Eine Frau demonstriert in Madrid mit einem Transparent.
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„Wir sind keine Leugner, wir verteidigen nur das Leben und die Wahrheit“, behauptet diese Demonstrantin in Madrid am 23. Januar, - ohne Maske.

Demos in Spanien

Demos gegen Covid-Management in Spanien: Leugner und echte Opfer

  • vonMarco Schicker
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Während die Intensivstationen in vielen Regionen Spaniens kurz vor dem Kollaps stehen, absolvierten mehrere hundert Menschen am Samstag in Madrid einen „Marsch für die Freiheit“ gegen die „Pandemie-Lüge“. In Torrevieja und anderen Städten protestierten hunderte Gastronomen, die um ihre Existenz bangen.

Madrid/Torrevieja - Organisiert wurde die Demo am 23. Januar in Madrid vom "Kollektiv der bewußten und freien Menschen", einer Ansammlung von Corona-Leugnern und -Relativierern mit medial sichtbaren Links zum rechten Lager, zu dem, wie in Deutschland, auch eine Reihe von "Experten" zählen, die "die Wahrheit über die Plandemie" zu wissen behaupten.

Demo von Covid-Leugnern in Spanien: TV-Team angegriffen

Die Transparente in Madrid, der Protestmarsch führte vom Bahnhof Atocha zum zentralen Plaza Colón, ähnelten jenen, die man auch in Deutschland sieht, auch wenn die Leugner-Bewegung in Spanien längst nicht so viele Menschen mobilisiert wie dort.

Neben dem Vorwurf, die Regierung würde mit ihren Covid-Restriktionen das Volk unterdrücken, äußerten viele Parolen und Transparente Zweifel an der Wirksamkeit von Impfungen. Die Teilnehmer waren überwiegend ohne Maske und Sicherheitsabstand unterwegs, verweigerten zudem das Gespräch mit den Medien und griffen zudem ein TV-Team des Privatsenders La Sexta an, rangelten mit dem Moderator und besprühten die Kamera mit Farbe.

Trotz massiver Verstöße gegen die Covid-Regeln blieb die Leugner-Demo in Madrid am 23. Januar von der Polizei lange unbehelligt.

Der Online-Zeitung "El Independiente" gelang es, mit einigen der Teilnehmer ins Gespräch zu kommen. Die "Politiker haben uns Rechte genommen, wir holen sie uns zurück, denn es sind Rechte, die gar nicht in die Zuständigkeit der Politiker fallen", sagte einer. "Wir sind nicht verrückt, sondern die Maßnahmen sind überzogen", so ein anderer. "Man könne die Pandemie sofort beenden, ich sag dir wie: Es gibt ein Mittel das Chlordioxid heißt", doch "die wollen nicht, dass man das anwendet, weil sie dann keinen Profit machen", hingegen würden "die Gesundheitsmitarbeiter, die Politiker und die Polizisten es heimlich nehmen".

Die Covid-Leugner, die am Samstag den Ton in Madrid angaben, wehren sich gegen die Impfung, die Restriktionen und erkennen weder die PCR-Tests noch die Wirksamkeit von Masken an. Viele Teilnehmer äußerten ihren Widerstand gegen eine "Impfpflicht" (die es übrigens gar nicht gibt), auf einem Schild war zu lesen, dass "Der Impfstoff steril" mache, auf Nachfrage sagte der Schildtragende "das ist doch längst von Medizinern nachgewiesen, auf die keiner hören darf".

Am Abend kam dann immer mehr Polizei, führte Personenkontrollen durch und geleitete viele Teilnehmer zurück zu ihren Bussen, denn die Organisation musste die Demonstranten aus vielen Städten heranfahren, um auf eine sichtbare Masse zu kommen. Vereinzelt wurden Sanktionen wegen des Verstoßes gegen die Hygienevorschriften verhängt, die Demo deswegen aber nicht aufgelöst, obwohl die Verstöße fast durchgehend waren.

Gastronomen, Kellner, Köche in Existenznot: Demo in Torrevieja

In Torrevieja, im Süden von Alicante, demonstrierten - wie in ähnlicherweise viele Kollegen in anderen Städten Spaniens - am Freitag, 22. Januar, rund 400 Personen, fast alles Mitarbeiter und Unternehmer aus dem Gastgewerbe gegen die Schließung der Gastronomie in der gesamten Region Valencia. Mit dabei der PP-Bürgermeister von Torrevieja, Eduardo Dolón, der sich solidarisch mit dem wichtigsten Wirtschaftszweig seiner Stadt zeigte, auch wenn das Erlassen der Terrassengebühren bis dato sein einziger Hilfsbeitrag für die Branche in seiner Stadt war. Auf Fotos ist zu sehen, wie die Abstandsregeln vielfach nicht eingehalten wurden.

Rund 400 Gastronomen demonstrierten am 22. Januar in Torrevieja gegen die Schließung der Gastronomie in der Region Valencia und das Ausbleiben effektiver Hilfen. Abstandsregeln warf man dabei teilweise über Bord.

Das Problem der Protestierenden in Torrevieja sind weniger die Restriktionen selbst, als die ausbleibenden, ungenügenden, zu langsam kommenden oder sehr selektiv und umständlich zu beantragenden Hilfen für den Sektor. Einmal mehr wird bei den Schilderungen auch ein strukturelles Problem Spaniens klar: die Überschneidung von Kompetenzen zwischen Staat, Regionen, Provinzen, Kommunen, Fachorganisationen, die dazu führen, dass sich jeder auf den anderen verlässt, während die Betroffenen sich verlassen fühlen. Während in anderen Ländern Restriktionen und sektorale Hilfen gleichzeitig verkündet werden, sind das in Spanien zwei getrennt voneinander agierenden Arbeitsbereiche, mit fatalen Auswirkungen für den sozialen Frieden.

Die am härtesten getroffenen Opfer der Pandemie können indes nicht demonstrieren: Weil sie auf den UCIs liegen oder arbeiten und dort um ihr nacktes Überleben kämpfen.

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