Strand mit Urlaubern an der spanischen Mittelmeerküste
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Hochsaison im Hochinzidenzgebiet. Spanien wird in dieser Urlaubssaison nicht durchstarten.

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Corona Spanien aktuell: Inzidenz schlägt Impfung, weiterhin Auflagen für Reisende

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Die Impfung gegen Covid 19 geht in Spanien zwar zügig voran, aber sie kommt zu spät. Die fünfte Welle hat das Land im Griff. Und wieder gibt es Einschränkungen.

Alicante – Mitten im Sommer breitet sich das Coronavirus mit einer Geschwindigkeit aus, die viele nicht mehr für möglich gehalten haben. Spanien hat diese Woche die 14-Tages-Inzidenz von 700 getoppt (330 für sieben Tage) – kein Wunder, dass so viele Länder von Reisen nach Spanien abraten. Nun scheinen die Zahlen langsam und auf hohem Niveau zu sinken - am Donnerstag lag die Inzidenz bei 696 - aber der Image-Schaden bleibt. Spanien steht da wie ein Land, in dem die Corona-Inzidenzen nach oben schießen und die jüngere Bevölkerung nichts anderes im Kopf hat, als einen auf Ballermann zu machen – sei es auf Mallorca, in Barcelona, Málaga oder Calp. Das Robert-Koch-Institut nennt das Hochinzidenzgebiet beziehungsweise mit der neuen Einreiseverordnung, die in Deutschland ab 1. August gilt, dann Hochrisikogebiet.

Coronavirus Spanien aktuell: Katalonien hat mit der Ausbreitung der Pandemie zu kämpfen

Weder der eine noch der andere Eindruck spiegelt die tatsächliche Coronalage wider. Ein Problem mit Corona hat derzeit Katalonien. Dort und in keiner anderen spanischen Region arbeitet das Gesundheitswesen am Anschlag. In Katalonien nehmen Covid-19-Patienten 45 Prozent der Kapazitäten der Intensivstationen in Beschlag. In Spanien 18. Andalusien bleibt mit zwölf, Valencia mit 13 und Murcia mit fünf Prozent weit unter dem Schnitt. Wäre nicht wunderlich, wenn die Krankenhausbelastung in den kommenden Tagen ansteigt während die Inzidenz auf hohem Niveau nachgibt. Gestorben sind diese Woche 192 Menschen an Covid-19 – das ist schlimm, für eine Pandemie aber eine niedrige Sterberate. Dennoch, vor zwei Wochen lag die Zahl der mit Covid-19 Verstorbenen bei 29.

Katalonien liegt als einzige Region klar mit einer 14-Tages-Inzidenz von 980 unter ferner liefen, wobei die Gruppen der Zwölf- bis 29-Jährigen mit 2.000 Neuinfektionen binnen 14 Tagen und unter 100.000 Einwohnern den Rhythmus vorgeben. Viele andere Regionen – darunter Valencia (589), Andalusien (551) und Murcia (456) - verzeichnen niedrigere Infektionszahlen, aber ähnlich aus dem Ruder laufende Inzidenzen in den jüngeren Altersgruppen.

Das mag mit den Trinkgelagen, Straßenpartys und Menschenaufläufen zusammenhängen, aber nicht mit der Gesamtsituation in Spanien. Die spanische Bevölkerung verhält sich in der Regel vorsichtiger als das Gesetz es ihr vorschreibt. Viele Menschen laufen mit Alltagsmasken selbst im Freien herum. Während der nächtlichen Sperrstunden, die in vielen Orten entlang der valencianischen Mittelmeerküste ab 1 Uhr gilt, ist kaum jemand auf den Straßen. Eigentlich verhält sich der Großteil der Bevölkerung verantwortungsbewusst – mit solchen Bildern holt man bei den Abendnachrichten aber weniger Menschen hinter dem Sessel hervor als mit der großen Sause auf den Ramblas in Barcelona.

Nun peilt die Infektionskurve in vielen Regionen ihren Scheitelpunkt an oder zeigt bereits wieder nach unten. Die Neuansteckungen steigen seit drei, vier Tagen nicht mehr so stark an oder sinken bereits. Wie das Virus sich in einzelnen Gemeinden an der Costa Blanca entwickelt, können Sie hier lesen, die Gemeinden an der Costa del Sol sind hier aufgelistet.

Wo es in den kommenden Wochen kritisch zugehen könnte: In den Krankenhäusern und vor allem in den Küstenregionen. Nun schwappt das Gros der schwer an Covid-19-Erkrankten in die Hospitäler und belastet das mit den Sommergästen, Badeverletzten und Gesundheitstouristen ohnehin leidgeprüfte und im Sommer knappe Personal noch mehr.

Die fünfte Welle erwischte Spanien zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt, aber sie scheint ebenso schnell abzuziehen wie sie gekommen ist. Das liegt auch Impfung gegen Covid-19. Nirgendwo schreitet die Covid-Impfung so schnell voran wie hier. Fast 27 Millionen Menschen und damit mehr als 56 Prozent der Bevölkerung sind durchgeimpft. Weder Deutschland, England noch Frankreich sind so weit wie Spanien. Das Ziel der Herdenimmunität könnte Spanien entweder wie angepeilt Anfang September oder kurz darauf erreichen: 70 Prozent der Bevölkerung sollten dann gegen eine schwere Erkranung mit Covid-19 geschützt sein.

Corona-Inzidenz je 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen am Donnerstag, 29. Juli, in Spanien und Europa
Spanien 696 (20. Juli 622; 13. Juli 437). Andalusien 552 (419; 297), Valencia 589 (496; 368), Murcia 457 (297; 172)
Balearen 951 (650; 375), Kanarische Inseln 483 (352, 251), Madrid 750 (514, 120)
Deutschland 28,9 (20. Juli 18; 13. Juli 12), Schweiz 105 (54; 28), Österreich 55,4 (31; 12), Portugal 427 (408; 334)
Großbritannien 807 (815; 600)

Mit der Herdenimmunität fällt es dem Coronavirus schwer, sich zu verbreiten. Nur erscheint es fraglich, ob sich die Lage im Herbst und Winter tatsächlich so entspannt wie die Regierung sich erhofft. Die Weltgesundheitsorganisation sieht die allgemeine Herdenimmunität in weiter Ferne. Was nützen 70 Prozent in Spanien, wenn in Nordafrika Impfstoffe fehlen? Während Politiker der EU schon eine dritte Impfung aus dem Hut zaubern, können Länder in Afrika, Asien und Südamerika ihre Bevölkerung mangels Impfstoffen nur schleppend schützen. Das öffnet neuen Varianten des Virus Tür und Tor. Entweder machen die Industrienationen sich bald ihrer Verantwortung bewusst, oder Europa sollte sich mit dem altgriechischen Alphabet wieder vertraut machen, nach Delta kommt übrigens Epsilon.

Coronavirus Spanien aktuell: Keine Unterstützung für dritte Impfung

Gesundheitsministerin Carolina Darias machte sich wenig Freunde damit, eine dritte Impfung zu befürworten und für eine jährliche Auffrischung einzutreten. Weder für die eine, noch für die andere These gibt es wissenschaftliche Grundlagen. Die EU und Weltgesundheitsorganisation treten dafür auch nicht ein. Allenfalls bei Risikogruppen – ältere Personen und Kranke – erwäge man das aktuell. Ein Schutzimpfung gegen Covid-19 bietet leider keine Garantie vor einer Infektion mit dem Coronavirus und verhindert auch nicht gänzlich seine Verbreitung. Diese bittere Erfahrung musste auch der spanische Weltranglistenerste im Golf, John Rahm, machen. Der Mann ist seit Juni genesen und mit Janssen geimpft und wurde trotzdem abermals positiv auf Corona getestet. Nun kann er nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Eine Impfung ist kein „Persil-Schein“, um alle Schutzmaßnahmen bei einem extrem hohen Infektionsgeschehen über Bord zu werfen, betont Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Geimpft zu sein führe nicht zwangsläufig zu einer sterilen Immunität. „Das heißt, ich kann mich noch anstecken und das Virus auch weitergeben, wenn auch seltener als Ungeimpfte. Aber ich bin sehr gut vor schweren oder gar tödlichen Verläufen geschützt.“

Die Durchimpfung erreicht junge Bevölkerung zu spät, um die fünfte Welle zu verhindern.

So weit läuft im Impfprozess in Spanien alles relativ gut. 87 Prozent aller Personen über 40 Jahren sind durchgeimpft. Allerdings hängt das Desaster bei den Neuinfektionen in der Bevölkerung unter 40 Jahren zum gewissen Teil mit dem sehr rigiden spanischen Impfplan zusammen. Spanien impft streng nach den Altersgruppen durch und rückt davon kein bisschen ab, noch nicht einmal, als Mitte Juni die Zahl der Neuansteckungen in den drei Altersgruppen von 12 bis 19, 20 bis 29 und von 30 bis 39 Jahren in die Höhe schossen. Bis heute verzeichnen diese Altersgruppen eine 14-Tages-Inzidenz von 1.595, 1.772 und 872 – alle bereits durchgeimpften, höheren Altersgruppen haben Werte zwischen 200 und 350. Just diese beiden Gruppe sind derzeit zu 16 beziehungsweise 34,5 Prozent durchgeimpft.

Coronavirus Spanien aktuell: Gesundheitsministerium hält am Impfplan fest

Vielleicht hätte man es anders machen können. Gesundheitsministerin Carolina Darias erwägt nicht, den Impfstoff Janssen dem Jungvolk zu verabreichen, obwohl es diesbezüglich seitens der EU – im Gegensatz zu AstraZeneca – keine Bedenken gibt. Glücklicherweise unterstützt Spanien Länder in Südamerika, die nur mit großen Schwierigkeiten bei der Durchimpfung voranschreiten. 750.000 Einheiten von AstraZeneca gibt Spanien jetzt ab, die im September verfallen.

Kein Wunder, dass die Regionen über Engpässe bei den Impfstoffen klagen und nicht so schnell mit der Durchimpfung der jüngeren Altersgruppen voranschreiten können wie sie gerne würden. Bei der Strategie dürften das Gesundheitsministerium die Neuinfektionen der jüngeren Bevölkerung während der Sommerferien nicht allzu sehr überrascht haben. Darauf hat Spanien direkt zugesteuert, ohne eine Kursänderung auch nur in Erwägung zu ziehen. Diese Bevölkerungsgruppen leiden am wenigsten unter Covid-19. Was man womöglich falsch einschätzte: Es handelt sich um mobile Gruppen, mit einer Vielzahl sozialer Kontakte und einer mitunter geringen Bereitschaft, sich ihren Sommerurlaub von Einschränkungen verderben zu lassen. Die Folge, dass in Regionen wie die Costa Blanca Ferienorte wie Dénia oder Calpe Ausgangssperren von 1 bis 6 Uhr eingeführt haben und zahlreiche Länder in der Hochsaison von Reisen nach Spanien abraten.

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