Zwei Frauen begrüßen sich in einem Altersheim in Spanien.
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Ein Lächeln und ein Händedruck sind in der Residencia Elorduy im Baskenland nach der Anti-Covid-Impfung wieder möglich.

Pfizer, Moderna, AstraZeneca

Covid-Impfung in Spanien: Erfolge, Zweifel, Pläne und Ängste

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Leben ohne Angst: Spaniens Altersheime melden massiven Rückgang der Corona-Infektionen und Todesfälle – AstraZeneca legt Lehrer in Madrid lahm - Spanien wartet auf 20 Millionen Janssen-Dosen - Ab Juni Impfung für alle? - Mit Kommentar

Madrid – In der Flut an Zahlen, Tabellen und Studien, mit denen Journalisten dieser Tage hinsichtlich Verfügbarkeit, Wirkungsweise und Wirksamkeit sowie Nebenwirkungen der verschiedenen Covid-Impfstoffe zugeschüttet werden, hat eine Aufstellung aus dem Gesundheitsministerium von Spanien in ihrer Klarheit besonders beeindruckt. In Spaniens Altersheimen, die mittlerweile weitgehend durchgeimpft sind, wurden zwischen 15. und 21. Februar 215 Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet, knapp vier Wochen davor, vom 18. bis 24. Januar waren es noch 4.439.

Impfung in Spanien: Covid-Fälle in Altersheimen tendieren mancherorts gegen Null

Die Zahl der Covid-Toten in Spaniens Altersheimen betrug in den gleichen Zeiträumen 157 gegenüber 673. In Asturien, Kantabrien, Murcia, Navarra, La Rioja wurden in der letzten Woche gar keine Covid-Infektionen mehr in einer Einrichtung der Altersbetreuung festgestellt. Aktuelle Zahlen zum Coronavirus in Spanien.

Offiziell anerkannt starben bisher 30.000 Menschen in Altersheimen in Spanien wegen Covid, jedes dritte Todesopfer dieser Pandemie. Viele davon auch wegen unterlassener Hilfeleistung oder zu spätem und/oder falschem Handeln. Der jetzt gemessene radikale Rückgang der Infektionen ist das Ergebnis der Impfungen, der Triumph der Wissenschaft. Für die Heimbewohner bedeutet das vor allem auch ein besseres Leben. Statt vorher nur isoliert auf dem Zimmer überleben zu dürfen, sah man jetzt herzerwärmende Bilder von lächelnden Menschen, die in Rollstühlen in ein Theater geschoben wurden, Großmüttern, die nach Monaten ihre Enkel wieder in den Arm nehmen durften oder einfach mit den Mitbewohnern eine Runde Karten spielen, ohne Trennwände und vor allem ohne Angst.

Zum Thema: Wichtige Informationen zur Impfung von Ausländern in Spanien.

Wieder AstraZeneca: Fast 100 Lehrer in Madrid melden sich nach zweiter Impfdosis krank

Nun die andere Seite der Medaille: Am Montag meldeten sich allein im Madrider Stadtbezirk Leganés 91 Lehrer krank, nachdem sie in der Vorwoche ihre zweite Impfdosis erhalten hatten. Ihre Symptome lägen zwischen Erkältung und Grippe, an Unterricht sei nicht zu denken. Die Pädagogen bekamen den Impfstoff von AstraZeneca, der in Spanien nur für Menschen bis 55 Jahre angewendet wird, im anspruchsvollen Deutschland in den Lagerhäusern verkommt und, sollten die Meldungen so weitergehen, vielleicht bald nur noch als „Todesspritze“ in die USA exportiert werden kann.

Spanien will mindestens 70 Prozent der Bevölkerung gegen Covid-19 impfen lassen.

Mögen sich Impfskeptiker und -gegner nun auch bestätigt sehen, wiewohl die meisten von ihnen für ihre „Meinung“ gar keine Fakten anfordern, sondern sie einfach haben, geht die Rechnung nicht auf. Denn selbst die „Giftmischer“ von AstraZeneca haben bisher mit dem Impfstoff noch so gut wie niemanden umgebracht, das Coronavirus aber tötet weiter, dort, wo der Mensch es zulässt.

Impfstoffe: Zwei Prinzipien, das gleiche Ziel - Was Pfizer und AstraZeneca unterscheidet

Einfach erklärt, ist die auffälligere Nebenwirkungsrate bei AstraZeneca systembedingt. Denn bei den Symptomen der Lehrer handelt es sich im Grunde nicht um eine Nebenwirkung, sondern die primäre Wirkung eines klassischen Impfstoffes, der einen zurechtgestutzten synthetischen Erreger nutzt, um die Abwehrmechanismen des Körpers zu aktivieren.

Die Erkältung und das Fieber sorgen für eine Generalprobe, die bekanntlich Pannen haben soll, damit die Premiere klappt. Was wir über die Lehrer von Leganés lesen, entspricht ungefähr dem, was die Menschen seit Pocken-, Kinderlähmungs-, Tetanus- oder Grippeimpfung einfach durchmachen müssen, um geschützt zu sein. Pfizer und Moderna hingegen haben mit ihren Botenstoff-Impfungen einen revolutionären Weg eingeschlagen. Sie liefern dem Immunsystem, einen Bauplan für Antigene, sozusagen ein Fahndungsfoto vom Coronavirus, auf das die Körperpolizei weiß, wen sie im Fall der Fälle verhaften muss. Und nein: die DNA wird dadurch nicht verändert, denn der Botenstoff dockt an Zellen an, aber dringt nicht in die Zellkerne ein, wo Ihre wertvolle Erbinformation sicher wie in Fort Knox bewacht wird.

Spanien wartet auf 20 Millionen Dosen des neu zugelassenen Janssen-Impfstoffs

Neu auf den Markt kommt jetzt der Corona-Impfstoff von Janssen.

Frisch genehmigt kommt nun auch noch der Impfstoff von Janssen (Johnson&Johnson) auf den Markt, die von vornherein mit nur einem „Shot“ auskommt, während die Forscher bei Pfizer, Moderna und AstraZeneca noch an zwei Gaben festhalten, auch wenn die angestrebte Immunisierung bereits nach der ersten Dosis zu rund 70 bis 80 Prozent einsetzt. Spanien hat vom Janssen-Stoff 20 Millionen Dosen bestellt. Werden die wirklich geliefert, kann das Land alleine damit fast die Hälfte der Bevölkerung impfen. Allerdings liefern die klinischen Studien bei Janssen derzeit nur Immunitätsraten von knapp 70 Prozent, während sie bei Moderna und Pfizer-BioNTech zwischen 89 und 95 Prozent angegeben werden.

Kommentar: Angst vor der Impfung?

Schauen Sie in die Augen der Menschen in den spanischen Altersheimen. Dort nahm die Impfung die Angst, kehren Lebensmut und Geselligkeit zurück, Covid ist nicht besiegt, aber Schach gesetzt. Die Altersheime geben eine Vorschau auf das, was auf uns zukommt. Eine gewisse Normalität, die Rückkehr der Freiheiten, die wir aus Rücksicht auf unsere Schwächsten einschränken mussten.

Viele kamen damit nicht klar, weil der Mensch dazu neigt, Negatives abzuwehren. Fehlt ihm mangels Wissen die Rationalität, die Dinge einzuordnen und auch glücklich sein zu können ohne äußeres Spektakel, dann fehlen schnell auch Geduld und Empathie, im Zweifel für den Schwächeren zu entscheiden und zu handeln. Er erhebt in mutwilliger Selbstüberschätzung sein eigenes Mittelmaß zum Stand der Wissenschaft und Moral und schiebt die Schuld auf höhere, dunkle Mächte.

Wir werden noch Geduld brauchen, die Impfkampagne in Spanien wird wohl erst im April so richtig Fahrt aufnehmen, die Lieferungen der Impfstoffe sollen sich bis dahin verdreifachen. Der eigentliche Durchbruch ist ab Juni zu erwarten, wenn Spanien „die allgemeine, freie Verfügbarkeit“ von Impfstoffen kundtun möchte, sodass „jeder, der das möchte, zu jeder Zeit eine Impfung“ bekommen kann.

Da rund 80 Prozent der Spanier das möchten, steht der Erreichung des Durchimpfungsziels (70 Prozent) auch nichts im Wege. Die Vernünftigen sorgen mit ihrer solidarischen Handlung dann dafür, dass jene, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, geschützt sind. Genau wie sie jene schützen werden, die diese Solidarität aus ideologischer Verbohrtheit, Kalkül oder schlicht Ignoranz verweigern. Oder aus Angst. Der Angst, die die Bewohner der Altenheime nun ablegen können. Dank der Impfung.

Übrigens, Spaniens Ex-König Juan Carlos, seine Töchter Elena und Cristina sowie der frühere spanische Geheimdienstchef haben sich auch impfen lassen, auf der Exil-Finca in Abu Dhabi. Pfizer ist nun auch Hoflieferant und wenn da ein Chip von Gates drinnen wäre, dann hätte es der Spionagechef sicher gewusst. Also, nur Mut.

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