Fernando Simon bei einer Pressekonferenz in Spanien
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Fernando Simón, Chef des Sanitären Krisenstabes der spanischen Regierung mit guter Laune: Es steht wahrlich eine Zeitenwende an.

Covid-19 Spanien

Coronavirus Spanien aktuell: Lage, Impfung, Reisen - Was passiert nach Ende des Notstands?

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Die Coronavirus-Inzidenzen in Spanien schwanken zwischen 40 in Valencia und über 400 in Madrid. Doch: Jeder fünfte Spanier hat zumindest eine Impfdosis erhalten, die Oster-Welle haben Land und Menschen abgefangen und am 9. Mai endet der nationale Covid-Notstand. Damit fallen Restriktionen und kehren Freiheiten zurück. Doch welche und in welchem Umfang?

Madrid – „Die Situation in Spanien ist gut. Wir waren in der Lage zu reagieren und können zufrieden sein, auch wenn wir uns Unachtsamkeit nicht erlauben dürfen.“ Mit diesen selten optimistischen Worten beschreibt Fernando Simón, Chef des Sanitären Krisenstabes der spanischen Regierung, die aktuelle Coronavirus-Lage in Spanien und erklärt, „den Effekt der Osterwoche“ als „weitgehend überwunden“. Die vierte Welle sei zwar spürbar, aber mit einem Anstieg von rund 20 Punkten bei der Inzidenz seit Ende der Osterwoche weniger stark als befürchtet und die Zahlen bleiben „besser als in vielen anderen europäischen Ländern“. (Zahlen in der Liste am Ende dieses Beitrags.)

Ende des Coronavirus-Notstands in Spanien: Entspannung unter Vorbehalt

Zwar ist in Spanien die ansteigende Tendenz abgeschwächt, doch die 14-Tage-Inzidenz von 230 am 21. April, in der Region Madrid gar über 400, kein Grund für voreilige Freude. „Ein paar Tage wird die Zahl der Neuinfektionen noch nach oben gehen“, prognostiziert Simón, obwohl die Inzidenz bereits von Dienstag auf Mittwoch (20. zu 21. April) stagnierte. Erst sieben Prozent der Bevölkerung in Spanien konnte vollständig geimpft werden. Doch selbst dieser kleine Anteil schlägt sich bereits in einer vergleichsweise geringeren Zahl von Covid-Todesfällen und schweren Verläufen nieder, womit auch die Belastung der Krankenhäuser geringer ausfällt. Für Simón ist die erfolgte Gabe der ersten Impfdosis „für jeden fünften Spanier“ (mit Stand 20. April erhielten 20,2% der Bevölkerung zumindest die erste Dosis) ein wichtiger Teilerfolg. Zumal diese Impfungen den verletzlichsten Teil der Bevölkerung, also ältere Menschen, erreichten, für die das nicht nur die Rettung des Lebens, sondern auch die Rückkehr von Lebensfreude bedeutet.

Ein helles Licht am Ende eines zunächst endlos scheinenden Tunnels. Die Faktoren Immunisierung durch Impfung oder überwundene Erkrankung, Routine bei der Dosierung der Restriktionen und „nicht zuletzt die Anstrengungen einer überwiegend solidarischen und disziplinierten Gesellschaft“ hätten es entzündet. Doch Simón wäre nicht Simón, würde er nicht nachlegen, dass eine über 40-prozentige Belegung der Intensivstationen in den Regionen Madrid und La Rioja und eine allgemeine verlängerte Aufenthaltsdauer in den UCIs nach wie vor Grund zur Besorgnis geben. Der Rückgang der Sterberate, aber auch die Effekte der britischen Variante auf mittlere Altersgruppen sind für Simón Gründe für die Verlängerung der Aufenthaltsdauer in den Intensivabteilungen.

Alter vor Berufsgruppen: Impfplan in Spanien bleibt wie er ist

Der Fahrschein in eine Normalität in Spanien, die diesen Namen verdient, sind die Impfungen, in Spanien haben mittlerweile auch rund die Hälfte der 70 bis 79-jährigen sowie 38 Prozent der 60 bis 69-Jährigen zumindest die erste Dosis erhalten. Und das trotz der Kommunikations-Fiaskos mit AstraZeneca und Janssen und der schleppend angelaufenen Lieferungen von Pfizer und Moderna. Rund 25 Prozent der zur Impfung Geladenen verweigern in Spanien laut Gesundheitsbehörden eine Impfung mit AstraZeneca, in einigen Regionen seien es sogar bis zu 40 Prozent. Mittlerweile wurden weltweit rund 250 Fälle von gefährlichen „atypischen“ Thrombosen sowie rund eine handvoll Todesfälle von dazu qualifizierten Fachleuten in einen Zusammenhang mit der Covid-Impfung gestellt, allerdings wohlgemerkt von 109 Millionen verabreichten Dosen und bezogen auf alle in Europa verwendeten Präparate.

Impfung in Spanien, hier in Elche (Alicante): 20 Prozent der Bevölkerung erhielt per 20. April zumindest die erste Dosis. Skeptischer Blick hin oder her.

Das ist eine so verschwindend geringe Quote, die rational die gewachsene Ablehnung nicht erklärt. Praktisch jedes konventionelle Medikament, einschließlich solcher „Grundnahrungsmittel“ wie Ibuprofen oder Aspirin, hat viel mehr und schwerere Nebenwirkungen aufzuweisen. Dennoch hat AstraZeneca den Kampf gegen die Medien und individuelle Angstgefühle wahrscheinlich verloren, die EU, von der auch Spanien bei den Impfstoffen abhängt, wird wohl die Lieferverträge nicht verlängern. Janssen droht ein ähnliches Schicksal, dennoch hat Spanien nach einer kurzen Ladehemmung 150.000 Dosen des Single-Shot-Vakzins ins Land gelassen und wird diese auch verabreichen.

Das Gesundheitsministerium hat ausgeschlossen, neue Reihungen der Impfgruppen vorzunehmen, „das Alter ist der größte Risikofaktor“ lautet dort das Mantra, daher werde man Anträge aus der Gastronomie oder aus dem Sektor der Haushaltshilfen nicht vorreihen. Die Menge der Lieferungen der Impfstoffe nimmt stetig zu, die meisten Regionen haben mittlerweile ihre „Vacunodromos“, die großen Impfzentren, in Betrieb genommen, um die massenhafte Impfung der Bevölkerung anzugehen.

Absehbar ist bereits, dass ab dem Frühsommer jeder, der das möchte, jederzeit eine Impfung bekommen kann. Spanien bastelt – unter staatlicher Aufsicht – bereits an der zweiten Generation von Covid-Vakzinen, mit denen das Land auf Varianten und allfällig nötige Nachimmunisierungen vorbereitet sein will. Darunter ist auch ein vielversprechendes Projekt in Form einer Covid-Impfung per Nasenspray. Mehr zur den spanischen Impfstoffen gegen Covid-19.

Reisen in Spanien: Wie normal wird die Normalität in Spanien nach dem 9. Mai?

So wie das Virus durch Krisen-Management und Impfung an Schrecken verliert, stellt sich die Frage nach der Normalisierung. Wie berichtet, will Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez den nationalen, sanitären Notstand nicht über den 9. Mai hinaus verlängern. Damit verlieren die Autonomen Gemeinschaften allerdings ein legislatives und juristisches Sicherheitsnetz, um rechtskräftig Restriktionen wie nächtliche Ausgangssperren, die Schließung oder Sanktionierung einzelner Sektoren und vor allem das wichtigste Hindernis für eine „Normalität“, die freie Mobilität zwischen Regionen, Provinzen und Städten in Spanien umzusetzen oder zu verlängern.

Juristen und Politiker schachern bereits darum, wo Länder-Kompetenzen beginnen oder enden. Einzig die allgemeine Maskenpflicht, die in Spanien in ein nationales Gesetz gegossen wurde (und nein, am Strand beim Baden und Sonnen ist sie nicht nötig), bleibt auf alle Fälle aufrecht, bis die Regierung sie aufhebt. Zu allen anderen Maßnahmen wurden sie nur durch das Notstandsgesetz „ermächtigt“, das nun ausläuft.

Covid-Regeln in Spanien nach dem Notstand: Wer darf was verbieten?

Das Problem, das sich bei der Reisefreiheit innerhalb Spaniens stellt: Was kann eine Region wie beispielsweise Valencia, mit einer Inzidenz von momentan 40 nach dem 9. Mai tun, um sich vor einer Region mit zehnfacher Inzidenz wie Madrid (derzeit fast 400) zu schützen? Während beim Musterschüler in Valencia die Lokale noch immer um 18 Uhr schließen und erst ab Montag bis 22 Uhr öffnen dürfen müssen, hat sich Madrid bereits für offen erklärt und ging die „Fiesta“ scheinbar nie zu Ende. Zumal Madrids Regionalpräsidentin, das Enfant terrible der spanischen Politik, Isabel Díaz Ayuso, zwar meinte, man solle die „Covid-Toten nicht in den Wahlkampf zerren“, nur um ansonsten alles zu tun, um ihr provokant-gefährliches Krisenmanagement zum wichtigsten Wahlkampfthema für die Landtagswahlen in Madrid am 4. Mai zu machen. Wird sie die richtige sein, mit sensibler Hand die neuen Freiheiten zu steuern?

Nach jetzigem Stand der juristischen Dinge, können die Autonomen Gemeinschaften nach dem Real Decreto 2/2021 (einer Anpassung des allgemeinen Gesetzes zum Gesundheitsschutz) sehr wohl tiefgreifende Maßnahmen zum „Seuchenschutz“ und allgemein zum Schutz der Gesundheit anordnen, aber nur noch territorial begrenzt und anlassbedingt, nicht mehr pauschal für das gesamte „Bundesland“. Das kann zum Beispiel die 14-tägige Absperrung eines Gesundheitsbezirkes oder einiger Orte sein, wo die Inzidenzen überproportional ansteigen. Das kann auch dazu führen, dass Teile einer Region nur im Transit durchfahren oder nur mit negativen Tests oder geimpft betreten werden dürfen. Dennoch werden die Gerichte wieder viel Arbeit bekommen.

Durchfahrt durch Katalonien? Reisen zu Ferienwohnungen an Costa Blanca und Costa del Sol mit dem Auto bald wieder möglich

Für viele Deutsche bringt der 9. Mai wahrscheinlich eine wesentliche Erleichterung, schaffen sie es durch das „verseuchte“ Frankreich, kann sie in Katalonien niemand mehr aufhalten, wenn sie zu ihrem Ferienhaus an die Costa Blanca oder Costa del Sol weiterreisen wollen. Oder wer in Alicante mit dem Flieger landet, kann nun auch wieder ans Mar Menor (Murcia) in sein Ferienhaus – negativer PCR-Test vorausgesetzt. Mehr zu den Regeln beim Reisen von und nach Spanien.

Jetzt, Ende April und mehr noch Anfang Mai laufen in vielen Regionen die aktuell verhängten Restriktionen im Alltagsleben aus und werden neue Anpassungen verkündet. Die gute Nachricht wird sein, dass es viele neue Lockerungen geben wird: In Valencia wird die Gastronomie endlich auch wieder abends öffnen dürfen, in Andalusien wird die Bewegungsfreiheit zwischen den Provinzen zurückkehren, die nächtlichen Ausgangssperren werden gelockert oder entfallen ganz, Freunde können sich wieder in größerem Kreis treffen und so weiter. Mehr zu den aktuellen Corona-Restriktionen an der Costa Blanca (Valencia), Costa del Sol (Andalusien) und Costa Cálida (Region Murcia).

Die schlechte Nachricht: All diese Lockerungen gefährden mitunter das Erreichte, können aber nicht mehr so einfach zurückgenommen werden. Das bedeutet: Die Restriktionen werden für Wochen, womöglich bis zum Sommer noch kleinteiliger und komplizierter, solange die Inzidenzen regelmäßig Werte von über 50 und die Durchimpfung noch nicht die magische Grenze von „65 bis 70 Prozent“ (Simón) erreicht haben. Es ist jetzt schon abzusehen, dass noch in der Ausarbeitung befindliche Impfpässe, auf regionaler, nationaler oder EU-Ebene zwar Reisen von und nach Spanien leichter machen werden können, den Kampf gegen das Virus, dort wo es noch toben kann, aber nicht ersetzen wird.

So oder so, Spanien und Europa stehen spannende Wochen bevor. Die Zeichen stehen, nach einer in über einem Jahr Lockdowns und Restriktionen zum Bersten angewachsenen Ungeduld auf Freiheit. Einer echten Freiheit, jener, die auch dem gesundheitlich schwächeren Teil der Bevölkerung das Recht auf Schutz vor einer potentiell tödlichen Krankheit gewährt. Alles andere wäre keine Freiheit, sondern Egoismus.

Aktuelle Daten Coronavirus Spanien (22. April 2021)

  • Die Coronavirus-Inzidenz je 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen beträgt in Spanien am Donnerstag, 22. April: 233 (13. April 196, 6. April 165). Andalusien 251 (212, 156), Balearen 59 (59, 64), Kanarische Inseln 135 (135, 122), Castilla y León 205 (197, 165), Madrid 399 (341, 288), Murcia 66 (69, 65), Region Valencia 40 (36, 33).
  • Die Regionen Navarra, Baskenland, Madrid und die autonomen Städte Ceuta und Melilla weisen mit Inzidenzen von um die 400 und darüber die schlechtesten Werte in Spanien auf. Weitere vier Regionen liegen über der „Hochrisiko“-Marke von 250. Nur die Balearen, Valencia, Galicien und Murcia liegen unter 100, Valencia hat mit 40 den besten Wert in Spanien.
  • Der europäische Vergleich: Deutschland, 22. April 345 (13. April 278), Schweiz 339 (294), Frankreich 795 (765), Niederlande 606 (568), Österreich 393 (456), Großbritannien 43 (54).
  • Der Anteil der positiven Tests betrug in Spanien zum 19. April 7 Przent gegenüber 7,5 Prozent von der Woche des 12. bis 18. April. Nur in Aragón liegt dieser Wert noch knapp über 10 Prozent, in Madrid bei 9,85. Auf den Balearen fallen derzeit nur 2,9 in Valencia 3,1 aller PCR-Tests positiv aus.
  • Die Covid-Todesfälle beliefen sich in Spanien binnen sieben Tagen per 21. April auf 330 (13. April 251, 6. April 237), Mitte Februar waren es noch 1.300. In der vergangenen Woche starben in der Region Valencia 6 (8, 4) Menschen wegen Covid-19, in Andalusien 63 (24, 41), in Murcia 4 (1, 10), in Madrid 86 (68).
  • Am 20. April wurden in Spaniens Krankenhäusern 10.049 Patienten wegen Covid-19 stationär behandelt (Auslastung 8 Prozent), davon liegen 2.283 auf Intensivstationen, die mit diesen zu 22,6 Prozent ausgelastet sind.
  • Die statistische Übersterblichkeit in Spanien wurde vom Nationalen Statistikinstitut (INE) für 2020 mit über 80.600 angegeben. Die noch vorläufigen Daten für 2021 weisen ein statistisches Mehr an Toten von rund 11.448 aus.
  • Stand der Covid-Impfungen in Spanien bis 22. April: 15,4 Millionen Impfdosen wurden ausgeliefert, knapp 1,4 Million davon binnen einer Woche. Davon entfallen 10,2 Millionen auf BioNTech/Pfizer, rund 1,4 Millionen auf Moderna und 3,7 Millionen auf AstraZeneca, von denen keine weiteren geliefert wurden. Im Laufe der Woche sollen 150.000 von Janssen (Johnson&Johnson) hinzukommen, bei der eine Impfgabe ausreichend sein soll. Bis 20. April wurden fast 14 Millionen Dosen verabreicht, rund 87,5 Prozent der gelieferten Dosen und zwei Millionen Impfungen binnen einer Woche. 3,77 Millionen Personen erhielten die vollständige Dosis, das sind rund 7 Prozent der Bevölkerung, über 10,1 Millionen bzw. rund 20 Prozent der Bürger zumindest eine Dosis erhalten hat. Wie Ausländer in Spanien zu einer Covid-Impfung kommen.
  • Quelle: Ministerio de Sanidad

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