Ein Saal mit Schulkindern, die gegen Covid-19 geimpft werden.
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Spanien setzt im Kampf gegen Corona auf die Impfung.

14-Tages-Inzidenz über 3.000

Coronavirus in Spanien: Von der Pandemie zur Grippe

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Die Neuinfektionen in Spanien sprengen alle Rekorde. Trotzdem will die Regierung Corona wie eine Grippe behandeln, um das Gesundheitswesen zu entlasten.

Alicante – Omikron tobt sich weiter in Spanien aus, richtet aber weniger Schäden im Gesundheitswesen an. Trotzdem, die Lage wird in den Hospitälern kritischer und draußen in der Wirtschaft aufgrund der hohen Zahl der Arbeitsausfälle dramatischer. Nun fordert die Politik in Spanien den Paradigmenwechsel und will Corona wie eine Grippe überwachen.

Coronavirus Spanien: 14-Tages-Inzidenz über 3.000, fast 180.000 Neuinfektionen an einem Tag

Die 14-Tages-Inzidenz der Neuinfektionen mit dem Coronavirus hat am Dienstag den Wert 3.000 überschritten und liegt in Spanien am Mittwoch bei 3.128 mit dem Rekordwert von 179.125 Neuinfektionen an einem Tag. Der Schwung der sechsten Welle lässt nach, die Anstiege sind nicht mehr so prägnant wie in der Vorwoche, was darauf hindeuten könnte, dass der Höhepunkt nicht mehr allzu weit entfernt ist.

Über 90 Prozent der Bevölkerung über zwölf Jahren verfügt über den kompletten Impfschutz, die Boosterimpfung ist bei den 50-Jährigen angekommen und kann ab sofort fünf Monate nach der zweiten Dosis verabreicht werden. Auch die Impfung der Kinder läuft weiter. Derweil prüfen die Gesundheitspolitiker, ob die Gruppe unter 40 Jahren die Auffrischungsimpfung verabreicht bekommen.

Zügellos breitet sich Omikron in den nordöstlichen Regionen Spaniens aus, Navarra liegt mit 7.156 an der Spitze, das Baskenland folgt mit 6.613, Aragón mit 6.002, Kastilien und León mit 4.469 und Katalonien mit 3.477. Im Landesschnitt bleibt die Situation in Valencia mit 2.677 und Murcia mit 3.479, Andalusien verzeichnet mit 1.527 den niedrigsten Wert in Spanien – mit rückläufiger Tendenz.

Coronavirus Spanien: Ministerpräsident Pedro Sánchez will Pandemie wie Grippe behandeln

Die aberwitzigen Inzidenz-Werte sagen nur bedingt etwas über den Verlauf der Pandemie aus. Ministerpräsident Pedro Sánchez hat sich „für einen Paradigmenwechsel“ ausgesprochen und will das Coronavirus wie eine endemische Krankheit wie Grippe überwachen – da spielen die Auswirkungen der Krankheit auf das Gesundheitswesen eine größere Rolle als die Erfassung durch Inzidenz oder Tests. An der neuen Strategie, mehr auf Hochrechnungen, Beobachtungen und Schätzungen basierend als auf universeller Überwachung, arbeitet das spanische Zentrum für Epidemiologie (CNE) bereits seit Sommer 2020. Diese Art der Überwachung – „centinela“ genannt – soll Ende der sechsten Welle Anwendung finden. Die Weltgesundheitsorganisation hält zum aktuellen Zeitpunkt nichts davon, auch in Spanien findet das Vorhaben keineswegs großen Zuspruch. Man könne Covid-19 nicht mit einer Grippe vergleichen, die in einer schlechten Saison rund 1500 Todesfälle fordere, meint der Vizepräsident der Spanischen Gesellschaft für Epidemiologie, Óscar Zurriaga,

Mit dem Schlagwort Grippe spricht der Präsident jedenfalls weiten Teilen des Volkes aus der Seele. Aufgrund der milden Symptome wirkt Corona wie eine Atemwegserkrankung mehr. Das mag sich vielerorts im Bekanntenkreis so abspielen, im Gesundheitswesen schaut es derzeit aber nicht danach aus. Die Forderung nach dem Paradigmenwechsel wirkt auf dem Höhepunkt einer Welle irreführend, wenn in 26 Provinzen Spaniens die Intensivstationen zu über einem Viertel mit Covid-Patienten belegt sind. Omikron und Delta haben Spanien jetzt im Griff.

Das muss aber auch kein Grund zur Panik sein. Das Gesundheitssystem hält der sechsten Welle gut stand, die Stationen sind zu 13,71 Prozent mit Covid-19 Patienten ausgelastet und die Pathologien sind meist nicht so schlimm wie zuvor. Zum Problem wird die Masse der Infizierten. „Den größten Fehler, den Politik und Einzelpersonen jetzt machen können, ist, Omikron zu unterschätzen“, warnt Rafael Bengoa, ehemaliger Berater der Weltgesundheitsorganisation. Nicht nur die Ernsthaftigkeit sei entscheidend, auch die extrem hohe Ansteckungsgefahr – für Personen in Innenräumen, bei Kontakten mit Mitmenschen ohne Atemschutzmaske und ohne Impfung.

Der Schulunterricht geht in Spanien trotz Omikron weiter.

Die hohe Zahl an Ansteckungen und die damit verbundenen Krankheitausfälle könnten in den kommenden Wochen das Gesundheitswesen vor enorme Schwierigkeiten stellen. Und natürlich schlagen die Quarantäne-Bestimmungen Löcher in die Belegschaften von Schulen, Behörden und Betrieben. Die Pandemie richtet einen immensen Schaden an. Aber: „Wir denken vorwiegend an Firmen und Bars, niemand malt sich aus, was für ein absolutes Chaos es wäre, wenn die Gesundheitsversorgung zusammenbräche“, meint Bengoa.

Die Regierung und die Regionen steuern gegen die Überlastung des Personals in den Gesundheitszentren. So hat die Regierung den Preis für Antigen-Tests für den Hausgebrauch auf unter drei Euro gedeckelt und bereitet damit wenn auch spät der Spekulation mit Antigen-Tests ein Ende. Um Weihnachten und vor den Feiertagen schossen die Preise für einen Test in den Apotheken auf bis zu zehn Euro pro Packung hoch. Allerdings wird es diese Antigen-Tests auch künftig nur in Apotheken zu kaufen geben.

Coronavirus Spanien: Preise für Antigen-Tests werden gedeckelt

Ein weiterer Schritt zu Entlastung des Gesundheitspersonals soll in der Vereinfachung der Krankheitsmeldungen liegen. In einigen Regionen kommt die sogenannte „baja“ - also die Krankmeldung - und die „alta - das Gesundschreiben - auf einmal und im Doppelpack. Infizierte werden krankgeschrieben und bekommen eine auf eine Woche vordatierte Gesundschreibung gleich mit. Auch sollen künftig bestimmte Apotheken diese Coroanatests durchführen und die Ergebnisse direkt ans Gesundheitsministerium der jeweiligen Region melden, damit die Krankschreibung ohne zusätzliche Belastung des Gesundheitspersonals vonstattengehen kann.

Im Schulbetrieb haben Regierung und Regionen die Quarantänebestimmungen bereits gelockert. So muss eine Klasse nur in die Isolation, wenn sich mindestens fünf Schüler oder 20 Prozent der Klasse infiziert haben. Weitere Lockerungen gehen in diese Richtung – so müssen sich Menschen ohne Symptome nicht mehr testen lassen, wenn sie Kontakt mit einem Infizierten hatten.

Coronavirus Spanien: Vorsicht mit Omikron bei Langzeiterkrankungen

Mit Vorsicht sollten Menschen aber Omikron begegnen, die unter Langzeitfolgen von Covid-19 leiden oder gelitten haben. Offensichtlich steigt mit der Variante das Risiko, sich abermals mit dem Coronavirus zu infizieren. Die spanische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SEMG) und das Kollektiv Long Covid Acts warnen vor einer Zunahme der Fälle mit Post-Covid- oder Long-Covid-Syndrom, können aber mangels Studien nur auf Einzelschicksale verweisen, bei denen eine erneute Infizierung Leiden reaktiviert hat, etwa Müdigkeit, Niedergeschlagenheit oder die Schwächung der Sinne – also sehen, hören, riechen.

Derweil laufen im spanischen Zentrum für Biotechnologie in Madrid die Forschungen an einer Vakzine auf Hochtouren, die vor Covid-19 schützen und eine Ansteckung vermeiden soll.

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