Junge Menschen werden auf das Coronavirus getestet..
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Die Neuinfektionen in Spanien mit dem Coronavirus steigen an.

Infektionszahlen in Spanien gehen durch die Decke

Corona verdirbt Spanien die Fiestas: Hohe Inzidenzen, neue Restriktionen sowie aktuelle Reisewarnungen

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Deutschland erklärt Spanien erneut zum Risikogebiet, Frankreich rät von Reisen dorthin ab, die Regionen greifen erneut zu Restriktionen. Macht das Coronavirus den Sommer zunichte?

  • Inizidenzwerte in Spanien beläufen sich am Donnerstag, 8. Juli, auf 278 Fälle binnen 14 Tagen und 179 Fällen binnen sieben Tagen. Bei den nichtgeimpften Altersgruppen liegen die 14-Tageswerte bei 798 (zwölf bis 19 Jahre) und 911,23 (20 bis 29 Jahre).
  • Die Deutsche Bundesregierung hat ganz als Spanien als Risikogebiet eingestuft.
  • Der französische Staatssekretär Clément Beaune hat am Donnerstag in einem Radiointerview seinen Landsleuten von Reisen nach Spanien und Portugal abgeraten. 
  • Die Landesregierung von Valencia reagiert mit Restriktionen auf die neue Infektionswelle, die sich unter der jungen Bevölkerung ausbreitet.

Valencia - Die Infektionen mit dem Coronavirus unter der jungen, noch nicht geimpften Bevölkerung steigt seit 22. Juni in Spanien steil an. Die 14-Tages-Inzidenz der 20- bis 29-Jährigen erreicht über 900 Fälle pro 100.000 Einwohner, der Wert in der Altersgruppe darunter, der Zwölf- bis 19-Jährigen, liegt nur knapp darunter. Beide Werte drücken die Inzidenz in Spanien hoch auf über 278 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner im Zeitraum von 14 Tagen. Damit müsste das Ansteckungsrisiko in Spanien nicht mehr als hoch, sondern als extrem gelten. In der EU verzeichnet nur Portugal ähnlich hohe Werte.

Coronavirus und Urlaub im Sommer: Bisher nur geringfügige Auswirkungen für Touristen

Aktuell wirken sich die Neuinfektionen nur begrenzt auf die Versammlungs- oder Reisefreiheit in Spanien aus. Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland hat am Freitag ganz Spanien als ein Risikogebiet eingestuft, bis dato rät die Berliner Regierung von Reisen in sieben spanische Regionen ab, nämlich Katalonien, Kantabrien, Andalusien, Navarra, La Rioja, das Baskenland und die Exklave Ceuta. Dieser Schritt folgt den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI), hat aber kaum faktische Auswirkungen für Urlauber, da Flugreisende sich ohnehin vor der Einreise testen lassen müssen und damit die Quarantänepflicht entfällt. Diese niedrigste Einstufung erfolgt in der Regel, sobald die Sieben-Tages-Inzidenz unter 100.000 Einwohnern den Wert 50 überschreitet. Es gibt kaum eine Region in Spanien mehr, die darunter liegt — mit Ausnahme von Kastilien-La Manca und der Exklaven Melilla und Ceuta.

Der Anstieg der Ansteckungen der jungen Bevölkerung könnte sich negativ auf den internationalen Tourismus in der Hochsaison und damit auf die Wirtschaft auswirken, beziehungsweise weitere Reisewarnungen und andere Einschränkungen mit sich bringen, um so mehr, da die Delta-Variante des Coronavirus sich weiter ausbreitet und in den Regionen Madrid, Katalonien, Navarra und Valencia bereits als die dominierende Coronavirus-Art gilt.

Coronavirus und Reisen: Frankreich rät vor Urlaub in Spanien ab

Diese Entwicklung hat am Donnerstag den französischen Staatssekretär Clément Beaune veranlasst in einem Radiointerview seinen Landsleuten von Reisen nach Spanien und Portugal abzuraten. Gleiches tut die Bundesrepublik Deutschland. Sollte das RKI Spanien aber wie zuletzt Portugal zum Virusvarianten- oder zum Hochinzidenz-Gebiet erklären, dürften viele Deutsche die Koffer packen oder ihre Reise abblasen. Wer will schon in Quarantäne gehen – ob es nun 14, zehn oder fünf Tage sind? Und es sicherlich nicht förderlich für den spanischen Tourismus, wenn EU-Ländern von Reisen nach Spanien abraten.

Je schneller aber geimpft wird und je weniger Covid-19 die Infrastrukturen des Gesundheitswesens in Bedrängnis bringt, desto weniger taugt der aktuelle Inzidenzwert der Neuinfektionen als Gradmesser schlechthin für den Verlauf der Coronavirus-Pandemie in Spanien. Im Ampelsystem über den Stand der Pandemie rangiert der Inzidenzwert als ein Parameter unter den acht wichtigen Indikatoren, an denen man misst, wie gefährlich das Coronavirus aktuell ist. Bei den anderen sieben Indikatoren stellt man in Spanien bislang keine signifikanten Veränderungen fest, weder bei den Ansteckungen in den Risikogruppen der Gesellschaft, noch bei der Auslastung der Krankenhäuser und ihrer Intensivstationen mit Covid-19-Patienten und auch nicht bei der Sterblichkeitsrate.

Binnen einer Woche - von Mittwoch auf Mittwoch - stieg die Zahl der Covid-19-Patienten in stationärer Behandlung um 228 auf 2.723 an, in den Intensivstationen liegen 28 mehr. Die Entwicklung verheißt trotzdem nichts Gutes. Von Mittwoch auf Donnerstag kletterte die Zahl auf 2.829, von Donnerstag auf Freitag 2.916. Die Tendenz geht zwar klar nach oben, von einer Überlastung des Gesundheitswesens kann aktuell noch keine Rede sein. Covid-19-Patienten belegen gerademal 2,42 Prozent der stationären Einrichtungen.

Dass sich der Druck auf die Krankenhäuser in Grenzen hält, hängt mit der Impfung gegen Covid-19 zusammen, die sich in Spanien strikter als in vielen anderen EU-Ländern nach den Altersgruppen orientiert. Spanien rückt dem Impfziel von 70 Prozent näher, derzeit verfügen über 55 Prozent der Bevölkerung über eine Impfung gegen Covid-19, über 40 Prozent sind durchgeimpft. Hinzu kommt, die Neuinfektionen konzentrieren sich auf die ungeimpften Personen in Spanien, betroffen sind die Impfgruppen von zwölf bis 19 und von 20 bis 29 Jahren. Junge Menschen haben normalerweise einen leichten Krankheitsverlauf bei einer Infizierung mit dem Coronavirus. Viele wähnen ihre Familienmitglieder unter dem Schutz der Impfung, obwohl viele Eltern von Teenies erst einmal geimpft sein dürften. Nun im Sommer wollen sie etwas Schwung in ihr soziales Leben bringen. Lang mussten sie ja zum Schutz der älteren Bevölkerung kürzer treten. Das Problem: Jeder Infizierte in jungen Jahren steckt im Schnitt drei weitere Menschen an.

Corona Valencia: Inzidenzwerte der Neuinfektionen der unter 30-Jährigen steuert auf 1.000 zu

Die Neuinfektionen bei Personen unter 30 Jahren nehmen sprunghaft und täglich zu. Die Zahl der täglichen Ansteckungen ist in manchen Regionen so hoch, dass sie nicht mehr nachvollziehbar sind. Das ist in Katalonien und Kantabrien der Fall, aber auch in Valencia, Asturien und Navarra steuern die Inzidenzwerte unter den Menschen unter 30 Jahren auf die 1.000 zu. Das schlägt sich auch auf Urlaubsgebiete wie etwa die Costa Blanca oder die Costa del Sol in Andalusien nieder.

Die medizinische Erstversorgung schlägt bereits Alarm wegen Überlastung. Auf Teneriffa klagt das Gesundheitspersonal, dass Infizierte immer häufiger falsche Kontakte angeben und somit eine Eingrenzung der Infektionsherde erschweren. Die Gesundheitsbehörden haben bereits begonnen, ihre Strategie gegen die Covid-19-Pandemie etwas zu ändern. Man setzt mehr auf konkrete Maßnahmen wie Massentests vor Ort. Impfaktionen für jüngere Personen finden bereits in fünf Regionen statt. Das Nachtleben rückt abermals ins Visier der Gesundheitbehörden. Diskos und Nachtclubs dürfen etwa in Katalonien nur noch ihre Außenbereiche öffnen. Valencia verbietet den Verkauf von Alkohol nach 20 Uhr in Geschäften und Supermärkten. Einige Politiker fordern bereits eine Wiedereinführung der Sperrstunde von 1 bis 6 Uhr, allerdings ohne dafür bisher viel Beifall zu ernten. Auch die Appelle, freiwillig Atemschutzmasken im Freien zu tragen, reißen auch nicht ab.

Derweil erreicht Katalonien eine Gesamt-Inzidenz von 600, die Gesundheitsversorgung in Barcelona kommt in Schwierigkeiten. Das Gesundheitspersonal meldet pro Tag um 1.800 Neuinfektionen, am Samstag war es 5.400. Auch auf den Balearen steigt die 14-Tages-Inzidenz auf über 246 an und zieht an Andalusien vorbei, Valencia liegt mit 262 sogar noch darüber und die Zahlen ziehen täglich an.

Die neue Welle der Neuinfektionen mit dem Coronavirus könnte sich negativ auf den Tourismus auswirken.

Die Feste in den Straßen und an den Stränden werden im Juli und August nicht abreißen. Es ist nicht abzusehen, ob und wie sie sich auf die Sommerferien und die Pandemie auswirken werden. Lamentieren hilft wenig. Nur ein Weg scheint sich aufzutun, um die Ausbreitung schnell einzugrenzen: Die Impfung junger Bevölkerungsgruppen unter und um 20 Jahren vorzuziehen, und das schnell. Kantabriens Landesministerpräsident Miguel Ángel Revilla Roiz (PRC) drängt massiv auf eine Änderung des Impfplans. Es ist nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch ein Image- und ein wirtschaftliches Problem. Nationale und internationale Medien vermitteln bisweilen den Eindruck, als würde in ganz Spanien nur gefeiert als gäbe es kein Morgen mehr. Das entspricht nicht den Tatsachen. In vielen Kleinstädten tragen auch junge Leute in den Straßen Atemschutzmasken. Die Küstenregionen können es sich nicht leisten, abermals die Hauptsaison wegen der Coronavirus-Pandemie abzuschreiben. Bis jetzt schien keine Region gewillt, einschneidende Maßnahmen einzuführen. Selbst das Robert-Koch-Institut hält den Ball auch mit der Einstufung Spaniens als Riskogebiet noch flach verglichen mit dem Paukenschlag in Portugal. Die steil nach oben gehende Ensteckungskurve und die Ausbreitung der Dealta-Variante verheißen aber nichts Gutes.

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