Impfzentrum in Spanien.
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Die Geimpften werden immer jünger. 82 Prozent der Ü40-Gruppe in Spanien hat bereits die volle Packung bekommen - und lebt noch.

Covid-19 Lage in Spanien

Coronavirus Spanien aktuell: Leben und ein bisschen sterben lassen - Halbes Land geimpft

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die Franzosen ziehen die Covid-Handbremse wieder an, die Briten lassen alle Vorsicht und die Bürger nach Spanien fahren. Das sucht mit wackeligen Schritten und hohen Inzidenzen den goldenen Mittelweg zwischen Regelrausch und rentabler Urlaubssaison. Einen Etappensieg fährt Spanien ein: Über das halbe Land ist geimpft.

Update, 23. Juli: Soeben hat das RKI in Deutschland Spanien zum Hochinzidenzgebiet erklärt, für wen Quarantäne droht.

Update, 22. Juli: Die Region Valencia verhängt bis 16. August über 77 Gemeinden wieder eine nächtliche Ausgangssperre.

Erstmeldung, 21. Juli: Madrid - Die Briten sind los. Statt 150 in der Vorwoche, landeten allein am Dienstag und Mittwoch 500 Flüge mit britischen Touristen, die meisten in Málaga und auf Mallorca, die nun ihren Spanien-Urlaub genießen können, ohne danach eine Zehn-Tages-Quarantäne in der Heimat absitzen zu müssen. Mehr noch, in Großbritannien fielen am „Liberation Day“, dem 19. Juli, gleich sämtliche Corona-Regeln. Keine Abstände mehr, keine Masken nirgends, keine Tests bei Events, kaum noch Sperrstunden – außer die traditionellen, die ohnehin viel zu früh beginnen.

„Die spinnen, die Briten – und die Spanier auch“, meint dazu sinngemäß Frankreich, das seine Coronavirus-Regeln gerade wieder so verschärft hat, dass es am Wochenende über 100.000 Menschen dagegen auf die Straßen trieb. Tests für Lokal- und Konzertbesuche, Zutrittsverbote für Ungeimpfte und die Einreise-Coronatests für Ausländer aus Risikogebieten (wie jetzt wieder Spanien), auch auf Durchreise, dürfen nun nicht älter als 24 Stunden sein. „Spanien hat unverantwortlich gehandelt und viel zu früh gelockert“, belehrte die Grande Nation den iberischen Nachbarn.

"Mit dem Virus leben lernen" - Spaniens Coronavirus-Königsweg: Doch eine Sackgasse ins Mittelmaß?

Frankreich hat derzeit die niedrigste Inzidenz von den Dreien, am Dienstag, 20. Juli, gerade 127 Fälle auf 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen. In Spanien stehen wir bei 622 und Großbritannien bei sagenhaften 815. Andalusien hält bei 418, Murcia bei 297, die Region Valencia bei 496. Zum Glück für Spaniens Tourismus, lässt Deutschland Milde walten und verkneift sich die Sanktionierung als Hochinzidenzgebiet im Interesse der Urlauber - noch.

Leben lernen mit dem Virus, lautet die Devise, wobei einige Länder extreme Studienmethoden anwenden, die Briten eine planlose Feldstudie, die Franzosen militärische Strenge und Spanien – wenig überraschend – einen lavierenden Mittelweg suchend, wobei sich auch hierzulande die Prämisse von „Leben retten“ auf „Sommer retten“ verschoben hat.

Regelkonform und gesittet, wie hier in San Sebastián, geht der Sommer 2021 in weiten Teilen Spaniens von statten - bis die Nacht anbricht.

Der Königsweg ist das nicht, so viel vorweg, auch wenn Spanien als Monarchie dafür prädestiniert sein sollte. Obwohl, angesichts der Performance der hiesigen Könige... Für das von den Franzosen so harsch kritisierte Laissez faire der Spanier (der Briten sowieso) gibt es neben ökonomischen mittlerweile auch medizinische Argumente, die aber faule Ausreden bleiben. Ist es denn weniger tragisch und von Staats wegen vermeidungspflichtig, wenn von 100.000 infizierten Jugendlichen vielleicht „nur“ einer stirbt, weil Covid-19 bei ihm auf eine bisher unerkannte Prekondition stieß, als wenn verlässlich jeder Zehnte über 80 gestorben war?

Nur 5,5 Prozent der Coronavirus-Fälle in Krankenhäuser in Spanien fallen auf geimpfte Personen

Der Umstand, dass die Hauptrisikogruppen, also vor allem die älteren Menschen, bereits geimpft und damit vor dem größten Verderben geschützt sind, schützt die Ungeimpften wenig bis gar nicht. Deren Infektions- und Krankheitsverläufe sind zwar überwiegend milde bis gar nicht spürbar, doch die Masse macht´s und die kommt beim jugendlich übermütigen Sozialverhalten wie den im Sommer in Spanien offenbar unvermeidlichen Massenpartys auch schnell zusammen. Und so werden in Spanien in dieser Woche täglich rund 400 Menschen neu in Krankenhäuser wegen Covid-19 eingeliefert.

Immer mehr davon, rund 75 Prozent, sind unter 40 Jahre. „Und 83 Prozent jener, die für die fünfte Corona-Welle in Spanien verantwortlich sind, sind nichtgeimpfte Personen“, erklärt Spaniens Gesundheitsministerin Carolina Darias am Dienstag etwas vorwurfsvoll im Fernsehen, „11,4 Prozent gehen auf Personen mit einer Dosis und lediglich 5,5 Prozent auf jene, die vollständig geimpft sind.“ Das führe dazu, auch wenn von den Infizierten prozentual viel weniger stationäre Behandlung brauchen, dass ganze Krankenhausetagen wieder öffnen und Personal aus dem Urlaub zurückgeholt werden müsse.

Ist es denn weniger tragisch und von Staats wegen vermeidungspflichtig, wenn von 100.000 infizierten Jugendlichen vielleicht „nur“ einer stirbt?

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Vor allem aber die Erstversorgung, sprich die Gesundheitszentren und die Notaufnahmen, gleichen dieser Tage belagerten Burgen: Hier kreuzen sich Corona-Verdachtsfälle, Kontaktpersonen mit Testwunsch und die üblichen Urlaubspatienten mit Hitzschlag oder eingetretenen Muschelschalen und sorgten unter anderem im - personell auf Kante besetzten - Krankenhaus in Torrevieja dafür, dass am Wochenende Dutzende Patienten mit Einweisungsbescheiden für die stationäre Aufnahme, mehr als 30 Stunden in der überfüllten Notaufnahme warten mussten, bis das wenige Personal Zeit und Kapazitäten fand, ein Bett, eine Station und einen Arzt zuzuweisen. Das sei nicht Coronas Schuld, sondern schlechtes Management, könnte man kontern. Doch ohne Corona wäre der Druck eben nicht so hoch. Über 60.000 neue positive Fälle registrierte Spanien von Freitag bis Sonntag aber „nur“ 67 Tote binnen einer Woche, mit 16 mit Abstand die meisten davon, absolut wie relativ, in Andalusien. Zur Erinnerung: Während der zweiten und dritten Welle gab es Wochen mit über 1.200 Toten, in der ersten fast 1.000 an nur einem einzigen Tag.

Also alles halb so wild? Die Gefährdeten sind entweder geimpft oder schon tot. Das ist kein Zynismus, sondern Teil der Realität. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Gesellschaft einen nicht geringen Teil der Corona-Toten auf dem Gewissen hat, durch schlechtes Katastrophenmanagement und/oder mangelnde amtliche wie persönliche Empathie. Die Politik ließ sich zu früh verleiten und von der Wirtschaft erpressen. Die paar mehr Milliarden Ausfall- und Hilfszahlungen hätten an den Staatsschulden auch nicht mehr viel verschlechtert. Doch die Lobbys gewannen und diese Toten weckt auch niemand mehr auf.

Spanien: Etappensieg gegen Corona - Das halbe Land ist geimpft

Aber vielleicht „erwachen“ allmählich die Lebenden, um diesen Leugner-Terminus einmal im vernünftigen Kontext zu verwenden: Die Impfung gegen Covid-19 ist, das beweisen die Entwicklungen der Delta-Variante, nicht alles. Doch ohne die Impfung ist alles nichts. Spanien ist hier auf einem guten Weg und hängt sowohl bei der Impfbereitschaft als auch bei der Exekution der Impfung mittlerweile viele EU-Nachbarn ab. Am Montag überschritt das Land eine magische Marke, Regierungschef Sánchez ließ es sich nicht nehmen, persönlich zu verkünden, dass nun „über 50 Prozent“ der Bevölkerung mit der kompletten Impfdosis versehen wurde. Bis Dienstag wurden es sogar 51,3 Prozent beziehungsweise 24,34 Millionen Menschen. 62,6 Prozent haben zumindest eine Dosis erhalten. Noch beeindruckender ist aber diese Zahl: 82 Prozent der Bevölkerung über 40 Jahre ist vollständig geimpft – und springt noch immer quicklebendig durchs Leben.

„Nur 5,5 Prozent der Covid-Fälle in den Krankenhäusern sind Geimpfte“. Spaniens Gesundheitsministerin Carolina Darias weist den Weg.

Spanien kommt so seinem Ziel, bis September die 70-Prozent-Marke der Geimpften zu durchbrechen, tatsächlich sehr nah, trotz Unwägbarkeiten bei der Belieferung und wäre jetzt nicht der ökonomisch so wichtige Sommer, hätte man das Land bis dahin noch etwas kürzer an die Leine genommen. Wer jetzt an Corona stirbt, ist also unter Umständen ein Opfer des blöden Timings geworden. Sorry.

Regionen und Corona-Regeln in Spanien: Zwischen Gleichmut und Panik

Die Zahl der Impfverweigerer ist dabei in Spanien minimal, die „Querdenker“ finden kaum Bühnen und noch weniger Publikum, belastbare Fakten gegen das Impfen fanden sie ohnehin noch nie, schon seit der Spanischen Grippe nicht. Ob die Spanier nun umso vieles aufgeklärter oder solidarischer sind oder ob die bewundernswert unaufgeregte Disziplin der Spanier in dieser Frage einfach daher rührt, dass sie als tief katholisch geprägtes Volk die Unterwerfung unter höhere Mächte und nicht zu hinterfragende Dogmen einfach in den Genen tragen, sei der Leserschaft zur müßigen Reflektion selbst überlassen.

Haben die Franzosen womöglich Recht, ist Spanien zu unvorsichtig, zu schnell zu locker geworden? Die regionalen Fürsten in Spanien nehmen die „fünfte Welle“ sehr unterschiedlich an, zwischen Panik und Gleichmut. Während das von Isabel Díaz Ayuso regierte Madrid die Dinge laufen lässt, obwohl ihre Region die geringste Durchimpfung aufweist, fordern andere Regionen bereits die Wiedereinführung der Maskenpflicht im Freien, selbst, wenn die Mindestabstände eingehalten werden können. Aktionismus sei das, meinen andere Regionalpräsidenten und bleiben dabei, dass die Einschränkungen im Nachtleben - je nach regionaler oder lokaler Entwicklung - genügen sollten. Lieber ein geregeltes Nachtleben, als ausufernde nicht zu kontrollierende Partys, meint zum Beispiel Andalusiens Landeschef Juanma Moreno und verlängert die bestehenden Regeln, ohne sie nochmals zu verschärfen, obwohl auch bei ihm die Zahlen steigen und steigen. Nicht nur die positiven Fälle, auch die Belegung der Krankenhäuser: von 633 auf 858 binnen einer Woche, 147 davon in Intensivbehandlung.

Die Impfung gegen Covid ist nicht alles, aber ohne Impfung ist alles nichts.

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Einige Regionen wollen auf Nummer sicher gehen. Galicien will PCR-Tests für den Zutritt in die Gastronomie verlangen und Extremadura schafft Privilegien für Geimpfte, in dem sie diesen Personenkreis von Absperrungen von Kommunen mit besonders hohen Inzidenzen ausnimmt. Die Region Valencia, in deren Ferienorten die Inzidenz vielerorts vierstellig geworden ist, möchte - wie in Frankreich - dass der Zutritt zu Veranstaltungen an das Vorweisen des Covid-Passports geknüpft wird. Auch das wäre indes ein Verstoß gegen die europaweite Ankündigung von der Freiwilligkeit dieses Hilfsmittels, das eigentlich nur dazu gedacht war, die Reiserei innerhalb der EU zu vereinfachen und die Nachweise über die drei Gs (Genesen, geimpft, getestet) in ein übersichtliches Format zu pinnen. Diese derzeit verhandelten und zum Teil schon in Kraft gesetzten Zugangsbeschränkungen werden aber ausgerechnet von den davon betroffenen Branchen freudig begrüßt. Aus dem simplen Grund, dass jede Regel willkommen ist, die einmal Bestand über 14 Tage hinaus hat und daher eine erneute Schließung oder Teilschließung von Veranstaltungsräumen, Nachtbars, Diskotheken - und nicht zuletzt der vielen Festivals - verhindern helfe, sobald der Inzidenzen-Zeiger ausschlägt. Lieber weniger Kunden und ein umständlicher Einlass als gar kein Umsatz.

Zum Thema: Aktuelle Entwicklungen und Regeln zum Coronavirus in der Region Valencia, Region Andalusien, Region Murcia.

Ein Covid-Pass für alle Fälle? Keine rechtliche Grundlage für weitere Verwendung

Der valencianische Vorschlag, den EU-Covid-Pass als Legitimation für weitere Bereiche auszuweiten, wurde nach Madrid geschickt, das würde „Sicherheit und Ruhe ausstrahlen“, meint die regionale Gesundheitsministerin Ana Barceló. Doch die Zentralregierung zuckt derzeit nur mit den Schultern, denn Juristen stellten in „El País“ bereits klar, dass es dafür gar keine rechtliche Grundlage gebe. Denn selbst für die Reise ist der Covid-Pass freiwillig, die 3G lassen sich auch jeweils anders nachweisen. Die spanische Regierung habe weder die Kompetenz, auf eigene Faust ein EU-Projekt einseitig zu erweitern oder abzuändern, noch eine Diskriminierung von - warum auch immer - ungeimpften Personen durch die Hintertür einzuführen. Die Forderung der Galicier nach PCR-Tests für die Gastronomie sei, so die Branche, hingegen eine vollendete Schnapsidee. „Für jeden Lokalbesucher kämen so knapp 100 Euro auf die Restaurantrechnung obenauf, – das können sich nur Politiker leisten“, spöttelte ein Verbandsvertreter.

Spanien: Covid-Test jetzt auch in Ihrer Apotheke in Spanien zu kaufen – aber weitgehend sinnlos

Um das Gesundheitswesen in dieser voraussichtlich letzten großen Infektionswelle mit dem Coronavirus etwas zu entlasten, kann man in Spanien – wie in anderen Ländern schon lange – nun bald auch Schnelltests in Apotheken kaufen. Sie sollen „zwischen 6 und 10 Euro“ kosten, so Ministerin Darias am Dienstag, der man anhörte, dass ihr das Thema nicht besonders gelegen kam. Diese Antigen-Schnelltests werden amtlich nämlich nicht anerkannt, dienen also nur der Selbstberuhigung und Virologen zweifeln an der Sinnhaftigkeit eines Tests, dem eine Verlässlichkeit von um die 65 Prozent bescheinigt wird. „Er könnte dem Gesundheitswesen nur noch mehr Arbeit bereiten“, so eine leitende Ärztin aus Barcelona, „wenn verunsicherte Menschen dann mit verschiedenen Testergebnissen zu uns gerannt kommen“.

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