Drogen- und Mafiaboss Manuel Charlín
+
Unauffälliger Rentner und legendärer Schwerkrimineller: Drogen- und Mafiaboss Manuel Charlín bei seinem täglichen Gang durch die Heimatstadt.

Drogenmafia in Spanien

Spanien: Tod eines Drogenbosses - Aufstieg und Fall des Manuel Charlín

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
    schließen

Ein prosaisches Ende ereilte den Capo Galiciens, den Großvater der Drogenbosse, den Escobar Spaniens, Manuel Charlín. Über Jahrzehnte hielten er und sein Mafia-Clan nicht nur Polizei und Justiz Spaniens auf Trab, sondern brachten auch unendliches Leid über zigtausende Familien.

Pontevedra - Am Silvestertag 2021 ging Manuel Charlín seine übliche Runde durch die Bars von Vilanova de Arousa, einem kleinen Städtichen an einem der Rías, der Fjorde von Galicien, unweit von Pontevedra. Der unscheinbare und doch im Ort allbekannte 89-Jährige, nachlässig mit Anorak und Plastiktüte unterwegs, nahm zusammen mit seinem Sohn Melchor ein paar Aperitivos, ging nach Hause, stürzte ungünstig und stand nicht wieder auf. Das Jahr 2022 sollte er nicht mehr sehen.

Was für ein prosaisches Ende für den Capo, den Großvater der Drogenbosse, den Escobar Spaniens, der nicht nur Justiz und Polizei über Jahrzehnte auf Trab und zum Teil in seinem Sold hielt, sondern auch unendliches Leid über zigtausende Familien brachte. Die TV- und dann Netflix-Serie "Fariña" nahm sich 2018 mit dunklen Bildern, aber auch sträflicher Romantisierung, dem Leben des Kriminellen und seines Imperiums an. Üblicherweise übertreiben solche Serien auf Netflix maßlos, aber nicht im Falle Charlíns, denn die Ausmaße seines Treibens und der Verstrickungen der lokalen Behörden darin, sind bis heute nicht ganz offengelegt.

Spanien hat ein Drogenproblem: Galiciens Mafia-Boss Charlín hatte die Drogen

Manuel Charlíns Aufstieg vom kleinen Fischer und Transporteur zum berüchtigsten Drogenboss Spaniens fand in einem Land statt, das sich zwar von Francos Diktatur befreite, nicht so schnell aber aus der Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, die gerade im von Familienclans geprägten ländlichen Galicien mit seiner wortkargen Seemanns-Kameraderie immer wieder mit Schmuggel kompensiert wurde. Die Nähe zu Portugal, das unendliche Meer, die verwinkelte Landschaft, Armut und familiäre Abhängigkeiten boten dafür alle Möglichkeiten.

Schon in den 70-er Jahren baute Manuel, zusammen mit seinem Bruder José Luis, ein Netzwerk für den Tabakschmuggel auf. Mit harten Bandagen nahmen sie Lkw-Fahrer unter Vertrag, mal erpressten sie sie mit Schulden, mal ganz direkt mit der Waffe an der Schläfen. Bald fuhren drei Unternehmen mit Kühllastern neben Kabeljau auch Tabak durch halb Spanien.

Charlín öffnete über Galicien Kartellen aus Kolumbien die Tür nach Europa

Sechs Söhne zogen Frauen und Tanten Manuel Charlíns groß, die über die Jahre alle ins Drogenbusiness eingearbeitet wurden. Denn bald kam der Clan darauf, über die galicischen Rías Baixas Spanien mit Drogen zu fluten. Eine Liebelei des ältesten Sohnes mit einer "Piratin" aus Panama öffnete der Familie die Tore nach Südamerika, zu den großen Drogenbossen Kolumbiens, dem Cali- und dem Medellín-Kartell. Charlín wurde sozusagen Generalimporteur für den europäischen Markt, am Anfang, in den 80er und 90er Jahren noch fast exklusiv, bevor andere Mafias Wind davon bekamen und den Markt unter sich aufteilten.

Die Atresmedia- und Netflixserie „Fariña“ nahm sich 2018 der Geschichte des Drogenhandels in Galicien an.

Los Charlines, wie die Bande genannt wurde, bauten nicht nur eine große Flotte von Drogen-Booten auf, die, als Fischer getarnt, Heroin, Kokain und Haschisch einführten und verteilten, sie wuschen ihr Geld auch durch den Kauf zahlloser Immobilien und den Aufbau von Fisch- und Konservenfabriken, die wiederum als Verpackungs- und Verteilzentrum für den Stoff dienten. Sogar eine eigene "Schule" für Drogenhändler eröffneten sie, wo die Dealer ausgebildet wurden, die vor allem in den 90er Jahren in Spanien für eine regelrechte Welle von Drogentoten sorgten und sich dabei die Taschen füllten.

Richter Garzón schreitet ein: Drogenboss kommt 20 Jahre ins Gefängnis, Familie macht weiter

Und der Staat? Die lokalen Behörden waren mit dem Geflecht und der kriminellen Energie des Clans der Charlines nicht nur überfordert, sondern offenbar derart durchwandert, dass sich die Generalstaatsanwaltschaft in Madrid mit dem Fall befassen musste. Es war der später als Diktatorenjäger berühmte Richter Baltasar Garzón der 1990 mit der Operación Nécora einschritt, womit man diesmal nicht nur kleine Fische abfischte. Von 1990 bis 2010 fuhr der Pate von Galicien in den Knast ein. Doch sein Netzwerk arbeitete weiter, er steuerte es - ganz in der Manier der südamerikanischen Drogenbosse - sogar vom Gefängnis aus weiter.

1995 dann kam der nächste Schlag gegen die galicische Mafia: Die Justiz beschlagnahmte einen Großteil der Immobilien und Fabriken der Familie im geschätzten Wert von 30 Millionen Euro und schnitt sie von Konten und Scheinfirmen in der halben Welt, bis nach China, ab. Es dauerte bis 2007 bis die Operación Repesca die sechs Söhne und die Frau von Manuel mit insgesamt 104 Jahren Haft belegte. Doch 2010 reduzierte der Oberste Gerichtshof die Strafe für den Mafia-Boss und er kam auf freien Fuß, seine Tochter Teresa wurde freigesprochen. 2012 wurde der Richter Baltasar Garzón kaltgestellte, mit einem Berufsverbot belegt, angeblich wegen Amtsanmaßung in den Gürtel-Korruptionsfällen der PP. Es gibt nicht wenige Beobachter, die darin auch eine Rache des Drogenclans sehen.

Das gleiche Gericht, dass Charlín die Freiheit wiedergab, ermöglichte es auch dessen Tochter gegen Steuernachzahlungen rund die Hälfte der beschlagnahmten Immobilien wiederzuerlangen. Die Familie machte so weiter wie bisher, für 2022 ist ein erneuter Prozess wegen Geldwäsche und Gründung einer kriminellen Organisation angesetzt. Manuel Charlín erlebt diesen nicht mehr, er starb, hochbetagt in Freiheit, nach seinem letzten Barbesuch. Sein "Erbe" bleibt in der verzweigten Familie, auch wenn das Gros des Geschäftes heute in den Händen internationaler Mafia-Organisationen ist und sich zu den Drogendealern an der Costa del Sol und an der Meerenge von Gibraltar verlagert hat. Das Drogenproblem in Spanien ist kaum kleiner geworden, denn auch Armut, Abhängigkeiten und Hoffnungslosigkeit sowie die Anfälligkeit für Korruption, der Boden, auf dem dieses kriminelle Geschäft blüht, ist fruchtbar geblieben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare