorwoche auf Intensivstationen, diese sind zu 20,7 Prozent mit Covid-19-Patienten belegt.
  • Stand der Covid-Impfung bis 16. August: 67,9 Millionen Impfdosen wurden ausgeliefert, 4,1 Millionen binnen einer Woche. 61,7 Millionen Dosen wurden verabreicht. Fast 30 Millionen Personen erhielten bislang die vollständige Dosis, das sind 63,2 Prozent der Bevölkerung (60,6), während fast 35 Millionen Menschen, also 73,5 Prozent der Bürger, zumindest eine Dosis erhalten haben.
  • Quelle für alle Daten: spanisches Gesundheitsministerium.

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