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Bauern, Jäger und Toreros: Massendemonstration in Madrid für das „ländliche Spanien“

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Von: Marco Schicker

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Demonstration von Bauern in Madrid.
Ein sehr buntes Volk bei der Großdemo in Madrid am 20. März 2022. © EFE

Hunderttausende Demonstranten vereinte am Sonntag in Madrid der Kampf für „den Campo“. Neben berechtigten Sorgen und Forderungen machte sich auch viel Frust Luft, über Krisen, die auch die Regierung kaum beheben kann. Populisten instrumentalisierten den Aufmarsch für eher ranzige Zwecke.

Madrid - Friedensdemos gegen den Krieg in der Ukraine, Lkw-Blockaden, Traktor-Korsos, Fischer auf dem Trockenen, Lehrerstreiks, Proteste von Pflegern und Ärzten, dazwischen Parteien aller Coleur, um politisches Kleingeld bettelnd. Spanien entdeckt die Straße wieder. Am Sonntag, 20. März, kam eine Massendemo von rund 200.000 Menschen (100.000 laut Polizei, 400.000 laut Veranstaltern) in Madrid zum Reigen der Manifestationen hinzu, die mit 1.500 Bussen aus dem ganzen Land angekarrt wurden.

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Was wollten die 200.000 in Madrid? "Wir stehen auf gegen die Aufgabe des ländlichen Raums in Spanien durch die Regierung und ihre unfähige Politik, die Männer und Frauen um ihren Erwerb bringt und sie zwingt, ihre Art zu Leben, ihre Gewohnheiten aufzugeben", so die Organisatoren ziemlich allgemein gefasst. Redner werden schon konkreter: Man wolle das "Gesetz zum Tierwohl" stoppen, das der industriellen Massentierhaltung, der Tierquälerei von Haustieren und der Jagd, so wie sie bis heute in Spanien üblich ist, (ein wenig) entgegentritt, aber auch den Stierkampf durch strengere Normen erschwert und verteuert. Kurz: Ein Gesetz, das Dinge verändert. Und das soll nicht sein.

Traktor mit Demonstranten in Madrid.
„Für eine würdige ländliche Welt“ steht auf den Transparent in Madrid. Allgemeiner Frust im Angesicht substantieller Krisen. © EFE

Zudem solle die Regierung "etwas gegen die Trockenheit in Spanien" unternehmen, also die Bewässerung so sichern wie bisher oder, wenn das Wasser durch Entsalzung teurer wird, den Mehraufwand eben bezahlen. Strom und Diesel sind zu teuer, das wusste Spanien schon vor dieser Demo. Die Regierung möge den ländlichen und "Agrotourismus" fördern sowie "Bildung, Qualifikation und Arbeit" ins ländliche Spanien bringen. Kurz gesagt, die Regierung, solle alle Probleme lösen, ob sie sie verursacht hat oder nicht, ob sie sie überhaupt allein lösen kann oder nicht. 20M Rural äußerte sich nicht dazu, worin der Beitrag der Bauern, Jäger, Stierkämpfer bestehen könnte, um sich an eine unaufhaltsam wandelnde Welt anzupassen.

Wer steht hinter "20M Rural"? Es sind die großen, etablierten Verbände der Landwirte wie Asaja, Coag, UPA, die "Königliche Jagdföderation" und ein Dutzend weitere Jagdverbände, sodann Bewässerungsgesellschaften (die vor allem um das System der Überleitungen von Nord- nach Südspanien bangen) sowie, um die Sache rund zu machen, die Union der Kampfstierzüchter. Auf der Demo zeigten sich PP, Vox und Ciudadanos, Regionalparteien wie Teruel Existe und etliche Plattformen aus diesem Umfeld.

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Die Veranstalter nennen den Aufmarsch "20M Rural", es gehe um die Verteidigung "des ländlichen Lebens" in Spanien und jener, die von der Landwirtschaft, der Viehzucht und von der Jagd leben. Verteidigung der Jagd? Da war natürlich die Partei Vox nicht weit und nicht wenige Kommentatoren sehen bei der Demo vor dem Landwirtschaftsministerium gegenüber des Bahnhofs Atocha in Madrid eine ähnliche Mechanik am Werk, wie bei den Streiks und Blockaden der Lkw-Fahrer in Spanien.

Demonstranten bei Demo in Madrid.
Zwischen den Landwirten waren in Madrid am 20. März sehr viele Jagdverbände präsent. Manche Parolen kannte man aus den Sozialen Netzwerken: „EU, NATO, WHO - Kriminelle Agenda 2030“. © EFE

Es ist nicht zu übersehen, dass Vox die Proteste entweder selbst anstachelt und organisiert, zum Beispiel über "ihre" Gewerkschaften "Jupol" oder "Solidaridad" und versucht, völlig berechtigte Proteste in eine Richtung zu lenken, die ihrer politischen Strategie entgegenkommt. Und die Vox-Strategie ist schnell erklärt: Größtmögliches Chaos entfachen, um dann als "einzig mögliche" Alternative dazustehen. "Solo queda Vox", es bleibt nur noch Vox, ist nicht von Ungefähr der aktuelle Kampfslogan der Partei, die sogar gegen das Grundeinkommen für die Ärmsten gestimmt hatte.

Durch ihre erste direkte Koalition in einem Landesparlament (Castillia y León) und die vielen Krisen derzeit wittert und twittert die Partei besonders frische Morgenluft. Landesweit steht sie bei über 15 Prozent in der Wählergunst, Tendenz steigend. Vox ist allerdings nicht die einzige Partei, aber die konsequenteste, wenn es darum geht "dem einfachen Mann" und "der Straße" nach dem Munde zu reden, um der Regierung das Leben noch schwerer zu machen, als sie es durch reale Krisen längst hat.

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Die Demonstranten sind - mal abgesehen von der politischen Instrumentalisierung - einem grundlegenden Paradoxon verfallen: Immer wenn sich der Staat vorsorgend, steuernd einmischen will, wird er als sozial-kommunistisch verteufelt, er möge sich gefälligst raushalten. Die Demonstranten wollen eine freie Marktwirtschaft, solange sie Gewinne machen, halten aber sofort die Hand auf, wenn diese Marktwirtschaft durch ihre eigenen, unvermeidlichen Krisen, objektive Risiken, denen Märkte nunmal unterliegen, nicht mehr so viel Geld abwirft. Dann sind die "Sozio-Kommunisten" in der spanischen Regierung als Zahlmeister wieder gerade gut genug, nur immer zu langsam. Über dauerhafte Veränderungen, einen Wandel, der den neuen Zeiten Rechnung trägt und der ein Nachdenken über ein anderes Gesellschaftsmodell einschließen müsste, will man aber ohnehin nicht reden. Alles soll so bleiben wie es ist, auch wenn nichts so bleiben kann und wird, wie es war.

Etliche Forderungen der Demonstrierenden sind berechtigt, ein Hinweis auf reale Missstände, oft Folge einer seit Jahrzehnten verfehlten Politik, von Systemfehlern und Versäumnissen, übrigens auch der PP, die sich hier als Anwalt des Volkes aufspielt, an der Macht aber stets Verfechter eines ständestaatlichen Konzeptes ist. Die heutigen Krisen sind aber auch Folge von unumkehrbaren Veränderungen, Zeitenwenden, an die man sich anpassen muss - und auch Folgen eigener Fehler. Sich dem Wandel zu verweigern, der tiefgreifend wird, damit fällt man in die Pose eines Don Quijote im aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen. Ändern wird sich so aber nichts, solange man sich nicht auch an die eigene Nase fasst und dann auch mal vor den wirklich relevanten Adressen demonstrieren geht.

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