Polizei in einem Vorort von Sevilla.
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Polizeieinsätze wegen Drogen und Gewalt sind in Torreblanca, einem der Armenviertel Sevillas an der Tagesordnung.

Armut und Energie

Licht für Torreblanca: EU-Projekt bringt Solarenergie und Hoffnung in Spaniens Armenhaus

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Das EU-Projekt „Powerty“ will ins Dunkel von Sevillas Armensiedlung Torreblanca bezahlbares Licht bringen. Ein Funken Hoffnung, aber keine Universallösung gegen systemisches Elend.

Sevilla - Torreblanca am berüchtigten Polígono Sur von Sevilla ist das ärmste Viertel Spaniens, in Nachbarschaft sechs weiterer ärmster Viertel. An manchen Ecken glaubt man sich in einer braslianischen Favela und nicht in einem Stadtteil einer der kulturvollsten Städte Europas, die Sevilla ohne Zweifel ist. Die Kriminalität ist so hoch wie die Hoffnung niedrig. "Konfliktiv" heißt das Fachwort dazu. Perspektivlosigkeit die Konsequenz. Zehn Prozent Inflation nagen in Torreblanca nicht nur am statistischen Einkaufskorb, sondern ätzen reale Löcher in den Bauch. 5.600 Euro Durchschnittseinkommen pro Nase und Bauch. Pro Jahr.

Schon zuvor musste sich Torreblanca de los Caños den Spitznamen "barrio de hambre", Hungerviertel, gefallen lassen. Und dann erst die Stromkosten. Auch dafür gibt es ein irreführendes Amtswort: pobreza energética. Doch nicht "Energiearmut" ist das Problem, sondern die Armut der Menschen. Unbezahlte Rechnungen sind hier eher die Norm als die Ausnahme, Stromklau mit illegal angezapften Leitungen auch. Und Abschaltungen. Denn längst nicht alle Betroffenen fallen in ein soziales Netz. Und wenn, reicht es oft trotzdem nicht für das Lebensnotwendigste.

Hoffnung druch Flamenco: Identität und Selbstbewußtsein - Armut steht nicht in der DNA

Es gibt Hoffnung in dem Viertel, geboren aus kleinen Nachbarschaftsgruppen, Suppenküchen, Familienbünden, auch -banden. Generationen lernten, dass auf die "pijos payos" aus der Politik kein Verlass ist. Ausgrenzung führt zu Aversionen. Ein 500 Jahre alter Teufelskreis. Der Gitano-Anteil ist hoch, jener der Zuwanderer auch. Torreblanca ist ein Ghetto, abgegrenzt durch soziale Schranken und emotionale Mauern. Alalá, auf Caló, dem spanischen Roma-Dialekt, heißt das Freude, ist so eine Hoffnung. Eine große Stiftung trägt diesen Namen, die direkt in die Schulen und ins Viertel geht, mit Musik und Tanz nicht nur Freude verbreitet, sondern, weil es um Flamenco geht, auch Identität stiftet. Dass Gitanosein kein Geburts-Manko ist, muss man vielen Gitanos erst erklären. Den Nicht-Gitanos erst recht. Das Schicksal eines Outlaws und Verlierers, die Selbstisolation, sind nicht in die DNA geschrieben, auch wenn das viele glauben oder glauben machen wollen. Ein Spaziergang durch Torreblanca beweist indes lediglich, dass Menschen jeder Herkunft und Hautfarbe das Recht haben, im Elend zu leben.

Die Flamenco-Schulen von Alalá, samt Trainingslagern, Auftritten und kleinen Tourneen bringen Gemeinschaft und Fertigkeiten, handfeste musikalische und "softe", Kommunikation, Ehrgeiz, Konfliktbewältigung, Selbstbeherrschung, Teamplay. Selbstbewußtsein. Das kann man immer brauchen. Alalás Flamenco-Schulen erinnern an die Box-Schulen in der Bronx. Sie klingen aber schöner und riechen besser.

Kinder als Zukunftshoffnung: In Torreblanca sind Erneuerbare Energien und Stromsparen Schulstoff.

Doch zu essen auf den Tisch bringen Musikschulen nichts, nicht gleich zumindest. Und die Stromrechnung zahlen sie auch nicht. Die EU hat ein Programm entwickelt, das zwar auch nicht die Ursachen der Armut in Torreblanca und anderen Armenvierteln Europas beseitigt, das aber mit Hilfe neuer Technologien und kleinteiliger Installationen den Strombedarf in solchen Vierteln wie Torreblanca decken helfen könnte. Lernen am Computer macht sich deutlich besser mit Strom.

EU-Projekt Powerty: Energetische Selbstversorgung und -verwaltung in Sevillas Armenvierteln

Mit zwei Hintergedanken geht die EU daran: ökologische Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit von den großen Versorgern. Das Projekt hat wieder so einen komischen Namen, bei dem man sich fragt, ob die Planer in einen Topf Kreativität gefallen oder einfach zynische Witzbolde sind: Powerty 2019-2023, also Power und Poverty, Kraft, Energie, Macht und Armut zusammengezogen. Stylische Etikette für den Versuch, ein Licht der Hoffnung zu entfachen. Die EU versucht durch die Öko-Schiene auch, auf subtile Weise ideologische Bremser, die gar kein Interesse haben, sich um Armenviertel zu scheren, auszutricksen. Anders gesagt: Ohne die EU würde in Torreblanca einfach weiter abgeschaltet und aus ist das Licht. An die EU-Gelder kommt man nur, wenn auch die Ärmsten was abbekommen.

Und so schulen die Andalusische Landesenergieagentur und der Vor-Ort-Verein Torreblanca Illumina gerade eine Gruppe von elf Familien zu kleinen Energie-Autonomen um. Darunter eine alleinlebende 65-Jährige, zwei Einwandererfamilien aus Lateinamerika und dem Maghreb, drei alleinerziehende Mütter, alle mit Einkünften unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Eine Familie in dem Viertel schlägt sich im Schnitt mit 12.600 Euro im Jahr durch. Wohlgemerkt eine ganze Familie. Die Auserwählten liegen noch darunter, 300 bis 600 Euro Einkommen im Monat sind fast der Standard. Sie sollen mit "Powertz" nicht nur lernen, wie man Strom spart, sondern wie sie künftig ihren eigenen Strom selbst erzeugen, gemeinsam verwalten, speichern, verteilen. Das Ziel: Ihre Energierechnung wird hinfällig, denn sie werden - weitgehend - Selbstversorger.

Armenviertel in Spanien: Solarenergie wirft Licht auf strukturelle Probleme

Das geht Dank Solarpanelen, die auf dem eigenen Dach und jenem einer angrenzenden Schule installiert werden. Die gehört der Landesregierung, daher kann hier kein Hauseigentümer hineinquatschen. Den Schaltkasten mit den Batterien sollen die Nutzer selber bedienen und steuern, verstehen, wann ihnen wieviel Strom zur Verfügung steht, Überlastungen vermeiden. Nur bei Havarien kämen dann noch Techniker vorbei. Die waren schon da und haben angesichts der Bauweise der Häuser - vor allem ihrer energetischen Isolation - nur die Köpfe geschüttelt. Da könnte man die Klimaanlagen auch gleich auf der Straße installieren, soll einer gesagt haben.

Per Spende kommen Solarpanele für „Powerty“ nach Torreblanca in Sevilla.

Installation und Schulung, rund 73.000 Euro davon bezahlt das Interreg-Programm "Powerty" der EU und ein bisschen auch die Landesregierung. Doch die Nachbarn mussten auch selbst aktiv werden, sich um "Sponsoren" kümmern. Zum Beispiel für den Lkw, der die passenden Solarpanele aus Holland herbrachte. Wo es EU-Gelder gibt, tauchen plötzlich jede Menge Organisationen auf. Auf einmal ließ sich das Sozialamt blicken, eine Sozialkkoperative Taller Ecosocial gibt ihr Netzwerk-Wissen weiter und sogar Studierende der Uni Sevilla rückten als Forschungsgruppe Adici an, um die sozialen Dynamiken des Projektes aus der Nähe zu betrachten. Ob die schlechte energetische Isolation der Armenviertel auch gelöst wurde, erfahren wir nicht.

Zum Thema: Boom von Solarenergie in Spanien.

Ziemlich viel Auflauf für ein paar Solarpanele, könnte man denken, das riecht nach Pressefotos, nach Schulterklopfen, nach Studien-Schwemme, akademischem Armutstourismus, aber wenig nach quantitativ relevanter echter Hilfe. Doch die elf Nachbarn sind "Piloten", nur ein Anfang, 18.000 Personen leben allein in Torreblanca, viele in vergleichbar schlechten Umständen. 104.000 Sevillaner in echten Armenvierteln sind es insgesamt. Die Energieagentur erstellt anhand des Pilotprojektes nun einen Powerty-Leitfaden, eine Art Check-Liste, die zur Multiplikation und effizienten Umsetzung für andere "Energie-Kommunen" dienen soll. Das sind diese Elf nämlich jetzt, Energie-Kommunarden.

Das hat eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, dass die Klientel der in Andalusien regierenden "Volkspartei" eigentlich am anderen Ende der Einkommensstatistiken Zuhause ist und die auch deshalb reich sind, weil Torreblanca, Tres Mil Viviendas und wie die Viertel alle heißen, so arm sind. Aber vielleicht ist das zu viel Philosophie für sechs Blöcke Solarzellen und einen elektrischen Funken guten Willens. Die Feria de Abril von Sevilla tobt um die Ecke. Sie könnte weiter nicht weg sein, aber der Flamenco ist hier, zwischen den Bruchbuden, der beste der Welt. Alalá - Freude gibt es unplugged.

Zum Thema: Jugend in Spanien: Jeder fünfte ohne Job, Studium oder Lehrstelle - OECD-Studie

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